Ch. Taylor: Das sprachbegabte Tier (2017) – Rezension

Wie die Sprache menschliches Leben konstituiert

Charles Taylor: Das sprachbegabte Tier. Grundzüge des menschlichen Sprachvermögens. Aus dem Englischen von Joachim Schulte. Suhrkamp Verlag: Berlin 2017 (38,00 Euro)

Mit dem Titel „Das sprachbegabte Tier“ (The Language Animal, 2016) stellt sich der Autor in die große europäische Tradition, die den Menschen mit Aristoteles als zoon logon echon versteht: als Tier, das Vernunft/Sprache hat (griech. „lógos“: Wort, Sprache, Vernunft; lat. animal rationale).

Der Autor möchte zeigen, „daß dieses [Sprach]Vermögen mehr Formen annehmen kann, als man vermuten möchte“ (S. 7). Dazu stützt er sich auf die Theorien Hamanns, Herders und Humboldts (die sog. HHH-Theorie), die er vertiefen und weiterentwickeln will, um ihre Überlegenheit gegenüber der Tradition von Hobbes, Locke und Condillac (HLC-Theorie) aufzuzeigen. Diese beiden Theorien nennt er Konstitutionstheorie (Herder u.a.) vs. Rahmentheorie (Locke u.a.): Locke gehe von den menschlichen Fähigkeiten als einem fertigen „Rahmen“ aus, zu denen dann einfach die Sprache als eine weitere Fähigkeit hinzukomme; Herder dagegen vermittle uns ein Bild, „wonach die Sprache neue Zwecksetzungen, neue Verhaltensebenen, neue Bedeutungen ermöglicht und daher nicht im Rahmen eines sprachunabhängig aufgefaßten Bilds vom menschlichen Leben erklärt werden kann“ (S. 14).

Im Teil I zeichnet Taylor ein Bild der Konstitutionstheorie:

  • Ein Wort ist mehr als ein Signal; es ermöglicht nämlich eine Reflexion.
  • Einen Gegenstand kann man nur vor dem Hintergrund der Welt erkennen, ein Wort nur vor dem Hintergrund des ganzen Wörterbuchs verstehen.
  • Seine Bedeutung hat ein Wort im Zusammenhang mit Praktiken, die in eine Lebensform eingebettet sind“ – Wittgenstein spricht von einem Sprachspiel.
  • Manche „Gegenstände“ sind nicht unabhängig von ihren Bezeichnungen; Gefühle können durch aufschlussreiche Bezeichnungen umgestaltet werden.
  • Menschliche Nähe und Verständigung kann durch Sprache hergestellt werden.
  • Familie oder Gemeinwesen mitsamt ihren Normen werden sprachlich konstituiert.

Taylor greift auf Jerome S. Bruners Begrifflichkeit des enaktiven Repräsentierens zurück (enaktive – ikonische – symbolische Darstellungsform), um zu zeigen, wie wir Bedeutungen erlernen können: als Aneignung eines Habitus (Bourdieu); Taylor zeigt das am Beispiel eines Bikers und seiner bedeutungsschweren Art zu gehen auf.

Der primäre Ort der Sprache sei nicht das monologische Bezeichnen von Dingen, sondern das Gespräch; das zeige sich auch beim Erwerb der Sprache in der Ontogenese, die Taylor im 2. Kapitel untersucht. Die Bemerkungen zur Phylogenese: wie das Sprechen von Menschen sich in der Geschichte entwickelt hat, greifen mit Taylors Rückgriff auf Überlegungen Merlin Donalds zu kurz. Die Fähigkeiten, welche Donald benannt hat, setzen allesamt bereits eine Existenz im Sprachlichen voraus und können nicht erklären, wie man in diesen Bereich hineinkommt.

Im Teil II (S. 195 ff.) geht es „Vom Deskriptiven zum Konstitutiven“. Zunächst stellt Taylor die Prinzipien der auf Hume – Locke – Condillac zurückgehenden Bezeichnungstheorie der Sprache vor: Sprache ermögliche ein effektives Denken und Mitteilen, wenn die Wörter eindeutig etwas bezeichneten oder mit einer Idee verbunden seien. Die Grundlagen dieser Theorie seien von Gottlob Frege (1848-1925) zerstört worden, auch wenn sie teilweise noch fortlebten: Es gilt der Primat des Satzes gegenüber dem Begriff; zuerst werde auf etwas Bezug genommen, danach erfolge die Prädikation; hinzukommen müsse noch eine Kraft, die daraus eine Behauptung (oder eine Frage oder einen Befehl) mache. Der Sinn eines Satzes sei durchaus nicht gleich einer Idee, sondern eine normative Realität. In der Theorie der Sprechakte (Austin, Searle) seien Freges Überlegungen teilweise weitergeführt worden.

Auch erfasse die HLC-Theorie nicht die figurative Kraft der Sprache, also die Möglichkeit des uneigentlichen (bildhaften) Sprechens; in Metaphern werde nämlich nicht nur Gegebenes bezeichnet, sondern teilweise Unbekanntes erst (konstitutiv) erschlossen. Das bildhafte Sprechen mache es nötig, das von Saussure formulierte Prinzip der Beliebigkeit der sprachlichen Bezeichnung einzuschränken.

Taylor fragt dann, wie es möglich ist, neue Bedeutungen zu formulieren. Man könne sie enaktiv darstellen, neue Begriffe bei Entdeckungen einführen oder etwas ausführlich erklären. Zwischen enaktiver Verkörperung und entkörperlichter Symbolbildung stehe das Kunstwerk: Es verschafft Zugang zu neuen Bedeutungen, die sonst nicht verfügbar sind. „Die Nachahmung schildert, ohne etwas zu behaupten.“ (S. 448) Am Beispiel ethischer Einsichten und künstlerischen Verstehens geht Taylor intensiv der Frage nach der Erkenntnis neuer Bedeutungen nach, deren Richtigkeit im hermeneutischen Zirkel – dann natürlich nicht eindeutig – überprüft werde. Die exakte deskriptive Sprache der Wissenschaften sei nur ein (Sonder)Fall menschlichen Sprechens.

Diskurs bedeutet normalerweise „Gedankenaustausch, Unterhaltung; Erörterung“ (DWDS); im Anschluss an Émile Benveniste bezeichnet Taylor als Diskurs das, „was wir mit unserem Sprechen leisten, hervorbringen oder ‚erschaffen’“ (S. 502). [Ähnlich spricht er mit Michael Silverstein von Metapragmatik, S. 505, wo der Begriff Pragmatik ausreicht – solch eigenwilliger Sprachgebrauch trägt nur zur Verwirrung bei.] „Die schöpferische Kraft des Diskurses“ bestehe darin, nicht nur menschliche Verhältnisse festzulegen und zu erhalten, sondern auch neue Erwartungen und Normen hervorzubringen, wie Taylor am Beispiel der Demonstrationen 2011 auf dem Tahrirplatz zeigt. Er erkennt sogar eine Leistung, die dem der früheren Rituale gleiche: die kosmische Ordnung wiederherstellen.

„Weitere Anwendungen“ unternimmt Taylor in Teil III (S. 549 ff.). Zunächst untersucht er, wie Erzählen Bedeutung erschafft: „Wie es aussieht, kann die angemessene, reflektierte Selbstdeutung einer Einzelperson, einer Gruppe oder einer ganzen Spezies nicht ohne Erzählungen auskommen.“ (S. 599) Das liege daran, „daß sich der Gewinn [von Erkenntnissen zur richtigen Lebensführung, N.T.] unter anderem in der Form solcher umfassenden diachronischen Betrachtungsweisen einstellt, die neue Intuitionen mit dem Hintergrund, aus dem sie auftauchen, verbinden“ (S. 582). – Solche Überlegungen führen aus dem Gebiet der traditionellen Sprachphilosophie hinaus, sind aber dem Autor sehr wichtig; dabei reklamiert er teilweise Leistungen für „die Sprache“, welche man auch anders erklären kann, zum Beispiel Berger-Luckmann in „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ (Fischer: Frankfurt 1969), für welche Taylor sich auf die Kraft des Diskurses beruft.

Nach einigen Anmerkungen zur Sapir-Whorf-Hypothese kommt Taylor zum Fazit: „[D]ie Entstehung der Sprache scheint ein sehr viel höheres Maß an Flexibilität ins Spiel gebracht zu haben, eine gewisse Fähigkeit zur Selbstveränderung, ja zur völligen Selbsttransformation, der bei anderen Tieren gar nichts entspricht.“ (S. 639)

Wie seine Gewährsleute Hamann-Herder-Humboldt, zu denen u.a. noch Wittgenstein, Heidegger und Merlau-Ponty hinzukommen, hat Taylor vor allem die anthropologische Bedeutung des Sprechens herausgearbeitet; ihr sind auch die Untersuchungen zu Referenz und Bedeutung, zur Metapher oder zur vermeintlich „idealen“ Sprache untergeordnet. Der Autor greift oft auf spätere Überlegungen vor oder bereits vorgetragene zurück – man muss sich bei der Lektüre sehr konzentrieren. Gestört hat mich die Neigung des Übersetzers (auch des Autors?), „bildungssprachliches“ Vokabular statt normaler Wörter zu gebrauchen (z.B. der kollaborative Aufbau des Weltbildes, S. 246, oder Gibsons Begriff der Affordanzen – statt „Angebote, Aufforderungen“, S. 280). Die Geschichte der romantischen Sprachphilosophie findet man klarer in Ernst Cassirers Buch „Die Sprache“ (Bruno Cassirer: Berlin 1923) dargestellt.

Charles Taylor selbst sieht sein Buch als ersten Teil eines Projekts, dessen zweiter Teil sich mit der nachromantischen Poetik befassen soll.

 

Dies ist meine erste Version der Besprechung; Eckart Löhr von re-visionen hat dazu einige Korrekturen vorgeschlagen, was folgende Version zum Ergebnis hat: http://re-visionen.net/die-rezension-zu-das-sprachbegabte-tier-von-charles-taylor/

A. Meyer: Adams Apfel und Evas Erbe – gelesen

Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer“ ist der Untertitel des 2015 in 2. Auflage erschienenen Buches. Darin erklärt der Evolutionsbiologe Prof. Meyer (https://de.wikipedia.org/wiki/Axel_Meyer_(Biologe)), wie Genetik funktioniert und wie Männer oder Frauen im Mutterleib zu solchen werden – mit allen Spielarten der Abweichung, die es dabei gibt. Zum Schluss geht er auch auf die Ideologie des gendermainstreaming ein und entlarvt sie als das, was sie ist: ein unwissenschaftliches politisches Programm, das Männer systematisch benachteiligt. – Man braucht einen langen Atem, um die 360 Seiten zu lesen, aber danach weiß man eine Menge mehr.

http://www.deutschlandfunkkultur.de/axel-meyer-adams-apfel-und-evas-erbe-weitreichende.950.de.html?dram:article_id=330503

http://blogs.faz.net/lesesaal/2015/09/25/axel-meyer-adams-apfel-und-evas-erbe-149/

http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/GID/233/rezension-gene-oder-umwelt

https://www.freitag.de/autoren/ahoffmann/adams-apfel-und-evas-erbe-1

http://www.literaturmarkt.info/cms/front_content.php?idcat=95&idart=9001

https://geschlechterallerlei.wordpress.com/tag/axel-meyer/

https://www.3sat.de/page/?source=/nano/bt/183428/index.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/fortpflanzungsbiologie-man-soll-uns-nicht-mit-wuehlmaeusen-vergleichen-13897981-p2.html

http://erkenntnisethik.blogspot.de/2015/10/axel-meyer-adams-apfel-und-evas-erbe_28.html

https://hpd.de/artikel/12226

Man sieht, wenn‘s ums Gendern geht, schlagen die Wellen hoch!

H. Weinrich: Knappe Zeit (2004) – Besprechung

Im Lateinunterricht habe ich die Sentenz „non multa, sed multum“ gelernt, was frei übersetzt bedeutet: Bitte nicht Quantität, sondern Qualität abliefern! Genau das tut Harald Weinrich mit seinem Buch „Knappe Zeit. Kunst und Ökonomie des befristeten Lebens“ (2004, überarbeitet 2005) nicht: Er legt eine Menge Material aus der Geschichte des Denkens und Erzählens vor, das uns immer wieder vor Augen führt, dass die Zeit unseres Lebens begrenzt ist; daraus folgt, dass man prinzipiell mit seiner Zeit sorgfältig umgehen, sie also nutzen muss („Ökonomie“), was natürlich trivial ist – aber eine Kunst des Umgangs mit dem befristeten Leben sucht man vergeblich. Vielleicht rührt das daher, dass Weinrich alles auftischt, was im Sieb mit der Einstellung „befristete Zeit“ hängen bleibt, was er dann aber nicht systematisch ordnen kann, einfach weil es zu disparat ist. Ich möchte das am Beispiel des NT aufzeigen.

Da wird Jesus also bescheinigt, dass er in Parabeln, einer knappen Rede, gelehrt hat (gemäß einer alttestamentlichen Mahnung, nicht viele Worte zu machen); dass er mit dem Vaterunser ein kurzes Gebet empfohlen hat (was aber nichts mit der Knappheit der Zeit zu tun hat!); dass er vor unnützen Worten gewarnt hat (Mt 12,36 – was mitnichten „die Mitte der messianischen Sendung Jesu“ zeigt, wie Weinrich fälschlich anmerkt, S. 81); dass Jesus nur noch eine kleine Weile bleibe (Joh 7,33 – die Stelle hat nichts mehr mit der Naherwartung zu tun, auch wenn man sie zusätzlich im Vulgatalatein zitiert); dass das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg von der Knappheit der Zeit her zu verstehen sei (S. 82-84); dass die Worte von den Vögeln des Himmels und den Lilien des Feldes ebenfalls die Knappheit der Zeit bezeugten, weil auch Pflanzen und Tieren „die Umwandlung in ein anderes Leben“ unmittelbar bevorstehe (S. 84) – so viel Phantasie wie Weinrich muss man erst mal aufbringen, da spinnt er einfach. Oder wie es in der Bibel heißt: „Wer sucht, der findet“, manchmal sogar etwas, was er nicht brauchen kann: Für den Mann mit dem Hammer ist alles ein Nagel.

Das Gleiche lässt sich für manche gedanklichen Konstruktionen Weinrichs zeigen, etwa für den Übergang vom Tieropfer zum Opfer von Gold zum Gebrauch von Geld zu den Wortzeichen der Sprache (S.124 ff.): „also“ (???) ein Prozess, „der die Kosten reduziert und den gleichen oder einen ähnlichen Zweck mit weniger Aufwand an Zeit erreicht“ (S. 126). Erstens bezweifle ich, dass das ein Prozess ist, und zweitens: Wieso „also“? Wer jedoch nicht so genau liest, erfreut sich an der tiefen Erkenntnis Weinrichs und der Vielzahl der von ihm paraphrasierten Werke.

Diese Vielzahl kann aber nicht kaschieren, dass die Literatur, auf die Weinrich sich stützt, einseitig ausgewählt ist; nicht nur der von Aristoteles entwickelte Zeitbegriff wird bloß am Rande (im Zusammenhang mit den Uhren) gestreift, sondern auch die wirtschaftswissenschaftliche Betrachtung fehlt – und gerade sie könnte verständlich machen, warum wir heute trotz bzw. wegen wirtschaftlicher Fortschritte weniger Zeit haben. Das hat zum Beispiel bereits Staffan B. Linder: Das Linder-Axiom oder warum wir keine Zeit mehr haben, Bertelsmann 1971 gezeigt – eine Sichtweise, die sich von der Befristung des Lebens löst und die Folgen des Wirtschaftswachstums erklärt [ein Auszug aus dem Buch steht in dem von mir verfassten Arbeitsbuch „In der Zeit – Über die Zeit – Mit der Zeit“, Diesterweg 1994]. Zur Ökonomie des befristeten Lebens heute sollte man (auch) die Ökonomen befragen, anstatt über Hippokrates und Terminkalender (problematisch: alle Termine = Fristen?) zu meditieren.

Auch der zum Schluss von Weinrich konstatierte Zeitsinn, der äußerst waghalsig über die Wege der Wortgeschichte an den Puls geknüpft wird (S. 229 ff.), ist ein dubiose Sache. Weinrich ist also ein belesener Mann, der einen großen Zettelkasten abgearbeitet hat und seine Gelehrsamkeit hinreichend durchscheinen lässt; aber das Buch hat mich enttäuscht, weil ich brauchbare Hinweise auf die „Kunst und Ökonomie des befristeten Lebens“ erwartet hatte; die liefert Weinrich nicht.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/kurz-ist-der-lebenszipfel-1197334.html (wohlwollend, die kritischen Untertöne kann man jedoch hören oder spüren)

https://www.perlentaucher.de/buch/harald-weinrich/knappe-zeit.html (Übersicht über verschiedene Kritiken)

https://www.neues-deutschland.de/artikel/73778.das-vergaengliche.html (unvollständig)

Leider sind folgende Besprechungen nicht (mehr) im Internet greifbar:

Harald Weinrich: Knappe Zeit. Kunst und Ökonomie des befristeten Lebens. München 2004 (Jens Kertscher)

H. Weinrich, Knappe Zeit. Kunst und Ökonomie des befristeten Lebens (S. Jordan)

Vgl. auch https://www.socialnet.de/rezensionen/22088.php (wirkt etwas luftig: Rezension zu Christian Schüle: Wir haben die Zeit. Denkanstöße für ein gutes Leben, 2017)

Dort ist (falsch) verlinkt die Besprechung von Bruno Latour: Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen, 2014 (https://www.socialnet.de/rezensionen/17792.php).

Martin Seel: 111 Tugenden, 111 Laster (2011) – Besprechung

Es ist ein schönes Buch Martin Seels vorzustellen, „eine philosophische Revue“, wie es im Untertitel heißt; sie geht von Leichtsinn, Freundlichkeit, Unverschämtheit über 210 Seiten bis Spielfreude, Rationalität, Gelassenheit. Es folgt dann ein „Programmheft“ (wie im Theater), in dem Seel auf knapp 50 Seiten so etwas wie eine Theorie der Tugenden entwirft.

Die einzelnen Tugenden bzw. Laster haben mit dem Charakter des Menschen zu tun; deshalb kann Seel sie oft im Stil von Theophrasts „Chakaktere[n]“ beschreiben. „Angeber plustern sich auf, weil sie ansonsten wenig bis gar nichts vorzuweisen hätten. Sie fallen anderen ins Wort, ohne selbst etwas zu sagen zu haben, tun sich wichtig mit Erlebnissen und Anekdoten, die niemanden interessieren, und neigen bei jeder Gelegenheit zur Besserwisserei. Großspurig in Gestik und Kleidung, stellen sie sich gern als freigebig dar“ (S. 183), und so geht das dann weiter – das ist der Stil Theophrasts.

Inhaltlich zeichnet Seel sich dadurch aus, dass er die Ambivalenz jeder Tugend und jedes Lasters herausarbeitet: Nach dem Lob der Geduld (S. 202 f.) kommt der Autor auch auf den Ungeduldigen zu sprechen: „Mit seinem Ungestüm wirft er alles über den Haufen. […] Dabei kann es gerade die Ungeduld sein, die den Funken zum Überspringen bringt. Ohne sie käme keine Empörung auf.“ (S. 203) Diese Ambivalenz erschließt sich einmal bei genauer Beobachtung der Menschen und ihrer Verhältnisse. Sie zu sehen gründet aber auch in einer Theorie des Menschlichen (oder umgekehrt?); so wird der Fatalist als jemand charakterisiert, der „die Paradoxie allen existenziellen Gelingens“ kennt: „Wer so leben will, wie er leben möchte, darf nicht so leben wollen, wie er es sich vorgestellt hat.“ (S. 173) Ähnliches sagt Seel im Zusammenhang mit der Lächerlichkeit; niemand könne völlig mit sich übereinstimmen, „ohne inneren Widerspruch lässt sich kein lebendiges, für die Störungen der Erfahrung offenes Leben führen“ (S. 75). Und als er über Rationalität spricht, erklärt Seel: „Die Parteinahme für unsere leitenden Leidenschaften bedeutet immer, sich von den eigenen Passionen ins Ungewisse und also möglicherweise in die Irre führen zu lassen. Nur ein irrationaler Mensch aber kann dieses Wagnis um jeden Preis vermeiden wollen.“ (S. 227)

Es lässt sich auch einiges Kritische sagen: dass manchmal die Ambivalenz gesucht wirkt (bei der Redlichkeit), dass bei der Weltfrömmigkeit die Beispiele altbacken wirken (Wein und Liebe fehlen zum Beispiel, dafür gibt es Flackern des Lichts und Rauschen des Wassers, S. 150), dass Verantwortung, Gewissen und Peinlichkeit weder Tugenden noch Laster sind, ebenso die Menschenwürde… Lassen wir das, das Buch ist so stark, dass es diese Schwächen verträgt und an vielen Stellen den Leser zum Nachdenken über sich selbst, über sich in seinen Stärken und Schwächen anregen kann, wenn man es offen und ruhig liest.

Im theoretischen Schlussteil definiert Seel mit der Tradition Tugenden und Laster „als menschliche Dispositionen (…), die sich in jeweiligen Situationen auf eine bestimmte – eher gute oder schlechte – Weise zu verhalten“ (S. 239). Er behandelt eigens die Ambivalenz der Tugenden (S. 244 ff.), die Pluralität der Tugenden und die Einheit der Tugend. Er lehnt sich an Aristoteles an und grenzt sich von ihm ab (S. 237 ff.), kritisiert Kants Pflichtethik als einseitig und Sokrates‘ moralische Rationalität als verfehlt. Was durch das moralische Gesetz generell unter Schutz gestellt werde und diesem seine universelle Geltung verleihe, sei die eudaimonia, als die „Grundverfassung eines gelingenden menschlichen Lebens“ (S. 270); so versöhnt er Kant mit Aristoteles. „Die vielen Tugenden und ihre labile Einheit sind dazu da, das eigene Gute im Auge zu behalten, ohne das Wohl der anderen aus dem Blick zu verlieren; sie sollen uns dahin leiten, die Missachtung unserer selbst und der anderen nicht überhand nehmen zu lassen.“ (S. 276) Wer wollte dem widersprechen?

So klug die theoretischen Überlegungen zur Tugend auch sind, wirklich groß sind für mich die beiden Betrachtungen über Selbsterkenntnis (S. 186 ff.) und Rationalität (S. 225 ff.). Aufrichtig gegen sich zu sein sei ein guter Anfang für die Selbsterkenntnis, meint Seel; er warnt jedoch vor der totalen Selbsterkundung. Es sei nämlich so, „dass die eigene Intransparenz eine Bedingung aller Aufklärung über sich ist. Ohne das Geflecht – und teilweise Dickicht – leiblicher wie seelischer Regungen, ohne den Bodensatz vielfältig sedimentierter Erfahrungen und Erinnerungen kommt keine Erkenntnis und erst recht keine Selbsterkenntnis zustande.“ (S. 186) Zugleich warnt er vor der Illusion der Selbstverwirklichung – eine Warnung, die man heute nicht oft genug wiederholen kann, „vor dem Glauben dass es nur einen inneren Kern des selbst auszupacken gilt, um zu wissen, woran man mit sich ist. Diesen Nukleus nämlich gibt es nicht. Wer ich bin, ergibt sich allein daraus, wie ich mich zu den Möglichkeiten meines Lebens verhalten habe und verhalten will. […] Die erkennende Hinwendung zu sich selbst verlangt eine praktische Hinwendung zur Welt.“ (S. 187)

Rationalität bestehe darin, sich an Gründen zu orientieren – das sei gut, aber nur begrenzt möglich; denn alle unsere Gründe seien nur vorläufig und vielfältig mit anderen Bestrebungen verquickt. Rational sei daher auch der kluge Umgang mit seinen Leidenschaften. „Es gehört darum zu den ersten Missionen der menschlichen Vernunft, unsere Leidenschaften so am Leben zu erhalten, dass sie einander und uns selbst nicht zerstören. Eine zweite aber ist nicht weniger wichtig. Sie besteht darin, sich selbst und den anderen einigermaßen verständlich zu bleiben.“ (S. 227)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/martin-seel-111-tugenden-111-laster-im-grunde-ist-es-liebe-11514239.html

http://religionsphilosophischer-salon.de/2124_111-tugenden-und-laster-eine-philosophische-revue_denkbar

http://www.zeit.de/2012/04/L-S-Seel (kritisch)

http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/39950672/seel_111-tugenden_-111-laster_fofra_1-12.pdf (verhalten kritisch)

http://www.deutschlandfunkkultur.de/die-dialektik-der-albernheit.950.de.html?dram:article_id=140585

https://www.welt.de/print/wams/lifestyle/article13637753/Warum-Schoenheit-eine-Tugend-ist.html (Auszüge)

http://www.fr.de/kultur/philosophie-die-kunst-des-zusammenlebens-a-750528 (Interview M. Seel)

http://www.zeit.de/autoren/S/Martin_Seel/index.xml (Seel bei ZEIT-online)

glauben

In seinem lesenswerten Buch „111 Tugenden, 111 Laster. Eine philosophische Revue“ (S. Fischer, 2011) behandelt Martin Seel unter Nr. 59 den Glauben (bzw. das Glauben, auch wenn die Überschrift „Glaube“ heißt). Seine Ausführungen hierzu provozieren mich, ihm zu widersprechen oder zumindest sie in Frage zu stellen.

Seel behandelt drei Aspekte beim Glauben: was – woran – wie. Er geht von Glaube = Überzeugung aus, bald darauf von Glaube = Meinung, und schreibt dem die Überzeugung zu, „dass es sich so verhält, wie die Überzeugung es sagt“. Das führt er dann am Beispiel aus: Wenn man Obst essen wolle, „muss ich glauben, dass es so etwas wie Obst überhaupt gibt, dass es essbar ist,“ und Ähnliches. Solche Überlegungen halte ich für abstrus: Dass es Obst gibt, weiß ich, davon bin ich nicht „überzeugt“; hier zeigt sich die Schwäche von Seels Position, dass er nicht glauben/wissen unterscheidet. Auf wissen.de wird dagegen zu „Glaube“ gesagt: „im Gegensatz zum Wissen ein Fürwahrhalten ohne die unmittelbare Möglichkeit einer (wissenschaftlichen) Beweisführung oder Überprüfung“ (http://www.wissen.de/lexikon/glaube-philosophie). Ähnlich sieht das Metzler Philosophie Lexikon (1996) Glaube = Meinung, „in der etwas ohne verallgemeinerungsfähige Begründung für wahr gehalten wird“ (S. 195).

Im Metzler-Lexikon wird davon der Glaube unterschieden, der sich auf Aussagen anderer stützt, die wir für vertrauenswürdig halten. „Dem Für-wahr-Halten liegt eine Erkenntnis der anderen Person zugrunde.“ (S. 195) Das halte ich für verengt – vielmehr ist dieses Vertrauen in die Aussagen anderer oft institutionalisiert: Wenn ich den Nachrichten des WDR glaube, dann kenne ich die Autoren der Nachrichten nicht, aber ich weiß, dass sie sich keine „Enten“ erlauben dürfen; und wenn ich annehme, dass es so etwas wie Zellteilung gibt, obwohl ich das selbst nicht gesehen habe, dann stütze ich mich auf vielfältig beglaubigte methodisch kontrollierte Beobachtungen, auf das System der Wissenschaft.

Das berührt sich mit dem, was Sell dazu sagt, woran man glaubt: „einer Person, Sache oder Instanz einen Wert zuschreiben – und überzeugt sein, dass hierin etwas Gutes liegt“; ich lese „hierin“ als Verweis auf das genannte Zuschreiben. Ich finde seinen Hinweis, man könne auch an Franck Ribéry glauben, allerdings deplatziert und möchte überhaupt bestreiten, dass man an eine Person (statt: einer Person) glaubt; man kann an Prinzipien und Institutionen glauben: „woran man sich im Leben halten und wie man sich zu seinen Fährnissen verhalten sollte“ (Seel, S. 127).

Das Metzler-Lexikon leitet dann zum religiösen und zum philosophischen Glauben (Karl Jaspers, F. H. Jacobi) über; das ist jedoch möglicherweise ein eigener Komplex. Seel behandelt als dritte die Frage, wie man glaubt: Starrer Glaube mache sich unangreifbar und sei ein Laster; ein guter Glaube bestehe darin, „dass er sich angreifbar macht: durch seine Gründe, mit denen er die Gegengründe vorerst in Schach hält, durch seine Zweifel, mit denen er für Korrekturen und Konversionen offenbleibt“ (S. 128). Ich möchte dazu auf das verweisen, was Nietzsche von der Überzeugung sagt (Menschliches, Allzumenschliches I 629 ff.).

Ich denke, dass die Unterscheidung von Glaube (Meinen) und Wissen elementar ist; wenn man nach der Begründung der Gründe des begründeten Wissens fragt, kommt man natürlich irgendwann an ein Ende und kann mit Wittgenstein feststellen: „Am Grunde des begründeten Glaubens liegt der unbegründete Glaube.“ (Über Gewissheit, Nr. 253) Das ändert aber nichts daran, dass wir elementar die gut begründeten Meinungen (Wissen) von den schwach oder nicht begründeten (Glaube) unterscheiden können.

Das Problem des religiösen Glaubens behandle ich nicht; es lässt sich m.E. darauf zurückführen, dass wir Menschen jemandem etwas glauben (so Nathan der Weise III,7 darüber, dass es für die Wahrheit der Religion keine Gründe gibt:

Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?

Geschrieben oder überliefert! – Und

Geschichte muß doch wohl allein auf Treu

Und Glauben angenommen werden? – Nicht? –

Nun wessen Treu und Glauben zieht man denn

Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?

Doch deren Blut wir sind? doch deren, die

Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe

Gegeben?),

was aber – von Nathan unbeachtet – zugleich in das ganze Geflecht der Lebenswelt, ihrer Normen und Gewohnheiten eingebunden ist: an etwas glauben. Philosophisch gesehen ist religiöser Glaube also nichts Besonderes (dagegen theologisch: credere Deum, Deo, in Deum, so Thomas von Aquin – aber eben nur „innerhalb“ des religiösen Glaubens).

http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main%5Bentry%5D=379&tx_gbwbphilosophie_main%5Baction%5D=show&tx_gbwbphilosophie_main%5Bcontroller%5D=Lexicon&cHash=4fe992ba3fef79eb3556d48b3cd5b7fb (Wörterbuch: Glaube)

https://www.sommer.uni-hannover.de/fileadmin/sommeruni_2014/PDFs/2016/Nickl_-_Glauben_philosophisch.pdf (Texte zum Verhältnis Glaube-Wissen)

https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/binary/LKDFBLM4UFTJRDT3LJT2GHJJ4W2HKGTD/full/1.pdf (Wissen und Glaube bei Kant und Karl Jaspers)

„Das Kapital“ – nach 150 Jahren

Matthias Greffrath hat im Deutschlandfunk eine Sendereihe organisiert, die sich der Frage widmet, was man heute noch aus dem „Kapital“ lernen kann. Zentrale Begriffe und Kapitel werden neu gelesen und bedacht – ich bin darauf gestoßen, weil es die Buchfassung davon im Kunstmann-Verlag gibt, welche in der SZ vom 5. April 2017 unter den Büchern des Monats aufgelistet ist:

http://www.deutschlandfunk.de/re-das-kapital-1-6-aktuelle-brisanz-der-marxschen-kategorie.1184.de.html?dram:article_id=369501

auch als Vortrag auf youtube: https://www.youtube.com/watch?v=KOxx7A2a0d0 usw. (anfangs sechs Sendungen),

auch als Podcast: http://www.podcast.de/episode/296109412/RE%253A%2BDas%2BKapital%2B%25281%252F6%2529%2B-%2BAktuelle%2BBrisanz%2Bder%2BMarxschen%2BKategorie/ usw.

http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=112 (inzwischen 9 Sendungen)

http://www.deutschlandfunk.de/essay-und-diskurs.1183.de.html (neun Sendungen)

https://www.podcastpedia.org/podcasts/894/dradio-Essay-und-Diskurs/episodes/315/RE-Das-Kapital-16-Aktuelle-Brisanz-der-Marxschen-Kategorie (so lange klicken, bis man alle neun Sendungen hat)

Ich denke, man sollte sich diesen Gedanken unbedingt stellen; denn es ist offensichtlich, dass Erde, Weltbevölkerung und Weltwirtschaft einer Krise entgegengehen, die nur schrecklich enden kann, wenn sich nichts ändert und wir nur „weiter so!“ agieren.

Gibt es eine richtige Weltkarte?

Eine richtige Weltkarte – das ist eine Frage der Perspektive: Wie kann man etwas Rundes wie die Erde in einer Ebene wie eine Karte „richtig“ abbilden? Das Problem erklären die Artikel

https://de.wikipedia.org/wiki/Weltkarte,

http://www.geo-pool.de/files/DVD_Geo-Pool-Probekapitel-Weltkarten.pdf,

http://bk.dgfk.net/2015/02/04/die-peters-projektion/,

http://www.weltinderschule.uni-bremen.de/mat_1_10/Kopier_01.pdf und

https://de.wikipedia.org/wiki/Kartennetzentwurf.

Vgl. http://www.n-tv.de/wissen/So-gross-ist-Afrika-wirklich-article13705111.html

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/usa-schueler-in-boston-lernen-mit-neuer-weltkarte-a-1139537.html#ref=rss

http://www.bento.de/art/die-weltkarte-von-hajime-narukawa-ist-die-genauste-die-es-gibt-972462/

http://www.bpb.de/gesellschaft/medien/bilder-in-geschichte-und-politik/73116/weltbilder-auf-karten?p=all

Wer wendet Nazi-Methoden an?

Türkei Mehr als 2000 Festnahmen in einer Woche

Stand: 20.03.2017 13:11 Uhr

Die Verhaftungswelle in der Türkei dauert an. In der vergangenen Woche sind 2000 Menschen festgenommen worden, meldet das Innenministerium. Der Vorwurf: Sie sollen zu Extremisten Kontakt gehabt haben.

Knapp 1000 Menschen sind in der vergangenen Woche unter dem Vorwurf festgenommen worden, mit der Terrororganisation PKK in Verbindung zu stehen. Das hat das türkische Innenministerium mitgeteilt. 1000 weitere Verdächtige sollen Kontakt zur verbotenen Gülen-Organisation gehabt haben. Außerdem sind mehrere mutmaßliche Anhänger der Terrororganisation IS oder von linken Terrorgruppen festgenommen worden.

Die türkische Regierung wirft dem in den USA lebenden islamischen Prediger Fetullah Gülen vor, hinter dem Putsch im vergangenen Juli zu stecken. Der Chef des Bundesnachrichtendienstes hatte dem Magazin „Der Spiegel“ gesagt, er glaube nicht an diese Behauptung. Der Türkei sei es bislang nicht gelungen, den BND zu überzeugen.

Die Behörden in der Türkei nahmen seit dem vergangenen Sommer mehr als 40.000 Menschen fest. Mehr als 100.000 Menschen wurden entlassen oder beurlaubt, vor allem Militärangehörige und Angestellte im öffentlichen Dienst.

So die Seite der Tagesschau am 20 März 2017. Frage: Wer wendet hier Nazi-Methoden an – Merkel oder Erdogan?

Lessenich: Aufstiegs-/Abstiegsgesellschaft

Stephan Lessenich schreibt in einem Artikel heute in der SZ („Der Phantomschmerz des Wohlstandsbürgers“, S. 13) über den Erfolg des Martin Schulz, dass vermutlich auf der Angst beruhe, dass der Gesellschaftsvertrag der deutschen Nachkriegsgesellschaft in Gefahr sei. Die Analyse dieses Vertrags hat es dann in sich:

„Das Kleingedruckte dieses Vertrags lautete in etwa so: Ihr, die politischen und ökonomischen Funktionseliten dieser Gesellschaft, dürft uns, die besitzlosen, aber mit dem allgemeinen Wahlrecht ausgestatteten Massen im Betrieb und über das Parlament beherrschen, soweit und solange ihr für permanentes Wachstum und steigende Konsummöglichkeiten, ein wenig Umverteilung und die Aussicht auf sozialen Aufstieg für uns und unsere Kinder sorgt.

Und, so der wichtige Zusatzartikel zu diesem Vertrag auf Gegenseitigkeit, wenn ihr die Kosten dieses Arrangements von uns fern und uns dessen Nebenwirkungen vom Halse haltet: nämlich die für ökonomisches Wachstum notwendige Naturzerstörung, die trotz Umverteilung verbleibende Armut, das Wissen um die Gründung hiesigen Wohlstands auf der harten Arbeit von Menschen anderswo auf der Welt, die Aufstiegswünsche auch dieser Menschen für sich selbst und ihre Kinder. Wer heute von der ‚Abstiegsgesellschaft’ und ihren Sorgen redet, sollte von den Voraussetzungen der Aufstiegsgesellschaft, in Deutschland wie im Rest der westlichen Nachkriegswelt, nicht schweigen.“

http://www.sueddeutsche.de/kultur/soziologie-der-phantomschmerz-des-wohlstandsbuergers-1.3412083?reduced=true

(Lessenich: „Der Phantomschmerz des Wohlstandsbürgers“ – leider nur gegen Bezahlung zu lesen)

Ein Artikel von Sascha Lehnartz berührt einen Aspekt des Artikels von Lessenich, nämlich die fehlende Diskussion zentraler Themen:

In dieser Verweigerung der politischen Auseinandersetzung über Konfliktthemen sieht Scheffer den eigentlichen Grund für den Erfolg populistischer Bewegungen – auch außerhalb der Niederlande. Populismus ist für ihn ein Symptom dieses Defizits. „Wenn man ein Vakuum lässt, dann kommt jemand und füllt es.“ Wenn die liberale Gesellschaft es nicht mehr schaffe, sich über die Grenzen ihrer Liberalität zu verständigen, laufe sie Gefahr, sich selbst abzuschaffen. Deshalb, ist Scheffer überzeugt, „müssen wir sehr viel expliziter werden, welche gemeinsamen Normen hier gelten müssen, damit wir mit unseren Unterschieden leben können.“ Die Frage, die es zu beantworten gelte, laute „Was für eine Gesellschaft sind wir?“

https://www.welt.de/politik/ausland/article162768616/Unser-heutiges-System-ist-im-Niedergang-begriffen-Unwiderruflich.html

 

http://www.sueddeutsche.de/kultur/soziologe-stephan-lessenich-im-gespraech-wer-fuer-unseren-konsum-zahlt-1.3215858 (Interview Lessenich)

https://www.taz.de/Sachbuch-ueber-globale-Ungleichheit/!5387632/ (Buchbesprechung Lessenich)

https://www.br.de/radio/bayern2/kultur/kulturjournal/stephan-lessenich-neben-uns-die-sintflut-100.html (dito)

http://www.zeit.de/2016/43/neben-uns-die-sintflut-stephan-lessenich-kapitalismus (dito)

http://www.deutschlandfunk.de/soziologie-unser-reichtum-und-die-armut-der-anderen.1310.de.html?dram:article_id=371837 (dito)

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/kolumnen-sendungen/generator/gedanken-ueber-moral-und-globalisierung-102.html (Sendung BR)

Fichte: Die Bestimmung des Menschen – Inhalt

In seinem populären Buch „Die Bestimmung des Menschen“ (1800) geht Fichte in einem Dreischritt vor. Im ersten Teil („Zweifel“) geht er von der Frage aus: „was bin ich selbst, und was ist meine Bestimmung?“ Er kommt dabei zu einem doppelten Ergebnis: Einerseits ist er ein Teil der Welt und unterliegt nach dem Satz des Grundes dem Spiel der Weltkräfte, ist also völlig determiniert; anderseits will das Ich „für mich selbst Etwas sein; und will, als solches selbst der letzte Grund meiner Bestimmungen sein“. Aus diesem Widerspruch findet das monologisierende Ich nicht heraus.

Im zweiten Buch („Wissen“) führt „Der Geist“ das Ich in einem Dialog zum Verständnis der Erkenntnistheorie des tranzendentalen Idealismus (Kant): Alle Dinge und Gesetze der Welt sind Vorstellung und Gedanken des Ich, haben keine unabhängige Existenz an sich. „Ich selbst weiß überhaupt nicht, und bin nicht. Bilder sind: sie sind das Einzige, was da ist, und sie wissen von sich, nach Weise der Bilder: – Bilder, die vorüberschweben…“ Damit ist die Sorge um die Determiniertheit weg, aber um den Preis, dass die Realität in einen Traum verwandelt ist, und das kann und will das Ich nicht glauben.

So greift es (im dritten und umfangreichsten Teil, „Glauben“) auf den Trieb, selbständig zu sein, zurück, dessen es unmittelbar gewiss ist, und entdeckt seine Bestimmung: Eine Stimme im Inneren, der es unbedingt gehorchen muss, sagt ihm, was zu tun ist: die anderen als Wesen meinesgleichen zu sehen und anzuerkennen. Hier wird die Kantische Lehre vom Guten Willen entfaltet, und zwar so weit entfaltet, dass das Ich noch auf einen ewigen Willen stößt, in dem und aus dem alle Willen sind und zu dem es sich in einer Art Gebet erhebt: „Erhabener lebendiger Wille, den kein Name nennt, und kein Begriff umfaßt, wohl darf ich mein Gemüt zu dir erheben…“ Hier sind Elemente des christlichen Gottesglaubens in die Kantische Philosophie integriert, die dann noch zu einer politischen Philosophie (vom Wesen der wahren bürgerlichen Verfassung und dem Verhältnis der Staaten) und einer Theodizee ausgebaut wird – Letzteres ist erforderlich, weil der Glaube an den Primat des guten Willens allein, der Zwecke setzt und nicht erstrebt, unabhängig vom Erfolg einer Tat, deprimierend sein könnte. Zum Schluss wird der Tod als Übergang in die neue Welt gepriesen, wo das Ich sich mit allen guten Geistern vereinigt: Es hat seine Bestimmung erkannt.

https://archive.org/stream/bestimmungdesmen00fich#page/n9/mode/2up (textkrit. Ausgabe: Die Bestimmung des Menschen)

https://archive.org/stream/bub_gb_vF8AAAAAMAAJ#page/n5/mode/2up (Text. Ed. 1800)

https://archive.org/stream/diebestimmungdes00fich#page/n1/mode/2up (Text. Ed. 1801)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-bestimmung-des-menschen-413/1 (Text, ed. 1879)

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Fichte,+Johann+Gottlieb/Die+Bestimmung+des+Menschen (Text. Ed. 1845)

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Bestimmung_des_Menschen (mit Schwächen) = http://joachimstiller.de/download/philosophie_fichte_bestimmung.pdf (J. Stiller)

http://www.thur.de/philo/as222.htm (Fichtes Weg und das Werk „Bestimmung…“)

http://www.rp-online.de/kultur/kunst/fichte-das-ich-und-die-freiheit-aid-1.2011487 (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=ylFrSbuMQmo (Einführung: 19 min, von M. Conrad)

https://archive.org/stream/johanngottliebf00lassgoog#page/n5/mode/2up (G. Lasson über die Schrift „Die Bestimmung…“, 1908)

http://www.claus-beisbart.de/teaching/su2011/wl/wl11.pdf (Seminarmitschrift)

http://www.claus-beisbart.de/teaching/su2011/wl/wl12.pdf

http://www.claus-beisbart.de/teaching/su2011/wl/wl13.pdf

(http://www.claus-beisbart.de/teaching/su2011/wl/wl1.pdf (Hier beginnen die Mitschriften zu Fichte.)

https://archive.org/stream/jgfichteundseine00fisc#page/n9/mode/2up (Kuno Fischer: Fichte und seine Vorgänger, 1890, dort Analyse S. 651 ff.)

http://www.schopenhauer.philosophie.uni-mainz.de/Aufsaetze_Jahrbuch/71_1990/1990_Decher.pdf (Fichtes Schrift und Schopenhauer)

http://www.textem.de/index.php?id=1017 (Würdigung)

https://archive.org/stream/vomwerdendreierd00fuch#page/n3/mode/2up (E. Fuchs, Vom Werden dreier Denker, u.a. über Fichte, 1904)

https://archive.org/stream/fichteundseinwer00bume#page/n9/mode/2up (G. Bäumer: Fichte und sein Werk, 1921)

http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/epoche/jannidis_bestimmung.pdf (über die Formel „Bestimmung des Menschen“)

http://www.textem.de/index.php?id=1017 (Fichte)

http://philosophyfaculty.ucsd.edu/faculty/ctolley/texts/fichte.html (Fichtes Werke)

http://onlinebooks.library.upenn.edu/webbin/book/lookupname?key=Fichte%2C%20Johann%20Gottlieb%2C%201762-1814 (Fichtes Werke online)

https://archive.org/search.php?query=johann%20gottlieb%20fichte (u.a. Sämtliche Werke Fichtes)