Eine Persönlichkeit werden

Die heranwachsende Generation hat sich wieder an den Gedanken zu gewöhnen, daß eine Persönlichkeit zu sein man nicht absichtsvoll wollen kann, und daß es nur einen einzigen Weg gibt, um es (vielleicht) zu werden: die rückhaltlose Hingabe an eine ‚Sache‘, möge diese und die von ihr ausgehende ‚Forderung des Tages‘ nun aussehen wie sie wolle.“ (Max Weber, zitiert in: Marianne Weber: Max Weber. Ein Lebensbild, Tübingen 1926, S. 332)

Wie recht Max Weber hat – erst recht angesichts so läppischer Versuche wie der, durch das Einritzen und Einfärben seltsamer Zeichen in die Haut Persönlichkeit zu werden oder Individualität zu zeigen. – „Forderung des Tages“ ist ein Zitat aus Goethes „Wilhelm Meisters Wanderjahre“:

Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche deine Pflicht zu tun, und du weißt gleich, was an dir ist.

Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.“

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Manfred Geier: Kants Welt – Besprechung

Gerade habe ich Manfred Geiers Biografie „Kants Welt“ (2003) gelesen. Geier führt uns in der Tat in Kants Welt ein: seine Eltern, seine Lehrer, seine Freunde, seine Probleme, seine Lebens- und Denkart, seine eigenen Bücher und Aufsätze; diese kommen allerdings etwas zu kurz, finde ich, zumindest die Kritik der reinen Vernunft. Ausführlicher stellt Geier dagegen die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten dar.

Was für mich neu war, ist Kants Freundschaft mit Hamann, die auch über die Widersprüche in der Philosophie hinweg reichte. Dazu findet man bei Geier manche Hinweise, die man dann selber vertiefen kann, etwa den Verweis auf Hamanns kritischen Brief an C. J. Kraus vom Dezember 1784 über Kants Definition der Aufklärung (mit der Schuldzuweisung an die Unmündigen!) oder Kants Brief an seinen ehemaligen Schüler und Freund Marcus Herz vom 21. Februar 1772, in dem er erstmals die Grundidee der KrV skizziert, die er dann bis 1781 ausarbeitet. Der tabellarische Lebenslauf (S. 315 ff.) stellt noch einmal Kants Leben und Schreiben in seine Zeit – eine Sicht, die man nicht kennt, wenn bloß als Student die großen Bücher Kants durchackert.

Geier hat also, wie üblich bei ihm, ein anregendes Buch geschrieben, das mit der Persönlichkeit, aber auch mit einigen Gedanken Kants vertraut macht. Ich habe mir vorgenommen, demnächst Cassirers Buch „Kants Leben und Lehre“ (1921: https://archive.org/stream/kantsbriefe00kant#page/42/mode/2up) zu lesen, um etwas mehr von Kants Gedanken mitzukriegen.

P.S.

Kants Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ gilt als epochal – umso bemerkenswerter ist der Freimut, mit dem Hamann in seinem Brief an Christian Jacob Kraus seinem Freund Kant vom 18. 12. 1784 widerspricht:

[…] Worinn besteht nun das Unvermögen oder die Schuld des fälschlich angeklagten unmündigen? In seiner eigenen Faulheit und Feigheit? Nein, in der Blindheit seines Vormundes, der sich für sehend ausgiebt, und eben deshalb alle Schuld verantworten muß.

Mit was für Gewißen kann ein Raisonneur u Speculant hinter den Ofen und in der Schlafmütze [= Kant] den Unmündigen ihre Feigheit vorwerfen, wenn ihr blinder Vormund [= Friedrich II.] ein wohldisciplinirtes zahlreiches Heer zum Bürgen seiner Infallibilität und Orthodoxie hat. Wie kann man über die Faulheit solcher unmündigen spotten, wenn ihr aufgeklärter und selbstdenkender Vormund, wofür ihn der examinirte Maulaffe des ganzen Schauspiels erklärt, sie nicht einmal für Maschinen, sondern für bloße Schatten seiner Riesengröße ansieht, vor denen er sich gar nicht fürchten darf, weil sie seine dienstbaren Geister und die einzigen sind, deren Daseyn er glaubt. […]“

Hamanns Brief findet man auch in dem Reclambändchen „Was ist Aufklärung?“, hrsg. von Ehrhard Bahr (1974, zuletzt 2008, jetzt nur noch antiquarisch greifbar); viele Anmerkungen machen Hamanns Brief dort gut lesbar. Vgl. Heinrich Weber: Hamann und Kant, München 1904 (https://archive.org/stream/hamannundkantei00webegoog#page/n5/mode/2up; leichter zu lesen ist https://archive.org/stream/hamannundkantei01webegoog#page/n7/mode/2up, aber hier fehlen die Seiten 46 f., 124 f.). Weber schildert das Verhältnis Kant-Hamann so, dass Hamann sich um Kants Freundschaft bemüht habe, Kant dagegen nicht an einer persönlichen Freundschaft interessiert gewesen sei.

Zeit und Handeln

Zeit und Handeln“ ist ein Abschnitt in Ludwig von Mises: Nationalökonomie, 1940, S.76 ff. (zum Weiterblättern auf die rechte Seite oder auf das rechte Dreieck unten rechts klicken), siehe https://archive.org/stream/NationalokonomieTheorieDesHandelnsUndWirtschaftens/Nationalokonomie%20Theorie%20des%20Handelns%20und%20Wirtschaftens#page/n87/mode/2up

Gottesbegriff

Die Paradoxien des Anthropomorphismus (im Gottesbegriff: unmöglich ist es, zugleich allwissend und allmächtig zu sein; unmöglich ist es, allmächtig zu sein und zu handeln) zeigt Ludwig von Mises: Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens, 1940, S. 64 f., brillant auf, siehe https://archive.org/stream/NationalokonomieTheorieDesHandelnsUndWirtschaftens/Nationalokonomie%20Theorie%20des%20Handelns%20und%20Wirtschaftens#page/n75/mode/2up (zum Umblättern auf die rechte Seite oder das rechte Dreieck unten klicken)

Lebensphasen

Lebensphasen sind aufeinanderfolgende Entwicklungsphasen, in denen spezifische Entwicklungsaufgaben zu bewältigen sind (http://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/lebensphasen/8628).

Unter dem Lebenszyklus versteht man (Entwicklungs-)Stadien oder Stufen im Leben, die vorhersagbar sind und sich in jeder Generation wiederholen. (http://biologie.oncampus.de/loop/Lebenszyklus) Die Stichworte, unter denen man im Netz etwas findet, sind „Lebensstufen, Lebensabschnitte, Lebensphasen, Biographie“, vielleicht die Entwicklungspsychologie als Bezugswissenschaft. Was an astrologischen 7er-Rhythmen angeboten wird, ist spinnert.

Solon, Athens erster großer Staatsmann, hat die folgenden Verse über „Alter und Altern“ um 600 v. Chr. gedichtet. Er legte die Lebensdauer idealtypisch auf zehn „Jahrsiebte“ fest, wobei nach seiner Ansicht das Alter im neunten „Jahrsiebt“ – also mit 56 Jahren – beginnt:

Knabe zuerst ist der Mensch, unreif: da wirft er der Zähne Hag,

der dem Kinde entspross, von sich im siebenten Jahr. 

Wenn zum anderen Mal Gott schloss die Sieben der Jahre,

Zeichen der Mannheit dann keimen, der nahenden, auf.

Während der dritten umkraust sein Kinn – noch wachsen die Glieder –

Wolliger Flaum, da der Haut Blüte im Wandel verwich. 

Nun in den vierten empor zu hohem vollem Gedeihen. 

Reift die Stärke, in ihr zeigt was tauge der Mann. 

Mit den fünften gedeiht ihm die Zeit, der Freite zu denken 

Und dass in Söhnen ersteh fürderhin währender Stamm. 

Während der sechsten da breitet der Geist allseits sich ins Rechte, 

Nimmer zu unnützem Tun treibt ihn hinfort noch der Mut. 

Sieben Siebenerjahre und acht: im vollen Gedeihen 

Stehen Zunge und Geist: vierzehn an Jahren zusamt. 

Noch in den neunten ist tauglich der Mann, doch lässiger zeigen 

Gegen das volle Gedeihn Zunge fortan sich und Witz. 

Wer in die zehnten gelangte, die zehnten nach Maßen vollendend, 

Kaum zur Unzeit wär’s, träf ihn die Neige des Tods.“

(Jens O. Brelle: Eine Geschichte des Alterns in der Antike. In: Die Gegenwart. Online-Magazin, Ausgabe 44: http://www.neuegegenwart.de/ausgabe44/altealte.htm)

 

Auch bei Shakespeare gibt es die Vorstellung eines geregelten Lebenslaufs:

Die ganze Welt ist Bühne,

Und alle Frau’n und Männer bloße Spieler.

Sie treten auf und gehen wieder ab,

Sein Leben lang spielt einer manche Rollen,

Durch sieben Akte hin. (1) Zuerst das Kind,

Das in der Wärt’rin Armen greint und sprudelt;

(2) Der weinerliche Bube, der mit Bündel

Und glattem Morgenantlitz, wie die Schnecke,

Ungern zur Schule kriecht; (3) dann der Verliebte,

Der wie ein Ofen seufzt, mit Jammerlied

Auf seiner Liebsten Brau’n; (4) dann der Soldat,

Voll toller Flüch’ und wie ein Pardel bärtig,

Auf Ehre eifersüchtig, schnell zu Händeln,

Bis in die Mündung der Kanone suchend

Die Seifenblase Ruhm. (5) Und dann der Richter,

In rundem Bauche, mit Kapaun gestopft,

Mit strengem Blick und regelrechtem Bart,

Voll weiser Sprüch’ und neuester Exempel

Spielt seine Rolle so. (6) Das sechste Alter

Macht den besockten hagern Pantalon,

Brill’ auf der Nase, Beutel an der Seite;

Die jugendliche Hose, wohl geschont,

ne Welt zu weit für die verschrumpften Lenden;

Die tiefe Männerstimme, umgewandelt

Zum kindischen Diskante, pfeift und quäkt

In feinem Ton. (7) Der letzte Akt, mit dem

Die seltsam wechselnde Geschichte schließt,

Ist zweite Kindheit, gänzliches Vergessen,

Ohn’ Augen, ohne Zahn, Geschmack und alles.

(Jacques, in Shakespeare: Wie es euch gefällt II 7; die Nummerierung im Text stammt von mir, N.T.)

 

Und natürlich hat auch das gemeine Volk ähnliche Vorstellungen, etwa im Bild einer Treppe, die man in der ersten Hälfte des Lebens empor-, in der zweiten hinabsteigt:

Zehn Jahr – ein Kind

Zwanzig Jahr – ein Jüngling

Dreisig Jahr – ein Mann

Vierzig Jahre – wohlgethan

Fünfzig Jahre – Stillestand

Sechzig Jahr geht’s Alter an

Siebzig Jahr – ein Greis

Achtzig Jahre – weiss

Neunzig Jahr ein Kinder Spott

Hundert Jahre Gnad’ von Gott

(um 1840, aus dem Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kunstgeschichte, Münster, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Lebenstreppe#/media/File:Stufenalter_01.jpg; zur Geschichte des Bildes „Lebenstreppe“ s. http://www.exmodels.de/lebenstreppen/

 

Es gibt natürlich auch modernere pschologische Interpretationen der Lebensstufen, etwa von Erik H. Erikson; sie orientieren sich am normalen biologischen Verlauf des Lebens und an den normalen gesellschaftlichen Anforderungen in unserer westlichen Kultur; auch wenn sie etwas unscharf sind, sind sie bedenkenswert:

https://de.wikipedia.org/wiki/Stufenmodell_der_psychosozialen_Entwicklung (dito, neutral)

http://www.social-psychology.de/do/PT_erikson.pdf (dito, vermischt mit gesellschaftskritischen Bemerkungen; ausführlich)

https://gedankenwelt.de/die-8-entwicklungsphasen-nach-erik-erikson/ (eher knapp)

https://www.handwerk-technik.de/_files_media/probeseiten/4299_01.pdf  (7 Phasen, rein berufsorientiert)

 

Das deutsche Recht kennt Differenzierungen bis zum Alter von 70 Jahren: http://jura.freepage.de/cgi-bin/feets/freepage_ext/339483x434877d/rewrite/kindschaftsrecht/stufen.html

P.S.

Altersspezifische Besonderheiten in den verschiedenen Phasen der Lebensspanne

Für die Entwicklungspsychologie ist zudem von Interesse, altersspezifische Besonderheiten des Erlebens und Verhaltens in den verschiedenen Phasen der Lebensspanne zu beschreiben und zu erklären. Dabei rücken u. a. in den Fokus: Die Pränatalphase (als Zeitspanne von der Befruchtung der Eizelle bis zur Geburt, umfasst die Germinal-, Embryonal- und Fötalphase). Hierbei wird betrachtet, welche physischen und psychischen Entwicklungen bereits vor der Geburt des Kindes stattfinden und inwieweit hierfür relevante Einflussfaktoren identifiziert werden können. Das Säuglingsalter (als Altersspanne von der Geburt bis zum Ende des ersten Lebensjahres). Hierbei ist von besonderem Interesse, wie sich die Regulationsfähigkeit des Kindes verändert, wie es sich durch Wahrnehmung und erste motorische und soziale Handlungen die Struktur der Welt erschließt und welche Grundsteine für die weitere Entwicklung in verschiedenen Funktionsbereichen gelegt werden. Die Kindheit (als Phase von der Geburt bis zur Adoleszenz – nach dem Säuglingsalter nochmals in das Kleinkindalter, die frühe Kindheit, die mittlere Kindheit und die späte Kindheit unterteilbar). In der Kindheit können vielfältige Entwicklungen in allen Funktionsbereichen beobachtet werden. Im Fokus stehen neben von den meisten Kindern gezeigten «Meilensteinen» der Entwicklung auch individuelle Entwicklungsverläufe. Einen weiteren wichtigen Aspekt bilden die ersten normativen Übergänge (= zentrale, für die meisten Personen einer bestimmten Kultur eintreffende Lebensereignisse, die in gewisser Weise den Übergang von einer bestimmten Lebensphase in eine nächste kennzeichnen). Zu den Übergängen in der Kindheit zählen – zumindest in westlichen Industrienationen – der Eintritt in ein frühpädagogisches Betreuungsangebot wie z. B. den Kindergarten sowie der Schuleintritt. Adoleszenz (als Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter). Hierbei steht im Fokus, wie sich die Adoleszenten aus ihren kindlichen Abhängigkeiten lösen und in erwachsene Verhaltensweisen und Rollen hineinwachsen. Neben der Bewältigung psychosexueller Veränderungen (Pubertätsentwicklung, Akzeptieren des sich verändernden Körpers) und psychosozialen Entwicklungen (Autonomiegewinnung in Beziehung zu den Eltern, Intensivierung von Freundschaften und Peerbeziehungen, romantische Entwicklung bzw. Aufnahme erster Partnerschaften) stellt die berufliche Orientierung eine zentrale Entwicklungsaufgabe des Jugendalters dar. Das Erwachsenenalter (als Altersabschnitt ab dem 18. oder 19. Lebensjahr – es kann nochmals unterteilt werden in das frühe, mittlere und hohe Erwachsenenalter). Hierbei stehen i. d. R. neben dem Auszug aus dem Elternhaus, dem Fußfassen in beruflichen Kontexten und der Ausdifferenzierung der eigenen beruflichen Rolle vor allem der Aufbau einer festen Partnerschaft sowie die Gründung einer Familie im Vordergrund. Im Alter (als Altersspanne ab ca. 65 Jahren – in der Gerontologie wird zudem zwischen einem dritten Lebensalter und einem vierten Lebensalter bzw. Hochaltrigkeit unterschieden) stehen v. a. der Eintritt in den Ruhestand, der Umgang mit den eigenen sich verändernden zeitlichen, körperlichen und psychischen Ressourcen sowie der Umgang mit dem Verlust von Angehörigen sowie mit dem eigenen Sterben im Fokus. (https://m.portal.hogrefe.com/dorsch/gebiet/entwicklungspsychologie/, Ausschnitt)

Methodisch wichtig ist die Datei: https://fsrpsychologie.files.wordpress.com/2009/05/dmy-script-entwicklung.pdf (kritisch gegen Fixierungen).

 

Es fällt auf, dass die Zahl 7 eine große Rolle spielt, sei es, dass 7 Lebensphasen angenommen werden oder dass die Entwicklung angeblich in 7 Jahre-Schritten erfolgt (passend zu ihren Versicherungen umfasst der Lebenskreis bei der Ergo natürlich nuf 6 Stufen: https://ergodirekt.de/de/ratgeber/lebenssituation.html). Zur Symbolik von 7:

https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben (interessant, erklärt nichts)

http://www.pilger-weg.de/allgemein/symbolikderzahlsieben.html

https://www.bibelkommentare.de/?page=dict&article_id=122 (Zahlen als Symbole: Bibel)

http://www.kreudenstein-online.de/Bibelkritik/zahlensymbolik.htm (Zahlensymbolik in der Bibel)

http://www.123sig.de/Religion_u__Mythol_/Zahlen-Symbole/zahlen-symbole.html (Zahlensymbolik, histor.)

Gibt es Beweise für übersinnliche Kräfte?

Sebastian Leber hat eine Reportage über Tests an der Uni Würzburg geschrieben (Der Tagesspiegel online, 16.08.2017), in denen geprüft wurde, ob sich übersinnliche Kräfte nachweisen lassen:

Die Tests in Würzburg leitet der Wahrnehmungsforscher Rainer Wolf. Er ist 75 und Dozent an der Universität. Er sagt, im Grunde würde er sich freuen, wenn einmal jemand das Preisgeld abräume. Was dann für ein spannendes Forschungsfeld entstehe!“

Es werden verschiedene Experten für Übersinnliches getestet – alle versagten.

Rainer Wolf sagt, die Kandidaten, die zu ihm kämen, seien keine Betrüger, sondern von ihren Fähigkeiten überzeugt. Gefangen in Glaubenssystemen, die sie sich über Jahre aufgebaut hätten und die ihnen viel bedeuteten. Situationen, in denen die vermeintliche Kraft wirkte, werden erinnert. Fehlschläge verdrängt.

Außerdem ist die Superkraft für den, der sie zu besitzen glaubt, kein Hobby, sondern Bestandteil der Identität. Psychologen sagen, häufig gehe der Entdeckung einer vermeintlichen Kraft eine schwere persönliche Krise voraus, eine Krankheit etwa oder der Verlust eines geliebten Menschen. Wer in solchen Momenten eine übersinnliche Fähigkeit bei sich feststelle, schöpfe neue Hoffnung. Weil sie ihn besonders macht, von anderen unterscheidet. Wer dann im Test gezeigt bekommt, dass diese Fähigkeit überhaupt nicht existiert, muss die eigene Durchschnittlichkeit anerkennen. Oder leugnen.“

http://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/psi-test-an-der-universitaet-wuerzburg-gibt-es-beweise-fuer-uebersinnliche-kraefte/20175116.html

Der philosophische Glaube nach Karl Jaspers

Im Zusammenhang mit der Lektüre von Bakewells Buch „Das Café der Existenzialisten“ (Beck 2016) habe ich überlegt, noch einmal Jaspers selber zu lesen. Ich habe mit den Radiovorträgen „Der philosophische Glaube“ von 1947, erschienen 1948 (Neuausgabe 1974) begonnen. Die erste Vorlesung ist „Der Begriff des philosophischen Glaubens“ überschrieben – ich zeichne hier den Gedankengang nach, auf dem ich leider selber Jaspers nicht folgen kann:

Jaspers fragt, „woraus und wohin wir leben sollen“ (S. 9), als Frage nach dem Weltkrieg verständlich. Er grenzt sich gegen die christliche Forderung, an Jesus Christus zu glauben, wie gegen einen bloßen Vernunftglauben ab. Er unterscheidet die Wahrheit, die man beweisen kann (Galilei), von der Wahrheit, die man nicht beweisen kann (G. Bruno). Der philosophische Glaube distanziere sich vom Irrationalen und stehe im Bunde mit dem Wissen. „Er will wissen, was wißbar ist, und sich selbst durchschauen.“ (S. 13)

Dann wendet er sich dem Glauben zu und unterscheidet mit der Tradition die fides quae creditur (der Glaubensinhalt) von der fides qua creditur (das eigene Glauben). Es folgt die These: „Der Glaube ist Eins in dem, was wir trennen als Subjekt und Objekt, als Glaube, aus dem, und als Glaube, an den wir glauben.“ (S. 14 – unsauber, man glaubt eigentlich nicht an den Glauben, sondern an etwas) Zur Begründung führt er Kants Lehre von den Dingen als Phänomenen für uns an: „Das Sein ist weder das Objekt, das uns gegenübersteht, mögen wir es wahrnehmen oder denken, noch das Subjekt.“ (S. 14) Vielmehr ist es als das „in der Subjekt-Objekt-Spaltung auf beiden Seiten“ Seiende „das Umgreifende“ (S. 14 f.). So sei auch der Glaube „weder nur Inhalt noch nur ein Akt des Subjekts“, sondern „beides in Einem, das in der Spaltung von Subjekt und Objekt Erscheinende“ (S. 14).

Hier ist kritisch zu fragen, wieso das Sein an die Subjekt-Objekt-Spaltung gebunden wird: Subjekt und Objekt haben als Seiende Teil am Sein, da sie beide sind; aber es gibt kein eine Spaltung Umgreifendes, wie es auch nichts den Glaubensinhalt und den Glaubensvollzug Umgreifendes gibt. Im Gegenteil, Glaubensvollzug ist von allen Glaubensinhalten ablösbar, wie die Existenz von Gläubigen aller möglicher Inhalte (Religionen, Ideologien) und auch Jaspers‘ Konzept beweist: Es gibt bei ihm keine fides quae creditur; der philosophische Glaube ist bloße Gläubigkeit: das, was vom Christentum übrig bleibt, wenn Jesus als Gottessohn und mit ihm das Glaubensbekenntnis nicht mehr gelten. 

Im Fortgang des Vortrags wird der philosophische Glaube bestimmt als „das Seinsinnewerden aus dem Ursprung durch Vermittlung der Geschichte und des Denkens“; das Philosophieren ist nur Vorbereitung dazu oder Erinnerung daran (S. 15). Jaspers unterscheidet das Sein, das uns umfängt, von dem Sein, das wir sind. Das Sein, das uns umfängt, unterscheidet er in Welt und Transzendenz: Die Welt ist kein Gegenstand, sondern eine Idee. „Transzendenz ist das Sein, das niemals Welt wird, aber das durch das Sein in der Welt gleichsam spricht. Transzendenz ist nur dann, wenn die Welt nicht aus sich besteht, (…) sondern über sich hinausweist.“ (S. 17)

Hier verstehe ich nicht, wieso zusätzlich zur Welt noch eine Transzendenz gedacht werden soll: Die Dinge sind und vergehen „in der Welt“ – wozu soll die alles umgreifende Welt noch über sich hinausweisen? Dann müsste man ja wieder fragen, worin die Transzendenz gründe usw. – ein unendlicher Regress stände uns bevor. Außerdem sind wir kein Sein, sondern da(seiend); und umfängt uns wirklich ein Sein – wie macht es das? Wieso hindert es uns dann nicht zu vergehen?

Gehen wir noch den nächsten Schritt mit: Beim Sein, das wir sind, wird unterschieden

  • Dasein
  • Bewußtsein überhaupt
  • Geist
  • mögliche Existenz (S. 17 f.)

Unser transzendenter Ursprung werde deutlich

  • in dem Ungenügen, das der Mensch an sich erfährt,
  • in dem Unbedingten, dem er sich unterwirft oder das er vernimmt,
  • in dem unablässigen Drang zum Einen,
  • in dem Bewusstsein einer unfasslichen Erinnerung, „als ob er eine Mitwisserschaft mit der Schöpfung (Schelling) habe“
  • in dem Bewusstsein der Unsterblichkeit „als zeittilgendes Geborgensein in der Ewigkeit“ (S 18 f.).

Dazu möchte ich Folgendes sagen: Die drei letzten Erfahrungen habe ich nicht gemacht. Der Ruf des Unbedingten kann einen täuschen, wie ich aus Erfahrung zu wissen glaube. Das Ungenügen kann aus dem Spiel der Imagination erklärt werden, welches alles real Erreichbare sozusagen mit einer Gloriole umgibt, wodurch es immer mehr verspricht, als es halten kann.

Als Existenz bin ich, indem ich mich durch Transzendenz mir geschenkt weiß.“ (S. 20) „Glaube ist das Leben aus dem Umgreifenden, ist die Führung und die Erfüllung durch das Umgreifende.“ (S. 20)

Das wird dann noch ein wenig erklärt, aber ehrlich gesagt: Ich verstehe das alles nicht so, dass ich mir dabei etwas denken könnte. Karl Jaspers bietet mir keinen Zugang zu einem philosophischen Denken. – Ich zitiere zum Abschluss noch eine Passage aus einem Artikel „Existenzphilosophie“:

Das zentrale Dilemma jeder Existenzphilosophie, von etwas sprechen zu wollen, was gerade durch Unausdrückbarkeit ausgezeichnet ist – denn alle Sprache ist allgemein und das Existenzielle aber einmalig, kontingent und »jemeinig« –, veranlasst Jaspers, den Begriff der Existenzerhellung einzuführen, um den appellativen Charakter gegen den systematisch-beschreibenden herauszustellen. Was in mythischer Ausdrucksweise Seele und Gott heißt, nennt Jaspers Existenz und Transzendenz. Seine Philosophie betont das Scheitern an den Grenzen, das Gewahrwerden eines Umgreifenden oder Transzendenten, das allerdings, anders als bei den religiösen und dialogischen Existenzialisten, völlig unbestimmt bleibt. Die Erfahrung der Transzendenz erfolgt allein in Grenzsituationen wie Leid, Krankheit, Tod – alles Themen, in denen die Herkunft Jaspers’ aus der Psychopathologie deutlich wird. Die das Umgreifende erfahrenden Vernunftprozesse finden ihren Ausdruck in einem ›philosophischen Glauben‹, den Jaspers dem religiösen Glauben entgegenstellt. Der philosophische Glaube kennt weder Kultus und Mythos noch eine Gemeinde oder ein vom Profanen abgetrenntes Heiliges, sondern beschränkt sich auf den Glauben an die Transzendenz. Es handelt sich dabei um eine letzte Gewissheit, die keines Beweises bedarf – denn »ein bewiesener Gott ist kein Gott« –, ferner um die unsere Handlungen leitende unbedingte Forderung sowie um den Ursprung unserer Existenz. Der philosophische Glaube bleibt stets im Unbestimmten und muss auf alle Absicherungen verzichten. Später betont Jaspers die kommunikativen Elemente seines Ansatzes und entfernt sich damit von seiner ursprünglichen Lehre des permanenten Scheiterns philosophischer Bemühungen. (Absatz zu Karl Jaspers im Artikel „Existenzphilosophie“ im Online-Wörterbuch Philosophie – http://www.philosophie-woerterbuch.de/)

https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/binary/LKDFBLM4UFTJRDT3LJT2GHJJ4W2HKGTD/full/1.pdf (Dissertation: Wissen und Glauben bei Kant und Jaspers)

http://www.sagw.ch/dms/philosophie/publikationen/pdf/pdf/Studia_Philosophica_67_2008 (dort S. 121 ff.)

http://haus-des-verstehens.ch/component/content/article/3-ergaenzungstexte-1/152-das-menschenbild-der-jaspersschen-existenzphilosophie.html (Menschenbild Jaspers‘)

http://hrcak.srce.hr/file/48806 (Jaspers: Philosophie – Religion – Wissenschaft)

http://www.diana-wagner.com/KuWi/Dokumente/Jaspers_Philosophie.pdf (Jaspers: Einführung in die Philosophie, dort S. 24 ff. ‚Das Umgreifende‘)

http://www.theeuropean.de/robert-spaemann/10724-glaube-auch-in-der-moderne-wichtig (Gespräch mit R. Spaemann)

http://religionsphilosophischer-salon.de/24_der-philosophische-glaube-bei-karl-jaspers_religion-und-philosophie

https://sezession.de/6738/der-glaube-der-philosophie.html (E. Lehnert)

http://www.gss.ucsb.edu/projects/hesse/papers/minkus.pdf (Jaspers-Hesse)

http://www.jaspers-stiftung.ch/karl-jaspers/werk/religionsphilosophie/ (Jaspers‘ Religionsphilosophie)

Bakewell: Das Café der Existenzialisten (2016) – gelesen

Sarah Bakewells Buch „Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein und Aprikosencocktails“ (Beck 2016) ist viel gelobt worden, zum Beispiel von

http://www.zeit.de/2017/01/das-cafe-der-existenzialisten-sarah-bakewell (Iris Radisch),

http://www1.wdr.de/kultur/buecher/sein-und-aprikosencocktails-104.html(Brigitta Lindemann),

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article157237812/Warum-die-besten-Gedanken-im-Cafe-entstehen.html (Hannah Lühmann),

http://www.glanzundelend.de/Red15/b15/sarah-bakewell-das-cafe-der-existentialisten.htm (Klaus Bittermann) und anderen. Ich habe es gelesen:

1. Kap.: beginnt mit Sartres Begeisterung für die Phänomenologie und seiner Frage: Was bedeutet es, frei zu sein? Als Vorläufer werden Kierkegaard (Primat der Existenz und der eigenen Entscheidung) und Nietzsche (Genealogie der Moral befreit uns von Illusionen und verhilft zu einem vollen Leben) genannt.

Zentrales Buch des Existenzialismus war S. de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ (1949). Sartre lebte auch in und mit den Aufständischen von 1968.

Sarah B. erzählt ihre eigene existenzialistische Lebensgeschichte und sieht die Grundideen der Bewegung gerade für heute relevant. Sie definiert, was Existenzialisten tun:

  • Sie beschäftigen sich mit der individuellen, konkreten menschlichen Existenz.
  • Sie gehen davon aus, das der Mensch frei und damit verantwortlich ist für alles, was er tut, was ihn in Angst versetzt.
  • Frei ist er aber nur in Situationen – also in einer Welt, in die er geworfen ist. In seinen Projekten will er über diese Beschränkungen hinaus.
  • Die menschliche Existenz ist also ambivalent (begrenzt – Grenzen überschreitend).
  • Als Phänomenologe beschreibt der Existenzialist seine gelebten Erfahrungen, statt Regeln zu formulieren.
  • Er hofft, dadurch die Existenz zu verstehen, und fordert uns auf, authentisch zu leben.

In den Definitionen Bakewells wird Sartres Radikalität in der Frage der Freiheit auf ein menschliches Maß reduziert. Freiheit heißt ja auch, dass wir uns in unseren Entscheidungen binden, also „Freiheit“ begrenzen – wenn auch nicht absolut, sondern wieder revidierbar. Verantwortung ist auch vor Verantwortung vor denen, die von unseren Entscheidungen betroffen sind. – Die Nähe der Philosophie zu den Erfahrungen des eigenen Lebens ist eine sympathische Einsicht.

2. Kap.: Husserl wird vorgestellt, der Begründer der Phänomenologie („das vor Augen Stehende sehen, unterscheiden, beschreiben zu lernen“): Phänomene sind Objekte oder Ereignisse, wie sie sich unserer Erfahrung präsentieren – dessen werden wir nur in der epoché gewahr. So gewinnen wir die Welt, in der wir leben, und werden frei von ideologischen Scheuklappen.

Brentanos Erkenntnis der intentionalen Struktur unseres Bewusstseins befreite Husserl von den Fragen nach der „Wirklichkeit“ von Objekten und Bewusstein. Sartre lernte von Husserl v.a. die Bedeutung der Intentionalität.

Im philosophischen Wörterbuch stellt sich die Phänomenologie so dar: http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main%5Bentry%5D=672&tx_gbwbphilosophie_main%5Baction%5D=show&tx_gbwbphilosophie_main%5Bcontroller%5D=Lexicon&cHash=61759a44820c074c6bb3e6eef3336af2

3. Kap.: Heideggers Leben wird erzählt, die Faszination des philosophischen Lehrers bezeugt. „Sein und Zeit“ (1927) stellte kritisch die Frage nach dem Sein neu; den Unterschied Seiendes – Sein nennt Heidegger ontologische Differenz.

Erläuterungen zum Sinn von Heideggers eigenwilliger Sprache, in der er sich dem alltäglichen Leben zuwandte: Dasein; In-der-Welt-Sein; Besorgen; das Zeug, Zuhandenheit; Mitsein, Mitwelt.

Die Entfremdung von Husserl wird beschrieben, die schließlich zur Gegnerschaft wird, obwohl Husserl Heidegger immer gefördert hatte.

Anlass zur philosophischen Klärung sind Störungen des Gewohnten, vgl. auch den Chandosbrief Hofmannsthals.

Gegenüber den (interessanten) menschlichen Differenzen der Philosophen kommen die Unterschiede des Denkens etwas zu kurz.

4. Kap.: Hier wird vom politischen Umbruch 1933 berichtet und der Art, wie die Intellektuellen ihn nicht beachteten. Heideggers Analyse des Man und des Gewissensrufs hinderten ihn nicht, Nazi zu werden. Er wird Rektor der Uni Freiburg, schränkt Husserls Arbeitsmöglichkeiten ein.

Jaspers‘ Freundschaft mit Heidegger seit 1920, sein Interesse an der Bedeutung von Krisensituationen; Entfremdung von Heidegger 1933, ohne dass er seine Kritik deutlich formuliert hätte.

In der Zeitlichkeit (Sein zum Tode) und Geschichtlichkeit (jetzt leben) wird nach Heidegger der Mensch vom Man befreit und kann authentisch er selbst sein – politische Implikationen dieser Gedanken, die ambivalent bleiben (pro oder contra Nazis?).

Heidegger legte 1934 das Rektorat nieder, blieb aber Nazi (entgegen seiner eigenen späteren Darstellung). Es erfolgt die „Kehre“ zu einem bäuerlich-mystischen Denken. Husserl stirbt 1938.

Hier ist am wichtigsten nicht Heideggers Charakterlosigkeit, sondern die Undeutlichkeit seiner Gedanken, die sowohl Gefolgschaft wie Widerstand gegen die Nazis zuließen. Können existenzialistische Gedanken überhaupt zu eindeutigen Entscheidungen nötigen – liegt nicht die Pointe einfach im entschiedenen Leben? (Alter Witz über Heidegger‘sches Denken: „Ich bin entschlossen – ich weiß nur noch nicht wozu.“)

5. Kap.: Wie Sartre seine Husserlstudien und seine Drogenexperimente literarisch verarbeitete (u.a. in „Der Ekel“). Ihn bedrückte die Kontingenz aller Dinge, wofür bei ihm das Klebrige und Schleimige steht.

Simone de Beauvoir, ihr Schreiben, ihre Freundschaft mit Merlau-Ponty, ihre Beziehung zu Sartre, ihr Pakt, wie sie die Welt erlebten. Sie blieben 50 Jahre zusammen, wenn auch 40 Jahre ohne Sex, frei in einer offenen Beziehung.

Dieses Kapitel ist philosophisch irrelevant; es wird berichtet, wie zwei Protagonisten des Existenzialismus ihr Leben führten.

6. Kap.: Krisen der 30er Jahre von Russland über Deutschland bis Spanien; Sartre liest „Sein und Zeit“; wie das Husserlarchiv gerettet wurde.

Husserls Spätwerk, seine Wendung zur Welt als Mitwelt; Merlau-Ponty entdeckt Husserl 1938; der Weltkrieg beginnt.

Dieses Kapitel hat nur anekdotische Bedeutung.

7. Kap.: Geschichten vom Leben im Krieg; Sarte wird eingezogen, gerät in Gefangenschaft, kann fliehen, gehört vorübergehend zu einer harmlosen Widerstandsgruppe.

Albert Camus, sein Leben, seine ersten Werke (Der Fremde; Der Mythos des Sisyphos) – Sartres Kritik an der These von der Absurdität des Seins.

Sartre: Das Sein und das Nichts (1943) – ein Buch über die Freiheit. „Für sich“ ist der Mensch, der dadurch frei sein kann, „An sich“ ist alles andere. Ich bin nichts (Substanzielles), deshalb frei. Um einfacher zu leben, machen wir uns etwas vor (mauvaise foi); aufrichtig sein heißt, keine Entschuldigungen gelten zu lassen. Erst in und aufgrund der Faktizität können wir frei sein.

Sartre: „Die Fliegen“ (1943): Orest lehnt es ab, nach seinen Morden von den Fliegen = Erinnyen befreit zu werden.

Beauvoir: Pyrrhus und Cineas; Camus: „Die Pest“ (1947)

Differenzen zwischen Sartre und Camus in der Frage der Todesstrafe und möglicher Folter – Camus war radikal dagegen.

Les Temps modernes“ ab 1945, mit Merlau-Ponty, Sartre u.a., die beiden tendieren zum Marxismus.

Hype des Existenzialismus: Aufbruch in eine neue Zeit, modisch sind Jazz und Holzfällerhemden; Reisen in die USA, Skepsis dort gegenüber Existenzialismus.

Wenig Philosophie, praktisch nichts Neues gegenüber Bisherigem!

8. Kap.: Heidegger bei Kriegsende: Lehrverbot bis 1950. In der „Kehre“ wendet er sich der Aufmerksamkeit, der Poesie und der Sprache (Hölderlin) zu und von der „Technik“ ab: Gegenstände seien zum bloßen Ge-stell geworden („Die Frage nach der Technik“, 1953), Gelassenheit sei das Gebotene; wir helfen den Dingen, sich zu ent-bergen. – Er hat sie nie offiziell vom NS distanziert.

Jaspers nimmt wieder Kontakt zu Heidegger auf, aber sie erreichen einander nicht; Heidegger verweigert sich dem Gespräch.

Lévinas wendet sich von Heidegger ab und sieht in der Beziehung des Ich zum anderen den Grund der Existenz (Nähe zu M. Buber).

Simone Weil wird kurz als radikale Denkerin vorgestellt.

1948 wird „Die Fliegen“ in Berlin aufgeführt – was ergibt sich aus dem Stück für die Deutschen und ihren Umgang mit der Schuld?

1953 treffen sich Sartre und Heidegger, sie reden aneinander vorbei.

Es fällt auf, wie wenig die Denker miteinander bzw. mit Heidegger sprechen können (auch L. Marcuse). Philosophisch ist der Hinweis auf die Kehre Heideggers und die Philosophie Lévinas‘ interessant, aber das Meiste ist Geschichte(n) der Nachkriegszeit. Bei Wikipedia erfährt man wesentlich mehr über Simone Weil als in diesem Buch (https://de.wikipedia.org/wiki/Simone_Weil).

9. Kap.: „Das andere Geschlecht“ (1949) Beauvoirs entlarvt die Mythen der Weiblichkeit: Man wird erst zur Frau, ist es nicht an sich. Man wird als Frau zur Mittelmäßigkeit verdammt, ist eher Knecht als Herr (Hegel). Die Frau definiert sich vom Blick des Mannes her, es ist schwierig, sich davon zu befreien – ein grundlegendes Buch der Moderne (angewandter Existenzialismus).

Auch Sartre hatte im Anblicken und Angeblicktwerden wesentliche Aspekte des Lebens gesehen. Er schreibt im gleichen Sinn eine Biografie Jean Genets, der als Kind beim Diebstahl ertappt wurde und sich dadurch entschloss, als Asozialer zu leben. – „Die Wörter“ als seine Autobiografie.

Der Idiot der Familie“ über Flaubert.

Beauvoir dachte differenzierter als Sartre, sie sah die menschliche Ambivalenz: mit den Vorgaben und der Unsicherheit der Existenz umgehen und doch um seine Freiheit kämpfen – das ist wahrer Existenzialismus („Für eine Moral der Doppelsinnigkeit“, 1947). Sie hat diesen Essay später mit marxistischen Augen kritisiert.

Hier tauchen wieder wichtige Gedanken auf: die Bedeutung des Blicks der anderen und die Ambivalenz unserer Existenz.

https://de.wikipedia.org/wiki/Das_andere_Geschlecht

http://www.taz.de/!5051795/

http://www.grundrisse.net/grundrisse49/Simone_de_Beauvoir.htm

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/simone-de-beauvoir

10. Kap.: Merlau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung (1945): Von Anfang an habe ich eine Weise zu existieren empfangen; alles Denken ist Auslegung meines Anhalts an der Welt, und doch bin ich frei – mittels dieser Bindung.

Wir nehmen mit dem ganzen Körper wahr, das Wahrnehmen haben wir in der Kindheit gelernt; gleichzeitig nehmen wir uns selbst wahr, aber nicht als Ding. Wir tauchen in die Welt ein. Das Bewusstsein ist eine Falte in der Welt.

Das Sichtbare und das Unsichtbare“, ein weiteres Buch M.-P.s

Merlau-Ponty war ein ausgeglichener Mensch. Neben dem Chiasmus von Bewusstsein und Welt gibt es den Fragen und Wissen: Das Fragen führt uns immer wieder zur Unwissenheit zurück.

Hinweis auf ein wichtiges Buch: Phänomenologie der Wahrnehmung

http://userpage.fu-berlin.de/frers/merleau-ponty/phaenomenologie-vorwort.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Maurice_Merleau-Ponty

Es gibt keinen eigenen Wikipedia-Artikel über das Buch.

11. Kap.: Die Nachkriegssituation in Europa; Neigung vieler Intellektueller zum Kommunismus, obwohl die Schauprozesse bereits bekannt waren – so auch Sartre und Merleau-Ponty.

Ende der Freundschaft mit Koestler, der sich vom Kommunismus abgewandt hatte; Zerwürfnis Sartres mit R. Aron.

Camus: Der Mensch in der Revolte (1951), wendet sich gegen die kommunistische Utopie, Revolte gibt es immer nur neu als Begrenzung der Tyrannei. Bruch mit Sartre; „Der Fall“ (1956)

1952 bekennt Sartre sich radikal zum Kommunismus; Bruch mit Merlau-Ponty v.a. aus politischen Gründen. „Die Abenteuer der Dialektik“ (1955) sind M.-P.s Kritik am Kommunismus.

Sartre schreibt unaufhörlich, ohne jede Korrektur, unter dem Einfluss von Tabletten und Alkohol: „Kritik der dialektischen Vernunft“, wovon der 2. Band nicht vollendet wird.

Philosophisch ist Camus‘ „Der Mensch in der Revolte“ bedeutend. Es fällt auf, dass die Philosophen ihre politischen Differenzen nicht argumentativ austragen können, sondern mit dem Bruch der Freundschaft besiegeln.

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Mensch_in_der_Revolte

http://www.sopos.org/aufsaetze/3fd7dbe7a7db0/1.phtml

https://www.swr.de/swr2/wissen/camus-und-die-revolte/-/id=661224/did=12339870/nid=661224/1bqeavx/index.html

http://diepaideia.blogspot.de/2014/02/albert-camus-und-der-mensch-in-der.html

Mir ist ferner aufgefallen, dass Heideggers und Sartres Hauptwerke (Sein und Zeit; Das Sein und das Nichts) nur als 1. Band erschienen sind, ohne dass der angekündigte 2. Band gefolgt wäre: philosophische Entwürfe, die man anscheinend nicht wirklich ausarbeiten kann oder von denen man sich bereits wieder abgewandt hat?

12. Kap.: Sartre: die Situation mit den Augen der Benachteiligten sehen, das ergibt die Wahrheit – ein utopisches Ideal, das Sartre selbst nicht immer beherzigt hat.

Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde (1961, mit Vorwort Sartres), predigt den gewaltsamen Aufstand gegen die Unterdrücker;

Beauvoirs Autobiografie: vier Bände, von „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“ (1958) bis „Alles in allem“ (1972); sie hat viele Frauen zu einem Aufbruch ermutigt.

Allerlei Bemerkungen über existenzialistische Einflüsse, v.a. wegen des Bemühens um ein authentisches Leben; Colin Wilson war vorübergehend ein Star.

Jan Patocka, ein Phänomenologe, wirkte bei der Charta 77 mit; Phänomenologie ist wesentlich ideologiekritisch. V. Havels „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ ist Patocka gewidmet.

Hier steht philosophisch nichts Wesentliches; für mich neu ist insgesamt die Geburt des Existenzialismus aus der Phänomenologie.

https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Pato%C4%8Dka

13. Kap.: Sartres Probleme mit der Sterblichkeit. Die Existenzialisten sterben, einer nach dem anderen.

14. Kap.: Einige existenzialistische Themen bleiben jedoch, v.a. Authentizität und Freiheit. – Warum wir die Existenzialisten wieder lesen sollten. – Als letzte werden Heidegger, v.a. Sartre, Merleau-Ponty und de Beauvoir noch einmal gewürdigt und mit philosophischen Überlegungen verknüpft.

Fasst man alles zusammen, hat man auf rund 360 Seiten einiges über die Existenzialisten als Menschen und wenig über ihre Philosophie erfahren. Das ist vermutlich auch der Grund dafür, dass Bakewells Buch ein Bestseller ist. Mindestens genauso viel Philosophie steckt in den Wikipedia-Artikeln, die man statt des Buches lesen könnte:

  • Phänomenologie
  • Existenzialismus
  • Edmund Husserl
  • Martin Heidegger
  • Karl Jaspers
  • Jean-Paul Sartre
  • Simone de Beauvoir
  • Albert Camus
  • Maurice Merleau-Ponty, wobei dieser am wenigsten in seiner Bedeutung gewürdigt wird.

Alle anderen sind zum Teil interessante oder wichtige Menschen, die jedoch für das Verständnis des Existenzialismus ohne Bedeutung sind.

F. Afshar: Der Kampf mit dem Drachen – beobachtet

Afshars Buch „Der Kampf mit dem Drachen“ (1990, zusammen mit Eva Gerber und Peter Schädelin), sein einziges Buch, beginnt mit zwei elementaren Definitionen:

1. Primärantinomie: „Die Subjekt/Objekt-Beziehung ist die Primärantinomie, der grundlegende Gegensatz, in der sozialen Realität. Sie ist lediglich die erkenntnistheoretische Formulierung für die Tatsache, dass alle Beziehungen Machtbeziehungen sind.“ (S. 13)

Wenn alle Beziehungen „Machtbeziehungen“ sein sollen, verliert der Begriff seinen Sinn. Machtbeziehungen müssen von anderen Beziehungen abgrenzbar sein, sonst kann man sie nicht denken. Den Begriff Primärantinomie gibt es sonst nicht, die Suche führt einen zur Seite http://mj-arte.ch/mj-texte/A/afshar.htm, wo es eine große Übersicht über das Buch gibt.

2. Primärwiderspruch: „Der Tod bildet die erste und grundlegende Prämisse der Sozio-logie. Er ist der Primärwiderspruch des Lebens […]: das Individuum stirbt, während das Kollektiv fortbesteht. Durch Institutionen garantiert das Kollektiv Kontinuität über den individuellen Tod hinaus. Der individuell erfahrbare Tod wird kollektiv aufgefangen.“ (S. 12)

Abgesehen davon, dass „der Tod“ nicht Prämisse sein kann (Prämisse kann höchstens ein Satz sein: Alle Lebewesen sterben), erkenne ich hier auch keinen Widerspruch; es ergibt sich höchstens die Folgerung, dass ein Kollektiv kein Lebewesen ist. Den Begriff „Primärwiderspruch“ gibt es sonst nur in der Theorie Mao Zedongs, siehe Artikel „Widerspruchstheorie“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Widerspruchstheorie) in der Wikipedia, allerdings in anderer Bedeutung.

Afshar geht also von Begriffen bzw. Konzepten aus, die er nicht mit seinen Kollegen teilt. Dementsprechend ist das Buch von den Kollegen auch praktisch nicht zur Kenntnis genommen worden, wiewohl der Titel vom Kampf mit dem Drachen (= gesellschaftliche Zwänge) nicht schlecht klingt

Das von ihm propagierte Hauptanliegen der Soziologie, „ein Leben in einer sinnvollen gesellschaftlichen Ordnung [zu] ermöglichen“ (S. 5), hört sich gut an, ist aber äußerst problematisch: Woher weiß denn die Soziologie (oder der einzelne Soziologe), wie eine sinnvolle gesellschaftliche Ordnung aussieht? Und was man tun muss, um sie auch zu verwirklichen? Hier wird unter dem Deckmantel der Wissenschaft ein nicht legitimiertes politisches Mandat vom großen Sozio-logie-Wissenden beansprucht.

Sein Postulat bezüglich der Soziologie, sie müsse Modelle mit Handlungsrelevanz bilden, führt zur These: „Modelle, deren Komplexität nicht auf ein operationales Maß reduzierbar sind, sind für Interventionen ungeeignet.“ (S. 23) Maßstab des Intervenierens sind die nach Fromm gebildeten Begriffe Biophilie – Nekrophilie: Biophilie „misst den Grad, in dem die Entfaltung des Lebens ermöglicht wird“ (S. 405), Nekrophilie „misst den Grad, in dem die Entfaltung des Lebens beeinträchtigt wird“ (S. 412). Diese Unterscheidung, die sich so schön anhört, zerbricht schon bei der ersten Prüfung, weil es „das Leben“ nicht gibt; es gibt nur dein und mein Leben und das jedes einzelnen Lebewesens. Fragen wir also ganz simpel: Schweinefleisch essen, ermöglicht das die Entfaltung des Lebens? Es ermöglicht mir die Entfaltung, aber nicht dem Schwein. Häftlinge foltern, ermöglicht das die Entfaltung des Lebens? Es ermöglicht den Herrschenden und ihren Agenten ihre Entfaltung, den Häftlingen aber nicht [es sei denn, man begänne, nun auch Entfaltung zu definieren… – aber in wessen Interesse?]. Das schöne von Erich Fromm entlehnte Kriterium des Guten erweist sich als bloßes Geschwätz, als eine leere Worthülse.

Es lohnt nicht, sich theoretisch weiter mit Afshars Buch auseinanderzusetzen. Interessant wird es jedoch, wenn man Afshars Konzept nach seinen praktischen Auswirkungen befragt. Dazu muss man „Farhad Afshar“ in der Suchmaschine eingeben; dann findet man in der Wikipedia unter seinem Namen (aufgerufen am 15.07.2017): Laut der NZZ am Sonntag vertritt Afshar «einen konservativen Islam», bleibt dabei aber oft unkonkret in den Forderungen.Er vertritt dabei die Position, dass für Christen, Hindus, Muslime, Juden etc. verschiedene Teilrechtssysteme gemäß den Religionsschriften gelten sollen. Für Muslime befürwortet er daher auch die Übernahme des Scharia-Rechts – «mit gewissen Anpassungen an die Schweiz».“ Die NZZ kommentiert sein Auftreten kritisch (https://www.nzz.ch/schweiz/muslime-farhad-afshar-ld.137856), andere sehen ihn noch kritischer (http://www.frei-denken.ch/de/2012/05/farhad-afshar-konstruiert-ein-feinbild-sakularitat/ oder http://archiv.onlinereports.ch/2005/AfsharFarhadPortraet.htm).

So, und nun kommt es darauf an, sein leichtfertiges Schreiben und sein religionspolitisches Agieren im Zusammenhang zu sehen: Da gibt es keinen Grundwiderspruch.

Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1834) – gelesen

Heine beginnt das erste Buch („Deutschland bis Luther“) damit, dass er seine Absichten umschreibt: kein gelehrtes Werk schreiben, sondern ein populäres, zum besseren Verständnis Deutschlands: „Ich werde daher nur von den großen Fragen handeln, die in der deutschen Gottesgelahrtheit und Weltweisheit zur Sprache gekommen, ich werde nur ihre soziale Wichtigkeit beleuchten […].“ Der Plan ist folgender: „Die Religion, deren wir uns in Deutschland erfreuen, ist das Christentum. Ich werde also zu erzählen haben: was das Christentum ist, wie es römischer Katholizismus geworden, wie aus diesem der Protestantismus und aus dem Protestantismus die deutsche Philosophie hervorging.“

Die Idee des Christentums sieht Heine in der Gnosis formuliert: „Diese gnostische Weltansicht ist urindisch, und sie führte mit sich die Lehre von der Inkarnation Gottes, von der Abtötung des Fleisches, vom geistigen Insichselbstversenken, sie gebar das asketisch beschauliche Mönchsleben, welches die reinste Blüte der christlichen Idee. Diese Idee hat sich in der Dogmatik nur sehr verworren und im Kultus nur sehr trübe aussprechen können. Doch sehen wir überall die Lehre von den beiden Prinzipien hervortreten; dem guten Christus steht der böse Satan entgegen; die Welt des Geistes wird durch Christus, die Welt der Materie durch Satan repräsentiert; jenem gehört unsere Seele, diesem unser Leib; und die ganze Erscheinungswelt, die Natur, ist demnach ursprünglich böse, und Satan, der Fürst der Finsternis, will uns damit ins Verderben locken, und es gilt allen sinnlichen Freuden des Lebens zu entsagen, unseren Leib, das Lehn Satans, zu peinigen, damit die Seele sich desto herrlicher emporschwinge in den lichten Himmel, in das strahlende Reich Christi.“ Dazu stelle sich heute die Frage, „ob wir dessen noch bedürfen“ – und die Antwort ist: nein.

Das Christentum habe die vorgefundenen alten Nationalgötter in Dämonen und Teufel umgedeutet. „Der Nationalglaube in Europa, im Norden noch viel mehr als im Süden, war pantheistisch, seine Mysterien und Symbole bezogen sich auf einen Naturdienst, in jedem Elemente verehrte man wunderbare Wesen, in jedem Baume atmete eine Gottheit, die ganze Erscheinungswelt war durchgöttert; das Christentum verkehrte diese Ansicht, und an die Stelle einer durchgötterten Natur trat eine durchteufelte.“ [Vorgriff: Mit dem germanischen Pantheismus trat der jüdische Deismus in Konflikt, um ihm schließlich in der modernen deutschen Philosophie zu unterliegen.] Die deutschen Dämonen waren Poltergeister.

Luther wird als großer Mann gepriesen – jedoch mit Einschränkungen: „Luther hatte nicht begriffen, daß die Idee des Christentums, die Vernichtung der Sinnlichkeit, gar zu sehr in Widerspruch war mit der menschlichen Natur, als daß sie jemals im Leben ganz ausführbar gewesen sei; er hatte nicht begriffen, daß der Katholizismus gleichsam ein Konkordat war zwischen Gott und dem Teufel, d. h. zwischen dem Geist und der Materie, wodurch die Alleinherrschaft des Geistes in der Theorie ausgesprochen wird, aber die Materie in den Stand gesetzt wird alle ihre annullierten Rechte in der Praxis auszuüben. Daher ein kluges System von Zugeständnissen, welche die Kirche zum Besten der Sinnlichkeit gemacht hat, obgleich immer unter Formen, welche jeden Akt der Sinnlichkeit fletrieren [brandmarken] und dem Geiste seine höhnischen Usurpationen verwahren. Du darfst den zärtlichen Neigungen des Herzens Gehör geben und ein schönes Mädchen umarmen, aber du mußt eingestehn, daß es eine schändliche Sünde war, und für diese Sünde mußt du Abbuße tun.“ In Luther habe also der alte Spiritualismus den Katholizismus angegriffen. Das Ergebnis waren u.a. rechtschaffene evangelische Christenmenschen.

Ruhm dem Luther! Ewiger Ruhm dem teuern Manne, dem wir die Rettung unserer edelsten Güter verdanken, und von dessen Wohltaten wir noch heute leben! Es ziemt uns wenig, über die Beschränktheit seiner Ansichten zu klagen. Der Zwerg, der auf den Schultern des Riesen steht, kann freilich weiter schauen als dieser selbst, besonders wenn er eine Brille aufgesetzt; aber zu der erhöhten Anschauung fehlt das hohe Gefühl, das Riesenherz, das wir uns nicht aneignen können.“

Indem Luther den Satz aussprach, daß man seine Lehre nur durch die Bibel selber, oder durch vernünftige Gründe, widerlegen müsse, war der menschlichen Vernunft das Recht eingeräumt die Bibel zu erklären und sie, die Vernunft, war als oberste Richterin in allen religiösen Streitfragen anerkannt. Dadurch entstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit, oder, wie man sie ebenfalls nennt, die Denkfreiheit. Das Denken ward ein Recht und die Befugnisse der Vernunft wurden legitim.“ Daraus entstand die deutsche Philosophie.

Aber dieser Martin Luther gab uns nicht bloß die Freiheit der Bewegung, sondern auch das Mittel der Bewegung; dem Geist gab er nämlich einen Leib. Er gab dem Gedanken auch das Wort. Er schuf die deutsche Sprache.“ Er übersetzte die Bibel ins Deutsche.

Die Literatur vor Luther

  • war germanisch-katholisch nach dem Stoff,

  • war romantisch nach dem Geist der Behandlung [Die Behandlung ist  klassisch, wenn die Form des Dargestellten ganz identisch ist mit der Idee des Darzustellenden, wie dieses der Fall ist bei den Kunstwerken der Griechen, wo daher in dieser Identität auch die größte Harmonie zwischen Form und Idee zu finden. Die Behandlung ist romantisch, wenn die Form nicht durch Identität die Idee offenbart, sondern parabolisch diese Idee erraten läßt.],

  • war von sicherem Glauben erfüllt.

In der Literatur hingegen, die mit Luther emporblüht, finden wir ganz das Gegenteil:
1. Ihr Material, der Stoff, der behandelt werden soll, ist der Kampf der Reformationsinteressen und Ansichten mit der alten Ordnung der Dinge. […] 
2. Der Geist der Behandlung ist nicht mehr romantisch, sondern klassisch. […] 3. Der allgemeine Charakter der modernen Literatur besteht darin, daß jetzt die Individualität und die Skepsis vorherrschen.“

Im zweiten Buch („Von Luther bis Kant“) wird die Geschichte der Philosophie erzählt. Urvater der modernen Philosophie sei Descartes. In ihm habe der Rationalismus über den Sensualismus gesiegt, bzw. der Idealismus über den Materialismus; „ich bezeichne mit dem ersteren die Lehre von den angeborenen Ideen, von den Ideen a priori, und mit dem anderen Namen bezeichne ich die Lehre von der Geisteserkenntnis durch die Erfahrung, durch die Sinne, die Lehre von den Ideen a posteriori.Leibniz habe die idealistische Seite von Descartes‘ Denken aufgegriffen.

Ein anderer „Schüler“ Descartes‘ sei Spinoza, er habe den in der Gegenwart siegreichen Pantheismus wie kein zweiter gedacht. „Benedikt Spinoza lehrt: Es gibt nur eine Substanz, das ist Gott. Diese eine Substanz ist unendlich, sie ist absolut. Alle endliche Substanzen derivieren von ihr, sind in ihr enthalten, tauchen in ihr auf, tauchen in ihr unter, sie haben nur relative, vorübergehende, akzidentielle Existenz. Die absolute Substanz offenbart sich uns sowohl unter der Form des unendlichen Denkens als auch unter der Form der unendlichen Ausdehnung. Beides, das unendliche Denken und die unendliche Ausdehnung, sind die zwei Attribute der absoluten Substanz. Wir erkennen nur diese zwei Attribute; Gott, die absolute Substanz, hat aber vielleicht noch mehr Attribute, die wir nicht kennen.

In der Art eines Bekenntnisses schreibt Heine: „Gott ist identisch mit der Welt. Er manifestiert sich in den Pflanzen, die ohne Bewußtsein ein kosmisch-magnetisches Leben führen. Er manifestiert sich in den Tieren, die in ihrem sinnlichen Traumleben eine mehr oder minder dumpfe Existenz empfinden. Aber am herrlichsten manifestiert er sich in dem Menschen, der zugleich fühlt und denkt, der sich selbst individuell zu unterscheiden weiß von der objektiven Natur und schon in seiner Vernunft die Ideen trägt, die sich ihm in der Erscheinungswelt kundgeben. Im Menschen kommt die Gottheit zum Selbstbewußtsein, und solches Selbstbewußtsein offenbart sie wieder durch den Menschen. […] Wir kämpfen nicht für die Menschenrechte des Volks, sondern für die Gottesrechte des Menschen. Hierin, und in noch manchen andern Dingen, unterscheiden wir uns von den Männern der Revolution. Wir wollen keine Sansculotten sein, keine frugale Bürger, keine wohlfeile Präsidenten: wir stiften eine Demokratie gleichherrlicher, gleichheiliger, gleichbeseligter Götter.“

Schließlich werden noch Wolff als der Popularisierer Leibniz‘ vorgestellt sowie die Streitigkeiten innerhalb der protestantischen Theologie skizziert.

Der jüdische Theologe Mendelssohn und erst recht der große, aufrichtige Lessing werden gewürdigt, so dass Heine dann auf Kant zu sprechen kommt: Die „Kritik der reinen Vernunft“ habe die gleiche Bedeutung wie die Französische Revolution, sie habe den Gott des Deismus endgültig beseitigt.

Im dritten Buch bespricht Heine die Philosophie „Von Kant bis Hegel“. Kant „unterwarf unser Erkenntnisvermögen einer schonungslosen Untersuchung, er sondierte die ganze Tiefe dieses Vermögens und konstatierte alle seine Grenzen. Da fand er nun freilich, daß wir gar nichts wissen können von sehr vielen Dingen, mit denen wir früher in vertrautester Bekanntschaft zu stehen vermeinten. Das war sehr verdrießlich. Aber es war doch immer nützlich, zu wissen, von welchen Dingen wir nichts wissen können.“ Seine Hauptleistung sei die Unterscheidung der Phänomena von den Noumena. „Nur von den Dingen als Phänomena können wir etwas wissen, nichts aber können wir von den Dingen wissen als Noumena. Letztere sind nur problematisch, wir können weder sagen: sie existieren, noch: sie existieren nicht. Ja, das Wort Noumen ist nur dem Wort Phänomen nebengesetzt, um von Dingen, insoweit sie uns erkennbar, sprechen zu können, ohne in unserem Urteil die Dinge, die uns nicht erkennbar, zu berühren.“ Kant lehre also nicht die Existenz von irgendwelchen Noumena, er habe nur einen Grenzbegriff geben wollen. Und Gott ist nach Kant ein Noumen. Kant hat alle Gottesbeweise verworfen; Heine will jedoch am ontologischen Beweis festhalten. Sozusagen aus Mitleid habe Kant gesagt, dass die praktische Vernunft die Existenz Gottes verbürge.

Der Schüler Kants sei Fichte, der nichts anderes als Kant gelehrt habe, aber immer unklarer in seinem Sprechen geworden sei; gewürdigt wird dagegen Fichtes Freiheitsliebe. Im Atheismusstreit habe er sich ungeschickt verhalten – Goethe habe ihn decken wollen, aber das habe Fichte durch sein undiplomatisches Auftreten unmöglich gemacht.

Schelling kommt bei Heine nicht gut weg; Bedeutung habe er nur als Philosoph der Natur. Die sei nun wieder nichts anderes als der alte Pantheismus Spinozas. Hegel habe die philosophische Entwicklung vollendet.

Heine schließt mit einem praktischen Fazit: „Die deutsche Philosophie ist eine wichtige, das ganze Menschengeschlecht betreffende Angelegenheit, und erst die spätesten Enkel werden darüber entscheiden können ob wir dafür zu tadeln oder zu loben sind, daß wir erst unsere Philosophie und hernach unsere Revolution ausarbeiteten. Mich dünkt, ein methodisches Volk wie wir mußte mit der Reformation beginnen, konnte erst hierauf sich mit der Philosophie beschäftigen und durfte nur nach deren Vollendung zur politischen Revolution übergehen. Diese Ordnung finde ich ganz vernünftig. Die Köpfe, welche die Philosophie zum Nachdenken benutzt hat, kann die Revolution nachher zu beliebigen Zwecken abschlagen. […] Das Christentum – und das ist sein schönstes Verdienst – hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwut, wovon die nordischen Dichter soviel singen und sagen. Jener Talisman ist morsch, und kommen wird der Tag, wo er kläglich zusammenbricht. Die alten steinernen Götter erheben sich dann aus dem verschollenen Schutt und reiben sich den tausendjährigen Staub aus den Augen, und Thor mit dem Riesenhammer springt endlich empor und zerschlägt die gotischen Dome. […] Lächelt nicht über den Phantasten, der im Reiche der Erscheinungen dieselbe Revolution erwartet, die im Gebiete des Geistes stattgefunden. Der Gedanke geht der Tat voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. Bei diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft tot niederfallen, und die Löwen in der fernsten Wüste Afrikas werden die Schwänze einkneifen und sich in ihren königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Zur_Geschichte_der_Religion_und_Philosophie_in_Deutschland

https://epub.ub.uni-muenchen.de/5046/1/5046.pdf (Auf dem Weg zur Verwissenschaftlichung der Literaturgeschichtsschreibung: Heine)

http://german.utoronto.ca/wp-content/uploads/bsk-pdf-manager/15_HEINE_HISTORY.PDF (Besprechung, engl.)

https://rezensionen-tiefenpsychologie.de/philosophie/heinrich-heines-lutherportrait-in-zur-geschichte-der-religion-und-philosophie-in-deutschland (Heines Lutherbild)

https://www.himmlisch-plaudern.de/bemerkenswertes/heine-ueber-luther.htm (dito)

http://www.f-nietzsche.de/n_heine.htm (Heine und Nietzsche)

Der Text ist vielfach im Netz präsent:

http://gutenberg.spiegel.de/buch/zur-geschichte-der-religion-und-philosophie-in-deutschland-378/1

http://www.heinrich-heine.net/religion/relid1.htm (am Ende unvollständig)

http://digbib.org/Heinrich_Heine_1797/Zur_Geschichte_der_Religion_und_Philosophie_in_Deutschland?k=Erstes+Buch

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Essays+I%3A+%C3%9Cber+Deutschland/Zur+Geschichte+der+Religion+und+Philosophie+in+Deutschland