Nur in grossen Städten macht die Eigenliebe die Menschen so glücklich und so unglücklich, als sie es werden können, wirklich oder in der Einbildung. Da werden Menschen von Eltern von einer zarten und schwächlichen Komplexion erzeugt, die auch auf dieser ihre Organen Einfluß hat, und sie für jeden Eindruck des Vergnügens und des Schmerzens äußerst reizbar macht. Ihre weichen und schlaffen Fibern nehmen leicht jede Spannung an. Gewöhnt ſeit ihrer zärtesten Jugend an ein wollüstiges und unthätiges Leben, haben sie immer Zeit über ihre Ideen nachzudenken und sie mit ihren Empfindungen zu vergleichen. Auf einer andern Seite hat dieß Lesen von Büchern aller Art, aus dem sich die Städter ihre Hauptbeschäftigung machen, nach und nach viel beigetragen, die Fähigkeiten des Geistes zu entfalten, die Einbildungskraft reizbarer zu stimmen, und die Sinnlichkeit zu verfeinern. Hierzu füge man noch den täglichen Umgang der Personen beiderlei Geschlechts, die sich wechselweise ihre Regungen, Phantasien und Gefühle mittheilen; die Gewohnheit immer zu genießen, die, während daß sie das natürlich Lebhafte der Sinnenempfindlichkeit verstumpfet, Begierden erreget, und die Phantasie immer neue und man[i]chfaltige Vergnügungen zu erkünsteln nöthiget; die Schauspiele, welche die Charaktere verstärken und den Leidenschaften der Zuschauer einen höheren Grad von Schnellkraft geben etc. Ursachen genug, die vereinigt unsere Gefühle so überspannen, daß wir immer, sowohl im Glück als im Unglück, taumeln. (Anmerkung x, S. 99-101)
Alle die rauschenden Zeitvertreibe sind dem praktischen Christenthume gefährlich. Aber unter allen, welche die Welt erdacht hat, ist keiner mehr zu fürchten, als das Schauspiel. Dieses ist ein so natürliches, so gefühlvolles Gemälde der Leidenschaften, daß sie dadurch noch mehr belebet werden, und in unserem Herzen Wurzel fassen. Dieß gilt vorzüglich von der Liebe, besonders wenn man sich selbe als rein und ehrbar vorstellet; denn je in einer unschuldigeren Gestalt selbe sich unschuldigen Seelen zeiget, desto eher werden sie davon gerühret. Man machet sich zu gleicher Zeit eine Art von Gewissen, das sich auf die Ehrbarkeit dieser Empfindung gründet: und man bildet sich ein, daß man der Herzensreinigkeit nicht zu nahe tritt, wenn man eine so vortreffliche Liebe werth schätzet. Eben so geht man aus dem Schauspiel mit einem Herzen, voll von allen den süssen Reizen der Liebe, und mit einem Verstand, so überzeugt von ihrer Unschuld, daß die Seele ganz vorbereitet ist ihre ersten Eindrücke zu empfangen, oder vielmehr Gelegenheiten zu suchen, sie in das Herz eines anderen zu verpflanzen, damit man das nämliche Vergnügen koste, die nämlichen Opfer empfange, die man auf der Schaubühne so glücklich vorstellen sah. (S. 126 f.)
Des Herzogs de la Rochefoucault moralische Maximen mit Anmerkungen. Aus dem Französischen, bey Georg Mößle. Wien und Leipzig 1784 („Die Anmerkungen sind aus dem grossen Kommentar des Mansson zu Rochefoucaults Maximen genommen.“) https://archive.org/details/11696957bsb/page/n3/mode/2up