Cohen: Das Schiff des Sorites (Rätsel 8 = das Schiff des Theseus)

Dieses Problem wird allgemein als „Das Schiff des Theseus“ diskutiert; dessen Schiff wird Planke um Planke erneuert, bis auch die letzte Planke ausgetauscht ist. Ist das Schiff auch danach noch das Schiff des Theseus? Oder wann hat es aufgehört, dieses zu sein? Nach dem Austausch der ersten Planke war es doch sicher noch dessen Schiff, ebenso nach Erneuerung der zweiten usw. – aber wenn alle Planken ersetzt worden sind?

Das Problem wird verschärft, wenn man alle alten Planken aufbewahrt und diese am Ende wieder zu einem ganzen Schiff zusammensetzt (wie bei Cohen, eine Idee Hobbes’): Ist nun das erneuerte oder das aus den alten Planken gebaute Schiff das des Theseus, oder ist gar nur die Idee des Schiffs das wahre Schiff des Theseus?

Sainsbury: Paradoxien (2. Auflage, 2. Kapitel) erklärt indirekt, warum der Kapitän bei Cohen „Sorites“ heißt: Das zugrunde liegende Problem ist das Haufen-Problem (ab wie vielen Körnern spricht man von einem Haufen Sand oder Getreide?), „Haufen“ heißt griechisch aber sorós und der Problemtypus dementsprechend „Sorites“. Sainsbury diskutiert das Problem unter dem Gesichtspunkt der Vagheit: Ist der Ausdruck „Haufen“ (oder „Schiff“) vage, oder ist unser Wissen vom exakt bestimmbaren Haufen ungenau? Als letzte Möglichkeit führt Sainsbury die Theorie vor, dass es Grade von Wahrheit gibt und dass die graduierte Wahrheit beim Schluss von n auf n+1 abnehmen kann; wenn also eine Planke von 1000 ausgetauscht wird, wäre die Aussage, das reparierte Schiff sei das des Theseus, noch mit dem Grad 0,999 wahr usw. Hier wird also die Alternative „wahr / falsch“ (und das tertium non datur des Aristoteles) aufgegeben; wenn ich es richtig sehe, ist die Theorie der Wahrheitsgrade die der fuzzy-Logik. (Vgl. http://reinarz.org/dirk/fuzzykugel/fuzzy.html oder http://chorpita.com/uni/chorpita_douglas_fuzzy.pdf oder http://www.referatschleuder.de/upload/250.pdf).

Auch Poundstone (Im Labyrinth des Denkens) behandelt das Problem in einem Kapitel (5. Kap.) als Beispiel für den Sorites, den er unter die Frage der Gültigkeit von Deduktionen (Kettenschluss) stellt; Berger (Paradoxien aus Naturwissenschaft, Geschichte und Philosophie, S. 119 ff.) diskutiert das Problem als eines der raumzeitlichen Identität der Dinge (vgl. Sainsburys Frage, ob es vage Gegenstände gibt, S. 76 ff. – dahinter steht wiederum die alte Unterscheidung von Substanz und Akzidenz). Er führt die Sorites-Probleme darauf zurück, dass (vage) Alltagsbegriffe mit strengen Regeln der Mathematik verbunden werden (S. 116). Daniel von Wachter verbindet die Frage nach der Identität von Schiffen mit der nach der Identität von Menschen und behauptet, dass Schiffe, allgemein gesprochen Gegenstände keine eindeutigen Identitätsbedingungen haben, Menschen dagegen wohl – weshalb man bei ihnen von Seele spreche (http://www.medrum.de/content/daniel-von-wachter-ein-bemerkenswerter-unterschied-zwischen-personen-und-schiffenhttp://epub.ub.uni-muenchen.de/1970/1/wachter_1999-personen.pdf). Mit der gleichen Problematik befasst sich ein Artikel im onezblog (http://www.onezblog.de/item/2006/11/logische-probleme-schiff-des-theseus/), der sich an Jay F. Rosenberg anlehnt („Dieser Text ist geschrieben nach dem Text ‚Das Schiff des Theseus – Eine Fallstudie’ von Jay F. Rosenberg aus dem Buch ‚Philosophieren – Ein Handbuch für Anfänger’ erschienen im Vittorio Klostermann Verlag.“)

Dirk Fahland unterscheidet in seinem Aufsatz „Identität zusammengesetzter Objekte“ (http://www2.informatik.hu-berlin.de/~fahland/docs/fahland05_identitaet.pdf) Gegenstände, Haufen und Lebewesen; das Schiff des Theseus gehört zu den Gegenständen – bei ihm könne man am Ende nicht mehr sagen, was das wahre Schiff des Theseus sei: das restaurierte, das reparierte oder die Idee. – Weitere greifbare Texte sind die von W. Windelband (hier) und E. Martens (hier).

Ich nehme an, dass die Frage nach der Identität und den Identitätsbedingungen die schärfste philosophische Fassung des Problems ist; in dieser Hinsicht kann man nicht entscheiden, welches Schiff das des Theseus ist (oder ob überhaupt eines das des Theseus ist). In der Sorites-Problematik muss man die Vagheit unserer Sprache berücksichtigen und wohl annehmen, dass die Wahrheit von Aussagen beim Schluss von n auf n+1 abnehmen kann.
P. S. Sind die Vagheit der Dinge (Identität) und die Vagheit der Sprache (Sorites) vielleicht nur zwei Fassungen des gleichen Problems?

Weitere Links:

http://de.wikipedia.org/wiki/Schiff_des_Theseus

http://de.wikipedia.org/wiki/Identit%C3%A4t

http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/volltexte/2008/8117/pdf/DisserationHolgerLeuz.pdf (Diss Leuz: großer phil. Rahmen)

https://ssl.humanities-online.de/download/Essler_UDW_ccl.pdf (dort Aufsatz über Metaphysik, S. 119 ff.)

http://www.gap-im-netz.de/gap4Konf/Proceedings4/pdf/7%20PhG1%20Beyer.pdf (im Kontext des Problems diachroner Personenidentität)

http://www.jp.philo.at/texte/CuypersS1.pdf (Personenidentität in der analyt. Phil.)

In seiner „Soziologie“ (1908) streift Georg Simmel das Haufenproblem bei seiner Analyse der Bedeutung der zahlenmäßigen Größe einer Gruppe (Gesamtausgabe, Bd. 11, 1992, S. 93): „Der logische Grund dieser Schwierigkeit [anzugeben, von welcher Anzahl an Körner einen Haufen ausmachen, N.T.] liegt darin, daß eine quantitative Reihe gegeben ist, die wegen der relativen Geringfügigkeit jedes einzelnen Elementes als kontinuierliche, absatzlos aufsteigende erscheint, und daß diese von irgend einem Punkte an die Anwendung eines neuen, gegen den bisher angewandten sich unbedingt scharf absetzenden Begriffes gestatten soll. Dies ist offenbar ein widerspruchsvolles Verlangen: das Kontinuierliche kann eben seinem Begriffe nach nicht rein aus sich heraus einen plötzlichen Absatz und Umschlag rechtfertigen.“ – Ein Haufe = eine Aufhäufung liege eigentlich dann vor, „sobald überhaupt nur eine Schichtung über die unterste Lage hinaus eintritt“. Aber auch diese Angabe löst das Problem natürlich nicht, weil dann auch angegeben werden müsste, welche Abstand vom Boden das erste Haufenkorn mindestens haben muss usw.

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