Georg Simmel: Die Persönlichkeit Gottes – Analyse

In der Einleitung unterscheidet Simmel die religiöse Frage nach der Existenz Gottes von der religionsphilosophischen Frage danach, was Gott eigentlich ist. Er will den Begriff der Persönlichkeit des göttlichen Prinzips untersuchen. – Die religiöse Frage bezieht er auf Parmenides‘ Begriff des Seins.

Im Hauptteil klärt er den Begriff der Persönlichkeit:

  • Er unterscheidet Stufen der Einheit eines Seienden: Dem Unorganischen kommt keine Einheit zu; das Organische besitzt seine Einheit unvollkommen, es steht noch im Austausch mit der Umwelt; die bewusste Seele zeigt einen höheren Grad der Einheit.

  • Das erklärt er durch den Unterschied, mit dem die Kausalität jeweils wirkt: Im Körperlichen verschwindet die Ursache in der Wirkung, sie geht darin auf. Daneben gibt es im Geistigen eine weitere Kausalität, die Erinnerung: Das Vergangene wird in die Gegenwart gehoben, es bleibt und steht in einer Wechselwirkung mit dem Gegenwärtigen; solche Wechselwirkung bewirkt eine größere Einheit, als sie ein körperliches Wesen besitzt. Auch während der Latenz der Erinnerung gibt es wechselseitige Beeinflussungen unserer „Vorstellungen“, wodurch sie sich zur Einheit der Persönlichkeit schmieden.

  • Eine vollkommene Persönlichkeit, die wir nicht sind, lebte nur aus den inneren Wechselwirkungen als Einheit. Der Begriff Gottes als des Umfassenden (der Welt, des Seins) ist die eigentliche Realisierung der Persönlichkeit. – Ob dieser Gott existiert oder geglaubt wird, hat nichts mit dem Begriff der absoluten Persönlichkeit zu tun.

  • Möglicher Einwand (Probleme des Gottesbegriffs): Für den Gläubigen ist Gott ein Gegenüber (Macht, Liebe), was sich mit der Absolutheit des göttlichen Wesens nicht verträgt; auch dass besondere Ereignisse als Werk des Fingers Gottes gelten, passt nicht zur umfassenden Absolutheit Gottes. Dieser Widerspruch durchzieht alle Religionen: Alle „Persönlichkeit“ hat dieses Doppel- und Gegenspiel zwischen dem einzelnen Element und dem einheitlichen Ganzen in sich (…). An der Existenzform der zur Persönlichkeit gestalteten Seele scheitern alle sonst gewohnten logischen Kategorien: wie hier das einzelne seelische Element dem Ich wurzelhaft einwohnt und das Ich in dem Innerlichsten von jenem lebt, und wie doch beide einander gegenüberstehen, um alle Mannigfaltigkeit von Nähe und Distanz, Kontrast und Verschmelzung zu erfahren, das kann eigentlich nicht beschrieben, sondern nur erlebt werden; und dazu gibt es in unsrer historischen Vorstellungswelt nur die eine Analogie: eben jenes für die Logik so problematische Verhältnis zwischen Gott und Welt.

  • Weiterer Einwand: Gott als Persönlichkeit zu denken sei Anthropomorphismus. – Das ist falsch, weil der Mensch unter den allgemeinen Begriff einer Existenzart gestellt wird, deren Fülle wir anderswo erkennen.

  • Das entscheidende Merkmal des persönlichen Geistes ist das Selbstbewusstsein, „sein inneres Sich-Selbst-Trennen in Subjekt und Objekt“. Dieses Phänomen steht jenseits des Gegensatzes von Einheit und Zweiheit; es ist vollkommen in Gott realisiert, als die höchste Einheit, die Identität von Subjekt und Objekt als Form seines eigenen Lebens. Das Selbstbewusstsein ist nur ein anderer Ausdruck der „Persönlichkeit Gottes“. Eine nähere Vorstellung davon können wir uns nicht machen. Wenn es aber eine unerlässliche Vorstellung von dem göttlichen Wesen ist: dass es, über die tote Einheit hinaus, ein Gegenüber haben muss, ein Andres, mit dem es ein lebendig Wechselwirkendes sei, dieses Andre und Gegenüber aber seine Einheit nicht durchbrechen darf, sondern dass es in dieser ganzen „selbstseligen“ oder die Welt bedeutenden Relation doch immer es selbst bleiben, also Subjekt und Objekt ein Identisches sein müsse – so ist dies freilich die Form der Persönlichkeit, aber durchaus nicht die menschliche. Gott ist nicht der Mensch im Großen, sondern der Mensch ist Gott im Kleinen.

Im Schluss setzt G. Simmel sich noch einmal mit dem Einwand des anthropomorphen Denkens sowie mit der Differenz zwischen der religiösen und der religionsphilosophischen Frage auseinander. Für die Realitäten unsres Lebens gewinnen wir Ordnung und Wertung von einem Komplex von Ideen her, deren Bewusstsein freilich sich psychogenetisch aus dem zufälligen und fragmentarischen Zustand des empirischen Lebens erhebt, die aber ihrem Sinne nach eine ideelle Selbständigkeit und eine geschlossene Vollkommenheit besitzen, von der unsre menschlichen Existenzinhalte gleichsam durch einen Subtraktionsakt ihre Bezeichenbarkeit, ihr Maß, ihre Sonderform entlehnen. Davon kann die Religionsphilosophie sprechen, ohne die Existenz Gottes zu behaupten.

Die Konzeption der vollkommenen Persönlichkeit als eines Wesens, das ohne Austausch mit seiner Umwelt und anderen Personen nur aus den inneren Wechselwirkungen lebt, scheint mir ein Unding zu sein. „Persönlichkeit“ ist ein Mensch immer in Relation zu anderen – die Welt als Persönlichkeit zu denken führt notwenig zu den im ersten Einwand formulierten Problemen.

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Georg Simmel: Der Begriff und die Tragödie der Kultur (1911) – Zusammenfassung

Prämisse:Der Geist erzeugt unzählige Gebilde, die in einer eigentümlichen Selbständigkeit fortexistieren, unabhängig von der Seele, die sie geschaffen hat, wie von jeder anderen, die sie aufnimmt oder ablehnt.“

[Rahmen-Prämisse: Mit diesem Dualismus wird der elementarere von Mensch und Welt, von Subjekt und Objekt fortgesetzt.]

Folge: Es besteht ein Formgegensatz zwischen dem subjektiven Leben und seinen Inhalten, die – einmal geschaffen – unbeweglich und zeitlos gültig werden.

1. Definition Kultur: Sie ist der „Weg der Seele zu sich selbst; denn keine solche ist jemals nur das, was sie in diesem Augenblick ist, sondern ein Mehr, es ist ein Höheres und Vollendeteres ihrer selbst in ihr präformiert.“

[Rahmen-Prämisse: Alles Lebendige streckt sich über Vergangenheit und Zukunft, während das Unlebendige nur den Augenblick der Gegenwart besitzt.]

Definition Persönlichkeit: „[D]ie Persönlichkeit als ganze und als Einheit trägt ein wie mit unsichtbaren Linien vorgezeichnetes Bild in sich, mit dessen Realisierung sie sozusagen statt ihrer Möglichkeit erst ihre volle Wirklichkeit wäre.“

2. Definition Kultur: „Wir sind noch nicht kultiviert, wenn wir dieses oder jenes einzelne Wissen oder Können in uns ausgebildet haben; sondern erst dann, wenn all solches; der zwar daran gebundenen, aber damit nicht zusammenfallenden Entwicklung jener seelischen Zentralität dient.“ Erst als die Entwicklung der undefinierbaren personalen Einheit kultiviert sich der Mensch. „Oder anders ausgedrückt: Kultur ist der Weg von der geschlossenen Einheit durch die entfaltete Vielheit zur entfalteten Einheit.“ „Ihr spezifischer Sinn indes ist nur da erfüllt, wo der Mensch in jene Entwicklung etwas, das ihm äußerlich ist, einbezieht, wo der Weg der Seele über Werte und Reihen geht, die nicht selbst subjektiv seelisch sind jene objektiv geistigen Gebilde, von denen ich im Anfang sprach: Kunst und Sitte, Wissenschaft und zweckgeformte Gegenstände, Religion und Recht, Technik und gesellschaftliche Normen – sind Stationen, über die das Subjekt gehen muss, um den besonderen Eigenwert, der seine Kultur heißt, zu gewinnen.“ Dies macht das Paradoxe der Kultur aus. Der Geist muss seine Subjektivität verlassen, um das Verhältnis zum Objekt zu erleben, durch das seine Kultivierung sich vollzieht.

Im Folgenden wird die Analyse der Vergegenständlichung des Geistes in seinen Werken vertieft, ohne dass etwas wesentlich Neues hinzukäme. „Vielerlei Werke, die als künstlerische, technische, intellektuelle unter der Höhe des sonst schon Erreichten bleiben, haben doch die Fähigkeit, sich in den Entwicklungsweg vieler Menschen aufs wirkungsvollste einzufügen, als Entfalter ihrer latenten Kräfte, als Brücke zu ihrer nächst höheren Station.“ Es gibt also eine Disproportionalität zwischen dem Sachwert und dem Kulturwert eines Gebildes für verschiedene Menschen.

Nun macht G. Simmel sich daran, die Tragödie der Kultur zu erklären: Die kulturellen Gebilde stehen in ihren eigenen Reihen/Welten und entfalten ein Eigenleben, so dass es zu harten Reibungen mit den inneren Trieben und Normen der Persönlichkeit kommt. Die Macht der äußeren Welten lässt kulturelle Inhalte nicht zur Zentrierung um das Ich kommen. „Vielleicht aber noch weiter klafft der Riss, wenn auf seinen Seiten gar nicht entgegengesetzt gerichtete Inhalte stehen, sondern wenn das Objektive durch seine formalen Bestimmungen der Selbständigkeit und der Massenhaftigkeit – sich seiner Bedeutung für das Subjekt entzieht.“

Die Arbeitsteilung bringt eine Isolierung und Entfremdung der Objekte vom Subjekt mit sich (Beispiele: eine Stadt; das Produkt einer Fabrik; eine Zeitung). Es entstehen Kulturobjekte, die keine individuellen Produzenten mehr haben. Ein Zweites: „Die allermeisten Produkte unseres geistigen Schaffens enthalten innerhalb ihrer Bedeutung eine gewisse Quote, die wir nicht geschaffen haben. (…) Vielmehr, in den weitaus meisten unserer objektiv sich darbietenden Leistungen ist etwas von Bedeutung enthalten, das von andern Subjekten herausgezogen werden kann, das wir selbst aber nicht hineingelegt haben.“ Der Sinn haftet an der reinen Tatsächlichkeit seiner Form. Damit wächst das Reich der Kulturprodukte in einer verhängnisvollen Selbständigkeit. „Hier liegt der verhängnisvolle innere Zwangstrieb aller ‚Technik‘, sobald ihre Ausbildung sie aus der Reichweite des unmittelbaren Verbrauches herausgerückt hat.“ Das gilt sowohl für die Industrie wie für die wissenschaftliche Arbeit; dahin gehört auch die übermäßige Spezialisierung auf allen Arbeitsgebieten. Es ist das allgemeine Verhängnis der Kulturelemente, „dass die Objekte eine eigene Logik ihrer Entwicklung haben – keine begriffliche, keine naturhafte, sondern nur ihrer Entwicklung als kultureller Menschenwerke – und in deren Konsequenz von der Richtung abbiegen, mit der sie sich der personalen Entwicklung menschlicher Seelen einfügen könnten.“ Der Mensch wird zum Träger des Zwanges, mit dem die Eigenlogik der Kulturlemente ihre Entwicklung steuert. Dies ist die eigentliche Tragödie der Kultur, „dass die gegen ein Wesen gerichteten vernichtenden Kräfte aus den tiefsten Schichten eben dieses Wesens selbst entspringen; dass sich mit seiner Zerstörung ein Schicksal vollzieht, das in ihm selbst angelegt und sozusagen die logische Entwicklung eben der Struktur ist, mit der das Wesen seine eigene Positivität aufgebaut hat.“ Die Entwicklung der Subjekte kann nicht mehr den Weg der Objekte nehmen; „diesem letzteren dennoch folgend, verläuft sie sich in einer Sackgasse oder in einer Entleertheit von innerstem und eigenstem Leben.“ Die Masse der Kulturgüter ist dem persönlichen Leben inkommensurabel. „So entsteht die typische problematische Lage des modernen Menschen: das Gefühl, von einer Unzahl von Kulturelementen umgeben zu sein, die für ihn nicht bedeutungslos sind, aber im tiefsten Grunde auch nicht bedeutungsvoll; die als Masse etwas Erdrückendes haben, weil er nicht alles einzelne innerlich assimilieren, es aber auch nicht einfach ablehnen kann, da es sozusagen potentiell in die Sphäre seiner kulturellen Entwicklung gehört.“

Simmel weist auf die Idee John Ruskins (1819-1900) hin, alle Fabrikarbeit durch kunstmäßige Arbeit der Individuen zu ersetzen. Die Kulturleiden sind nichts anderes als die Phänomene der Emanzipation des objektivierten Geistes; „so entsteht die tragische Situation, dass die Kultur eigentlich schon in ihrem ersten Daseinsmomente diejenige Form ihrer Inhalte in sich birgt, die ihr inneres Wesen: den Weg der Seele von sich als der unvollendeten zu sich selbst als der vollendeten – wie durch eine immanente Unvermeidlichkeit abzulenken, zu belasten, ratlos und zwiespältig zu machen bestimmt ist.“

[Georg Simmel: Der Begriff und die Tragödie der Kultur, in: Philosophische Kultur (1911), http://socio.ch/sim/phil_kultur/kul_11.htmhttp://brittlebooks.library.illinois.edu/brittlebooks_open/Books2008-05/simmge0001phikul/simmge0001phikul.pdf (dort S. 245 ff.)]

http://www.josef-rauscher.de/simmelkultur.htm

https://www.iablis.de/iablis_t/2004/busche04.html

https://tu-dresden.de/gsw/phil/iphil/ressourcen/dateien/alte-dateien/reph/kauf/material/kphil_1/texte/ref_grossmann.pdf?lang=de

http://www.dirk-solies.de/1414/7_Simmel_Kultur%20als%20Tragoedie.pdf

P.S. Ich wollte kurz darauf hinweisen, dass ein Grundgedanke Simmels: Kultur ist der Weg von der geschlossenen Einheit durch die entfaltete Vielheit zur entfalteten Einheit. Unter allen Umständen aber kann es sich nur um die Entwicklung zu einer Erscheinung hin handeln, die in den Keimkräften der Persönlichkeit angelegt als ihr ideeller Plan in ihr selbst gleichsam skizziert ist.“ Goethes Gedicht „Urworte. Orphisch“, darin „Dämon“ aufgreift – Simmel war ein großer Kenner und Verehrer Goethes.

Die Überlegungen Simmels kranken daran, dass man nur metaphorisch von einem kultivierten Menschen spricht. Die Kultur selbst kann man m.E. primär nicht von ihrem Beitrag zur Entwicklung der Persönlichkeit her verstehen. Wenn die Beherrschung des Feuers, die gemeinsame Jagd, die Herstellung von gebrannten Tongefäßen und Körben, die Erfindung des Rades, der Ackerbau und die Viehzucht wesentliche Kulturleistungen sind, dann haben sie primär zur Verbesserung der Lebensmöglichkeiten beigetragen, nicht aber zur Ausbildung der inneren Einheit der Persönlichkeiten.

Antike Philosophen in der Aufklärung

Antike Philosophen nehmen in der bildenden Kunst der Aufklärung eine feste Position ein, wie Gisold Lammel (Tagträume. Bilder im Lichte der Aufklärung, 1993) darstellt: Tendenzen der Aufklärung in Historiendarstellungen. Vor allem Sokrates, Diogenes und Seneca spielen dabei eine größere Rolle. Die zugehörigen Bilder findet man aber nicht leicht; google-Bilder zeigt oft nicht, was man sucht.

Da hilft eine Liste von Datenbanken weiter:

http://kunstgeschichte.info/media/tools/kunsthistorische-bilddatenbanken/ (mit einzelnen Datenbanken) →

https://www.europeana.eu/portal/de/search?q=Sokrates oder

https://www.bildindex.de/ete?action=queryupdate&desc=sokrates%20&index=obj-all

Einzelne Stücke findet man auch z.B. in der Kategorie „Tod des Sokrates (Medien)“ in der Wikipedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Death_of_Socrates

Bocuse, Kant und die Wege zum Glück

Am 20. Januar 2018 ist Paul Bocuse gestorben, der französische Starkoch; das ZDF meldete nicht ohne Witz, dass Bocuse drei Bypässe, drei Sterne und drei Frauen hatte. Ich habe vier Bypässe und habe überlegt, wie ich an vier Sterne kommen könnte – den Tipp, mir dafür vier Frauen zuzulegen, halte ich aber nicht für gut.

Fragen wir Immanuel Kant über die Möglichkeiten des Glücks – oder warum auch die vier Frauen der Moslems nicht ausreichen, einen Mann dauernd glücklich zu machen:

Die Imperativen der Klugheit würden, wenn es nur so leicht wäre, einen bestimmten Begriff von Glückseligkeit zu geben, mit denen der Geschicklichkeit ganz und gar übereinkommen und eben sowohl analytisch sein. Denn es würde eben sowohl hier, als dort, heißen: wer den Zweck will, will auch (der Vernunft gemäß notwendig) die einzigen Mittel, die dazu in seiner Gewalt sind. Allein es ist ein Unglück, daß der Begriff der Glückseligkeit ein so unbestimmter Begriff ist, daß, obgleich jeder Mensch zu dieser zu gelangen wünscht, er doch niemals bestimmt und mit sich selbst einstimmig sagen kann, was er eigentlich wünsche und wolle. Die Ursache davon ist: daß alle Elemente, die zum Begriff der Glückseligkeit gehören, insgesamt empirisch sind, d.i. aus der Erfahrung müssen entlehnt werden, daß gleichwohl zur Idee der Glückseligkeit ein absolutes Ganze, ein Maximum des Wohlbefindens, in meinem gegenwärtigen und jedem zukünftigen Zustande erforderlich ist. Nun ist’s unmöglich, daß das einsehendste und zugleich allervermögendste, aber doch endliche Wesen sich einen bestimmten Begriff von dem mache, was er hier eigentlich wolle. Will er Reichtum, wie viel Sorge, Neid und Nachstellung könnte er sich dadurch nicht auf den Hals ziehen. Will er viel Erkenntnis und Einsicht, vielleicht könnte das ein nur um desto schärferes Auge werden, um die Übel, die sich für ihn jetzt noch verbergen und doch nicht vermieden werden können, ihm nur um desto schrecklicher zu zeigen, oder seinen Begierden, die ihm schon genug zu schaffen machen, noch mehr Bedürfnisse aufzubürden. Will er ein langes Leben, wer steht ihm dafür, daß es nicht ein langes Elend sein würde? Will er wenigstens Gesundheit, wie oft hat noch Ungemächlichkeit des Körpers von Ausschweifung abgehalten, darein unbeschränkte Gesundheit würde haben fallen lassen, u.s.w. Kurz, er ist nicht vermögend, nach irgend einem Grundsatze, mit völliger Gewißheit zu bestimmen, was ihn wahrhaftig glücklich machen werde, darum, weil hiezu Allwissenheit erforderlich sein würde. Man kann also nicht nach bestimmten Prinzipien handeln, um glücklich zu sein, sondern nur nach empirischen Ratschlägen, z.B. der Diät, der Sparsamkeit, der Höflichkeit, der Zurückhaltung u.s.w., von welchen die Erfahrung lehrt, daß sie das Wohlbefinden im Durchschnitt am meisten befördern. Hieraus folgt, daß die Imperativen der Klugheit, genau zu reden, gar nicht gebieten, d.i. Handlungen objektiv als praktisch-notwendig darstellen können, daß sie eher für Anratungen (consilia) als Gebote (praecepta) der Vernunft zu halten sind, daß die Aufgabe: sicher und allgemein zu bestimmen, welche Handlung die Glückseligkeit eines vernünftigen Wesens befördern werde, völlig unauflöslich, mithin kein Imperativ in Ansehung derselben möglich sei, der im strengen Verstande geböte, das zu tun, was glücklich macht, weil Glückseligkeit nicht ein Ideal der Vernunft, sondern der Einbildungskraft ist, was bloß auf empirischen Gründen beruht, von denen man vergeblich erwartet, daß sie eine Handlung bestimmen sollten, dadurch die Totalität einer in der Tat unendlichen Reihe von Folgen erreicht würde.

(Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Zweiter Abschnitt http://www.zeno.org/Philosophie/M/Kant,+Immanuel/Grundlegung+zur+Metaphysik+der+Sitten/Zweiter+Abschnitt%3A+%C3%9Cbergang+von+der+popul%C3%A4ren+sittlichen+Weltweisheit+zur+Metaphysik+der+Sitten)

Georg Simmel: Leben in der Großstadt

Analyse des Aufsatzes bzw. Vortrags von Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben (1903)

Einleitung

Die Probleme des modernen Lebens ergeben sich aus dem Anspruch des Individuums, die Selbständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermacht der Gesellschaft zu bewahren. [Prämisse] Deshalb müssen wir zum Verständnis der Großstadt untersuchen, wie dort die Gleichung zwischen den individuellen und den überindividuellen Inhalten des Lebens gestiftet wird. [methodisches Postulat]

Hauptteil

These 1: Der Typus großstädtischer Individualitäten weist eine Steigerung des Nervenlebens auf, die sich aus dem raschen Wechsel der inneren und äußeren Eindrücke ergibt. Denn der Mensch ist ein Unterschiedswesen (Unterschied des augenblicklichen Eindrucks gegenüber dem vorhergehenden) [Prämisse], weshalb der rasche Wechsel der Eindrücke viel Bewusstsein verbraucht.

Folge: Das großstädtische Seelenleben ist intellektualistisch, während in der Kleinstadt Gefühl und Gemüt die Beziehungen bestimmen. So schützt sich der Großstädter gegen die Entwurzelung, mit der ihn die Großstadt bedroht. Das zeigt sich in vielen Phänomenen:

  1. Reine Sachlichkeit in der Behandlung von Menschen und Dingen, was der Dominanz der Geldwirtschaft in der Großstadt entspricht. Die Menschen sind Nummern, die Dinge bloße Waren; wirtschaftlicher Egoismus ist von unbarnherziger Sachlichkeit bestimmt.
  2. Der moderne Geist ist ein rechnender; die Menschen sind in ein festes übersubjektives Zeitschema eingeordnet, das höchste Pünktlichkeit erzwingt und alle irrationalen Impulse und souveräne Wesenszüge ausschließt.
  3. Die Menschen weisen eine große Blasiertheit auf (blasiert: überheblich, hochnäsig, abgestumpft). Sie ergibt sich aus der Unfähigkeit, auf die Vielzahl neuer Reize mit angemessener Energie zu antworten. Sie entspricht der Farblosigkeit aller Dinge in der Warenwirtschaft; dem kann das Gefühl der eigenen Entwertung entsprechen.
  4. Die Haltung der Großstädter zueinander ist von Reserviertheit bestimmt, die sich zu gegenseitiger Fremdheit und Abstoßung steigern kann.
  5. Solche Reserviertheit gewährt dem Individuum eine Art und ein Maß persönlicher Freiheit ohnegleichen. [Das wird in einem Exkurs zur sozialen Evolution erläutert.] Die Unabhängigkeit des Individuums ist nirgends größer als im Gewühl der Großstadt.

These 2: Das bedeutsamste Wesen der Großstadt liegt in ihrer funktionellen Größe, was ihr wiederum Gewicht und Erheblichkeit verleiht. Individuelle Freiheit ist das Pendant solcher Weite.

  1. Die Städte sind Orte höchster wirtschaftlicher Arbeitsteilung, was die Menschen zu höchster Spezialisierung zwingt. Sie rufen so immer neue und eigenartigere Bedürfnisse hervor.
  2. Die Spezialisierung führt zur geistigen Individualisierung seelischer Eigenschaften, und zwar aus mehreren Gründen:

    – Um Aufmerksamkeit in der Menge zu gewinnen, muss man sich qualitativ auszeichnen und absondern, was zu großen Apartheiten und Wunderlichkeiten führt.

    – Ähnlich wirkt sich die Kürze und Seltenheit menschlicher Begegnungen (im Vergleich zum Leben auf dem Land) aus.

    – Die moderne Kultur ist durch ein Übergewicht des objektiven Geistes (Kunst, Recht, Wissenschaft usw.) gegenüber dem subjektiven bestimmt – ein Ergebnis der Arbeitsteilung; diesem Übergewicht ist das Individuum in der Großstadt nicht gewachsen.

Schluss

Weil sie die beiden Formen des Individualismus – individuelle Unabhängigkeit, persönliche Sonderart – ausbildet, gewinnt die Großstadt einen neuen Wert in der Welt des Geistes. Kämpfte man in 18. Jh. um Freiheit und Gleichheit, im 19. Jh. um qualitative Einzigkeit, so ist es die Funktion der Großstädte [im 20. Jh. – man beachte das Jahr 1903!], dem Kampf und der Verflechtung dieser beiden Tendenzen Raum zu gewähren. Wir sollen darüber nicht richten, sondern es verstehen.

 

Den Text des Vortrags findet man unter http://www.socio.ch/sim/verschiedenes/1903/grossstaedte.htm oder

http://gutenberg.spiegel.de/buch/-7738/1.

Andere Analysen bieten http://www.diana-wagner.com/KuWi/Dokumente/Simmel,%20Georg-Die%20Gro%C3%9Fstaedte%20und%20das%20Geistesleben.pdf oder

http://wikifarm.phil-fak.uni-duesseldorf.de/Moderne/index.php/Simmel,_Georg:_Die_Gro%C3%9Fst%C3%A4dte_und_das_Geistesleben oder

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Gro%C3%9Fst%C3%A4dte_und_das_Geistesleben.

L. Marcuse: Sigmund Freud. Sein Bild vom Menschen – vorgestellt

Um es kurz zu machen: Das 1956 zum 100. Geburtstag Freuds veröffentlichte Buch lohnt die Lektüre nicht; es ist zu wenig informativ, gefällt sich in den von Ludwig Marcuse bekannten dialektischen Spielen (einerseits Vertrauen, anderseits Skepsis). Aber Freuds Theorie(n) werden kaum vorgestellt, es bleibt bei anekdotischen Ausblicken. Damit ist alles gesagt.

Wer sich informieren will, lese bitte

Ludwig Marcuse: Philosophie des Glücks – vorgestellt

Aus Enttäuschung über das schwache Buch Lelords, „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“, habe ich noch einmal zu Ludwig Marcuses Buch „Philosophie des Glücks“ gegriffen, das ich jetzt mindestens zum dritten Mal gelesen habe: immer noch begeistert von seinen Kenntnissen und seiner Kunst zu erzählen.

Marcuse erzählt nämlich von acht realen Menschen (Epikur, Seneca, Augustinus, Psellus, Spinoza, Robert Owen, Tolstoi und dem unbekannten Kohelet) und von zwei literarischen Figuren (Hiob, Hans im Glück) – und mit ihnen werden dann viele andere berücksichtigt – nicht nur, was sie gedacht, sondern auch, wie sie gelebt haben: auf dem Weg zu ihrem Glück. Und was sie dabei, in ihre Zeit verstrickt, Kluges und Dummes angestellt haben. Erfrischend ist die dialektische Betrachtung der Figuren, nicht nur zwischen ihrer Theorie und ihrer Praxis, sondern auch zwischen Gelingen und Versagen auf dem Weg zum Glück. Dass er dabei „Hiob“ gegen den frommen Strich bürstet, versteht sich bei einem Atheisten von selbst; und vom großen byzantinischen Lehrer und Politiker Psellus, der am Kaiserhof mitspielte, dann ins Kloster ging und wieder an den Kaiserhof zurückkehrte, habe ich erstmals bei Marcuse gelesen – die deutsche Wikipedia hat nicht einmal ein Stichwort „Psellus“, dafür muss man auf die englische zurückgreifen (https://en.wikipedia.org/wiki/Michael_Psellos).

Das Buch wurde 1949 erstmals veröffentlicht und erschien 1972 in einer überarbeiteten Version; es ist heute noch bei Diogenes zu bekommen. Das heißt, dass neuere Entwicklungen wie die Digitalisierung oder das Ende des Kalten Krieges im Buch nirgends vorkommen; ich selber erlebe das nicht als Beeinträchtigung – es wäre interessant, hierzu Stimmen junger Leser zu hören. Für mich ist Marcuse ein großer Autor, dessen Buch auch nach über 60 Jahren noch zu Recht gedruckt wird, weil er die Wege, Umwege, Schleichwege zum Glück und die Flucht vor ihm und seine Verachtung großartig analysiert hat. Man muss nicht jedem Satz zustimmen, aber man findet glänzende Einsichten [Beispiel: „So sagte im Zweiten Jahrhundert nach Christi Geburt ein gewisser Epiphanes: lächerlich sei das Wort des jüdischen Gesetzgebers ‚Du sollst nicht begehren!‘ Der Weg zum Glück liege im Aufheben des Entbehrens – nicht in der Aufforderung an die Begehrenden: begehret nicht! – Epiphanes ahnte die Glückliche Gesellschaft.“] – und vielleicht den Mut zum eigenen Glück.

Da Ludwig Marcuse bereits 1971 gestorben und heute beinahe unbekannt ist, nenne ich einige Links zu seinem Leben und Stimmen zu seinem Werk:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Marcuse

https://www.deutsche-biographie.de/sfz58122.html

https://hpd.de/node/3762

http://www.zeit.de/1960/36/wer-ist-ludwig-marcuse (1960)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43144096.html (1971)

https://www.welt.de/print-welt/article513045/Wer-war-Ludwig-Marcuse.html (2000)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/fragen-sie-reich-ranicki/fragen-sie-reich-ranicki-fragwuerdige-figur-mit-etwas-seltenem-format-1464836.html (R-R über Marcuse)

http://www.zeit.de/thema/ludwig-marcuse (L. Marcuse in der „ZEIT“)

http://www.oskarmariagraf.de/biographie-stimmen-zu-omg-ludwig-marcuse.html (Marcuse über O. M. Graf)

https://www.gutzitiert.de/zitat_autor_ludwig_marcuse_913.html (Zitate)

F. Lelord: Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück – Besprechung

François Lelord: Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück. Piper: München/Zürich 2004 (franz. 2002)

Im ersten Hector-Buch, das er geschrieben hat, „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“ geht François Lelord (resp. sein Gewährsmann Hector, seines Zeichens Psychiater) der Frage nach, „was die Leute glücklich oder unglücklich machte“. Dazu reist er in der Welt umher – ziemlich unzusammenhängend – und trifft viele Menschen, darunter alte Freunde und neue Bekannte, und erlebt von der Liebe bis zur Entführung eine ganze Menge, woraus er eine Reihe von gut 20 „Lektionen“ macht. In denen hält er sowohl Bedingungen des Glücks wie auch Situationen fest, in denen man glücklich ist. Das alles ist jedoch noch ziemlich unausgewogen und ungar, so dass Hector im Gespräch mit seinem Freund Édouard seine Erkenntnisse schließlich zusammenfasst. Es gebe fünf Sorten von Glück,

  • beschwingtes Glück 1: feiern, reisen, Liebe machen…
  • beschwingtes Glück 2: ein Ziel erreichen wollen; an einer Sache arbeiten, die einem Spaß macht…
  • stilles Glück 1: zufrieden sein (im Vergleich mit anderen oder mit der eigenen Vergangenheit oder auch ohne Vergleich)
  • stilles Glück 2: eine bestimmte Sicht einnehmen – die Welt ertragen und gelassen bleiben
  • das Glück, das man mit anderen erlebt: Freundschaft, Liebe, nützlich sein, aufmerksam sein…

Diese Liste hat den Nachteil, dass die fünfte Sorte sich mit den anderen überschneidet und dass die dritte und vierte Sorte eher Zufriedenheit als Glück umschreiben. Intellektuell sind Hectors Erkenntnisse also unbefriedigend, weil sie nur die normalen Lebenseinsichten wiederholen, die jeder schon hat, ehe er das Buch liest. Auch die im Gespräch mit dem alten weisen Mönch – ein Klischee, das nicht fehlen darf – gewonnene Einsicht, dass nicht für jeden Einzelnen der gleiche Ratschlag gelten kann, führt in der Frage nach dem Glück nicht weiter, sondern ist höchstens eine Maxime für jemand, der andere zu beraten hat (als Psychiater, siehe Hector) oder mit sich selbst zu Rate geht. Ich befürchte, Kant war bereits ein Stück klüger als Hector/Lelord, nicht nur allgemein, sondern gerade in der Frage nach den Möglichkeiten des Glücks (http://www.textlog.de/32375.html). Ich selber habe mich vor 30 Jahren auch mit der Frage nach dem Glück befasst. In dem Arbeitsbuch „Glück und Utopie“ von Leonhard Horster und Norbert Tholen (Diesterweg 1988) ist der Teil über das Glück von mir bearbeitet worden.

Noch ein Wort zum Buch und zum Stil des Erzählens: Der Wir-Erzähler, der sich an „Sie“ wendet, spricht mit den Hörern/Lesern wie mit Kindern. Das ist ganz dezent, wenn er nur andeutungsweise sagt (und als bekannt voraussetzt), was Verliebte miteinander tun; es ist witzig, wenn er das Aussehen des Psychiaters Hector beschreibt (eine Brille mit kleinen runden Gläsern, die ihm einen intellektuellen Anstrich verlieh); aber in der Erklärung, was Psychologen tun, kommt man sich (kam ich mir) eher veralbert vor. Und wenn man ein zweites Buch Lelords liest (ich habe das über die Zeit zuerst gelesen), kommen einem viele Personen und viele Scherze bekannt vor. In Lelords erstem Buch (Hectors Reise) heiratet Hector Clara und bekommt einen Sohn, während er im Zeit-Buch immer noch überlegt, ob er Clara heiraten soll. Oder zu Deutsch: Es wird recyclet – und ein Buch über die Liebe wird 2002/2004 auch angekündigt und später natürlich auch geschrieben; ich glaube, es sind sogar zwei.

http://www.dieterwunderlich.de/Lelord_Hectors_reise.htm

https://www.gluecksarchiv.de/inhalt/hector.htm

http://www.lesekost.de/westeu/fra/HHLFRA13.htm (umfangreich, sehr gut und sehr kritisch, mit weiteren Links und Literaturhinweisen)

Vgl. auch https://also42.wordpress.com/2015/07/16/sprung-ins-glueck/

Um nicht nur herumzunörgeln: Viel besser als Lelord sind z.B. Ludwig Marcuse: Philosophie des Glücks. Diogenes Verlag (seit 1949 auf dem Markt, heute noch lieferbar); Anatomie des Glücks. Hrsg. von Herbert Kundler, Köln 1971 (antiquarisch bei Amazon).

F. Lelord: Hector und die Entdeckung der Zeit – Besprechung

François Lelord: Hector und die Entdeckung der Zeit. Piper: München/Zürich 2006

Auf François Lelord bin ich durch den Hinweis einer früheren Schülerin gestoßen, die inzwischen berufstätig ist und zwei Kinder hat. So habe ich mir aus dem Katalog seiner Bücher „Hector und die Entdeckung der Zeit“ ausgesucht, weil ich meinte, von der Zeit ein bisschen zu verstehen – habe ich doch selber vor 20 Jahren ein philosophisches Arbeitsbuch dazu gemacht. Ich stieß also auf viel Bekanntes und einiges Unbekannte: in einem insgesamt liebenswerten Buch.

Ein ungenannter Erzähler („Wir“) berichtet von Hector, einem Psychiater in den besten Jahren, also mit den ersten grauen Haaren, der mit seiner Liebe zu Pascal als alter ego des Autors gelten kann. Durch diesen Protagonisten wird der Leser mit allerlei Patienten konfrontiert, die irgendwie Probleme im Umgang mit der Zeit haben. Außerdem unternimmt Hector mehrere Reisen (zu den Eskimos, nach Hongkong ?, nach Tibet, zu einem Kongress), was wiederum die Möglichkeit eröffnet, fremde Menschen zu treffen und andere Sichtweisen auf die Zeit zu eröffnen. Das ist nämlich die Methode des Autors: Er führt uns verschiedene philosophische Zeit-Fragen in Hectors Begegnung mit vielen Menschen, darunter seine Freundin Clara und er selbst, vor – nicht ohne Schmunzeln, oft werden die relevanten Autoren mehr oder weniger direkt benannt: Heidegger ist der mit dem Schnäuzer, Nietzsche der mit dem großen Schnurrbart usw. Auch Hectors Träume sind philosophisch relevant, und manchmal ist nicht ganz klar, wo die Grenze zwischen Traum und Erleben verläuft. Meistens fasst Hector seine Einsichten in kleinen „Etüden“ von zwei bis vier Zeilen zusammen, die eigentlich Anregungen sind, selber nachzudenken; manchmal sind sie auch ein wenig platt, gelegentlich widersprechen sie sich, aber das muss einen beim Nachdenken nicht hindern. Es tauchen auch ein paar Weise auf, der Schamane und der alte Mönch – das sind Klischees von Weisheit, auf die man hätte verzichten können. Dazu gehört auch, dass Hectors Lebensproblem (Soll er Clara heiraten? Sollen sie ein Kind bekommen?) sich mehr oder weniger von selber löst: Nach seiner letzten Reise ist Clara schwanger.

Philosophische Raffinesse darf man nicht erwarten, wenn man das Buch liest, aber Anstöße zum Nachdenken, viele sogar. Witzig fand ich die Überlegungen eines Chefs, der die bekannten Unterteilungen wichtig/unwichtig und dringen/nicht dringend so auflöste, dass er das Wichtige selber und das dringende Unwichtige durch Delegieren erledigte, während das nicht dringende Unwichtige im Papierkorb landete. Manches in diesem Buch ist sogar trivial oder dämlich („Zeit-Etüde Nr. 15: Stellen Sie sich vor, Sie wären eine Kuh. Sie erinnern sich nicht daran, daß Sie einmal ein Kalb gewesen sind….“); aber das mindert den Wert des ganzen Buch kaum, wenn man es in Ruhe und mit Bedacht (von „bedenken“) liest.

 

Ist der Chef ein Arschloch?

Wer denkt, dass der eigene Chef ein Arschloch ist, muss nicht unbedingt recht haben. Aber die Wahrscheinlichkeit spricht dafür.“ Mit diesen markanten Sätzen beginnt David Pfeifer seinen Bericht in der SZ („Narzisst und Leumund“, 27.12.2017, S. 1) über eine Studie der britischen Wirtschaftswissenschaftlerin Joanne Lindley; diese hat untersucht, welche Auswirkungen charakterliche Defekte auf die berufliche Entwicklung haben. Es hat sich ergeben: „Menschen mit antisozialen Persönlichkeitsstörungen sind in Führungspositionen nicht nur überrepräsentiert, sie verdienen im Durchschnitt auch mehr Geld und erhalten höhere Prämien (…).“

Gute Führungskräfte dagegen zeigen emotionale Stabilität und Offenheit ebenso wie Kreativität und den Willen zur hierarchiefreien Zusammenarbeit. Die Menschen mit auffälligen Defiziten arbeiten eher in der Administration oder in der Prozessplanung, selten als Handwerker. „Je höher ein Narzisst steigt, desto teurer und nutzloser wird er. Man könnte es auf eine Regel herunterbrechen: Je stärker jemand Chef sein will, ums weniger sollte man ihn lassen.“

Frau Lindley hat mir aus dem Herzen gesprochen. Ich kenne jeweils einen Chef vom ehemaligen NGM in Mönchengladbach und vom FMG, welche Paradebeispiele für die Ergebnisse der Studie sind.

(Vgl. https://kclpure.kcl.ac.uk/portal/en/publications/are-there-unexplained-financial-rewards-for-the-snakes-in-suits-a-labour-market-analysis-of-the-dark-triad-of-personality(ffb946d9-6544-49c9-b5cf-c51afd26b7e1).html)