Aufklärung – Mut – Dummheit

Aufklärung geht gegen Dummheit vor, will sie beseitigen, was aber nicht einfach ist. Von der Dummheit und den Schwierigkeiten, sie zu beseitigen, handelt Andersens großes Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Dort zeigt sich, wie Redlichkeit und Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und an eigener Einsicht festzuhalten, Bedingungen dafür sind, die Wahrheit zu erkennen und anzuerkennen.

Die erste Pointe des Märchens steht hier:

,Das wären ja prächtige Kleider’, dachte der Kaiser; wenn ich solche hätte, könnte ich ja dahinterkommen, welche Männer in meinem Reich zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen, ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden!

Der Kaiser ist also nicht imstande, Dumme von Klugen zu unterscheiden, und sucht ein „einfaches“ bzw. sicheres Mittel dafür – was ein Zeichen von Dummheit ist.

Es folgt als zweite Pointe:

Alle Menschen in der ganzen Stadt wussten, welche besondere Kraft das Zeug habe, und alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei.

Die Leute sind allesamt dumm – sie rechnen nämlich nur mit der Möglichkeit, dass andere dumm sein könnten, nicht aber sie selbst; so viel Egozentrik ist dumm.

Die dritte nebst folgenden Pointen findet man hier:

,Dumm bin ich nicht’, dachte der Mann; ‚es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge! Das wäre seltsam genug, aber das muss man sich nicht anmerken lassen!’ Daher lobte er das Zeug, das er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster.

Aus Angst, gegen das „schlaue“ Geschwätz der vermeintlichen Fachleute allein zu stehen und für dumm zu gelten, verlässt er sich nicht auf den Augenschein und den gesunden Menschenverstand, sondern spielt deren Spiel gegen eigene Einsicht mit.

Erst das Kind, das diese Angst nicht kennt, hat die Courage, einfach laut die Wahrheit zu sagen. Hier gilt wirklich das Wort Jesu: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich [des Erkennens, der Wahrheit] eingehen.

Vgl. die kurze Analyse https://norberto42.wordpress.com/2010/10/30/andersen-des-kaisers-neue-kleider-kurze-analyse/.

Was ist meine Identität?

Im „Lexikon der Psychologie“ finden wir einen Essay von Heiner Keupp, in dem er sich mit dem Begriff der Identität auseinandersetzt. Dieser Essay beginnt so:

 

Begriff

Identität läßt sich als die Antwort auf die Frage verstehen, wer man selbst oder wer jemand anderer sei. Identität im psychologischen Sinne beantwortet die Frage nach den Bedingungen, die eine lebensgeschichtliche und situationsübergreifende Gleichheit in der Wahrnehmung der eigenen Person möglich machen (innere Einheitlichkeit trotz äußerer Wandlungen). Damit hat die Psychologie eine philosophische Frage aufgenommen, die Platon in klassischer Weise formuliert hatte. In seinem Dialog „Symposion“ („Das Gastmahl“) läßt er Sokrates in folgender Weise zu Wort kommen: „… auch jedes einzelne lebende Wesen wird, solange es lebt, als dasselbe angesehen und bezeichnet: z.B. ein Mensch gilt von Kindesbeinen an bis in sein Alter als der gleiche. Aber obgleich er denselben Namen führt, bleibt er doch niemals in sich selbst gleich, sondern einerseits erneuert er sich immer, andererseits verliert er anderes: an Haaren, Fleisch, Knochen, Blut und seinem ganzen körperlichen Organismus. Und das gilt nicht nur vom Leibe, sondern ebenso von der Seele: Charakterzüge, Gewohnheiten, Meinungen, Begierden, Freuden und Leiden, Befürchtungen: alles das bleibt sich in jedem einzelnen niemals gleich, sondern das eine entsteht, das andere vergeht“ (Platon 1958, 127 f.).
Identität ist ein Akt sozialer Konstruktion: Die eigene Person oder eine andere Person wird in einem Bedeutungsnetz erfaßt. Die Frage nach der Identität hat eine universelle und eine kulturell-spezifische Dimensionierung. Es geht immer um die Herstellung einer Passung zwischen dem subjektiven „Innen“ und dem gesellschaftlichen „Außen“, also um die Produktion einer individuellen sozialen Verortung. […] Genau in dieser Funktion wird der Doppelcharakter von Identität sichtbar: Sie soll einerseits das unverwechselbar Individuelle, aber auch das sozial Akzeptable darstellbar machen. Insofern stellt sie immer eine Kompromißbildung zwischen „Eigensinn“ und Anpassung dar.
(http://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/identitaet/6968)

 

Und bei Herrn Stangl lesen wir Folgendes:

Jeder Mensch ist, wie er ist, und hat dabei eine Vorstellung davon, wie und wer er ist, er besitzt eine Identität. Diese Identität findet und entwickelt er im Laufe seines Lebens, wobei ihm die Sprache hilft, denn Menschen erzählen gerne über sich selbst, über das, was sie erlebt und unternommen haben und wie sie in dieser und in jener Situation reagiert haben. Menschen suchen dabei nach jenen Eigenschaften, die sie als Person kennzeichnen und unverwechselbar machen, d.h., sie formen durch die Erzählungen ihre „narrative Identität“. Im Laufe der Zeit entwickeln, bekräftigen oder verändern sie ihre Selbsterzählungen, d.h., sie (re)konstruieren sie ihr Selbst aus den erinnerten Episoden ihrer Vergangenheit fortlaufend und verweben Anekdoten aus ihrer Vergangenheit zu einer Lebensgeschichte, einer umfassenden Erzählung darüber, wie sie zu der Person wurden, die sie sind. […]

Identität bedeutet nach Erikson (1994), dass man weiß, wer man ist und wie man in diese Gesellschaft passt. Aufgabe des Jugendlichen ist es, all sein Wissen über sich und die Welt zusammenzufügen und ein Selbstbild zu formen, das für ihn und die Gemeinschaft gut ist. Seine soziale Rolle gilt es zu finden. Ist eine Rolle zu strikt, die Identität damit zu stark, kann das zu Intoleranz führen. Schafft der Jugendliche es nicht, seine Rolle in der Gesellschaft und seine Identität zu finden, führt das nach Erikson zu Zurückweisung. Menschen mit dieser Neigung ziehen sich von der Gesellschaft zurück und schließen sich u.U. Gruppen an, die ihnen eine gemeinsame Identität anbieten. Wird dieser Konflikt erfolgreich ausbalanciert, so mündet das in die Fähigkeit der Treue. Obwohl die Gesellschaft nicht perfekt ist, kann man in ihr leben und seinen Beitrag leisten, sie zu verbessern.
(http://lexikon.stangl.eu/522/identitaet/ © Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik)

 

Diese umfangreichen Überlegungen machen es – finde ich – fraglich, ob man im Zusammenhang der Zeugung bereits von Identität sprechen kann. Ich las heute in der SZ einen Beitrag über anonyme Samenspende und künstliche Befruchtung, in dem jemand polemisierte, derart gezeugte Menschen litten später daran, dass sie ihren „leiblichen“ Vater und damit ihre Identität nicht kennten. Hier wird m.E. der Begriff der Identität missbraucht, um eine ethische Frage (Ist anonyme Samenspende etwas Gutes oder etwas Schlechtes?) zu entscheiden; das gibt der Begriff oder der Wunsch nach Identität nicht her: Ei- und Samenzelle machen nicht meine Identität aus; die gründet vielmehr in meiner Lebensgeschichte (statt im organischen Material) und in der Art, wie ich sie verarbeiten kann.

Welche Vielzahl von Aspekten mit dieser Identität zusammenhängen, kann man fluter-Heft Nr. 61 (http://www.fluter.de/heft61) nachlesen („Kann ich nicht mal nicht ich sein?“), obwohl auch dort manches Versponnene unter den Begriff der Identität gepackt wird, zum Beispiel im Artikel „Keine Lesbe, eher Queer. Sexuelle Identitäten sind oft nicht so eindeutig.“ Was „Julia Martin“ da von sich erzählt, ist für sie sicher wichtig, hat aber m.E. nichts mit ihrer Identität zu tun; ich definiere mich ja auch nicht darüber, ob ich lieber trockenen Rotwein oder feinherben Riesling mag und ob das Schwanken zwischen fruchtsüßen und trockenen Weinen im Lauf meines Lebens meine Identität ausmacht. „Nun fühle ich mich ganz so, als sei ich endlich bei mir selbst angekommen, was meine sexuelle Orientierung betrifft.“ (J. Martin). Ich stehe derzeit auf Riesling, halbtrocken: Nun fühle ich mich ganz so, als sei ich endlich bei mir selbst angekommen, was meine vinologische Orientierung betrifft.

 

https://www.erf.de/online/das-thema/identitaet/18058 (etwas Evangelisches)

https://christophwallrafen.de/identitaet/ (Christoph Wallrafen verkauft als „Identitätsexperte“ seine Kenntnisse…)

http://home.edo.tu-dortmund.de/~hoffmann/ABC/Identitaet.html (Kontext: Migration und Mehrsprachigkeit)

http://www.kulturglossar.de/html/i-begriffe.html (ein Vademecum durch den Kulturdschungel…)

https://www.bpb.de/apuz/32223/hybride-identitaeten-muslimische-migrantinnen-und-migranten-in-deutschland-und-europa?p=all (Muslime in Europa)

http://ods3.schule.de/aseminar/entwicklung/identitaet.htm (aus Gedanken zu entwicklungspsychologischen Grundlagen des Unterrichts)

 

Kurz und knackig zum Schluss die Definition aus der Uni Freiburg:

Identität

Die in sich und in der Zeit als beständig erlebte Einheit der Person. Ich-Identität bewirkt, daß das Individuum zwischen seiner persönlichen Identität (d.h. der Struktur seiner  individuell gemachten Erfahrungen während der Lebensgeschichte: vertikale Dimension) und seiner sozialen Identität (d.h. den ihm durch Rollenerwartungen abverlangten Verhaltensstrukturen: horizontale Dimension) ein Balanceverhältnis herstellen kann. Ich-Identität ist ebenso auf die verhaltensstabilisierende Wirkung der sozialen Rollen angewiesen, wie umgekehrt Ich-Identität mit in das persönlichkeitsbestimmte Rollenverhalten eingeht. (http://www.medpsych.uni-freiburg.de/OL/glossar/body_identitat.html)

Der Fairness halber muss man sagen, dass von Identität in Bedeutungsnuancen gesprochen wird:

https://www.dwds.de/wb/Identität

http://www.duden.de/rechtschreibung/Identitaet

http://de.pons.com/übersetzung?q=Identität&l=dede&in=ac_de&lf=

Glauben statt denken?

Der Deutschlandfunk berichtete am 1. Februar 2017 über eine Veranstaltung mit Christina Aus der Au:

Denkst du noch oder glaubst du schon?

Christina Aus der Au, Präsidentin des Evangelischen Kirchentages, sprach in Erfurt über die Vereinbarkeit von Glauben und Wissenschaft. […]

Der Titel ist einfach unglaublich: Hier wird ein Ende des Denkens propagiert, um den/das Glauben als die höhere Form der Erkenntnis anzupreisen. Angeblich befragen die modernen Atheisten die Voraussetzungen ihres Denkens nicht – wenn Frau Aus der Au da mal kein Eigentor schießt! 

Ich kann die Frage nur in der Form stellen: Glaubst du noch oder denkst du schon? Denken als eigenverantwortliche Tätigkeit des Subjekts darf nicht enden, selbst wenn jemand „gläubig“ wird oder ist; die große Frage ist doch, ob man noch gläubig bleiben kann, wenn man selber zu denken beginnt, statt sich auf die religiöse Tradition zu verlassen – ungezählte deutsche Pfarrerssöhne haben diese Frage mit Nein beantwortet. Was einen zur Religion treibt, sind nicht der Vernunft entstammende Gründe und Abgründe, das kann ich aus meiner Erfahrung behaupten.

https://mothersdirt.wordpress.com/2017/02/16/jehovas-interview/ (Interview mit einem Betroffenen, mit Links)

http://fachverband-ethik.de/fileadmin/daten_bawue/dateien/unterrichtsmaterialien/reader_religionskritik.pdf (Religionskritik)

http://www.religionskritik.net/forum/

https://www.ktf.uni-bonn.de/Einrichtungen/fundamentaltheologie/server-dateiensammlung-fr.-verweise-artikel-dieser-homepage/dateien/downloads-veranstaltungen-skripte-u.ae/skript-religionskritik-2014-15/view (dort kann man ein Skript einer Vorlesung herunterladen)

http://www.spiritueller-blog.com/religionskritik-alle-artikel-ueber-religion

https://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-11097/Religionskritik.pdf

http://www.payer.de/relkritiklink.htm

http://www.deutschlandfunk.de/religionskritik-wie-geht-das-richtig-die-freiheit-sich.886.de.html?dram:article_id=365905

http://www.atheismus-info.de/ (Atheismus)

http://www.zeit.de/thema/atheismus

http://www.atheodoc.com/einleitung/iii-atheistische-aufklarung-ist-heute-notiger-denn-je/

Ambivalenz – und wie man damit umgehen kann

Bei Walter Schulz („Ich und Welt“, 1979) bin ich im IX. Kapitel („Ich und die anderen“) auf den Begriff der Ambivalenz gestoßen – seit ich ihn kenne, ist er für mein Denken und Fühlen brauchbar und fruchtbar gewesen. Gegenüber den Vorstellungen, in denen wir Älteren erzogen worden sind: Die Liebe etwa müsse rein und frei von Egoismus, Zweifel oder Hass usw. sein, drückt das Konzept der Ambivalenz eine wichtige Erfahrung aus, dass dem nämlich nicht so ist – und wenn man weiterdenkt: nicht so sein muss. Ich habe deshalb mit der empfehlenswerten Maschine Quant (https://www.qwant.com/) mich einmal im Netz umgeschaut, was es dort über die Ambivalenz zu lesen gibt:

„Mit Ambivalenz bezeichnet man das gleichzeitige Vorhandensein zweier gegensätzlicher Gefühle, also zum Beispiel Liebe und Hass. Dies kann zum Beispiel einer Person gegenüber der Fall sein, mit der man gefühlsmäßig in einer engen Beziehung steht. Dieses Nebeneinander widersprüchlicher Gefühle ist ein durchaus normales Phänomen und wird von psychisch stabilen Menschen bewältigt.“

(http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/projekte/slex/seitendvd/konzeptg/l50/l5017.htm)

„Je nachdem, wie viele der nachfolgenden Bedingungen zutreffen, beobachtet werden oder zur Sprache kommen, wird das Konzept der Ambivalenz in einer eher allgemeinen Weise oder in einer prägnanten Weise – als Deutungsmuster oder als Forschungskonstrukt – genutzt. Diese Bedingungen sind:

Erstens das Vorhandensein ausgeprägter Gegensätze („Polaritäten“). Dabei kann ein einzelner „Sachverhalt“ oder es können auch mehrere „Sachverhalte“, Aufgaben, Felder oder „Dimensionen“ der Beziehungsgestaltung in Betracht gezogen werden. Denkbar sind auch Verknüpfungen.

Zweitens der Umstand, dass diese Gegensätze gleichzeitig bestehen und die Beteiligten in ihrem Fühlen, Denken und Wollen zwischen diesen hin und her pendeln, schwanken („oszillieren“).

Drittens der Umstand, dass dieses Oszillieren während kürzerer oder längerer Zeit in einer bestimmten Situation, bei der Erfüllung einer Aufgabe, vor einer Entscheidung, in einem biographischen Übergang (z.B. Auszug aus dem Elternhaus) oder im Blick auf eine lange Zeit des Zusammenlebens eingebunden ist (und so lange auch als unlösbar angesehen wird).

Durchgängig besteht implizit oder explizit die Annahme, dass die Spannungsfelder, die Erfahrungen des Oszillierens sowie deren Eingebundensein in einen Handlungszusammenhang von kürzerer oder längerer Dauer für das Selbstbild und die Persönlichkeitsentwicklung (die „Identität“) der beteiligten Person(en) von Belang sind.

Zusammengefasst schlage ich folgende kompakte Definition vor:
Von Ambivalenzen kann man sprechen, wenn Menschen auf der Suche nach der Bedeutung von Personen, sozialen Beziehungen und Tatsachen, die für Facetten ihrer Identität und dementsprechend für ihre Handlungsbefähigung wichtig sind, zwischen polaren Widersprüchen des Fühlens, Denkens, Wollens oder sozialer Strukturen oszillieren, die zeitweilig oder dauernd unlösbar scheinen. Dabei können persönliche Beeinflussung, Macht und Herrschaft von Belang sein.

Wichtig an der hier vertretenen Sichtweise ist ferner, dass Ambivalenzen nicht von vorneherein und durchgängig „negativ“ bewertet werden, sondern Erfahrungen umschreiben, die unterschiedlich bewertet werden können, je nachdem, wie damit umgegangen wird. Es können sich daraus Anstöße für neue Erkenntnisse und kreatives Handeln ergeben, so auch in der Kunst, Literatur und Musik.

[…] Menschen können als „homines ambivalentes“ bezeichnet werden. Damit ist hier keine „Wesenszuschreibung“ des Menschen gemeint, sondern eine Heuristik. Sie beinhaltet, erstens, die Annahme, dass Menschen Ambivalenzen erfahren, erkennen oder verdrängen können und auf unterschiedliche Weise damit umzugehen vermögen. Diese Heuristik beinhaltet zweitens auch die Möglichkeit und die Notwendigkeit der dynamischen, kritischen Reflexion seiner selbst, eingeschlossen seiner Ambivalenz gegenüber Ambivalenzerfahrungen und ihrer Thematisierung.

Man kann darin eine Last sehen. Ist dies der Fall, werden Ambivalenzen im alltäglichen Handeln ebenso wie in der Theorie problematisiert und sogar verdrängt. Man kann darin aber auch die Chancen einer dynamischen Offenheit erkennen. So gesehen geht es – paradox ausgedrückt – um eine rationale Alternative zur alleinigen Vorherrschaft der Idee der Rationalität. Sie nährt sich pragmatisch wiederum von der Akzeptanz kontingenter Elemente im menschlichen Leben, seiner Schicksalhaftigkeit und dem Verwundern über das Auftauchen von unerwartet Neuem.“

Kurt Lüscher (http://www.kurtluescher.de/ambivalenz.html)

„In der Begegnung mit dem Du wird der Mensch mit Vielfalt und Widersprüchen konfrontiert, in der Es-Welt schafft er sich Eindeutigkeit und Strukturiertheit, also Ordnung. So entstehen Sicherheit und Kontinuität, die die Begegnung, ein sich Einlassen auf den Augenblick und die Überraschung durch den anderen ermöglichen. Beziehung meint immer sowohl die Unsicherheit des anderen als auch die Sicherheit des Gewohnten. Die Dialogik als seelisches Prinzip bemüht sich, den anderen nicht festzulegen, nicht seiner habhaft zu wer-[<146]den. Ein Denken in Gegensätzen sperrt sich grundsätzlich gegen Fixierung und Verschlossenheit. Es setzt Offenheit gegenüber allem anderen voraus, läßt Ungewißheit zu und verweigert sich jeglicher Vorbestimmtheit, was erst Begegnung und Wachstum im Sinne einer Entwicklung ermöglicht. Die von der Dialogik geforderte Offenheit für das andere, für den Widerspruch, impliziert als Grundlage seelischer Existenz Spannung und Konflikt, die individuell wie gesellschaftlich Bewegung und Lebendigkeit fördern. Vermeidung oder Unterdrückung des Dialogs und Widerspruchs dagegen führen zu Stagnation und Leere. Der Widerspruch wird demnach nicht als Negation und Ausschluß verstanden, sondern als ‚öffnende‘ und ‚vervollständigende‘ Beziehungsmöglichkeit.

Eine derartige Erweiterung des Ambivalenzbegriffes legt eine ‚psychologische Theorie des Widerspruchs‘ nahe: Ambivalenz nicht mehr als pathologisches Phänomen, sondern als eine normale und generell notwendige seelische Erscheinung. Die Beschäftigung mit der Dialogik hat gezeigt, daß grundsätzlich jedes Denken, Fühlen und Handeln von inneren und äußeren Einflüssen, von gegensätzlichen Gefühlen, Erwartungen und Zielsetzungen geleitet ist. Die Ambivalenz mit ihren widersprüchlichen Inhalten spiegelt die vielgestaltige Umwelt des Menschen. Seelische Gesundheit beinhaltet die Fähigkeit, diese Spannungen und Widersprüche wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und sie auszuhalten; sie nicht nur als belastend, sondern auch als entwicklungsfördernd, als Chance, zu betrachten, d.h. bewußt mit ihnen zu leben. […]

Wurde zuerst versucht, die Ambivalenz als Phänomen zu beschreiben, so soll nun der Begriff in seiner dynamisch strukturellen Bedeutung verwendet werden. Grundgedanke ist dabei, daß Ambivalenz ein entwicklungsförderndes Potential enthält. Psychisches Wachstum spielt sich im Spannungsfeld von Autonomie und Abhängigkeit ab. Dieses Spannungsfeld zeigt sich m der Beziehung zur Umwelt als Grundkonflikt zwischen Bindung und Loslösung. Dieser Grundkonflikt führt zu besonders großen Spannungen, wenn es darum geht, einen Schritt in Richtung Individuation zu machen, d.h. er ist oft die treibende Kraft zur Reifung und Veränderung. Die sich auf diese Weise immer weiter differenzierenden Beziehungsmöglichkeiten und die damit einhergehende wachsende psychische Strukturierung wird als progressives Element des Entwicklungsprozesses gesehen. Die Unterdrückung des jeweils phasenspezifischen Konflikts dagegen verhindert die Entwicklung sowohl zur Beziehungsfähigkeit als auch zur Selbstverwirklichung, d.h. es findet eine Regression im Sinne einer ‚Abwehr der Individuation‘ statt.“

Elisabeth Otschreth, Auszüge aus ihrem Buch „Ambivalenz“, 1988 (http://www.sgipt.org/lit/asang/ambiv.htm#6.%20Ambivalenz%20als)

Vgl. auch

http://www.medizin-im-text.de/blog/2014/2058/ambivalenz/

http://www.neuro24.de/show_glossar.php?id=92

http://symptomat.de/Ambivalenz

http://www.psychology48.com/deu/d/ambivalenz/ambivalenz.htm

http://www.kurtluescher.de/downloads/KL_Ambivalente_erkunden.pdf (Lüscher: Das Ambivalente erkunden, 2013)

http://www.kurtluescher.de/downloads/KL_homines_ambivalentes.pdf (Lüscher: Menschen als „homines ambivalentes“, 2012)

http://www.kurtluescher.de/downloads/KL_Spiel_mit_Ambivalenzen.pdf (Lüscher: Spiel mit Ambivalenzen, 2011)

http://www.kurtluescher.de/downloads/KL_Ambivalenz_weiterschreiben.pdf (Lüscher: Ambivalenz weiterschreiben, 2011)

http://www.kurtluescher.de/downloads/KL_Homo_ambivalens.pdf (Lüscher: „Homo ambivalens“, 2010)

https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/fileadmin/Psychosomatische_Klinik/Ringvorlesung/Ambivalenz___Borderline_handout.pdf

https://www.br.de/radio/bayern2/wissen/radiowissen/psychologie/ambivalenz-konflikt-100.html

http://www.sgipt.org/medppp/gesch/ambiv-g.htm (Bleuler, 1910 – die Erfindung des Begriffs)

Bereits Kierkegaard (und nach ihm Freud) hat die Ambivalenz als Merkmal der Subjektivität entdeckt, welches nach seiner Auffassung ein gelingendes Leben unmöglich macht (Walter Schulz: Grundprobleme der Ethik, 1989, S. 196 f.).

Walter Schulz: Ich und Welt

Derzeit lese ich wieder Walter Schulz: Ich und Welt. Philosophie der Subjektivität, 1979. Schulz geht vom Selbstbewusstsein aus, in dem das denkende Ich sich selbst erfasst, ohne sich erfassen zu können. Wie es in diesem Selbstbezug zugleich auf die Welt bezogen ist und wie es vergeblich versucht, sich selbst einen Grund zu geben oder einen absoluten Grund zu finden, legt Schulz in der Auseinandersetzung mit der philosophischen Tradition dar. – Die Intensität und die Gelassenheit seines Denkens beeindrucken mich.

http://www.philosophie.rwth-aachen.de/global/show_document.asp?id=aaaaaaaaaabpjxr (Gesamtdarstellung des Schulz’schen Denkweges durch Dieter Wandschneider; S. 563 f. über „Ich und Welt“)

http://elib.uni-stuttgart.de/bitstream/11682/5254/1/Reusch.pdf (Dissertation über Subjektivität, darin S. 73 ff.)

http://www.zeit.de/1991/43/verdaechtige-kreatur-mensch (Gespräch mit Walter Schulz, 1991)

https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_in_der_ver%C3%A4nderten_Welt (sein erstes Hauptwerk)

http://www.beck-shop.de/fachbuch/leseprobe/9783608910834_ReadingSample_1.pdf (Inhaltsübersicht einer Gesamtdarstellung der Philosophie Schulz’)

https://www.uni-hildesheim.de/media/fb3/deutsche_sprache/PDF/Schweben-LMU-12.pdf (Toni Tholen zur Metaphysik des Schwebens, in Anlehnung an Schulz)

http://www.zeit.de/2000/26/Walter_Schulz (Würdigung Schulz’ anlässlich seines Todes im Juni 2000)

 

Die Erfahrungen, an denen die theoretischen Überlegungen der Philosophen ansetzen, kennt natürlich jeder normale Erwachsene:

Es gibt ein sehr schönes Gedicht Goethes, „Warum gabst du uns die tiefen Blicke“ (http://www.deutschelyrik.de/index.php/warum-gabst-du-uns-die-tiefen-blicke.html), 1776 (Verhältnis zu Frau von Stein), welches nie von ihm veröffentlicht wurde. In der zweiten Strophe unterscheidet er das eigene Liebesverhältnis von anderen:

„Ach, so viele tausend Menschen kennen,
Dumpf sich treibend, kaum ihr eigen Herz,
Schweben zwecklos hin und her und rennen
Hoffnungslos in unversehnem Schmerz;
Jauchzen wieder, wenn der schnellen Freuden
Unerwart´te Morgenröte tagt.
Nur uns armen liebevollen Beiden
Ist das wechselseitge Glück versagt,
Uns zu lieben, ohn uns zu verstehen,
In dem andern sehn, was er nie war,
Immer frisch auf Traumglück auszugehen
Und zu schwanken auch in Traumgefahr.“

Die anderen machen sich also laut Goethe in ihrem Lieben etwas vor (eine gute Beobachtung: Wenn man verliebt ist, jagt man ja einem Traumbild hinterher, sieht aber nicht den wirklichen Menschen, und in Liebesannoncen werden „die Schmetterlinge im Bauch“ gesucht, wofür der reale andere Mensch nur ein Vorwand ist), während er und seine Geliebte sich (angeblich) nicht „lieben, ohn uns zu verstehen“ oder in dem anderen etwas zu sehen, „was er nie war“.

In einer ruhigen Stunde hätte Goethe sich jedoch fragen können: Stimmt das wirklich? Weiß ich sicher, dass ich die reale Charlotte liebe und kenne (und dass Charlotte wirklich mich und nicht ein Traumbild, ein Manns-Bild liebt – ich denke, das hat er sich später auch gefragt, aber das führt jetzt zu weit)? Und woher weiß ich, dass ich das sicher weiß? – Damit hätte Goethe dann die Position erreicht, die theoretisch Descartes 140 Jahre vorher formuliert hat: Letztlich kann ich alles bezweifeln; das einzige, was mir „sicher“ bleibt, bin ich selbst in meinem Zweifeln.

Wer ist nun aber das Ich, das sich seiner im Zweifeln sicher ist? Es ist nicht der reale Johann Wolfgang – wer das ist, ist dem zweifelnden Johann Wolfgang durchaus zweifelhaft, undurchschaubar in seinen wahren Motiven, sondern ein „reines“ Ich als Prinzip und Ursprung des Zweifelns oder Denkens, das eigentlich so viel wie nichts ist und von dem ich nichts sagen kann.

Wie aber komme ich von dieser Einsicht aus wieder in den Alltag, Johann Wolfgang wieder zu seiner Charlotte? Descartes hat noch gemeint, ein absolutes Ich („Gott“) garantiere uns diesen Übergang, und um 1800 hat man gemeint, das reine Ich sei wirkmächtig wie früher GOTT und erschaffe sich seine Welt; aber davon kann nach allgemeiner Einsicht heute nicht mehr die Rede sein. Also muss Johann Wolfgang so leben, als ob er wüsste, dass er Charlotte wirklich liebt – dabei kann er doch wissen und weiß es auch eigentlich, dass er das nicht mit Sicherheit wissen kann. Er wird also vorläufig so leben, als ob… und dabei auf „Zeichen“ achten, die ihm seine Meinung bestätigen oder infrage stellen, wobei er wiederum nicht weiß, wie sicher die „Wahrheit“ der Zeichen ist. Aber er „muss“ sich entscheiden, ihnen zu trauen oder sie zu bezweifeln; heute würde er auch noch Psychologie und Soziologie studieren können, aber damit könnte er nur allgemeine Phänomene erklären, ohne sich selber oder seine Charlotte wirklich und wahrhaftig durchschauen zu können.

Die Reflexionsphilosophie beschäftigt sich nun mit den Versuchen, die Position des reinen Ich und seines Zugangs zur Welt zu klären, und zwar nach allen Seiten, die dabei in den Blick kommen, und in Auseinandersetzung mit denen, die es auch schon versucht haben. Walter Schulz hat darüber ein Buch von 260 Seiten geschrieben, später ist ihm noch mehr dazu eingefallen; fürs praktische Leben genügt die Erfahrung, dass man wirklich sich keiner Sache sicher sein kann, auch nicht der eigenen Motive, dass man sich aber trotzdem aufs Leben einlassen muss – wobei als Frage bleibt, wie man das dann noch guten Gewissens tun kann und zu welchen Revisionen man bereit sein müsste (muss/darf). Darüber gilt es nachzudenken.

Bei der Diskussion des Verhältnisses von Trieb und Wille (S. 121 ff.) sagt Schulz u.a. Folgendes: „Die Herausstellung eines nichtgeistigen Urgrundes im Ego dagegen – das ist das Wesentliche – zeigt auf die Tatsache hin, daß sich das Ich gar nicht ganz erhellen kann. (…) das Schema des Hin- und Herüberlegens, das durch den Entschluß aufgehoben wird, stellt eigentlich eine Überinterpretation dar. Es setzt die Ebene der Rationalität zu hoch an, als ob das alles in sachlicher Ruhe ohne den dunklen Egoitätsdruck vor sich ginge. (…) Der Wille ist, so kann man definieren, durch die Spannung von Einzelheit und Allgemeinheit bestimmt [das Denken ist nämlich auf Allgemeinheit bezogen, N.T.]. (…) das Ich kann sich selbst nie eindeutig und endgültig zur Allgemeinheit hin überschreiten, sondern nur seine Egoität in Richtung auf diese hin ‚läutern’.“ (S. 128 f.)

Beiträge aus meinem Blog also.kulando.de

Über die Suchmaschine https://web-beta.archive.org/ kann man untergegangene Webseiten wieder finden (wenn man Glück hat). Ich habe so noch ein paar alte Beiträge aus also.kulando.de gerettet:

 

Geschichte und Bedeutung der HÖLLE

[aus: http://also.kulando.de | 19 Juli, 2009 15:30

Die Hölle war eine praktische Einrichtung: Dort konnte man alle Sünder braten, und mit dieser Drohung kriegte man die Sünder hier schon einigermaßen in den Griff, hoffte man (seitens der christlichen Kirche[n]).

Johann Schloemann berichtete in der SZ vom 13. Juli 2009 („Gerechtigkeit ist Terror“) über Untersuchungen zur Geschichte der Höllenvorstellung, wie sie in der Zeitschrift Numen (56. Jg., Heft 2-3) festgehalten sind:

  1. Im frühen Christentum gab es die Hölle nicht, in der Apokalypse kommt nur der Teufel in die Hölle; für die frühen Christen reichte es, nicht in die Königsherrschaft Gottes zu kommen.
  2. Über die apokryphen „Apokalypse des Petrus“ (2. Jh.) und „Apokalypse des Paulus“ (um 400) wurde die Hölle eingeführt; das Höllenbild wurde dann von Gregor d. Großen und „Sibyllinische Orakel“ endgültig geschaffen und ausgemalt.
  3. In der Paulus-Apokalypse ist deutlich zu sehen, dass mittels der HÖLLE die Amtsträger der Kirche diszipliniert werden sollten (Drohungen gegen unzüchtige Diakone und solche Burschen).
  4. Die Quellen der HÖLLE sind jüdisch-mystisch und heidnisch.
  5. In die HÖLLE gingen auch Vorstellungen von den Leiden der großen Rebellen Tityos, Tantalos und Sisyphos (Odyssee) ein; ansonsten kam man in Griechenland in den Hades, ein trauriges Schattenreich sinnloser Existenz.
  6. Die davon abweichende Vorstellung einer Bestrafung nach dem Tod erfüllt das grausame Bedürfnis nach Gerechtigkeit: „Gerechtigkeit, auf das Wesentliche entkleidet, ist Terror.“ (Walter Burkert) [Gerechtigkeit ist im Letzten nicht gerecht, weil wir unseren Taten nicht gewachsen sind: von Manes Sperber nachgewiesen, N.T.]

 

Befreiung des Geistes

also | 15 Juli, 2009 10:42

  1. Wenn man den menschlichen Geist von einer Hypothese befreit, die ihn unnötig einschränkte,
    die ihn zwang, falsch zu sehen, falsch zu kombinieren,
    anstatt zu schauen zu grübeln, anstatt zu urteilen zu sophistisieren,
    so hat man ihm schon einen großen Dienst erzeigt.
    Er sieht die Phänomene freier, in andern Verhältnissen und Verbindungen an, er ordnet sie nach seiner Weise,
    und er erhält wieder die Gelegenheit, die unschätzbar ist, wenn er in der Folge bald dazu gelangt, seinen Irrtum selbst wieder einzusehen.
    (Goethe: Maximen und Reflexionen – Zeilenschnitt von mir) 

 

Lebensweg

also | 04 Juni, 2009 17:10

„Der Mensch mag seine höhere Bestimmung auf Erden oder im Himmel, in der Gegenwart oder in der Zukunft suchen, so bleibt er deshalb doch innerlich einem ewigen Schwanken, von außen einer immer störenden Einwirkung ausgesetzt, bis er ein für allemal den Entschluß faßt, zu erklären, das Rechte sei das, was ihm gemäß ist.“

„Es sind wenig Biographien, welche einen reinen, ruhigen, steten Fortschritt des Individuums darstellen können. Unser Leben ist, wie das Ganze, in dem wir enthalten sind, auf eine unbegreifliche Weise aus Freiheit und Notwendigkeit zusammengesetzt. Unser Wollen ist ein Vorausverkünden dessen, was wir unter allen Umständen tun werden. Diese Umstände aber ergreifen uns auf ihr eigne Weise. Das Was liegt in uns, das Wie hängt selten von uns ab, nach dem Warum dürfen wir nicht fragen, und deshalb verweist man uns mit Recht aufs Quia.“

Goethe: Dichtung und Wahrheit, 11. Buch (HA 9, S. 463, Z. 16 ff., und S. 478, Z. 28 ff.) – vgl. dazu auch Goethes „Urworte. Orphisch“!

Erläuterung: quia, meist mit „weil“ übersetzt, heißt wörtlich: in Beziehung auf was?

 

Wenn sich der Krieg wieder lohnt

also | 26 Mai, 2009 11:34

Dieser Gedanke, also der Aspekt der Ökonomie der neuen Kriege, bestimmt Herfried Münklers Buch „Die neuen Kriege“ (2002).

Münkler zeigt, wie für die Warlords und ihre meist jungen Kämpfer der Krieg sich ökonomisch und vom Prestige her lohnt; wie die Hilfslieferungen der Internationalen Organisationen dazu beitragen, die neuen Kriege zu verlängern; wie die Berichterstattung längst ein Teil des Kriegsgeschehens  geworden ist; wie die „Rationalisierung“ des Krieges als ethnisch oder religiös fundiert willkommen ist, weil man ihn so durch Aufklärung glaubt überwinden zu können. Wenn man das Buch liest (die Hälfte genügt, der Rest ist Wiederholung: ein Buch hoher Redundanz!), versteht man das rational, was bei erster Betrachtung als politische Verderbtheit einzelner PLO-Führer erscheint (Matt Beynon Rees: Ein Grab in Gaza, 2009).

Daneben und nicht ganz mit dem Grundgedanken vereinbar wird erklärt, wie es zu den Massenvergewaltigungen in den neuen Kriegen kommt; die haben in der Tat die Bedeutung, ethnische „Säuberung“ vorzubereiten bzw. durchzuführen.

Münkler argumentiert aus dem Vergleich mit der europäischen Geschichte, wo die Kriege zunehmend staatenbildend wirkten, während die neuen Kriege Ergebnis und Ursache des Staatenzerfalls seien. Dieser Blick des Autors ist, wenn man so will, wissenschaftlich-zynisch; aber der humantiäre Blick allein zeitigt durchaus inhumane Folgen. Manchmal sieht man eben nicht nur mit dem Herzen gut, sondern auch mit dem analytischen Verstand.

 

Bildhaftes Denken

also | 30 März, 2009 20:55

Logik bildhaften Denkens,
vorgeführt an Rätseln: Wie man Bilder nur versteht, wenn man sie nicht einzeln „deutet“, sondern sie im Zusammenhang sieht.

  1. Am einfachsten ist ein solcher Bildzusammenhang zu verstehen, wenn es an einer Stelle einen wörtlich (statt bildhaft) gemeinten Bezug zur Welt gibt:
    „Es flog ein Vogel federlos
    Auf einen Baum blattlos,
    Da kam die Frau mundlos
    und fraß den Vogel federlos.“
    Wörtlich gemeint ist der blattlose Baum – nur sagt einem das normalerweise keiner. Wenn man den „Vogel federlos“ darauf „fliegen“ sieht, ist das Rätsel so gut wie verstanden: Wann sind die Bäume blattlos, und welche federlosen „Vögel“ lassen sich in der Zeit darauf nieder? Das Attribut „federlos“ weist den Vogel als „Vogel“ aus.
  2. Wenn gar nichts mehr wörtlich gemeint ist, hat man nur Bilder, die als verstandene zueinander passen müssen: Sie dürfen also nicht einzeln „gedeutet“ werden, wie Schüler das gern tun [und womit sie nur Unverstand bezeugen]:
    „Mein Körper ist von Holz, sehr leicht zu brechen,
    Mein Herz kann ohne Stimme zu euch sprechen.“ (J. P. Hebel)
    Ohne Stimme sprechen, das ist „sprechen“;
    dann haben wir das Verhältnis „Körper – Herz“,
    und der „Körper“ ist aus Holz – das ist wörtlich gemeint: Die Eingangswendung „nichts mehr wörtlich gemeint“ stimmt also nicht – wenn gar nichts wörtlich gemeint ist, ist nichts verständlich, wenn es nicht eine Konvention gibt, die ein Bild erschließt (etwa Rose: Liebe). – Johann Peter Hebel spricht von einem Schreibgerät, „sprechen“ ist hier so viel wie ‚schreiben‘.
  3. Man kann darüber streiten, ob die dritte Sorte von bildhaften Rätseln noch schwerer als die zweite zu lösen ist. Hier kommt ein Hals vor, der einmal wörtlich und einmal rein bildhaft verstanden ist; der wörtlich verstandene Hals ist aber bereits eine Metapher, wenn auch eine verblasste. Er ist als solcher auch heute bekannt, aber der im Rätsel beschriebene Vorgang ist heute weithin unbekannt: Da wird etwas umgefüllt, will ich verraten.
    „Ich hab‘ ein weites Maul,
    Zum Trinken niemals faul,
    Jedoch mein Hals ist schmal,
    Den muß ich jedesmal,
    Bekomm‘ ich was zu schmecken,
    In einen andern stecken;
    So kommt mein Trinken auch
    Zugut‘ dem fremden Bauch.
    Mein Trost ist: Jenem bricht
    Man oft den Hals, mir nicht.“ (Wilhelm Hauff)
    Wir haben den Bildzusammenhang Hals-Maul-trinken-schmecken,
    den Vorgang „meinen Hals“ in einen andern stecken,
    „Bauch“ als Bild (wohin das Getrunkene vom Hals fließt) und zugleich als verblasste Metapher, in dem Sinn also wörtlich gemeint… – nur dass wir heute in der Regel anders als durch Halsbrechen an Getränke kommen.

    Fazit: Bilder bitte nur im Zusammenhang verstehen, nicht einzeln spinnend „deuten“!
    Bilder zu verstehen macht im Sinn des Rätsellösens nicht nur Freude, sondern gilt in vielen Kulturen als Zeichen von Bildung, Klugheit, Kultiviertheit.

 

Amoklauf / Öffentlichkeit

also | 13 März, 2009 08:49

Kaum ist der Amokläufer tot (11. März 2009), erwartet die Öffentlichkeit (wer ist das?) mit Macht, dass einerseits die Polizei Fahndungserfolge produziert, anderseits die Fachleute die unbegreifliche Tat erklären, drittens Politiker nicht nur Betroffenheit zeigen, sondern auch gleich wissen, wie solches in Zukunft verhindert wird.

Diese Erwartung führt dann dazu, dass zwei Tage lang in allen Zeitungen und auf allen Kanälen im Wesentlichen das Gleiche (meist belangloses Zeug) vermittelt wird: durch die Vermittler, die Medien, die als solche, durch ihre pure Existenz, durch Sendezeit und leere Seiten geradezu danach verlangen, dass besagtes Zeug produziert wird, der Kriminologe Pfeiffer mal wieder zu Wort kommt, Gewaltspezialisten und andere…

So hat die SZ, immerhin eine seriöse Zeitung, heute als Schlagzeile die Polizei-Ente: „Amokläufer kündigte Tat im Internet an“, und Thomas Steinfeld baut auf der gleichen Ente seinen großen Kommentar (S. 11): „Verletzte Ehre“.

Offensichtlich kann „man“ (wer ist das?) nicht warten, bis man wirklich etwas weiß – nein, heute muss der Bericht erscheinen, heute muss kommentiert werden… In einer Woche, wenn man vielleicht mehr weiß, beherrschen andere Themen die Schlagzeilen; in einer Woche braucht sich auch nicht mehr viel zu ändern…

Noch witziger ist die pseudoreligiöse Betroffenheit, die sich in tiefsinnigen Fragen äußert: GOTT, WO WARST DU? Na, er war da, wo er auch war, als der Frager Scheiße gebaut hat und als des Fragers Großvater oder Urgroßvater vielleicht im Dritten Reich aktiv war… Vielleicht sollte man über GOTT nachdenken, wenn man selber handelt, statt Kinderfragen in Situationen zu stellen, wo keiner etwas Vernünftiges zu sagen weiß?

 

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Roman Herzog: Staaten der Frühzeit, gelesen

Der Tod Roman Herzogs am 10. Januar 2017 war für mich der Anlass, endlich sein Buch „Staaten der Frühzeit. Ursprünge und Herrschaftsformen“ (Beck, 1988) zu lesen. Es hat sich gelohnt – vielleicht gerade deshalb, weil Herzog kein Fachhistoriker war, sondern ein belesener Jurist mit gesundem Menschenverstand. Der wirkte sich dahin aus, dass Herzog den Leser davor bewahrt, sich an Wörter für Herrschaftsformen oder –träger festzuklammern. So zeigt er zum Beispiel, wie zweideutig die Bezeichnungen „König“ oder „Priesterkönig“ sind und wie sie das bezeichnete Phänomen oft nur unscharf erfassen.

Als „Älteste Staatsaufgaben“ (S. 75 ff.) nennt er

  • Die Verteidigung gegenüber dem äußeren Feind
  • Der Kampf um das Wasser (v.a. im Vorderen Orient)
  • Erledigung der kultischen Aufgaben des Königs, als Akt der Daseinsvorsorge
  • Sorge für die innere Ordnung (Rechtsprechung).

Herzog zeigt auch, dass es zwei „Ursprünge“ des Staates gibt, die Herrschaft von Priestern in den großen Städten und die lokale Herrschaft unter adeligen Kleinkönigen, sei es die einzelner Adelsherren, sei es die einer Schicht adeliger Herren, die sich notwendig bei Völkerwanderungen herausbilden.

Viele Einzelheiten vergisst man natürlich gleich nach dem Lesen, und die „Modelle der Großraumpolitik“ (S. 163 ff.) habe ich übersprungen; Herzog operiert manchmal allzu souverän mit den Namen von Orten und Städten, die man ohne Karte nur als bloße Namen liest.

„Herrschaft von Menschen über ihresgleichen“ (S. 70) – warum lassen Menschen sich auf dieses Spiel ein? Das ist Herzogs Grundfrage; ich finde seine Antworten überzeugend.

Roman Herzog

https://www.hdg.de/lemo/biografie/roman-herzog.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Roman_Herzog

https://www.welt.de/themen/roman-herzog/

Staatsentstehung

https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsentstehung

http://arfert.de/uersprung-des-staates.html#a3248

http://kops.uni-konstanz.de/bitstream/handle/123456789/19121/Koschorke_191210.pdf?sequence=2&isAllowed=y

http://docs.mises.de/Hoppe/Hoppe_Eigentum_Anarchie_Staat.pdf

http://www.geser.net/gesleh/ss06evo/Handout_Brugger_06.pdf

http://www.gottwein.de/Eth/Staat01.php

Plädoyer für richtiges Philosophieren

Philosophie soll sich als Tätigkeit begreifen, nicht als »Gewerbe« (Hannah Arendt). Philosophen sollen ihr Tun vor ihr Werk stellen – und bis ans Ende ihrer Tage prüfen, ob das, was sie für wahr halten, tatsächlich auch wahr ist. Sie sollen sich nicht nur an den eigenen Überzeugungen aufreiben, sondern auch an der eigenen Intelligenz, kurz: an sich selbst. »Was ist ein Selbst?« Das Fragen, Prüfen, Kritisieren, Widerlegen hört nie auf. Es darf nie aufhören. Philosophie soll keine Leistung sein, sondern Lust. Wilde, manische, qualvolle DenkLust, die uns mit uns bekannt macht, uns aufweckt und uns permanent daran erinnert, worum es eigentlich geht: diese Welt ein wenig weiser – und viel staunender – zu verlassen, als wir sie betreten haben. [Rebekka Reinhard]

Das ist ein Auszug aus einem erfrischenden Plädoyer für richtiges Philosophieren, hier nachzulesen: http://www.hoheluft-magazin.de/wp-content/uploads/2015/07/HoheLuft_0515_Ver%C3%A4ndern-wir-die-Welt.pdf

Schleier – Symbol und Metapher

Im Artikel „Schleier“ im Symbollexikon (http://www.symbolonline.de/index.php?title=Schleier) werden historische Belege für die religiöse Bedeutung des Schleiers aufgezählt bzw. skizziert: Schleier als Verhüllung vor dem Heiligsten, während ein Schleier auch das Heiligste umgibt. Beim zweiten Aspekt (Verhüllung des Heiligsten) kommt die doppelte Möglichkeit der Verschleierung ins Spiel: Der Schleier verbirgt und kann gelüftet werden, die Gottheit ist verborgen und kann sich zeigen (oder offenbaren).

In diesen Zusammenhang scheint auch der Brautschleier zu gehören (https://de.wikipedia.org/wiki/Brautschleier), wobei die Verschleierung einer Frau ebenfalls eine erotische Komponente besitzt: Was begehrenswert ist, wird hinter einem Schleier derart verborgen, dass es noch zu erahnen ist und die Imagination des schönen Begehrten anstachelt, auf dass man es zu enthüllen wünscht und hofft.

Eine weitere Bedeutung des Schleiers, der ja eine Gewebe ist, ergibt sich in seiner Beziehung zum schriftlichen Text, der als textura (lat.: Gewebe) ein Gewebe aus Wörtern und Sätzen darstellt; im Text zeigt sich also die beschriebene „Sache“ und entzieht sich zugleich, sie wird entborgen und verborgen.

Eine vierte Bedeutung besitzt der Schleier als Symbol des Menschen selbst, der sich gegeben und sich entzogen ist; hier kommt ins Spiel, was Hellmuth Plessner die exzentrische Position(alität) des Menschen genannt hat: „Ebenso wie das Tier verfügt der Mensch über ein Zentrum. Der entscheidende Unterschied, der auch die Disparität zwischen Tier und Mensch darstellt, ist allerdings, dass der Mensch aus diesem Zentrum ‚heraustreten’ kann. […] Wir können aus ‚uns selbst heraustreten’ und uns ‚von außen betrachten’. Wichtig ist allerdings, dass der Mensch sein Zentrum nicht vollständig verlassen kann. Er ist also zentrisch und exzentrisch zugleich. Diese Differenzierung bezeichnet Plessner auch als ‚Bruch’ zwischen Seele und Leib bzw. ‚Doppelaspekt’ des menschlichen Wesens.“ (ManuelH = https://philo-erlauterungen.blogspot.de/2012/02/einfuhrung-in-helmuth-plessners.html; vgl. auch http://www.revistapontodoc.com/6_rscheringer.pdf; http://userpage.fu-berlin.de/miles/jestel.htm; http://www.martin-dilger.de/science/exzentrische_positionalitaet.pdf u.a.)

Mit diesen vier Aspekten ist die Bedeutung des Schleiers als Symbol oder Metapher laut dem Artikel Patricia Osters im Wörterbuch der philosophischen Metaphern (3. Aufl. 2011) erfasst. Hannah Arendt hat die genannte Ungreifbarkeit des Menschen sozial gedacht und in einer Textilmetapher umschrieben, wie man in ihrem Buch „Vita activa“ nachlesen kann und sollte, § 25: Das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten und die in ihm dargestellten Geschichten (Serie Piper 217, S. 171 ff.). Das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten finden wir bei unserer Geburt vor, und wir schlagen unseren Faden hinein: So ergeben sich Muster, die wir nicht geplant haben, und Geschichten, die man erzählen kann: „Kein Mensch kann sein Leben ‚gestalten’ oder seine Lebensgeschichte hervorbringen, obwohl ein jeder sie selbst begann, als er sprechend und handelnd sich in die Menschenwelt einschaltete.“ (a.a.O., S. 175)