Die zweite Lesart eines Satzes

Philosophische, allgemeiner: kritische Sätze können zwei Lesarten haben. Das möchte ich an einem Beispiel altgriechischer Philosophie zeigen: „Die Vernunft (oder: der Geist) des Kosmos ist Gott.“

a) Das kann man in folgendem Sinn lesen: ‚Die Vernunft des Kosmos ist ein weiterer Gott neben den alten Göttern.’ Diese scheinbar naheliegende Lesart rechnet mit der Primitivität der Alten, die überall göttliche Wesen entdeckten.

b) Den Satz kann man auch ganz anders lesen: ‚Die Vernunft des Kosmos ist (allein) „Gott“.’ Diese kritische Lesart, d.h. die Lektüre des Satzes als eines kritischen, geht davon aus, dass „Gott“ hier metaphorisch zu lesen ist, dass die Existenz von Göttern insgesamt bestritten wird und dass die Vernunft des Kosmos an die Stelle gerückt wird, die früher den Göttern vorbehalten war, dass man diese Vernunft also quasi „Gott“ nennen darf.

Solche metaphorische Verwendung traditioneller Begriffe gibt also die alten Begriffe auf, ohne sie ganz aufzugeben: An ihre Stelle tritt etwas anderes, aber es tritt eben an ihre Stelle und hat somit einen Punkt, an dem das Verständnis der Hörer oder Leser anknüpfen kann: ‚Was früher mit X gemeint war, ist in Wahrheit A.’ Dieses Schema ‚Was früher mit … gemeint war, ist in Wahrheit …’ liegt der kritischen Sprech- und Lesart zugrunde.

Platon: Gorgias – Gedankengang

Es gibt mehrere ausgezeichnete große Übersichten über den Dialog „Gorgias“; ich gebe deshalb bewusst nur eine kurze, damit die Linienführung sichtbar wird:

In der Einleitung bildet sich die Gesprächsrunde: Sokrates kommt mit Chairephon zu spät zu einem Vortrag des berühmten Rhetors Gorgias, trifft Kallikles und wird von diesem dem Gorgias und seinem Schüler Polos vorgestellt.

Im ersten Gespräch treffen Sokrates und Gorgias aufeinander: Gorgias sagt, das größte menschliche Gut sei das, was „den Menschen für ihre Person die Freiheit verschafft und zugleich einem jeden in seinem Staat die Herrschaft über andere“ (452 D); diese erreiche man durch die Rhetorik, also durch die Fähigkeit, in Versammlungen die Teilnehmer zu überreden (452 D/E). Der Gegenstand, um den es dabei geht, sei, „was gerecht ist und ungerecht“ (454 B), sagt Gorgias. Sokrates behauptet dagegen, durch Rhetorik werde keine wirkliche Belehrung über Recht und Unrecht vermittelt, sondern nur „Glauben“ (455 A). Strittig ist dabei die Frage, ob der Redner auch einen unrechtmäßigen Gebrauch von seiner Fähigkeit machen könne – Gorgias verstrickt sich dabei in Widersprüche.

Im zweiten Gespräch setzt Sokrates sich mit Polos auseinander: Sokrates bewertet die Rhetorik nicht als „Kunst“ (mit Einsicht in die Gründe des Handelns), sondern als bloße Erfahrenheit (Erwahrungswissen) zur Erzeugung von Wohlgefallen und Lust, also als eine „Schmeichelei“ (461 C ff.). Polos verweist dagegen auf die Macht der Redner, da sie wie die Tyrannen töten, berauben oder aus der Stadt verweisen können, „wen ihnen gut dünkt“ (466 B/C). Sokrates kontert, sie täten nicht, was sie wirklich wollen, sondern nur was ihnen gut dünkt (466 D); zur Begründung dieser Unterscheidung unterscheidet er Mittel und Zweck beim Handeln (467 C ff.): Jedes Handeln ziele letztlich auf das Gute (etwas Gutes), Unrecht tun sei aber das größte aller Übel (469 B); noch schlimmer sei nur, wenn der Übeltäter nicht bestraft werde. Unrecht erleiden sei nicht schön, aber weniger schlimm.

Im dritten Gespräch ist der Politiker Kallikles der Gegner des Sokrates. Kallikles wirft dem Sokrates vor, er verteidige das, „was von Natur nicht schön ist, wohl aber nach dem Gesetz“ (482 E, physis – nomos) – eine wichtige Unterscheidung. Von Natur aus sei es gerecht, „daß der Edlere mehr habe als der Schlechtere, und der Tüchtigere als der Untüchtige“ (483 D; Übersetzung Apelts: der Bessere – der Schlechtere, der Fähigere – der Unfähigere): Es geht um das Vorrecht des Stärkeren. Demgemäß kann Kallikles auch behaupten: „Wer richtig leben will, muss seine Begierden so groß wie möglich werden lassen“ (491 E). Die beiden streiten darüber, ob man wirklich das Erleben von Lust als das Gute ansehen kann (495 ff.); Sokrates setzt schließlich durch, dass man um des Guten willen „wie alles andere, so auch das Angenehme tun“ müsse, nicht aber umgekehrt (500 A). Deshalb laufe die wahre Rhetorik darauf hinaus, die Seele besonnen und gerecht zu machen (503 A ff.). Sokrates setzt noch einmal neu an und erklärt, die Besonnenheit sei die Grundlage des Guten und der Tugend (506 C ff.); die bisherigen Staatsmänner Athens hätten aber keine Einsicht in das Gute gehabt und daher ihre Mitbürger nicht gebessert, wenn auch teilweise solide Politik gemacht (513 D ff.). Sokrates glaubt dagegen, selber sich „der wahren Staatskunst zu befleißigen“ (521 D), auch wenn ihn dies vielleicht oder wahrscheinlich das Leben kosten wird – eine deutliche Anspielung auf sein Schicksal. Er behauptet seinen Lebensentwurf des Philosophierens gegen den von Kallikles vertretenen Entwurf des Machtgewinns und Herrschens.

Zum Schluss erzählt Sokrates den Mythos vom Totengericht, setzt ihn in Beziehung zu seiner These vom Unrecht Tun/Erleiden und fasst die Untersuchungen zusammen (523 ff.).

Ergebnis:

Nur vordergründig geht es im „Gorgias“ um die Rhetorik – in Wahrheit geht es um die Konfrontation zweier Lebensentwürfe oder Lebensweisen, die sich mit den Namen Rhetorik und Philosophie verbinden. Beide haben es mit dem Reden zu tun,

  • wobei der Rhetor zu vielen anderen redet, um sie zu etwas zu überreden (452 D), um sie ohne deren Einsicht gemäß seinem Ziel zu lenken (455 A; 459 B),
  • während der Philosoph mit anderen redet, mit einzelnen, damit sie selber einsehen, wie sich etwas verhält (461 B).
  • Daher redet der Rhetor bald so, bald so,
  • während der Philosoph immer dasselbe sagt (482 A), wodurch er im Einklang mit sich selbst leben kann (482 C). Er ist jedoch bereit, sich korrigieren zu lassen (458 A), um dann aber an der neuen Einsicht festzuhalten.

Hinter dem Streit steht die Frage, was ein richtiger Mann ist:

  • jemand, der sich gegen andere behaupten kann, sich und seine Freunde aus jeder Gefährdung retten kann (486 A ff.; 512 E),
  • der tut, was ihm gut dünkt und worauf er Lust hat, der notfalls auch Unrecht tut,
  • der möglichst intensiv lebt (die größte Lust sucht),
  • für den zu unterliegen das größte Übel ist,
  • der sich dabei auf das Naturrecht des Stärkeren beruft (482 E ff.),
  • oder jemand, der an sich selber in allen Gefahren festhält und gut lebt,
  • der tut, was er wirklich will,
  • der besonnen lebt und das Gute sucht (506 f.),
  • für den Unrecht zu tun das größte Übel ist und der lieber Unrecht erleidet (521),
  • der sich dabei auf die Einsicht in das Gute beruft (500 A).

Beide Konzepte beanspruchen, „Staatskunst“ zu sein, weil sie mit Recht und Unrecht zu tun haben, und zu wissen, was den Menschen glücklich macht (472 ff.) und was ein richtiger Mann ist. Kallikles als Politiker sagt, Philosophie sei etwas für junge Leute; danach müsse man das wahre Leben kennenlernen, um mit den staatlichen Gesetzen und den Mitteln des Redens bekannt zu werden und Geschäfte erfolgreich erledigen zu können (484 ff.). Sokrates dagegen sucht als Philosophierender herauszufinden, was die beste Lebensweise im Leben wie im Tod ist, statt in den allerwichtigsten Fragen dauernd seine Meinung zu wechseln (527).

Im großen Wikipedia-Artikel über „Gorgias (Platon)“ wird die Beweisführung des Sokrates sehr kritisch beurteilt. Apelt meint, „daß sich darin nicht wenig Spitzfindiges und Willkürliches findet, daß aber das Anfechtbare nicht sowohl in der logischen Konsequenz der Schlußfolgerungen, wie man wohl behauptet hat, als in der Formulierung der Prämissen, also in der Materie der Urteile liegt“ (Einleitung, S. 12).

 

https://archive.org/stream/smtlichedialog01plat#page/n447/mode/2up (Text, Übersetzung Otto Apelt, mit Einleitung, 1922 – „Gorgias“ ist der letzte Dialog in diesem Buch)

https://archive.org/stream/gorgiasmenon00plat#page/n5/mode/2up (Text, Ü K. Preisendanz 1908)

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Platon/Gorgias (Text, Ü J. Deutschle 1859) = http://www.susannealbers.de/03philosophie-literatur-Platon00.html (mit Einführung in Platons Denken von N. Froese)

http://www.opera-platonis.de/Gorgias.pdf (Text, nach Ü Schleiermacher, mit griech.-lat. Text, in http://www.opera-platonis.de/)

https://archive.org/stream/bub_gb_VjOlRvwOlhYC#page/n5/mode/2up (Text, Ü G. Schultheß, 1838)

http://handl.net/texte/Gorgias.pdf (Text, Ü Schleiermacher)

http://classics.mit.edu/Plato/gorgias.html (Text, englische Ü B. Jowett)

http://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=plat.+gorg.+447a (Text, engl. Ü W.R.M. Lamb 1967, mit Links)

http://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=Perseus%3atext%3a1999.01.0177%3atext%3dGorg. (griechischer Text, ed. J. Burnet 1903)

https://archive.org/stream/operaquaeferunt5v8plat#page/n561/mode/2up (griech. Text, 1881, S. 447 ff.)

https://archive.org/stream/platonsgorgiasm00platgoog#page/n72/mode/2up (griech. Text mit Einleitung und deutschen Erläuterungen von E. Jahn, 1859)

https://archive.org/stream/platonsgorgias00chrigoog#page/n7/mode/2up (griech. Text, hrsg. A. Th. Christ, 1890, mit Übersicht über Inhalt/Gliederung)

http://www.gottwein.de/Grie/plat/PlatGorg482c.php (Textauszüge griech.-deutsch „Das Naturrecht des Stärkeren“, mit Interpretationsvorschlägen)

https://de.wikipedia.org/wiki/Gorgias_(Platon) (sehr ausführlich, mit Links und Literaturangaben)

https://en.wikipedia.org/wiki/Gorgias (dito, englisch)

http://joachimstiller.de/download/philosophie_platon_gorgias.pdf (Übersicht Inhalt, knapp)

http://philosophyideas.com/files/plato/Gorgias%20Key%20Ideas.pdf (dito, englisch)

http://www.huber-tuerkheim.de/Platon%20-%20Gorgias.pdf (Vorlesung H. Huber über „Gorgias“, 2006)

https://archive.org/details/gorgiaserklrt00platgoog (Platons Gorgias. Erklärt von Heinrich Kratz, 1864)

https://archive.org/stream/bub_gb_3dxRAAAAcAAJ#page/n5/mode/2up (Chr. Cron: Beiträge zur Erklärung des platonischen Gorgias im Ganzen uund Einzelnen, 1870)

https://archive.org/stream/diebedeutungdesp00lieb#page/n3/mode/2up (C. Liebhold: Die Bedeutung des platonischen Gorgias und dessen Beziehungen zu den übrigen Dialogen, 1885)

https://archive.org/stream/gorgias00gercgoog#page/n5/mode/2up (Platons Gorgias. Erklärt von H. Sauppe, hrsg. von A. Gercke, 1897)

https://archive.org/stream/platonsgorgiasf00deusgoog#page/n9/mode/2up (Platons Gorgias. Für den Schulgebrauch erklärt von Julius Deutschle, 1876)

https://leostrausscenter.uchicago.edu/sites/default/files/Plato’s%20Gorgias%201963.pdf (Leo Strauss: Plato’s Gorgias – Plato: Political Philosophy, 1963)

https://leostrausscenter.uchicago.edu/sites/default/files/Plato’s%20Gorgias%201957.pdf (dito, 1957)

http://www.philosophiepage.de/readings/platon_gorgias.pdf (Aufbau / Inhalt des „Gorgias“ – Studentenskript)

https://www.alexander-klier.net/wp-content/uploads/2012/06/Seminararbeit-Platons-Gorgias.pdf (A. Radl: Lust, Besonnenheit und Glück in Platons „Gorgias“)

https://www.novstudgen.de/files/downloads/Dialog_Gorgias.pdf (P. Natterer: Platonische Rhetorik: Dialog Gorgias)

https://archive.org/stream/derethischegehal00thieuoft#page/n0/mode/2up (E. Thiel: Der ethische Gehalt des Gorgias, 1911, Diss)

https://www.reinhold-specht.de/seminararbeiten/gorgias/index.php (Seminararbeit über den „Gorgias“, 2002)

http://plato.stanford.edu/entries/plato-rhetoric/ (Platon über Rhetorik und Poesie)

https://archive.org/stream/ueberdasrhetori01hirzgoog#page/n5/mode/2up (Hirzel: Über das Rhetorische und seine Bedeutung bei Plato, 1871)

http://www.iep.utm.edu/gorgias/ (über den Philosophen Gorgias)

https://www.reinhold-specht.de/seminararbeiten/gorgias/index.php (dito)

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf die Seite http://archive.org/search.php? aufmerksam machen; dort gibt es viele ältere Werke, die nicht mehr vom Copyright geschützt, aber oft noch lesenswert sind.

 

Zur Aktualität des Dialogs zitiere ich folgenden Text:

Platon: „Gorgias“

In seinem „Gorgias“ taucht zum ersten Mal in der Geschichte das Wort „Rhetorik“ auf. Und dieser philosophische Dialog ist auch gleich schon die erste prinzipielle Auseinandersetzung mit den Risiken demokratischer Kommunikation. Platon war da ein gebranntes Kind: Sein Lehrer Sokrates war gut zehn Jahre, bevor der „Gorgias“ geschrieben wurde, im Jahr 399 vor Christus, zum Tod verurteilt worden. Und zwar durch Mehrheitsbeschluss des Volkes. Grund für die Hinrichtung waren sehr dehnbare Tatbestände gewesen: Missachtung der Religion und zersetzende Wirkung auf die Jugend von Athen. Daher bekommt Sokrates, vor dessen Tod das Gespräch spielt, im „Gorgias“ die prophetischen Worte in den Mund gelegt: „Wenn ich aber wegen Mangel an schmeichlerischer Redekunst sterben müsste …“

Genau dies, dass die politische Rhetorik nichts als unsachliche „Schmeichelei“ sei, ist denn auch der Vorwurf an die Wahlkampfmanager und PR-Coaches seiner Zeit, die Sophisten. Einer davon ist der titelgebende Gorgias. Noch viel schlimmer ist einer seiner Sympathisanten namens Kallikles, der skrupellos das Recht des Stärkeren vertritt. Dies rechtfertige jegliche demagogischen, populistischen Tricks. Sokrates kontert: Solche Politiker „behandeln ihres eigenen Vorteils wegen, den gemeinsamen vernachlässigend, das versammelte Volk wie Kinder.“ Klingt vertraut? Seither versucht man die Rhetorik, die jede Demokratie braucht, den Bösen als Waffe zu entreißen. Darum muss man sie studieren, jetzt erst recht.

Johann Schloemann (http://www.sueddeutsche.de/kultur/literatur-wichtige-buecher-fuer-duestere-zeiten-1.3267531)

vgl. auch http://www.sueddeutsche.de/politik/wahl-in-oesterreich-norbert-hofer-und-die-kunst-zwietracht-zu-saeen-1.3266025

Adorno: Minima Moralia, noch einmal gelesen

Im August 1967 habe ich mir mein Exemplar der „Minima Moralia“ gekauft. Nach 49 Jahren möchte ich das Buch noch einmal lesen; ich habe den ersten Teil, Adornos Aufzeichnungen des Jahres 1944, gelesen und stehe weithin vor einem Rätsel. Doch zunächst die Links, unter denen der Text des Buches greifbar ist:

http://www.copyriot.com/sinistra/reading/agnado/minima.html

http://www.book.xlibx.info/bo-philosophy/3183588-3-theodor-adorno-minima-moralia-reflexionen-aus-dem-besch-digten-l.php (Ohne „Zueignung“)

https://www.marxists.org/reference/archive/adorno/1951/mm/ch01.htm (englischer Text)

http://users.clas.ufl.edu/burt/MinimaMoralia_Full.pdf (dito)

http://members.efn.org/~dredmond/MinimaMoralia.html (dito)

https://www.researchgate.net/publication/257180985_Adorno’s_Minima_Moralia (dito)

Der Aphorismus Nr. 3, „Fisch im Wasser“, beginnt folgendermaßen: „Seit der umfassende Verteilungsapparat der hochkonzentrierten Industrie die Sphäre der Zirkulation ablöst, beginnt diese eine wunderliche Post-Existenz. Während den Vermittlerberufen die ökonomische Basis entschwindet, wird das Privatleben Ungezählter zu dem von Agenten und Vermittlern, ja der Bereich des Privaten insgesamt wird verschlungen von einer rätselhaften Geschäftigkeit, die alle Züge der kommerziellen trägt ohne daß es eigentlich dabei etwas zu handeln gibt.“ Schon dem ersten Satz muss ich widersprechen: Die Sphäre der Zirkulation (von Waren und Geld) besteht fort, sie ist durch nichts abgelöst worden – hier wird der Industrie eine Macht zugesprochen, die sie nicht hat. Auch dem zweiten Satz kann ich nicht uneingeschränkt zustimmen: Der Bereich des Privaten ist nicht von einer uneingeschränkten Geschäftigkeit verschlungen worden; heute erscheint er eher durch eine schrankenlose Kommunikation wie durch eine unkontrollierte Kontrolle dieser Kommunikation durch Firmen und Geheimdienste bedroht. – Fazit: Die beiden Prämissen des Gedankens tragen diesen nicht.

Der Gedanke wird so fortgeführt: „Der Begriff der Beziehungen, eine Kategorie von Vermittlung und Zirkulation, ist nie in der eigentlichen Zirkulationssphäre am besten gediehen, auf dem Markt, sondern in geschlossenen, monopolartigen Hierarchien. Nun die ganze Gesellschaft hierarchisch wird, saugen die trüben Beziehungen auch überall dort sich fest, wo es noch den Schein von Freiheit gab. […] Heute erscheint der als arrogant, fremd und nicht zugehörig, der auf Privates sich einläßt, ohne daß ihm eine Zweckrichtung anzumerken wäre.“ Ob Beziehungen (statt des Begriffs der Beziehungen!) wirklich in Hierarchien am besten gedeihen, darf bezweifelt werden: Zweifellos ist es in einer Hierarchie gut, Leute zu kennen, die „oben“ stehen oder sitzen; aber der Inbegriff des Beziehungsgeflechts ist der Kölner Klüngel, der wenig mit Hierarchie zu tun hat. Beziehungen und damit Korruption widerstreben nicht der Freiheit, sondern der Offenheit und Öffentlichkeit von Entscheidungen, wer befördert wird oder wer einen Auftrag erhält – wenn diese Entscheidungen nicht nach Gesichtspunkten sachlich-fachlicher Qualität getroffen werden, sondern eben aufgrund von Beziehungen, bei denen der Begünstiger seinerseits begünstigt wird. So kann ich auch nicht erkennen, dass als arrogant und fremd erscheint, wer sich auf Privates einlässt, sondern wer das Spiel der Beziehungen ablehnt – dieses Spiel ist nicht so total, wie Adorno annimmt.

Ganz nett ist dagegen, was Adorno über die netten Leute schreibt: „Das sind die netten Leute, die Beliebten, die mit allen gut Freund sind, die Gerechten, die human jede Gemeinheit entschuldigen…“ Das ist eine gekonnte Typisierung, die könnte man als Vorlage für kreatives Schreiben in der Schule verwenden; ich befürchte, Peter Maiwald hat sich durch diese Liste anregen lassen, sie klingt mir so vertraut…

Der Aphorismus Nr. 5 heißt „Herr Doktor, das ist schön von Euch“. Mit diesen Worten wird Faust von einem alten Bauern begrüßt, als er mit Wagner beim Volksfest erscheint. Sie gelten nicht mehr, wenn Adorno so den Gedanken beginnt: „Es gibt nichts Harmloses mehr. […] Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt; noch das unschuldige Wie schön wird zur Ausrede für die Schmach des Daseins, das anders ist, und es ist keine Schönheit und kein Trost mehr außer in dem Blick, der aufs Grauen geht, ihm standhält und im ungemilderten Bewußtsein der Negativität die Möglichkeit des Besseren festhält.“ Wie radikal dieser Pessimismus Adornos ist, sieht man, wenn man die Sätze mit Brechts Gedicht „Schlechte Zeit für Lyrik“ vergleicht. Dort heißt es zum Schluss:

„In mir streiten sich

Die Begeisterung über den blühenden Apfelbaum

Und das Entsetzen über die Reden des Anstreichers.

Aber nur das zweite

Drängt mich an den Schreibtisch.“

Doch kannte Brecht offenbar nur die Reden Hitlers, während Adorno vermutlich wusste, was in den KZs geschah. Ich stimme ihm zu, dass das Bewusstsein der Negativität ungemildert bleiben muss; doch gibt es auch Trost außerhalb des Blicks, „der aufs Grauen geht“: nur außerhalb dieses Blicks, in jeder menschlichen Geste!

Ich kann Adornos Pessimismus nicht teilen. So bleibt auch, was er über Solidarität sagt, in sich widersprüchlich: Einsamkeit ist keine Form von Solidarität. „Für den Intellektuellen ist unverbrüchliche Einsamkeit die einzige Gestalt, in der er Solidarität etwa noch zu bewähren vermag. Alles Mitmachen, alle Menschlichkeit von Umgang und Teilhabe ist bloße Maske fürs stillschweigende Akzeptieren des Unmenschlichen. Einig sein soll man mit dem Leiden der Menschen: der kleinste Schritt zu ihren Freuden hin ist einer zur Verhärtung des Leidens.“ So ist es kein Wunder, dass gleich im ersten Satz des Aphorismus 6 das Ende von 5 widerrufen wird: „Für den, der nicht mitmacht, besteht die Gefahr, daß er sich für besser hält als die andern und seine Kritik der Gesellschaft mißbraucht als Ideologie für sein privates Interesse. […] Der Distanzierte bleibt so verstrickt wie der Betriebsame; vor diesem hat er nichts voraus als die Einsicht in seine Verstricktheit und das Glück der winzigen Freiheit, die im Erkennen als solchem liegt. Die eigene Distanz vom Betrieb ist ein Luxus, den einzig der Betrieb abwirft. Darum trägt gerade jede Regung des sich Entziehens Züge des Negierten. Die Kälte, die sie entwickeln muß, ist von der bürgerlichen nicht zu unterscheiden.“ Das ist offenbar die Dialektik, in der Adorno denkt – worauf läuft solches Denken hinaus?

„Indem sie [die Intellektuellen, N.T.] überhaupt noch Denken gegenüber der nackten Reproduktion des Daseins sich gestatten, verhalten sie sich als Privilegierte; indem sie es beim Denken belassen, deklarieren sie die Nichtigkeit ihres Privilegs. Die private Existenz, die sich sehnt, der menschenwürdigen ähnlich zu sehen, verrät diese zugleich, indem die Ähnlichkeit der allgemeinen Verwirklichung entzogen wird, die doch mehr als je zuvor der unabhängigen Besinnung bedarf. Es gibt aus der Verstricktheit keinen Ausweg.“ Das ist wirklich ein trostloses Denken, dem wir uns verweigern müssen, um nicht durch unser eigenes Denken irre zu werden. Es kann (nur) Korrektiv sein gegenüber dem, was wir heute etwa auf Wohlfühlmessen erleben können: „Rund 150 Aussteller präsentieren sich auf der Gelsenkirchener Wohlfühlmesse [2017] mit ihren Produkten, Dienstleistungen und Informationen aus allen Bereichen der esoterischen Heilung. Das Angebotsspektrum umfasst dabei unter anderem Esoterik, alternative Medizin, Räucherstäbchen, Duftöle, Klangschalen, Salzkristalllampen und Kerzen, Heilsteine, esoterische Bücher und Buddhafiguren, sowie Feng Shui, Reiki, ganzheitliche Zahnmedizin, Kartenlegen, Aurafotografie und Massagen. Ein abwechslungsreiches Vortragsprogramm zu verschiedenen Themenbereichen wie beispielsweise moderne Steinheilkunde, Astrologie, Meditation oder Naturheilkraft rundet das Angebotsspektrum der Wohlfühlmesse Gelsenkirchen ab.“ Im Anschluss daran kann man nur noch den Aphorismus Nr. 41 lesen, „Drinnen und draußen“, über die verbeamtete und die frei schwadronierende Philosophie.

Ich möchte noch auf die Aphorismen Nr. 10-12 (über Ehe und freie Liebe, die er später in seinem Verhältnis zu Arlette Pielmann verwirklichen wollte) hinweisen. In Nr. 20 denkt er über Takt nach, in Nr. 21 über den Verfall des Schenkens und den Irrsinn von Geschenkartikeln, in Nr. 31 über Solidarität.

In Nr. 38, „Aufforderung zum Tanz“, sieht man, wie überspitzt Adorno denkt: „Die Psychoanalyse tut sich etwas zugute darauf, den Menschen ihre Genußfähigkeit wiederzugeben, wie sie durch die neurotische Erkrankung gestört sei. Als ob nicht das bloße Wort Genußfähigkeit genügte, diese, wenn es so etwas gibt, aufs empfindlichste herabzusetzen. Als ob nicht ein Glück, das sich der Spekulation auf Glück verdankt, das Gegenteil von Glück wäre, ein weiterer Einbruch institutionell geplanter Verhaltensweisen ins immer mehr schrumpfende Bereich der Erfahrung.“ Richtig daran ist, dass eine auf Technik und popularisierende Sprüche verengte Psychoanalyse menschliches Genießen nicht ermöglicht; falsch daran ist, dass die Hilfestellung eines Fachmanns sehr wohl dem Behinderten helfen kann, eine Hürde zu übersteigen. Ich denke von meiner Erfahrung als Lehrer her: Viele Schüler wollen nur die Sprüche lernen, mit denen sie durchs Abitur kommen (und sie kommen damit durchs Abitur) – Schule verhindert also häufig Lernen; aber gelegentlich macht sie es auch möglich, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann: Es kommt auf die Schüler, es kommt auf den Lehrer an. Das gilt gleichermaßen auch von dem, was Adorno in Aphorismus Nr. 40 sagt.

Aphorismus 50 zeigt noch einmal die Besonderheit von Adornos Denken: „Die Aufforderung, man solle sich der intellektuellen Redlichkeit befleißigen, läuft meist auf die Sabotage der Gedanken heraus. Ihr Sinn ist, den Schriftsteller dazu anzuhalten, alle Schritte explizit darzustellen, die ihn zu seiner Aussage geführt haben, und so jeden Leser zu befähigen, den Prozeß nachzuvollziehen und womöglich – im akademischen Betrieb – zu duplizieren. Das arbeitet nicht bloß mit der liberalen Fiktion der beliebigen, allgemeinen Kommunizierbarkeit eines jeden Gedankens und hemmt dessen sachlich angemessenen Ausdruck, sondern ist falsch auch als Prinzip der Darstellung selber. Denn der Wert eines Gedankens mißt sich an seiner Distanz von der Kontinuität des Bekannten. Er nimmt objektiv mit der Herabsetzung dieser Distanz ab; je mehr er sich dem vorgegebenen Standard annähert, um so mehr schwindet seine antithetische Funktion, und nur in ihr, im offenbaren Verhältnis zu seinem Gegensatz, nicht in seinem isolierten Dasein liegt sein Anspruch begründet.“ Dagegen vertrete ich hier in Adorno’scher Kürze, also ohne detaillierte Begründung folgende Thesen:

  • Die Forderung nach intellektueller Redlichkeit ist die Forderung, reale oder mögliche Einsichten wörtlich ernst zu nehmen, statt sie aus Gründen einer Opportunität zu „frisieren“.
  • Ein Gedanke muss prinzipiell kommunizierbar sein, auch wenn nicht jeder ihn versteht; ein nicht kommunizierbarer Gedanke hätte den Charakter einer Privatoffenbarung.
  • Der Wert eines Gedankens misst sich nicht an der Distanz zum Bekannten, die ohnehin nicht messbar ist, sondern an seiner Wahrheit und daran, ob er einen weiter- oder voranbringt.

Adorno scheint die Antithetik zu lieben. Im Fortgang des Gedankens fährt er aber zwischen der Cartesianischen Klarheit und der „Wesensschau“ eine mittlere Linie: „Verleugnet diese das logische Recht, das trotz allem in jedem Gedanken sich geltend macht, so nimmt jene es in seiner Unmittelbarkeit, bezogen auf jeden einzelnen intellektuellen Akt und nicht vermittelt durch den Strom des ganzen Bewußtseinslebens des Erkennenden. Darin aber liegt zugleich das Eingeständnis der tiefsten Unzulänglichkeit. Denn wenn die redlichen Gedanken unweigerlich auf bloße Wiederholung, sei’s des Vorfindlichen, sei’s der kategorialen Formen hinauslaufen, so bleibt der Gedanke, der der Beziehung zu seinem Gegenstand zuliebe auf die volle Durchsichtigkeit seiner logischen Genesis verzichtet, allemal etwas schuldig. Er bricht das Versprechen, das mit der Form des Urteils selber gesetzt ist. Diese Unzulänglichkeit gleicht der der Linie des Lebens…“ Den von mir rot gesetzten Satz konnte Adorno sich nicht verkneifen; da überzieht er, was an seiner Einsicht in die verworrenen Wege der Erkenntnis richtig ist.

Beeindruckt hat mich der Aphorismus 49, weil er das Problem der alten und der neuen Liebe, des „Besitzes“ und der Treue/Untreue/Treulosigkeit tiefsinnig reflektiert, ohne dass ich jedem Satz zustimmen könnte. Im Aphorismus stecken Prämissen, die ich nicht überprüfen kann (etwa: Der Zeitbegriff wurde auf Grund der Eigentumsordnung gebildet). Ich gebe ihn deshalb unkommentiert wieder: „Moral und Zeitordnung. – Während die Literatur alle psychologischen Arten erotischer Konflikte behandelt hat, ist der einfachste auswendige Konfliktstoff unbeachtet geblieben um seiner Selbstverständlichkeit willen. Das ist das Phänomen des Besetztseins: daß ein geliebter Mensch sich uns versagt nicht wegen innerer Antagonismen und Hemmungen, wegen zuviel Kälte oder zuviel verdrängter Wärme, sondern weil bereits eine Beziehung besteht, die eine neue ausschließt. Die abstrakte Zeitordnung spielt in Wahrheit die Rolle, die man der Hierarchie der Gefühle zuschreiben möchte. Es liegt im Vergebensein, außer der Freiheit von Wahl und Entschluß, auch ein ganz Zufälliges, das dem Anspruch der Freiheit durchaus zu widersprechen scheint. Selbst und gerade in einer von der Anarchie der Warenproduktion geheilten Gesellschaft würden schwerlich Regeln darüber wachen, in welcher Reihenfolge man Menschen kennenlernt. Wäre es anders, so müßte ein solches Arrangement dem unerträglichsten Eingriff in die Freiheit gleichkommen. Daher hat denn auch die Priorität des Zufälligen mächtige Gründe auf ihrer Seite: wird einem Menschen ein neuer vorgezogen, so tut man jenem allemal Böses an, indem die Vergangenheit des gemeinsamen Lebens annulliert, Erfahrung selber gleichsam durchstrichen wird. Die Irreversibilität der Zeit gibt ein objektives moralisches Kriterium ab. Aber es ist dem Mythos verschwistert wie die abstrakte Zeit selbst. Die in ihr gesetzte Ausschließlichkeit entfaltet sich ihrem eigenen Begriff nach zur ausschließenden Herrschaft hermetisch dichter Gruppen, schließlich der großen Industrie. Nichts rührender als das Bangen der Liebenden, die Neue könnte Liebe und Zärtlichkeit, ihren besten Besitz, eben weil sie sich nicht besitzen lassen, auf sich ziehen, gerade vermöge jener Neuheit, die vom Vorrecht des Älteren selber hervorgebracht wird. Aber von diesem Rührenden, mit dem zugleich alle Wärme und alles Geborgensein zerginge, führt ein unaufhaltsamer Weg über die Abneigung des Brüderchens gegen den Nachgeborenen und die Verachtung des Verbindungsstudenten für seinen Fuchs zu den Immigrationsgesetzen, die im sozialdemokratischen Australien alle Nichtkaukasier draußen halten, bis zur faschistischen Ausrottung der Rasseminorität, womit dann in der Tat Wärme und Geborgensein ins Nichts explodieren. Nicht nur sind, wie Nietzsche es wußte, alle guten Dinge einmal böse Dinge gewesen: die zartesten, ihrer eigenen Schwerkraft überlassen, haben die Tendenz, in der unausdenkbaren Roheit sich zu vollenden.

Es wäre müßig, aus solcher Verstrickung den Ausweg weisen zu wollen. Doch läßt sich wohl das unheilvolle Moment benennen, das jene ganze Dialektik ins Spiel bringt. Es liegt beim ausschließenden Charakter des Ersten. Die ursprüngliche Beziehung, in ihrer bloßen Unmittelbarkeit, setzt bereits eben jene abstrakte Zeitordnung voraus. Historisch ist der Zeitbegriff selber auf Grund der Eigentumsordnung gebildet. Aber das Besitzenwollen reflektiert die Zeit als Angst vor dem Verlieren, der Unwiederbringlichkeit. Was ist, wird in Beziehung zu seinem möglichen Nichtsein erfahren. Damit wird es erst recht zum Besitz gemacht und gerade in solcher Starrheit zu einem Funktionellen, das für anderen äquivalenten Besitz sich austauschen ließe. Einmal ganz Besitz geworden, wird der geliebte Mensch eigentlich gar nicht mehr angesehen. Abstraktheit in der Liebe ist das Komplement der Ausschließlichkeit, die trügerisch als das Gegenteil, als das sich Anklammern an dies eine so Seiende in Erscheinung tritt. Dies Festhalten verliert gerade sein Objekt aus den Händen, indem es zum Objekt gemacht wird, und verfehlt den Menschen, den es auf Meinen Menschen« herunterbringt. Wären Menschen kein Besitz mehr, so könnten sie auch nicht mehr vertauscht werden. Die wahre Neigung wäre eine, die den anderen spezifisch anspricht, an geliebte Züge sich heftet und nicht ans Idol der Persönlichkeit, die Spiegelung von Besitz. Das Spezifische ist nicht ausschließlich: ihm fehlt der Zug zur Totalität. Aber in anderem Sinne ist es doch ausschließlich: indem es die Substitution der unlösbar an ihm haftenden Erfahrung – zwar nicht verbietet, aber durch seinen reinen Begriff gar nicht erst aufkommen läßt. Der Schutz des ganz Bestimmten ist, daß es nicht wiederholt werden kann, und eben darum duldet es das andere. Zum Besitzverhältnis am Menschen, zum ausschließenden Prioritätsrecht, gehört genau die Weisheit: Gott, es sind alles doch nur Menschen, und welcher es ist, darauf kommt es gar nicht so sehr an. Neigung, die von solcher Weisheit nichts wüßte, brauchte Untreue nicht zu fürchten, weil sie gefeit wäre vor der Treulosigkeit.“

Damit man bei der eigenen Adornolektüre nicht allein steht, nenne ich einige Links von Seiten, wo Adorno gewürdigt oder gedeutet wird:

http://www.zeit.de/2001/19/200119_ka-philo-.xml (Würdigung 2001 – nach 50 Jahren)

https://www.welt.de/print-wams/article614235/Denk-mal-moralisch.html (dito)

http://www.presse.uni-oldenburg.de/f-aktuell/01-adorno.html (dito)

http://www.deutschlandfunk.de/minima-moralia-reflexionen-aus-dem-beschaedigten-leben.700.de.html?dram:article_id=80281 (dito – klug und kritisch)

http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Andreas-Bernard-Ulrich-Raulff-Hg.html (linke Besprechung einer Reihe von „Würdigungen“)

http://www.single-generation.de/wissenschaft/theodor_wiesengrund_adorno.htm (bibliografische Angaben zu Würdigungen, mit Links)

http://www.tabvlarasa.de/21/lembke.php (über den Lebensbegriff Adornos und seine Bedeutung)

http://kulturkritik.net/philosophie/adornoselemente/text_adornoselemente.html (Elemente der Kulturkritik Adornos – mit Kritik an Adorno)

https://www.amertin.de/aufsatz/1994/magister0.htm (Die ästhetische Kritik der Ethik in „Minima Moralia“)

http://sfb89b7e12c5b103c.jimcontent.com/download/version/1345165800/module/6416527985/name/Es_gibt_kein_richtiges_Leben_im_Falschen.pdf („Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ – Vortrag)

http://www.recherche-online.net/theodor-adorno.html (ähnlich)

http://www.comlink.de/cl-hh/m.blumentritt/agr95s.htm (über die Aktualität Adornos)

http://www.his-online.de//fileadmin/verlag/leseproben/978-3-86854-702-3_01.pdf (Adorno und die Psychoanalyse)

http://www.uni-bielefeld.de/soz/we/ab_soztheorie/beispiel.html?__xsl=/unitemplate_2009_print.xsl (ein Aphorismus Adornos über Liebe, konfrontiert mit anderen Autoren)

http://www.praxisphilosophie.de/adorno_421.htm (dort: Adorno zur Diskussion -Links)

https://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/fileadmin/Redaktion/Institute/Germanistik/AbteilungII/Materialien_Pott/Aufsaetze/Adorno.pdf (über Adornos Kulturkritik)

https://www.audimax.de/fileadmin/hausarbeiten/geschichte/Hausarbeit-Geschichte-Theodor-W-_Adornos-Kulturindustriethese.pdf (über Adornos These von der Kulturindustrie)

https://www.youtube.com/watch?v=F5p9OWfkmKo („Der Bürger als Revolutionär“ – über Adorno)

http://plato.stanford.edu/entries/adorno/ (Adorno, Stanford Encyclopedia of Philosophy)

(Es fällt auf, wie viele englischsprachige Artikel zu Adorno es im Netz gibt.)

Der zweite Teil der „Minima Moralia“ ist 1945 verfasst; das Thema Faschismus tritt zurück, das Spektrum der behandelten Themen weitet sich. Die Ratschläge für Schriftsteller (Nr. 51, vgl. Nr. 64) sind für Leute interessant, die selber schreiben. Aus dem Herzen gesprochen ist mir dieser Satz daraus: „Keine Verbesserung ist zu klein oder geringfügig, als daß man sie nicht durchführen sollte. Von hundert Änderungen mag jede einzelne läppisch und pedantisch erscheinen; zusammen können sie ein neues Niveau des Textes ausmachen.“

Als erster soll Aphorismus Nr. 66, „Melange“, vorgestellt werden. Hier denkt Adorno über Toleranz nach, polemisiert gegen das Postulat der Gleichheit der Menschen und gegen die, wie er sagt, unitarische Toleranz, die später repressive Toleranz hieß: „Das geläufige Argument der Toleranz, alle Menschen, alle Rassen seien gleich, ist ein Bumerang. Es setzt sich der bequemen Widerlegung durch die Sinne aus, und noch die zwingendsten anthropologischen Beweise dafür, daß die Juden keine Rasse seien, werden im Falle des Pogroms kaum etwas daran ändern, daß die Totalitären ganz gut wissen, wen sie umbringen wollen und wen nicht. […] Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen. Politik, der es darum im Ernst noch ginge, sollte deswegen die abstrakte Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee propagieren.“ Hier macht Adorno es sich sehr einfach, indem er nicht fragt, was denn mit der Formel, alle Menschen seien gleich, gemeint ist; damit ist nämlich nicht gemeint, dass sie „gleich“ sind, sondern dass sie gleiches Lebensrecht haben, dass alle menschlich empfinden können, dass sie gleich viel wert sind. Diese Wertung wird durch die Tatsache von Pogromen nicht widerlegt. Adornos Aussage über die emanzipierte Gesellschaft ist so schön abstrakt, dass sie nichts mehr besagt: „die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen“ – wer würde dem nicht zustimmen, zumal da niemand weiß, wann „die Differenzen“ (statt der Menschen) versöhnt sind.

Auch ein weiterer Gedanke enthält Sprengstoff: „Attestiert man dem Neger, er sei genau wie der Weiße, während er es doch nicht ist, so tut man ihm insgeheim schon wieder Unrecht an. Man demütigt ihn freundschaftlich durch einen Maßstab, hinter dem er unter dem Druck der Systeme notwendig zurückbleiben muß, und dem zu genügen überdies ein fragwürdiges Verdienst wäre.“ Attestiert man dagegen dem Neger, er sei anders als der Weiße, dann ließe sich daraus leicht folgern, er sei halt nicht zum Studium geeignet, sondern eher für die Arbeit auf den Baumwollplantagen. Ich denke, man kann auf Maßstäbe nicht verzichten – auf Maßstäbe, die an jeden einzelnen angelegt werden, unabhängig von seiner Hautfarbe, und mit denen bestimmt werden soll, ob jemand für eine Aufgabe qualifiziert ist. Die Frage ist nämlich, was einen Menschen außer seiner Hautfarbe zum „Neger“ macht und ob es etwas Negerhaftes gibt, wie Adorno zu unterstellen scheint. Es muss dem Neger freistehen und möglich sein oder ermöglicht werden, ob/dass er sich an einen Lebensstil anpassen will oder nicht – das wäre dann kein „Martertod“, wie Adorno polemisiert, sondern die Gleichheit der Chancen, das Ende der Rassentrennung und Diskriminierung. Überhaupt – Adornos Polemik gegen die „Anpassung“ steht in einem schlechten Licht, wenn man an die Ereignisse der Kölner Silvesternacht 2015/16 denkt oder an die Meldung, wie ein Kurde dieser Tage seine Frau an einem Seil hinter seinem Auto her geschleift hat (http://www.haz.de/Nachrichten/Der-Norden/Uebersicht/Frau-an-Seil-um-Hals-hinter-Auto-hergezogen). Da würde man sich schon eine Anpassung an unsere Sitten des Umgangs mit Frauen wünschen!

In Nr. 71 denkt Adorno über die Macht der Ideologien nach: „Es ist dahin gekommen, daß Lüge wie Wahrheit klingt, Wahrheit wie Lüge. Jede Aussage, jede Nachricht, jeder Gedanke ist präformiert durch die Zentren der Kulturindustrie. Was nicht die vertraute Spur solcher Präformation trägt, ist vorweg unglaubwürdig, um so mehr, als die Institutionen der öffentlichen Meinung dem, was sie aus sich entlassen, tausend faktische Belege und alle Beweiskraft mitgeben, deren die totale Verfügung habhaft werden kann. Die Wahrheit, die dagegen anmöchte, trägt nicht bloß den Charakter des Unwahrscheinlichen, sondern ist überdies zu arm, um in Konkurrenz mit dem hochkonzentrierten Verbreitungsapparat durchzudringen.“ Wir erleben heute in Deutschland das Gegenteil, welches die Macht der Ideologien bestätigt: Ein großer Teil der Bevölkerung widersteht dem, was „die Zentren der Kulturindustrie“ produzieren, und widersetzt sich nicht nur der „Lügenpresse“, sondern jeder Argumentation, die sich auf Fakten berufen kann.

Auch dem letzten Gedanken des Aphorismus kann ich nicht zustimmen: „Die Umsetzung aller Fragen der Wahrheit in solche der Macht, der Wahrheit selber nicht sich entziehen kann, wenn sie nicht von der Macht vernichtet werden will, unterdrückt sie nicht bloß, wie in früheren Despotien, sondern hat bis ins Innerste die Disjunktion von Wahr und Falsch ergriffen, an deren Abschaffung die Söldlinge der Logik ohnehin emsig mitwirken.“ Nicht die Söldlinge der Logik wollen die Unterscheidung von Wahr und Falsch abschaffen, sondern die Söldner des Volkstums und des starken Mannes – das erleben wir heute nicht nur in Deutschland. Adorno ist auf Hitler und die Nazis fixiert, seine Gedanken haben sich dialektisch längst überschlagen. Ob sie uns beim Kampf gegen die neuen Nazis helfen?

Eine neue Lektüre verdienen die Aphorismen Nr. 78 (Hoffnung als Grund des Lebens), Nr. 79 (Wurzeln des Denkens in Emotionen), Nr. 81 (gegen die Primat des „Wichtigen“ im Denken), Nr. 84 (Lust des Intellektuellen an seiner Arbeit); um Adornos Denken zu verstehen, lohnt ein Blick in den Aphorismus Nr. 82: „Während der Gedanke auf Tatsachen sich bezieht und in der Kritik an ihnen sich bewegt, bewegt er sich nicht minder durch die festgehaltene Differenz. Er spricht eben dadurch genau das aus was ist, daß es nie ganz so ist, wie er es ausspricht. Ihm ist wesentlich ein Element der Übertreibung, des über die Sachen Hinausschießens, von der Schwere des Faktischen sich Loslösens, kraft dessen er anstelle der bloßen Reproduktion des Seins dessen Bestimmung, streng und frei zugleich, vollzieht. Darin ähnelt jeder Gedanke dem Spiel, mit welchem Hegel nicht weniger als Nietzsche das Werk des Geistes verglichen hat. […] Fällt er aus dem Medium des Virtuellen heraus, einer Antizipation, die von keiner einzelnen Gegebenheit ganz zu erfüllen ist, kurz, sucht er anstelle von Deutung einfache Aussage zu werden, so wird alles, was er aussagt, in der Tat falsch. […] Einzig der Anspruch des Unbedingten, der Sprung über den Schatten, läßt dem Relativen Gerechtigkeit widerfahren. Indem er Unwahrheit auf sich nimmt, führt er an die Schwelle von Wahrheit im konkreten Bewußtsein der Bedingtheit menschlicher Erkenntnis.“

Fragwürdig ist dagegen der Aphorismus Nr. 80, in dem steht, die Welt sei ein System geworden, in dem kein Denken mehr möglich sei – eine typische Überspitzung Adornos. Widersprechen möchte ich ausdrücklich dem Aphorismus Nr. 85: „Wer, wie das so heißt, in der Praxis steht, Interessen zu verfolgen, Pläne zu verwirklichen hat, dem verwandeln die Menschen, mit denen er in Berührung kommt, automatisch sich in Freund und Feind. Indem er sie daraufhin ansieht, wie sie seinen Absichten sich einfügen, reduziert er sie gleichsam vorweg zu Objekten: die einen sind verwendbar, die andern hinderlich. Jede abweichende Meinung erscheint auf dem Bezugssystem je einmal vorgegebener Zwecke, ohne welches keine Praxis auskommt, als lästiger Widerstand, Sabotage, Intrige; jede Zustimmung, und käme sie aus dem gemeinsten Interesse, wird zur Förderung, zum Brauchbaren, zum Zeugnis der Bundesgenossenschaft.“ Das stimmt einfach nicht; wer mit meinen Absichten übereinstimmt, wird mir nicht zum Freund; erst wer ausdrücklich und direkt gegen mich arbeitet, wird zum „Feind“. Ob solche Unterscheidung direkt „zum Faschismus“ tendiert, wäre diskutabel, wenn die Prämisse stimmte; der Bezug auf Carl Schmitt („Der Begriff des Politischen“) ist unverkennbar. „Der Fortschritt zu solchem Bewußtsein macht die Regression auf die Verhaltensweise des Kindes sich zu eigen, das gern hat oder sich fürchtet. Die apriorische Reduktion auf das Freund-Feind-Verhältnis ist eines der Urphänomene der neuen Anthropologie. Freiheit wäre, nicht zwischen schwarz und weiß zu wählen, sondern aus solcher vorgeschriebenen Wahl herauszutreten.“ Die These vom Urphänomen ist verwegen; Adornos Hoffnung und Intention erscheint im letzten Satz: aus vorgeschriebener Wahl heraustreten können, mit jedem zusammenarbeiten können oder aber ihn sein lassen können. Das ist jedoch alte und neue Kölner Weisheit: Jeder Jeck ist anders; Jeck, lott Jecke langs.

Nett ist in Nr. 87 der Spott über die gewaltig mit sich Ringenden. Bedenkenswert dann Aphorismus Nr. 90: „Während die Schulen die Menschen im Reden drillen wie in der ersten Hilfe für die Opfer von Verkehrsunfällen und im Bau von Segelflugzeugen, werden die Geschulten immer stummer. Sie können Vorträge halten, jeder Satz qualifiziert sie fürs Mikrophon, vor das sie als Stellvertreter des Durchschnitts plaziert werden, aber die Fähigkeit miteinander zu sprechen erstickt. Sie setzte mitteilenswerte Erfahrung, Freiheit zum Ausdruck, Unabhängigkeit zugleich und Beziehung voraus. Im allumgreifenden System wird Gespräch zur Bauchrednerei. […] Nichts wird der Menschheit nur von außen angetan: das Verstummen ist der objektive Geist.“ Der Schluss ist wieder sehr spitz formuliert; aber wenn ich sehe, wie eine Mutter wiederholt mit ihrem Kind im Wartezimmer des Logopäden sitzt und mit ihrem Handy spricht, während das Kind in einem Buch still vor sich hin blättert, kann ich Adorno nicht unrecht geben. – In diesen Zusammenhang gehört auch Nr. 91: Die allgemeine Hektik breitet sich bis ins Intellektuelle aus: mitmachen, nichts verpassen, sich von der Vergnügungsindustrie unterhalten lassen. Ob die These aus Nr. 92, dass die Aufklärung Bilder und Begriffe zerstört habe, weshalb alles in sinnliche Zeichen übersetzt werde, stimmt?

Bedenkenswert sind die Überlegungen in Aphorismus Nr. 94 über die Unmöglichkeit, die geschichtliche Situation in der Kunst zu erfassen: „Die Kabalen der allzu gut gebauten Stücke Schillers sind ohnmächtige Hilfskonstruktionen zwischen den Leidenschaften der Menschen und der ihnen bereits inkommensurablen und darum in menschlichen Motivationen nicht mehr greifbaren sozialen und politischen Realität. Jüngst ist daraus der Eifer der biographischen Schundliteratur geworden, berühmte Leute unberühmten menschlich näher zu bringen. Dem gleichen Drang zur falschen Vermenschlichung entspringt die berechnende Wiedereinführung des Plots, der Handlung als eines einstimmigen, nachvollziehbaren Sinnzusammenhangs. Dieser wäre unter den Voraussetzungen des photographischen Realismus im Film nicht zu halten. Indem man ihn willkürlich restauriert, fällt man hinter die Erfahrungen der großen Romane zurück, von denen der Film parasitär lebt; sie besaßen ihren Sinn gerade in der Auflösung des Sinnzusammenhangs. […] Die politische Ökonomie jedoch, deren Darstellung sie sich statt dessen zur Aufgabe setzt, ist unverändert im Prinzip, doch in jedem ihrer Momente so differenziert und fortgeschritten, daß sie der schematischen Parabel sich entzieht. Vorgänge innerhalb der großen Industrie als solche zwischen gaunerhaften Gemüsehändlern zu präsentieren, reicht eben aus für den schnell verbrauchten Schock, nicht aber für die dialektische Dramatik. Die Illustration des späten Kapitalismus durch Bilder aus dem agraren oder kriminalistischen Vorstellungsschatz läßt nicht das Unwesen der heutigen Gesellschaft aus seiner Vermummung durch komplizierte Phänomene rein hervortreten. […] Vollendete Unfreiheit läßt sich erkennen, nicht darstellen. Wo in politischen Erzählungen heute Freiheit als Motiv vorkommt, wie beim Lob heroischen Widerstands, hat es das Beschämende der ohnmächtigen Versicherung. Der Ausgang wirkt allemal als durch die große Politik vorgezeichnet, und Freiheit selber tritt ideologisch, als Rede über Freiheit, mit stereotypen Deklamationen, nicht in menschlich kommensurablen Handlungen hervor.“ Wie gesagt, das wäre an Hand von Beispielen zu diskutieren – ich sehe mich dazu nicht imstande.

Schwierig ist Aphorismus Nr. 97 über das Individuum, seine Entstehung und seinen Untergang zu beurteilen; das ist ein Thema, welches Beachtung verdient – ich glaube nicht, dass Adorno mit seinen drei Seiten dem Thema gerecht wird. Nr. 98 (über dialektisches Denken) verstehe ich nicht. Wichtig ist dann Aphorismus Nr. 99, die Polemik gegen die Anpreisung der Echtheit: „Die Unwahrheit steckt im Substrat von Echtheit selber, dem Individuum. Wenn im principium individuationis, wie die Antipoden Hegel und Schopenhauer gemeinsam erkannten, das Gesetz des Weltlaufs sich versteckt, so wird die Anschauung von der letzten und absoluten Substantialität des Ichs Opfer eines Scheins, der die bestehende Ordnung schützt, während ihr Wesen bereits verfällt. Die Gleichsetzung von Echtheit und Wahrheit ist nicht zu halten.“ Ein Schopenhauer-Zitat verdient, noch einmal zitiert zu werden, weil es die Leere des Ichs erklärt: »Jedes Individuum ist einerseits das Subjekt des Erkennens, das heißt, die ergänzende Bedingung der Möglichkeit der ganzen objektiven Welt, und andererseits einzelne Erscheinung des Willens, desselben, der sich in jedem Dinge objektiviert. Aber diese Duplizität unseres Wesens ruht nicht in einer für sich bestehenden Einheit: sonst würden wir uns unserer selbst an uns selbst und unabhängig von den Objekten des Erkennens und Wollens bewußt werden können: dies können wir aber schlechterdings nicht, sondern sobald wir, um es zu versuchen, in uns gehen und uns, indem wir das Erkennen nach Innen richten, einmal völlig besinnen wollen; so verlieren wir uns in eine bodenlose Leere, finden uns gleich der gläsernen Hohlkugel, aus deren Leere eine Stimme spricht, deren Ursache aber nicht darin anzutreffen ist, und indem wir so uns selbst ergreifen wollen, erhaschen wir, mit Schaudern, nichts, als ein bestandloses Gespenst.« Und Adorno selber kommentiert die Einsicht: „Nicht bloß ist das Ich in die Gesellschaft verflochten, sondern verdankt ihr sein Dasein im wörtlichsten Sinn. All sein Inhalt kommt aus ihr, oder schlechterdings aus der Beziehung zum Objekt. Es wird um so reicher, je freier es in dieser sich entfaltet und sie zurückspiegelt, während seine Abgrenzung und Verhärtung, die es als Ursprung reklamiert, eben damit es beschränkt, verarmen läßt und reduziert.“ Adorno schlägt dann eine Brücke zum Aphorismus Nr. 49: „Die ganze Philosophie der Innerlichkeit, mit dem Anspruch der Weltverachtung, ist die letzte Sublimierung der barbarischen Brutalität, daß, wer zuerst da war, das größere Recht habe, und die Priorität des Selbst ist so unwahr wie die aller, die bei sich zu Hause sind.“ Zum Schluss erklärt Adorno, woher der Trug im Kult des Echten stammt: „Der Trug der Echtheit geht zurück auf die bürgerliche Verblendung dem Tauschvorgang gegenüber. Echt erscheint, worauf die Waren und anderen Tauschmittel reduziert werden, Gold zumal. Wie das Gold aber wird die von seinem Feingehalt abstrahierte Echtheit zum Fetisch. Beide werden behandelt, als wären sie das Substrat, das doch in Wahrheit ein gesellschaftliches Verhältnis ist, während Gold und Echtheit gerade nur Fungibilität, die Vergleichbarkeit der Sachen ausdrücken; gerade sie sind nicht an sich, sondern für anderes.“ Das sind, wie gesagt, in meinen Augen die wesentlichen Gedanken eines großen Aphorismus, den man selber ganz lesen sollte.

Dass das Ziel der emanzipierten Gesellschaft der ewige Friede ist (so Aphorismus Nr. 100), wer wollte das 2016 bestreiten. Wie kämen wir ihm jedoch ein Schrittchen näher? Sicher nicht, indem wir auf die Utopie schauen, sondern indem wir selber ein wenig Frieden zu schaffen versuchen und nicht als Feind, sondern als Freund auftreten.

Der dritte Teil des Buches, 1946/47 verfasst, fällt gegenüber den beiden ersten Teilen ab. Etwa ab Nr. 115 wird es langweilig; bei meiner ersten Lektüre 1968 habe ich dort aufgehört zu lesen. Im dritten Teil geht es zunächst um Allerweltsthemen:

  • Über Frühreife (Nr. 101)
  • Über Rennen und Gehen (und die Jugendbewegung und den Rennsport, Nr. 102)
  • Das Unglück in seiner Phantasie heraufbeschwören, mit theoretischem Überbau (Nr. 103)
  • Über den Abgewiesenen, in der Liebe Verschmähten (Nr. 104)
  • Über schlaflos verbrachte Nächte und die Angst vor dem eigenen Ende (Nr. 105),

und so geht das weiter; das ist nett, aber man muss es nicht lesen. In Nr. 110 steht erneut das Thema Liebe vs. Ehe zur Debatte (vgl. Nr. 10-12, 49, 99, 113); ich vermute, dass Adornos eigene Probleme ihn auf dieses so häufig bedachte Thema gestoßen haben. In Nr. 116 findet sich gegen Ende ein bemerkenswerter Satz: „Einzig durch die Anerkennung von Ferne im Nächsten wird Fremdheit gemildert: hineingenommen ins Bewußtsein.“

In Nr. 120 wird das Verhältnis von oben-unten in der Gesellschaft bedacht: „Zur Verewigung des realen Unterschieds von oben und unten hilft, daß er als Unterschied zwischen den Bewußtseinsweisen hier und dort mehr stets verschwindet. Die Armen werden von der Disziplin der anderen am Denken verhindert, die Reichen von der eigenen. Das Bewußtsein der Herrschenden vollendet allem Geist gegenüber, was zuvor der Religion widerfuhr. Kultur wird dem großen Bürgertum ein Element der Repräsentation. Daß einer klug oder gebildet sei, rangiert unter den Qualitäten, die ihn einladens- oder heiratswert machen, wie gutes Reiten, Naturliebe, Charme oder ein tadellos sitzender Frack. Auf Erkenntnis sind sie nicht neugierig. Meist gehen die Sorgenfreien im Täglichen auf wie die Kleinbürger. […] Man ist oben dabei, so eisern sich zu integrieren, daß die Möglichkeit der subjektiven Abweichung entfällt und die Differenz nirgends mehr gesucht werden kann als beim aparteren Schnitt des Abendkleids.“ Im nächsten Aphorismus geht es um die Anglomanie der Oberschicht, die Anpassung an der Stil der englischen Oberschicht: „Daß das sich selbst veranstaltende Leben nicht das Mehr als Leben sei, kommt zutage an der Langeweile der Cocktail Parties und der Weckend-Einladungen auf dem Lande, des für die ganze Sphäre symbolischen Golfs und der Organisation von Social Affairs – Privilegien, an denen keiner rechten Spaß hat und mit denen die Privilegierten nur noch sich darüber betrügen, wie sehr es im glücklosen Ganzen auch ihnen an der Möglichkeit von Freude mangelt. […] Leben ist zur Ideologie seiner eigenen Absenz geworden.“ (Nr. 121)

Das freie Denken habe sich aufgegeben und sei in den Apparat integriert worden, behauptet Adorno in Nr. 126; er postuliert, man müsse die Einheit von Gefühl und Verstand suchen und so die Arbeitsteilung überwinden (Nr. 127). Dass auch die kritischen Intellektuellen dem Prozess der Standardisierung unterliegen, wird in Nr. 132 behauptet. Das gleiche Problem beherrscht auch die Aphorismen über den Film (zwischen message und escape, Nr. 130) und die kunsttheoretischen Reflexionen in Nr. 134 – 145. Daraus zur Illustration einige Zitate: „Die zeitgenössische Massenkultur ist historisch notwendig nicht bloß als Folge der Umklammerung des gesamten Lebens durch Monstreunternehmen, sondern als Konsequenz dessen, was der heute herrschenden Standardisierung des Bewußtseins am äußersten entgegengesetzt scheint, der ästhetischen Subjektivierung. Wohl haben die Künstler, je mehr sie nach innen gingen, auf den infantilen Spaß an der Nachahmung des Auswendigen verzichten gelernt. Aber zugleich lernten sie vermöge der Reflexion auf die Seele mehr und mehr über sich selber verfügen. Der Fortschritt ihrer Technik, der ihnen stets größere Freiheit und Unabhängigkeit vom Heterogenen brachte, resultierte in einer Art von Verdinglichung, Technifizierung der Inwendigkeit als solcher. Je überlegener der Künstler sich ausdrückt, um so weniger muß er »sein«, was er ausdrückt, und in um so größerem Maße wird das Auszudrückende, ja der Inhalt von Subjektivität selber zu einer bloßen Funktion des Produktionsprozesses. […] Die vielberufene Schauspielerei der neueren Künstler jedoch, ihr Exhibitionismus, ist der Gestus, durch welchen sie sich selber als Waren auf den Markt bringen.“ (Nr. 137) „Keine Liebe, die nicht Echo wäre. In den Mythen war die Gewähr der Gnade Annahme des Opfers; um diese aber bittet Liebe, das Nachbild der Opferhandlung, wenn sie nicht unterm Fluch sich fühlen soll. Zum Verfall des Schenkens heute schickt sich die Verhärtung gegen das Nehmen. Sie läuft aber auf jene Verleugnung von Glück selber hinaus, die allein den Menschen es gestattet, an ihrer Art Glück festzuhalten. Durchschlagen wäre der Wall, wo sie vom andern empfingen, was sie mit verkniffenem Mund sich selber verwehren müssen. Das aber wird ihnen schwer um der Anstrengung willen, die das Nehmen ihnen zumutet.“ (Nr. 139 – im Anschluss an die Analyse der Erwartung, das Kunstwerk müsse einem etwas geben) „Wo der freie Vers als Form eigenen Wesens sich erweist, ist er aus der gebundenen Strophe hervorgegangen, über die Subjektivität hinausdrängt. […] Ist nicht alle gearbeitete Prosa eigentlich ein System freier Rhythmen, der Versuch, den magischen Bann des Absoluten und die Negation seines Scheins zur Deckung zu bringen, eine Anstrengung des Geistes, die metaphysische Gewalt des Ausdrucks vermöge ihrer eigenen Säkularisierung zu erretten? Wäre dem so, dann fiele ein Strahl von Licht auf die Sisyphuslast, die jeder Prosaschriftsteller auf sich genommen hat, seitdem Entmythologisierung in die Zerstörung von Sprache selber übergegangen ist. Sprachliche Don Quixoterie ward zum Gebot, weil jedes Satzgefüge beiträgt zur Entscheidung darüber, ob die Sprache als solche, zweideutig von Urzeiten her, dem Betrieb verfällt und der geweihten Lüge, die zu diesem gehört, oder ob sie zum heiligen Text sich bereitet, indem sie sich spröde macht gegen das sakrale Element, aus dem sie lebt. Die asketische Abdichtung der Prosa gegen den Vers gilt der Beschwörung des Gesangs.“ (Nr. 142)

Für sehr problematisch halte ich den Aphorismus Nr. 148, „Abdeckerei“; da geht es um das Individuum und seinen Tod sowie um seine Ersetzbarkeit. Die letzten drei Aphorismen haben dann deutlich mehr Gewicht. Nr. 151 besteht aus neun „Thesen gegen den Okkultismus“, deren Quintessenz ich zitiere, weil sie auch heute noch wichtig sind: „Die Neigung zum Okkultismus ist ein Symptom der Rückbildung des Bewußtseins. Es hat die Kraft verloren, das Unbedingte zu denken und das Bedingte zu ertragen. […] Okkultismus ist eine Reflexbewegung auf die Subjektivierung allen Sinnes, das Komplement zur Verdinglichung. Wenn die objektive Realität den Lebendigen taub erscheint wie nie zuvor, so suchen sie ihr mit Abrakadabra Sinn zu entlocken. […] Der Aberglaube ist Erkenntnis, weil er die Chiffren der Destruktion zusammen sieht, welche auf der gesellschaftlichen Oberfläche zerstreut sind; er ist töricht, weil er in all seinem Todestrieb noch an Illusionen festhält: von der transfigurierten, in den Himmel versetzten Gestalt der Gesellschaft die Antwort sich verspricht, die nur gegen die reale erteilt werden könnte. […] Die Objekte ihres Interesses sollen zugleich die Möglichkeit von Erfahrung übersteigen und erfahren werden. Es soll streng wissenschaftlich zugehen; je größer der Humbug, desto sorgfältiger die Versuchsanordnung. Die Wichtigtuerei wissenschaftlicher Kontrolle wird ad absurdum geführt, wo es nichts zu kontrollieren gibt. […] Die Kardinalsünde des Okkultismus ist die Kontamination von Geist und Dasein, das selber zum Attribut des Geistes wird. Dieser ist im Dasein entsprungen, als Organ, sich am Leben zu erhalten. Indem jedoch Dasein im Geist sich reflektiert, wird er zugleich ein anderes. Das Daseiende negiert sich als Eingedenken seiner selbst. Solche Negation ist das Element des Geistes. Ihm selber wiederum positive Existenz, wäre es auch höherer Ordnung, zuzuschreiben, lieferte ihn an das aus, wogegen er steht. Die spätere bürgerliche Ideologie hatte ihn nochmals zu dem gemacht, was er dem Präanimismus war, einem Ansichseienden, nach dem Maße der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, des Bruches zwischen physischer und geistiger Arbeit, der planenden Herrschaft über jene. Im Begriff des ansichseienden Geistes rechtfertigte das Bewußtsein das Privileg ontologisch und verewigte es, indem es ihn gegenüber dem gesellschaftlichen Prinzip verselbständigte, das ihn konstituiert. Solche Ideologie explodiert im Okkultismus: er ist gleichsam der zu sich selbst gekommene Idealismus.“ Adornos Ausführungen sind natürlich viel ausführlicher, ich habe etwa ein Achtel zitiert.

Da Dialektik die zentrale „Methode“ Adornos ist, sind seine Gedanken hierüber zu beachten: „Die Dialektik ist in der Sophistik entsprungen, ein Verfahren der Diskussion, um dogmatische Behauptungen zu erschüttern und, wie die Staatsanwälte und Komiker es nannten, das mindere Wort zum stärkeren zu machen. Sie hat sich in der Folge gegenüber der Philosophie perennis zur perennierenden Methode der Kritik ausgebildet, Asyl allen Gedankens der Unterdrückten, selbst des nie von ihnen gedachten. Aber sie war als Mittel, Recht zu behalten, von Anbeginn auch eines zur Herrschaft, formale Technik der Apologie unbekümmert um den Inhalt, dienstbar denen, die zahlen konnten: das Prinzip, stets und mit Erfolg den Spieß umzudrehen. Ihre Wahrheit oder Unwahrheit steht daher nicht bei der Methode als solcher, sondern bei ihrer Intention im historischen Prozeß. […] Der drohende Rückfall der Reflexion ins Unreflektierte verrät sich in der Überlegenheit, die mit dem dialektischen Verfahren schaltet und redet, als wäre sie selber jenes unmittelbare Wissen vom Ganzen, das vom Prinzip der Dialektik gerade ausgeschlossen wird. Man bezieht den Standpunkt der Totalität, um dem Gegner jedes bestimmte negative Urteil im Zeichen eines belehrenden So war es nicht gemeint aus der Hand zu schlagen und zugleich selber gewaltsam die Bewegung des Begriffs abzubrechen, die Dialektik mit dem Hinweis auf die unüberwindliche Schwerkraft der Fakten zu sistieren. Das Unheil geschieht durchs Thema probandum: man bedient sich der Dialektik anstatt an sie sich zu verlieren. Dann begibt sich der souverän dialektische Gedanke zurück ins vordialektische Stadium: die gelassene Darlegung dessen, daß jedes Ding seine zwei Seiten hat.“ Ob Adorno selber immer den Versuchungen der Dialektik entgangen ist? Ich befürchte, diese Frage negativ beantworten zu müssen.

Über die Gestalt der Philosophie „heute“ spricht Adorno im letzten Aphorismus (Nr. 153), der einen gewaltigen Schlusspunkt darstellt: „Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint: alles andere erschöpft sich in der Nachkonstruktion und bleibt ein Stück Technik. […] Je leidenschaftlicher der Gedanke gegen sein Bedingtsein sich abdichtet um des Unbedingten willen, um so bewußtloser, und damit verhängnisvoller, fällt er der Welt zu. Selbst seine eigene Unmöglichkeit muß er noch begreifen um der Möglichkeit willen. Gegenüber der Forderung, die damit an ihn ergeht, ist aber die Frage nach der Wirklichkeit oder Unwirklichkeit der Erlösung selber fast gleichgültig.“ Den letzten Satz versteht man, wenn man weiß, was Adorno über Dialektik gesagt hat.

Die 10 Aphorismen, die den „Anhang“ bilden (s. oben, erster Link zum „Text“), fehlen in meiner Ausgabe (Suhrkamp 1964); es handelt sich um zehn ausgesonderte Aphorismen.

 

Die Auseinandersetzung mit Adorno kann man auch unter dem Stichwort „Kritische Theorie“ verfolgen:

http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main%5Bentry%5D=504&tx_gbwbphilosophie_main%5Baction%5D=show&tx_gbwbphilosophie_main%5Bcontroller%5D=Lexicon&cHash=225b79d23714f190924dfcd1e27c77a8 (sachliche Einführung, gut)

http://www.philso.uni-augsburg.de/lehrstuehle/soziologie/sozio1/medienverzeichnis/Karsch/Handout_CK.pdf (knapp, v.a. über die „Dialektik der Aufklärung“ und die Kulturindustrie)

http://www.wissenschaftskritik.de/kritische-theorie/ (Vortrag, 2 Stunden)

http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/IMG/pdf/Schiller_Kritische_Theorie.pdf (wesentliche Station der Kr. Theorie)

http://www.ingo-tessmann.de/kritik/node6.html (Geschichte der Kr. Theorie, im Kontext der Zeitgeschichte, bis zu Habermas)

http://alt.rogerbehrens.net/kt70.pdf (Vortrag 2007, v.a. über die Anfänge der Kr. Theorie)

http://www.conne-island.de/nf/99/27.html (Einführung in die Kr. Theorie)

http://www.business.uzh.ch/dam/jcr:ffffffff-91d0-b1ef-ffff-ffffd9b557d0/5_Die_kritische_Theorie.pdf (schematische Darstellung, mit Konsequenzen für die Unternehmensethik)

http://www.trend.infopartisan.net/trd7811/t217811.html (Kritik der Frankfurter Schule, 1980)

http://www.wissenschaftskritik.de/argumente-gegen-die-kritische-theorie/ (umfangreiche linke Kritik, 1990)

http://www.globalecho.org/frankfurter-schule-kritische-theorie-und-die-zersetzung-der-deutschen-gesellschaft/ (einzige „rechte“ Kritik)

http://www.kritiknetz.de/kritischetheorie (eine Reihe von Aufsätzen in der Tradition der Kr. Theorie, seit 2005)

http://www.inkrit.de/neuinkrit/index.php/de/ (ein marxistisches Institut, das sich als Fortsetzung der Kr. Theorie versteht) und

„Minima Moralia“ neu gelesen, hrsg. von A. Bernard & U. Raulff, 2003. Besprechung: http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Andreas-Bernard-Ulrich-Raulff-Hg.html

Platon: Phaidon – zum Verständnis

Ich habe die Übersetzung von Otto Apelt benutzt, dessen Text mit Erläuterungen (3. Aufl. 1923) heute noch in der Philosophischen Bibliothek Meiner nachgedruckt wird (in Platon: Sämtliche Dialoge, Bd. II). In der Einleitung bietet Apelt nicht nur einen schönen Überblick über Inhalt und Gliederung des Gesprächs (S. 16 ff.), sondern er legt zuvor die große Bedeutung des Dialogs für europäisches Denken dar (S. 1 ff.), nicht ohne die platonischen Beweise für die Unsterblichkeit der Seele zu kritisieren (S. 9 ff.); er weist darauf hin, dass bereits Wilhelm Gottlieb Tennemann 1791 Platons Beweise widerlegt hat (https://archive.org/stream/bub_gb_qVNbAAAAQAAJ#page/n19/mode/2up, dort S. 236 ff. bzw. S. 323 ff.).

http://www.w-k-essler.de/pdfs/Sokrates.pdf (W. K. Essler: Versuch, eine ursprüngliche Fassung von Platons „Phaidon“ herauszuschälen – nach der Übersetzung von O. Apelt)

http://uacg.bg/filebank/att_4038.pdf dt. Text (Denker)

https://archive.org/stream/platonsphaidon00plat#page/n7/mode/2up (dito: Kassner, 1906)

http://graecum-latinum.de/gr_texte/pdf/phaidon-uebersetzung.pdf (dito: unvollständig, unbekannt)

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Platon/Phaidon (dito: Schleiermacher, veraltete Übersetzung) = http://www.opera-platonis.de/Phaidon.pdf

Theodor Ebert: Phaidon. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 2004

https://www.youtube.com/watch?v=pyOUy9GQAf8 (Text vorgelesen)

http://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=Perseus%3Atext%3A1999.01.0169%3Atext%3DPhaedo (griechischer Text)

https://archive.org/stream/platonosphaidonp00platuoft#page/n45/mode/2up (dito, 1904)

https://archive.org/stream/platnosphaidnph00archgoog#page/n61/mode/2up (dito: krit. Ausgabe 1887)

 

http://www.gottwein.de/Grie/plat/phaid_komp01.php (Gottwein: Inhalt, Gedankengang und Aufbau, im Anschluss an L. Georgii))

http://www.uni-kassel.de/philosophie/Heinemann/Work%20in%20Progress/Platons%20Phaidon.%20Was%20Philosophen%20wirklich%20wollen%20(Kasse%2017.%20Juli%202014).pdf (Gottfried Heinemann: Vortrag über den „Phaidon“ – Aufbau S. 2; Inhalt/Gedankengang ab S. 13, mit Kritik an Platon)

http://www.p-j-r.de/ppt/unsterbliche_seele.pps (Reichard: Die unsterbliche Seele nach Platon)

http://commonweb.unifr.ch/artsdean/pub/gestens/f/as/files/4610/38755_144249.ppt (Struktur des „Phaidon“, S. 11-13)

http://washaeltdieweltzusammen.blogspot.de/2012/08/unsterblichkeit-der-seele.html (Darstellung wichtiger Gedanken)

http://platon-heute.de/ideenlehre.html (Platon und die Ideenlehre)

Gottfried Wilhelm Leibniz, +1716

Heute vor 300 Jahren ist Gottfried Wilhelm Leibniz gestorben; ich habe einige wichtige Würdigungen gesammelt, dazu Links zu seinem Leben und zu seinen Schriften:

http://www.sueddeutsche.de/wissen/geisteswissenschaften-leibniz-und-wir-1.3247377 (umfassend, verständlich)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/zum-300-todestag-von-gottfried-wilhelm-leibniz-14523816.html (eher herablassend)

http://www.deutschlandfunk.de/gottfried-wilhelm-leibniz-philosoph-naturwissenschaftler.700.de.html?dram:article_id=371262 (umfangreich, im Rahmen einer Buchbesprechung)

https://www.welt.de/wissenschaft/article159226853/Leibniz-der-Urvater-des-Digitalzeitalters.html (insgesamt etwas oberflächlich)

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1031939.ein-genie-gott-und-die-welt.html (i.W. sein öffentliches Wirken, weniger seine Gedanken)

http://www.die-tagespost.de/feuilleton/Metaphysik-der-OEkumene;art310,173761 (v.a. seine theologisch relevanten Gedanken und religionspolitischen Bemühungen)

http://gottfried-wilhelm-leibniz.de/ (Bild)

https://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Wilhelm_Leibniz (manches sehr knapp)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz49946.html#ndbcontent (Leben, ausführlich)

http://plato.stanford.edu/entries/leibniz/ (umfangreich, systematisch)

http://www.gottfried-wilhelm-leibniz-gesellschaft.de/startseite.html (Leibniz-Gesellschaft)

https://de.wikisource.org/wiki/Gottfried_Wilhelm_Leibniz (Werke im Internet)

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Leibniz,+Gottfried+Wilhelm („Theodicee“ und „Neue Abhandlungen…“)

http://gutenberg.spiegel.de/autor/gottfried-wilhelm-leibniz-363 („Monadologie“ und Kleinere phil. Schriften)

http://www.leibniz-edition.de/Baende/ (Werke)

Grenze und Schwäche politischer Satire

Kommentar zur Wahl Trumps, am Morgen nach der Wahl – zugleich ein Beitrag über die Grenze der politischen Satire:

„[…] Bisher konnte man sich zumindest noch in den Galgenhumor flüchten. Nicht umsonst heißt es, Humor mache das Leben erträglicher. Das stimmt insofern, als dass Humor ein Weg ist, das persönliche und ganz generelle Weltgeschehen zu betrachten. Über etwas zu lachen – und sei es auch nur über sich selbst – schafft eine wohltuende Distanz. Was nicht mehr ganz so nah an mir dran ist, tut mir nicht so weh. Vielleicht wurde Humor nie so inflationär als Bewältigungsstrategie eingesetzt wie zurzeit. Wobei das schon die erste problematische Verallgemeinerung ist, denn Humor ist keine demokratische Bewältigungsstrategie, sondern eine ziemlich elitäre.

Wie heißt es gerne? Ironie ist der Humor der intelligenten Menschen. Besonders häufig macht sich der bildungsbürgerlich aufgeklärte Mensch über Dinge lustig, die er nicht durchdringt, denen er sich hilflos ausgesetzt fühlt, die er eben nicht klar kriegt. Das widerspricht fundamental seinem Selbstverständnis.

Humor ist da der Konsistenzkitt, er bringt den selbstauferlegten Anspruch des aufgeklärten Bürgers mit seinem gefühlten (oder tatsächlichen) Handlungsspielraum in Einklang. Es ist vergleichsweise leicht, nach einer Ausgabe Die Anstalt zum Thema Flüchtlingskrise mit einem wohligen Gefühl ins Bett zu gehen. Wurde der komplexe Gegenstand gut recherchiert? Scharf analysiert? Bekömmlich präsentiert? Check, check, check. Noch einmal über das Gesehene schlafen, am nächsten Morgen mit den Kollegen die besten Szenen und treffendsten Pointen nachbesprochen, politische Schuldigkeit getan, nächstes Thema. […]

Nicht falsch verstehen. Selbstverständlich ist es richtig und wichtig, dass es politische Satire gibt und dass sie geschützt ist. Aber Satire wird dann problematisch, wenn sie bloßes Mittel der Selbstvergewisserung ist. Humoristische Überhöhung ist gefährlich, wenn sie Dinge tatsächlich vereinfacht. Am Ende jedes Anti-Trump-Videos von Jon Stewart, John Oliver oder Stephen Colbert stand die beruhigende Botschaft: Ich stehe auf der richtigen Seite, auf der Seite der Wahrheit. An diesem Morgen muss ich erkennen, dass es zwischen Wahrheit und Nicht-Wahrhaben-Wollen ein schmaler und gefährlicher Grat ist.

Ich bin abgestürzt auf den Boden der Tatsachen. Und auf diesem Boden leben Menschen, deren Beweggründe für ihr Trump-Votum ich zumindest hätte anerkennen müssen, anstatt sie pauschal als nicht gerechtfertigt abzuwehren. Was beschwert sich der weiße Farmer aus dem mittleren Westen, dem geht es doch gut im Vergleich zu vielen Latinos oder Schwarzen in den USA! Das mag inhaltlich stimmen, aber die moralische Arroganz hinter diesem Denken ist fatal. Viele Menschen, die nun Trump gewählt haben, wollten weder Trump noch Clinton – sie wollten eine Veränderung, mit allen Mitteln. Wohin dieser unbedingte und gerade nicht vorausschauende Protest- und Veränderungswille führen kann, das zeigt das Brexit-Votum, das zeigen die jüngsten Landtagswahlen, bei denen die AfD für schockstarre Gesichter in den TV-Studios und Wohnzimmern sorgte.

An diesem Mittwochmorgen im November heißt das politische Schreckgespenst Donald Trump, und es ist umso angsteinflößender, weil es real geworden ist. Zum Leben erweckt von Menschen, die politische Beobachter mit Adjektiven beschrieben haben, die jeden Psychologen alarmieren würden: abgehängt, desillusioniert, wütend. Doch ich habe diese Warnzeichen nicht ernstgenommen, habe ihnen das Zuhören verweigert. Ich habe mich bis zuletzt darauf verlassen, dass es reicht, Donald Trump immer wieder in seiner ganzen lächerlichen Hybris vorzuführen. Vorführen zu lassen, am liebsten von klugen Satirikern, die Trumps Lügen Fakten entgegengesetzt und den ganzen Wahlkampfwahnsinn humoristisch überhöht haben.

Doch Trumps Wähler haben Humor vielleicht nie gelernt, ganz sicher aber ist diese Wahl für sie – und uns – kein Spaß. Der Humor ist tot an diesem Morgen. Es braucht eine neue Bewältigungsstrategie.

(Johanna Bruckner: Oh mein Gott. Es ist passiert, SZ-online am 9.11.2016, 12:05 = http://www.sueddeutsche.de/kultur/us-wahl-oh-mein-gott-es-ist-passiert-1.3241273)

Baltasar Gracian: Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit – Einführung

1) Gracians „Hand-Orakel“, das die „Kunst der Weltklugheit“ lehren soll, erstmals 1647 erschienen, ist in der Tat ein Orakel: Von den 300 Aphorismen widersprechen einige den anderen bzw. relativieren sie. In Nr. 76 heißt es zum Beispiel: „Der Verstand eines Mannes zeigt sich im Ernsthaften, welches daher mehr Ehre bringt, als das Witzige.“ Dagegen liest man in Nr. 79: „Ein Gran Munterkeit würzt Alles. Die größten Männer treiben auch bisweilen Possen, und es macht sie bei Allen beliebt…“ Einerseits solle man nie von sich reden (Nr. 117), anderseits solle man seine Sachen herauszustreichen verstehen (Nr. 150). Man soll „Keinen allzu deutlichen Vortrag haben“ (Nr. 253), also den Anschein des Tiefsinns erwecken, doch soll man anderseits „Nicht wirksam scheinen, sondern seyn“ (Nr. 295): „Man gebe seine Thaten hin, aber verkaufe sie nicht.“

In den Reflexionen Kants finden wir die Erklärung dafür, dass niemand „nach irgend einem Grundsatze mit völliger Gewißheit zu bestimmen [vermag], was ihn wahrhaft glücklich machen werde“ (Grundlegung zu Metaphysik der Sitten, 418), und dass man deshalb „nicht nach bestimmten Prinzipien handeln [kann], um glücklich zu sein, sondern nur nach empirischen Ratschlägen, z.B. der Diät, der Sparsamkeit, der Höflichkeit, der Zurückhaltung usw., von welchen die Erfahrung lehrt, daß sie das Wohlbefinden im Durchschnitt am meisten befördern“ (a.a.O.). Aus diesem Grund kann Gracian auch nur Ratschläge erteilen, die manchmal orakelhaft klingen, weil sie eben keine Prinzipien sind.

2) Die den Ratschlägen des Hand-Orakels zugrundeliegende Voraussetzung ist die Auffassung (oder Tatsache?), dass man in der Öffentlichkeit – genauer: im Umgang bei Hof und mit Hofleuten, vgl. Nr. 11, heute also in der Politik, „in diesem Klima des beständigen Angegriffenseins, Sichbehauptens und Sichdurchsetzens“ (Sibylle Krause-Burger) – sich stets im Kampf mit den anderen befindet:

  • „Wenige Menschen führen auf redliche Art Krieg: Die Nebenbuhler decken die Fehler auf, welche die Nachsicht vergessen hatte.“ (Nr. 114)
  • Gracian spricht ausdrücklich von Gegnern (Nr. 142) und Widersachern (Nr. 165). „Wir müssen entweder unter Freunden, oder unter Feinden leben.“ (Nr. 111) Adel des Gemüts zeige sich darin, „gut vom Feinde zu reden und noch besser an ihm zu handeln“ (Nr. 131).
  • „Ein Krieg ist das Leben des Menschen gegen die Bosheit des Menschen. Die Klugheit führt ihn, indem sie sich der Kriegslisten, hinsichtlich ihres Vorhabens, bedient. Nie thut sie das, was sie vorgiebt, sondern zielt nur, um zu täuschen.“ (Nr. 13) Hier ist „Krieg“ zwar nur eine, wenn auch ausgebaute, Metapher; doch scheint die uns umgebende Bosheit eine allgemeine zu sein; daraus ergibt sich die Notwendigkeit, vorsichtig zu sein und andere über sich und sein eigenes Vorhaben im Unklaren zu lassen oder sogar zu täuschen.
  • Zu dieser List wird auch im Aphorismus Nr. 144 geraten: „Mit der fremden Angelegenheit auftreten, um mit der seinigen abzuziehen“, sowie in zahlreichen Warnungen vor der List der Gegner und den Mahnungen zu kluger Zurückhaltung: „Ohne zu lügen, nicht alle Wahrheit sagen“ (Nr. 181).
  • So kennt Gracian keine Skrupel, wenn er empfiehlt, nach dem Vorbild der Regierenden „Jemanden zu haben, auf den [im Fall eines Misserfolgs] der Tadel des Mislingens und die Strafe allgemeiner Schmähungen zurückfalle“ (Nr. 149).

3) Das ganze Leben ist nach Gracian ein Kampf um Ansehen, um Geltung und um Einfluss, die zu gewinnen und zu festigen seien.

  • „Hochachtung erlangt man desto weniger, je mehr man darauf ausgeht: denn sie hängt von der Meinung Anderer ab, weshalb man sie sich nicht nehmen kann, sondern sie von den Anderen verdienen und abwarten muß.“ (N. 106)
  • „Ruf erlangen und behaupten“ (Nr. 97)
  • „Anziehungskraft besitzen“ (Nr. 274)
  • „Die allgemeine Bewundrung zu erlangen ist viel; mehr jedoch, die allgemeine Liebe.“ (Nr. 40)
  • Der Umgang mit den richtigen Leuten bereitet Genuss, „indem man, für das was man sagt, Beifall und von dem, was man hört, Nutzen einerntet“ (Nr. 11).
  • Man solle „Sich Liebe und Wohlwollen erwerben“ (Nr. 112), wozu das Leben unter Freunden beiträgt (Nr. 111). Jedoch: „Zwar soll man nicht sehr gefürchtet seyn, aber auch nicht sehr geliebt: Die Liebe führt die Vertraulichkeit ein, und mit jedem Schritt, den diese vorwärts macht, macht die Hochachtung einen zurück.“ (Nr. 290).
  • Man muss „Seinen Glanz erneuern“ (Nr. 81), weil alles verblasst, wenn es älter wird: „Man trete mit neuen glänzenden Sachen hervor und gehe, wie die Sonne, wiederholt auf.“ (Nr. 81)

Wenn man diese drei Aspekte vor Augen hat, kann man die vielen Ratschläge Gracians in ihrem Stellenwert verstehen und sie sogar unter Oberbegriffen bündeln. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit nenne ich dafür folgende wesentliche Ratschläge:

  • Nicht mit offenen Karten spielen
  • Höflich sein, verbindlich auftreten
  • Streit vermeiden
  • Sich nicht in den Vordergrund spielen
  • Unbefangen auftreten
  • Mit denen umgehen, von denen man lernen (profitieren) kann
  • Seine Freunde mit Bedacht auswählen, sich nie ganz offenbaren
  • Nicht hastig leben
  • Andere von sich abhängig machen, deren Erwartungen nie ganz erfüllen
  • Anderen die Daumenschrauben anzulegen verstehen
  • Nicht auf den schönen Schein hereinfallen
  • Distanz wahren
  • Die Dinge ruhen lassen können
  • Keinen Phantasien nachjagen
  • Sich selbst und seine Schwächen kennen, aber auch die der anderen
  • Nicht auf seine Tricks hereinfallen, wenn andere sie anwenden
  • Stets handeln, als würde man gesehen (Nr. 297)

 

http://www.handorakel.de/ (Text: Übersetzung Schopenhauers, die klassische deutsche Übersetzung)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/gracians-orakel-der-weltklugheit-3064/1 (dito)

http://balthasar-gracian.virtusens.de/balthasar_gracian_texte.php?suche=&lpos=1 (dito: eine Auswahl, bis S. 15, die letzten 50 Aphorismen sind vollständig)

https://www.aphorismen.de/suche?f_autor=1511_Baltasar+Graci%C3%A1n+y+Morales (Zitate aus dem „Handorakel“)

http://www.aphorismus.net/ap_gracian.html (Gracians Leben)

http://balthasar-gracian.virtusens.de/balthasar_gracian_biographie.php (dito)

http://www.aphorismus.net/beitrag12.html (über den Autor)

http://www.aphorismus.net/beitrag18.html (über das „Handorakel“)

 

Dass man sich stets im Kampf mit den anderen befinde, halte ich für eine problematische Annahme; sie macht freie Kommunikation und Kooperation unmöglich – aber zum Glück widerspricht Gracian sich gelegentlich selbst! Wenn ich auswählen soll und darf, empfehle ich folgende Aphorismen als besonders lesens- und bedenkenswert:

 

  1. Sich vor dem Siege über Vorgesetzte hüten.

Alles Übertreffen ist verhaßt, aber seinen Herrn zu übertreffen ist entweder ein dummer oder ein Schicksalsstreich. Stets war die Ueberlegenheit verabscheut; wieviel mehr die über die Ueberlegenheit selbst. Vorzüge niedriger Gattung wird der Behutsame verhehlen, wie etwa seine persönliche Schönheit durch Nachlässigkeit im Anzüge verleugnen. Es wird sich wohl treffen, daß Jemand an Glücksumständen, ja an Gemüthseigenschaften uns nachzustehen sich bequemt, aber an Verstand kein Einziger; wie viel weniger ein Fürst. Denn der Verstand ist eben die Königliche Eigenschaft und deshalb jeder Angriff auf ihn ein Majestätsverbrechen. Fürsten sind sie, und wollen es in dem seyn, was am meisten auf sich hat. Sie mögen wohl, daß man ihnen hilft, jedoch nicht, daß man sie übertrifft: der ihnen ertheilte Rath sehe daher mehr aus wie eine Erinnerung an das was sie vergaßen, als wie ein ihnen aufgestecktes Licht zu dem was sie nicht finden konnten. Eine glückliche Anleitung zu dieser Feinheit geben uns die Sterne, welche, obwohl hellglänzend und Kinder der Sonne, doch nie so verwegen sind, sich mit den Strahlen dieser zu messen. (Vgl. Nr. 210)

 

  1. Die Einbildungskraft zügeln,

indem man bald sie zurechtweist, bald ihr nachhilft: denn sie vermag Alles über unser Glück, und sogar unser Verstand erhält Berichtigung von ihr. Sie kann eine tyrannische Gewalt erlangen und begnügt sich nicht mit müßiger Beschauung, sondern wird thätig, bemächtigt sich sogar oft unsers ganzen Daseyns, welches sie mit Lust oder Traurigkeit erfüllt, je nachdem die Thorheit ist, auf die sie verfiel: denn sie macht uns mit uns selbst zufrieden oder unzufrieden, spiegelt Einigen beständige Leiden vor und wird der häusliche Henker dieser Thoren: Andern zeigt sie nichts als Seeligkeiten und Glücksfälle, unter lustigem Schwindeln des Kopfs. Alles dieses vermag sie, wenn nicht die vernünftige Obhut unsrer selbst ihr den Zaum anlegt. (Vgl. Nr. 19)

 

  1. Ein rechtschaffener Mann seyn:

stets steht dieser auf der Seite der Wahrheit, mit solcher Festigkeit des Vorsatzes, daß weder die Leidenschaft des großen Haufens, noch die Gewalt des Despoten ihn jemals dahin bringen, die Gränze des Rechts zu übertreten. Allein wer ist dieser Phönix der Gerechtigkeit? Wohl wenige ächte Anhänger hat die Rechtschaffenheit. Zwar rühmen sie Viele, jedoch nicht für ihr Haus. Andre folgen ihr bis zum Punkt der Gefahr: dann aber verleugnen sie die Falschen, verhehlen sie die Politischen. Denn sie kennt keine Rücksicht, sei es, daß sie mit der Freundschaft, mit der Macht, oder mit dem eigenen Interesse sich feindlich begegnete: hier nun liegt die Gefahr abtrünnig zu werden. Jetzt abstrahiren, mit scheinbarer Metaphysik, die Schlauen von ihr, um nicht der Absicht der Höheren oder der Staatsräson in den Weg zu treten. Jedoch der beharrliche Mann hält jede Verstellung für eine Art Verrath: er setzt seinen Werth mehr in seine unerschütterliche Festigkeit, als in seine Klugheit. Stets ist er zu finden, wo die Wahrheit zu finden ist: und fällt er von einer Partei ab, so ist es nicht aus Wankelmuth von seiner, sondern von ihrer Seite, indem sie zuvor von der Sache der Wahrheit abgefallen war. (Vgl. zum letzten Satz Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches I, 629 ff. – dieser Aphorismus gefällt mir, ist aber atypisch für Gracian!)

 

  1. Denken wie die Wenigsten und reden wie die Meisten.

Gegen den Strom schwimmen zu wollen, vermag keineswegs den Irrthum zu zerstören, sehr wohl aber, in Gefahr zu bringen. Nur ein Sokrates konnte es unternehmen. Von Andrer Meinung abweichen, wird für Beleidigung gehalten; denn es ist ein Verdammen des fremden Urtheils. Bald mehren sich die darob Verdrießlichen, theils wegen des getadelten Gegenstandes, theils wegen dessen, der ihn gelobt hatte. Die Wahrheit ist für Wenige, der Trug so allgemein wie gemein. Den Weisen wird man nicht an dem erkennen, was er auf dem Marktplatz redet: denn dort spricht er nicht mit seiner Stimme, sondern mit der der allgemeinenThorheit, so sehr auch sein Inneres sie verleugnen mag. Der Kluge vermeidet eben so sehr, daß man ihm, als daß er Andern widerspreche: so bereit er zum Tadel ist, so zurückhaltend in der Aeußerung desselben. Das Denken ist frei, ihm kann und darf keine Gewalt geschehn. Daher zieht der Kluge sich zurück in das Heiligthum seines Schweigens: und läßt er ja sich bisweilen aus; so ist es im engen Kreise Weniger und Verständiger. (Vgl. Nr. 159, 240)

 

  1. Bedacht im Erkundigen.

Man lebt hauptsächlich auf Erkundigung. Das Wenigste ist, was wir sehn: wir leben auf Treu und Glauben. Nun ist aber das Ohr die Nebenthüre der Wahrheit, die Hauptthüre der Lüge. Die Wahrheit wird meistens gesehn, nur ausnahmsweise gehört. Selten gelangt sie rein und unverfälscht zu uns, am wenigsten, wann sie von Weitem kommt: da hat sie immer eine Beimischung von den Affekten, durch die sie gieng. Die Leidenschaft färbt Alles, was sie berührt, mit ihren Farben, bald günstig, bald ungünstig. Sie bezweckt immer irgend einen Eindruck: daher leihe man nur mit großer Behutsamkeit sein Ohr dem Lober, mit noch größerer dem Tadler. In diesem Punkt ist unsre ganze Aufmerksamkeit vonnöthen, damit wir die Absicht des Vermittelnden herausfinden und schon zum voraus sehn, mit welchem Fuß er vortritt. Die schlaue Ueberlegung sei der Wardein [Beamter, der Münzen und Erze untersuchte und prüfte, N.T.] des Übertriebenen und des Falschen. (Vgl. Nr. 154)

 

  1. Kein Ankläger seyn.

Es giebt Menschen von finsterer Gemüthsart, die Alles zum Verbrechen stempeln, nicht von Leidenschaft, sondern von einem natürlichen Hange getrieben. Sie sprechen über Alle ihr Verdammungsurtheil aus, über Jene, für das, was sie gethan haben, über Diese, für das, was sie thun werden. Es zeugt von einem grausamen, ja niederträchtigen Sinn: und sie klagen mit einer solchen Uebertreibung an, daß sie aus Splittern Balken machen, die Augen damit auszustoßen. Ueberall sind sie Zuchtmeister, die ein Elysium in eine Galeere umwandeln möchten. Kommt gar noch Leidenschaft hinzu; so treiben sie Alles aufs Aeußerste. Im Gegentheil weiß ein edles Gemüth für Alles eine Entschuldigung zu finden, und wenn nicht ausdrücklich, durch Nichtbeachtung. (Vgl. Nr. 52, 228)

 

  1. Edle, freie Unbefangenheit bei Allem.

Diese ist das Leben der Talente, der Athem der Rede, die Seele des Thuns, die Zierde der Zierden. Alle übrigen Vollkommenheiten sind der Schmuck unsrer Natur; sie aber ist der der Vollkommenheiten selbst. Sogar im Denken wird sie sichtbar. Sie am allermeisten ist Geschenk der Natur und dankt am wenigsten der Bildung: denn selbst über die Erziehung ist sie erhaben. Sie ist mehr als Leichtigkeit, sie geht bis zur Kühnheit: sie setzt Ungezwungenheit voraus und fügt Vollkommenheit hinzu. Ohne sie ist alle Schönheit todt, alle Grazie ungeschickt: sie ist überschwenglich, geht über Tapferkeit, über Klugheit, über Vorsicht, ja über Majestät. Sie ist ein feiner Richtweg, die Geschäfte abzukürzen, oder auf eine edle Art aus jeder Verwicklung zu kommen. (Vgl. Nr. 147, dagegen Nr. 126, 179)

 

  1. Die Freunde seiner Wahl:

denn erst nachdem der Verstand sie geprüft und das wechselnde Glück sie erprobt hat, sollen sie es seyn, erkohren, nicht bloß durch die Neigung, sondern auch durch die Einsicht. Obgleich hierin es gut zu treffen, das Wichtigste im Leben ist, wird doch die wenigste Sorgfalt darauf verwendet. Einige Freunde führt ihre Zudringlichkeit, die meisten der Zufall uns zu. Und doch wird man nach seinen Freunden beurtheilt: denn nie war Übereinstimmung zwischen dem Weisen und den Unwissenden. Inzwischen ist, daß man Geschmack an Jemandem findet, noch kein Beweis genauer Freundschaft: es kann mehr von der Kurzweil an seiner Unterhaltung, als von dem Zutrauen zu seinen Fähigkeiten herrühren. Es giebt ächte und unächte Freundschaften, diese zum Ergötzen, jene zur Fruchtbarkeit an gelungenen Gedanken und Thaten. Wenige sind Freunde der Person, die Meisten der Glücksumstände. Die tüchtige Einsicht Eines Freundes nützt mehr als der gute Wille vieler andern: daher verdanke man sie seiner Wahl, nicht dem Zufall. Ein Kluger weiß Verdrießlichkeiten zu vermeiden; aber ein dummer Freund schleppt sie ihm zu. Auch wünsche man seinen Freunden nicht zu großes Glück, wenn man sie behalten will. (Vgl. Nr. 111, 217, 258)

 

  1. Ohne zu lügen, nicht alle Wahrheiten sagen

Nichts erfordert mehr Behutsamkeit als die Wahrheit: sie ist ein Aderlaß des Herzens. Es gehört gleich viel dazu, sie zu sagen und sie zu verschweigen zu verstehn. Man verliert durch eine einzige Lüge den ganzen Ruf seiner Unbescholtenheit. Der Betrug gilt für ein Vergehn und der Betrüger für falsch, welches noch schlimmer ist. Nicht alle Wahrheiten kann man sagen, die einen nicht, unser selbst wegen, die andern nicht, des Andern wegen.

 

  1. Sein Leben verständig einzutheilen verstehn;

nicht wie es die Gelegenheit bringt, sondern mit Vorhersicht und Auswahl. Ohne Erholungen ist es mühselig, wie eine lange Reise ohne Gasthöfe: mannigfaltige Kenntnisse machen es genußreich. Die erste Tagereise des schönen Lebens verwende man zur Unterhaltung mit den Todten: wir leben, um zu erkennen und um uns selbst zu erkennen; also machen wahrhafte Bücher uns zu Menschen. Die zweite Tagereise bringe man mit den Lebenden zu, indem man alles Gute auf der Welt sieht und anmerkt: in Einem Lande ist nicht Alles zu finden: der Vater der Welt hat seine Gaben vertheilt, und bisweilen grade die Häßliche am reichsten ausgestattet. Die dritte Tagereise hindurch gehöre man ganz sich selber an: das letzte Glück ist zu philosophiren. (Vgl. Nr. 137, was atypisch für Gracian ist)

 

  1. Weder ganz sich, noch ganz den Andern angehören:

denn Beides ist eine niederträchtige Tyrannei. Daraus, daß Einer sich ganz für sich allein besitzen will, folgt alsbald, daß er auch alle Dinge für sich haben will. Solche Leute wollen nicht in der geringsten Sache nachgeben, noch das Mindeste von ihrer Bequemlichkeit opfern. Sie sind nicht verbindlich, sondern verlassen sich auf ihre Glücksumstände, welche Stütze jedoch unter ihnen zu brechen pflegt. Man muß bisweilen auch den Andern angehören, damit sie wieder uns angehören. Wer aber ein öffentliches Amt hat, muß der öffentliche Sklave seyn; oder lege die Würde mit der Bürde nieder, würde die Alte des Hadrian sagen. welche bekanntlich dem Kaiser, als er sie mit »ich habe keine Zeit« abwies, zurief: »so sei kein Kaiser!« Im Gegentheil giebt es auch Leute, welche ganz den Andern angehören: denn die Thorheit geht stets ins Uebertriebene, hier aber ans eine unglückliche Art. Diese haben keinen Tag und keine Stunde für sich, sondern gehören in solchem Uebermaaß den Andern an, daß Einer schon der Diener Aller genannt wurde. Dies erstreckt sich sogar auf den Verstand, indem sie für Alle wissen und bloß für sich unwissend sind. Der Aufmerksame begreife, daß Keiner ihn sucht; sondern Jeder seinen Vortheil in ihm, oder durch ihn. (Vgl. Nr. 260)

Fromm: Haben oder Sein (1977) – Besprechung

Erich Fromm hat 1977 „Haben oder Sein“ veröffentlicht. Dazu hat Gonsalv Mainberger in der NZZ (7.5.1977) eine glänzende Besprechung geschrieben – einen Verriss sondergleichen. Da ich Erich Fromm für einen unseriösen Philosophen halten, dessen Worte klingen und klingeln, möchte ich auf diese Besprechung verweisen: https://opus4.kobv.de/opus4-Fromm/files/15536/Mainberger_G_K_1977.pdf

Übergangssyndrom

Nach meiner Herz-OP sah ich auf der Trennwand zwischen mir und einem anderen Patienten auf der Wachstation eine Reihe Muster oder auch Schmierereien wie von Kinderhand, während meine Tochter behauptete, die Trennwand sei weiß. Ich sah auch Menschen, die sich aber nicht bewegten und nach einer guten Weile die Formen von Wasserflaschen annahmen (es waren welche!). In einer Nacht habe ich mir den Katheter aus dem Hals gerissen, bin aufgestanden und hingefallen; danach wurde ich an Händen und Füßen gefesselt (in Wirklichkeit nur an den Händen): Den Kampf gegen diese Fesselung habe ich wahnsinnig intensiv erlebt. Ich wusste: Ich hätte nur einen bestimmten Artikel in der Wikipedia lesen müssen, dann wäre mein Problem gelöst gewesen; ich kannte auch die drei Hauptaspekte des Artikels (Dreikaiserjahr, Sieg eines Kurfürsten durch politische Taktik und militärischen Einsatz der Kavallerie nach der Logik des Springerzuges im Schach). – Das alles waren Spätfolgen der starken Narkose, teilweise in Kombination mit einem bestimmten Schlafmittel; wegen der halluzinogenen Wirkung auf mich habe ich dann keine Schlafmittel mehr bekommen, wodurch die Nächte für mich sehr lang wurden…

Im Zustand des Halluzinierens war für mich natürlich nicht erkennbar, dass ich halluzinierte – ich erlebte ganz real und immer wieder, dass auf der Trennwand seltsame Muster standen, die ich mir dann (in einem Krankenhaus kann man doch keine Schmiererei zulassen!) als „Kunst“ zurechtlegte. Im Blatt, das auf die OP vorbereitet, fand ich nachträglich die Erklärung, die Narkose könne zu einem Übergangssyndrom oder Durchgangssyndrom führen. Mir scheint die Erfahrung des eigenen Spinnens deshalb als bemerkenswert, weil sie zeigt, dass die Berufung des Spinners auf eigene Erfahrung und eigenes Erleben nichts besagt. Die Wachenden haben eine gemeinsame Welt, wusste man schon in der Antike; im Traum taucht man in Sonderwelten ein. Leider wissen wir, dass es bezüglich der realen Welt nicht ganz so einfach ist, wie man in der Antike meinte: Auch Spinner können sich eine gemeinsame Welt schaffen (Sekte, Ideologie, Religion, Verschwörungstheorie usw.); die Konstruktivisten meinen sogar, jede Wirklichkeit sei bloß konstruiert – was ich allerdings für ein bloßes Konstrukt halte. Wissenschaftlich werden solche Fragen unter dem Stichwort „Wisenssoziologie“ behandelt; wichtig für mich waren Peter L. Berger und Thomas Luckmann.

„Als Durchgangssyndrom wird ein vorübergehender Verwirrtheitszustand im Gefolge operativer Eingriffe und im Zusammenhang mit stationärer Behandlung von Patienten bezeichnet. Die Betroffenen sind unruhig, bewusstseinsgetrübt, desorientiert, zum Teil auch aggressiv. Die Stärke der Symptomatik schwankt im Verlauf. Über Stunden bis Tage bilden sich die Symptome von selbst zurück, allerdings sind andere (gefährliche) Gesundheitsstörungen als Ursache der Bewusstseinsstörung auszuschließen.

Eine spezifische Therapie des Durchgangssyndroms ist nicht möglich, die Symptome bilden sich im Laufe von Stunden bis Tagen von selbst zurück.“ (https://www.dr-gumpert.de/html/durchgangssyndrom.html)

http://medizin-aspekte.de/durchgangssyndrom_3660

https://de.wikipedia.org/wiki/Durchgangssyndrom

Zur Wissenssoziologie:

http://www.bpb.de/apuz/158653/wissenssoziologie-wissensgesellschaft-und-wissenskommunikation?p=all

http://gedankenstrich.org/wp-content/uploads/2011/05/wissenssoziologie_skript_schrape.pdf

http://www.uvk.de/uploads/tx_gbuvkbooks/PDF_L/9783896696977_L.pdf

Laterales Denken, Ja-Nein-Spiele

Im Zusammenhang mit der Vorliebe von Frauen für Esoterik habe ich mich an eine Bloggerin erinnert, die vor vielleicht gut zehn Jahren von einer Begegnung mit einem Mann erzählte (nächtlicher Spaziergang); sie tat den erfolgreichen Geschäftsmann als Dummkopf ab, da er sie in ihrem lateralen Denken nie erreichen könne.

Was ist nun laterales Denken (was vielleicht etwas anderes ist, als was die Bloggerin sich darunter vorgestellt hat)?

Laterales Denken, umgangssprachlich auch Querdenken genannt, ist eine Denkmethode, die im Rahmen der Anwendung von Kreativitätstechniken zur Lösung von Problemen oder Ideenfindung eingesetzt werden kann. Der Begriff wurde 1967 von Edward de Bono eingeführt und seitdem in zahlreichen Veröffentlichungen verwendet. Gelegentlich wird in der Fachsprache auch der Begriff nichtlineares Denken gebraucht. Umgangssprachlich sagt man auch Querdenken oder um die Ecke denken. Das Antonym lautet vertikales oder lineares Denken.

Das Konzept de Bonos unterscheidet sich nur in Nuancen von dem Joy Paul Guilfords. Dieser verwendete an Stelle von lateralem Denken den Terminus divergentes Denken bzw. anstelle von vertikalem Denken den Terminus konvergentes Denken. (https://de.wikipedia.org/wiki/Laterales_Denken)

 

Typologie des vertikalen und lateralen Denkens:
Vertikales Denken

  • selektiv
  • analytisch
  • logische Schlussfolgerungen
  • der nächste Schritt ergibt sich aus dem vorangegangenen
  • Nebensächliches wird ignoriert
  • alle Einflussgrößen liegen innerhalb eines definierten Systems
  • ökonomischer Blickwinkel (wenig Aufwand bei der Lösungssuche)

Laterales Denken

  • generativ
  • provokativ
  • nicht jeder Schritt darf einem Prinzip folgen (sprunghaft)
  • Zufälliges wird begrüßt
  • keine Regeln
  • spürt dem Unwahrscheinlichen nach

DeBono gibt vier Prinzipien vor (und verstößt damit bereits ein wenig gegen seine eigenen Grundsätze des lateralen Denkens …), die erfüllt sein müssen, um lateral zu denken.

  1. Erkennen seiner Denkmuster
  2. Suche nach ungewohnten Blickwinkeln, um Sachverhalte zu betrachten
  3. Überwindung der (vom vertikalen Denken gewohnten) Kontrollmechanismen
  4. Bewusste Herbeiführung von Zufällen

Es ist beunruhigend, sich vorzustellen, wie viele Situationen nur unzureichend verstanden werden, weil der Versuch, sie zu erklären, sich in der Verwendung vertrauter Muster erschöpft.“ DeBono hatte erkannt, dass der Mensch stets versucht ist, aus nicht vertrauten Umgebungen vertraute Teilaspekte herauszulösen und sich daran zu orientieren. Diese Vorgehensweise soll anhand verschiedener Techniken überwunden werden. Hier greift auch DeBono wieder auf die bekannten Heurismen zurück. 

  1. Blickpunktumkehrung
  2. Visuelles Denken
  3. Zerlegung eines Problems in kleinere Bausteine, um diese dann neu zusammen zu setzen
  4. Verändern der Relationen
  5. Analogienbildung
  6. Aufmerksamkeit auf weniger vordergründige Aspekte richten

Fazit:
Für DeBono ist die Umstrukturierung von Denkmustern notwendig, um bereits vorhandene Informationen anders nutzen zu können. (http://www.bjoerk.de/lateralesdenken)

 

Um laterales Denken zu üben, gibt es Aufgaben und Spiele (Ja-Nein-Spiele), von denen ich einige gesammelt haben (Dubletten sind natürlich auch dabei):

http://www.unterhaltungsspiele.com/Kriminales/kriminales.html

http://www.janko.at/Raetsel/Laterale/

http://www.raetselstunde.de/text-raetsel/laterale/raetsel-krimi-001.html

http://www.onlinewahn.de/laterale.htm

http://www.denksport-raetsel.de/R%C3%A4tsel/Ja_Nein_R%C3%A4tsel

http://www.onlinewahn.de/laterale.htm

http://www.tuepfelhausen.de/index.php?option=com_content&view=article&id=69&Itemid=81

http://www.eigene-welten.de/

https://www.laterale.de/category/lateral/lebend/ ??

http://www.christiansaemann.de/files/denken.pdf Und etwas Theorie: Problemlösen, mit Beispielen)