Übergangssyndrom

Nach meiner Herz-OP sah ich auf der Trennwand zwischen mir und einem anderen Patienten auf der Wachstation eine Reihe Muster oder auch Schmierereien wie von Kinderhand, während meine Tochter behauptete, die Trennwand sei weiß. Ich sah auch Menschen, die sich aber nicht bewegten und nach einer guten Weile die Formen von Wasserflaschen annahmen (es waren welche!). In einer Nacht habe ich mir den Katheter aus dem Hals gerissen, bin aufgestanden und hingefallen; danach wurde ich an Händen und Füßen gefesselt (in Wirklichkeit nur an den Händen): Den Kampf gegen dieses Fesselung habe ich wahnsinnig intensiv erlebt. Ich wusste: Ich hätte nur einen bestimmten Artikel in der Wikipedia lesen müssen, dann wäre mein Problem gelöst gewesen; ich kannte auch die drei Hauptaspekte des Artikels (Dreikaiserjahr, Sieg eines Kurfürsten durch politische Taktik und militärischen Einsatz der Kavallerie nach der Logik des Springerzuges im Schach). – Das alles waren Spätfolgen der starken Narkose, teilweise in Kombination mit einem bestimmten Schlafmittel; wegen der halluzinogenen Wirkung auf mich habe ich dann keine Schlafmittel mehr bekommen, wodurch die Nächte für mich sehr lang wurden…

Im Zustand des Halluzinierens war für mich natürlich nicht erkennbar, dass ich halluzinierte – ich erlebte ganz real und immer wieder, dass auf der Trennwand seltsame Muster standen, die ich mir dann (in einem Krankenhaus kann man doch keine Schmiererei zulassen!) als „Kunst“ zurechtlegte. In der Vorbereitung auf die OP fand ich nachträglich die Erklärung, die Narkose könne zu einem Übergangssyndrom oder Durchgangssyndrom führen. Mir scheint die Erfahrung des eigenen Spinnens deshalb als bemerkenswert, weil sie zeigt, dass die Berufung des Spinners auf eigene Erfahrung und eigenes Erleben nichts besagt. Die Wachenden haben eine gemeinsame Welt, wusste man schon in der Antike; im Traum taucht man in Sonderwelten ein. Leider wissen wir, dass es bezüglich der realen Welt nicht ganz so einfach ist, wie man in der Antike meinte: Auch Spinner können sich eine gemeinsame Welt schaffen (Sekte, Ideologie usw.); die Konstruktivisten meinen sogar, jede Wirklichkeit sei bloß konstruiert – was ich allerdings für ein bloßes Konstrukt halte. Wissenschaftlich werden solche Fragen unter dem Stichwort „Wisenssoziologie“ behandelt; wichtig für mich waren Peter L. Berger und Thomas Luckmann.

„Als Durchgangssyndrom wird ein vorübergehender Verwirrtheitszustand im Gefolge operativer Eingriffe und im Zusammenhang mit stationärer Behandlung von Patienten bezeichnet. Die Betroffenen sind unruhig, bewusstseinsgetrübt, desorientiert, zum Teil auch aggressiv. Die Stärke der Symptomatik schwankt im Verlauf. Über Stunden bis Tage bilden sich die Symptome von selbst zurück, allerdings sind andere (gefährliche) Gesundheitsstörungen als Ursache der Bewusstseinsstörung auszuschließen.

Eine spezifische Therapie des Durchgangssyndroms ist nicht möglich, die Symptome bilden sich im Laufe von Stunden bis Tagen von selbst zurück.“ (https://www.dr-gumpert.de/html/durchgangssyndrom.html)

http://medizin-aspekte.de/durchgangssyndrom_3660

https://de.wikipedia.org/wiki/Durchgangssyndrom

Zur Wissenssoziologie:

http://www.bpb.de/apuz/158653/wissenssoziologie-wissensgesellschaft-und-wissenskommunikation?p=all

http://gedankenstrich.org/wp-content/uploads/2011/05/wissenssoziologie_skript_schrape.pdf

http://www.uvk.de/uploads/tx_gbuvkbooks/PDF_L/9783896696977_L.pdf

Laterales Denken, Ja-Nein-Spiele

Im Zusammenhang mit der Vorliebe von Frauen für Esoterik habe ich mich an eine Bloggerin erinnert, die vor vielleicht gut zehn Jahren von einer Begegnung mit einem Mann erzählte (nächtlicher Spaziergang); sie tat den erfolgreichen Geschäftsmann als Dummkopf ab, da er sie in ihrem lateralen Denken nie erreichen könne.

Was ist nun laterales Denken (was vielleicht etwas anderes ist, als was die Bloggerin sich darunter vorgestellt hat)?

Laterales Denken, umgangssprachlich auch Querdenken genannt, ist eine Denkmethode, die im Rahmen der Anwendung von Kreativitätstechniken zur Lösung von Problemen oder Ideenfindung eingesetzt werden kann. Der Begriff wurde 1967 von Edward de Bono eingeführt und seitdem in zahlreichen Veröffentlichungen verwendet. Gelegentlich wird in der Fachsprache auch der Begriff nichtlineares Denken gebraucht. Umgangssprachlich sagt man auch Querdenken oder um die Ecke denken. Das Antonym lautet vertikales oder lineares Denken.

Das Konzept de Bonos unterscheidet sich nur in Nuancen von dem Joy Paul Guilfords. Dieser verwendete an Stelle von lateralem Denken den Terminus divergentes Denken bzw. anstelle von vertikalem Denken den Terminus konvergentes Denken. (https://de.wikipedia.org/wiki/Laterales_Denken)

 

Typologie des vertikalen und lateralen Denkens:
Vertikales Denken

  • selektiv
  • analytisch
  • logische Schlussfolgerungen
  • der nächste Schritt ergibt sich aus dem vorangegangenen
  • Nebensächliches wird ignoriert
  • alle Einflussgrößen liegen innerhalb eines definierten Systems
  • ökonomischer Blickwinkel (wenig Aufwand bei der Lösungssuche)

Laterales Denken

  • generativ
  • provokativ
  • nicht jeder Schritt darf einem Prinzip folgen (sprunghaft)
  • Zufälliges wird begrüßt
  • keine Regeln
  • spürt dem Unwahrscheinlichen nach

DeBono gibt vier Prinzipien vor (und verstößt damit bereits ein wenig gegen seine eigenen Grundsätze des lateralen Denkens …), die erfüllt sein müssen, um lateral zu denken.

  1. Erkennen seiner Denkmuster
  2. Suche nach ungewohnten Blickwinkeln, um Sachverhalte zu betrachten
  3. Überwindung der (vom vertikalen Denken gewohnten) Kontrollmechanismen
  4. Bewusste Herbeiführung von Zufällen

Es ist beunruhigend, sich vorzustellen, wie viele Situationen nur unzureichend verstanden werden, weil der Versuch, sie zu erklären, sich in der Verwendung vertrauter Muster erschöpft.“ DeBono hatte erkannt, dass der Mensch stets versucht ist, aus nicht vertrauten Umgebungen vertraute Teilaspekte herauszulösen und sich daran zu orientieren. Diese Vorgehensweise soll anhand verschiedener Techniken überwunden werden. Hier greift auch DeBono wieder auf die bekannten Heurismen zurück. 

  1. Blickpunktumkehrung
  2. Visuelles Denken
  3. Zerlegung eines Problems in kleinere Bausteine, um diese dann neu zusammen zu setzen
  4. Verändern der Relationen
  5. Analogienbildung
  6. Aufmerksamkeit auf weniger vordergründige Aspekte richten

Fazit:
Für DeBono ist die Umstrukturierung von Denkmustern notwendig, um bereits vorhandene Informationen anders nutzen zu können. (http://www.bjoerk.de/lateralesdenken)

 

Um laterales Denken zu üben, gibt es Aufgaben und Spiele (Ja-Nein-Spiele), von denen ich einige gesammelt haben (Dubletten sind natürlich auch dabei):

http://www.unterhaltungsspiele.com/Kriminales/kriminales.html

http://www.janko.at/Raetsel/Laterale/

http://www.raetselstunde.de/text-raetsel/laterale/raetsel-krimi-001.html

http://www.onlinewahn.de/laterale.htm

http://www.denksport-raetsel.de/R%C3%A4tsel/Ja_Nein_R%C3%A4tsel

http://www.onlinewahn.de/laterale.htm

http://www.tuepfelhausen.de/index.php?option=com_content&view=article&id=69&Itemid=81

http://www.eigene-welten.de/

https://www.laterale.de/category/lateral/lebend/ ??

http://www.christiansaemann.de/files/denken.pdf Und etwas Theorie: Problemlösen, mit Beispielen)

Esoterik im Zwielicht

Was fasziniert viele Menschen an der Esoterik?

Faivre versteht Esoterik als bestimmte Art und Weise des Denkens,

  • Entsprechungen: Zwischen allen Teilen der sichtbaren Welt und allen Teilen der unsichtbaren Welt und umgekehrt existieren symbolische oder reale Verbindungen. Diese Verbindungen können durch den Menschen erkannt, gedeutet und benutzt werden. Es lassen sich dabei zwei Arten von Entsprechungen unterscheiden: die in der Natur vorgefundenen Konstellationen mit dem Menschen oder Teilen seiner Psyche oder seines Körpers (wie bei der Astrologie) sowie zwischen der Natur und offenbarten Schriften (wie bei der Kabbala).
  • Die lebendige Natur: Die Natur in allen ihren Teilen wird als wesenhaft lebendig angesehen. Ihr können deshalb neben der materiellen Wirklichkeit auch seelische und geistige Eigenschaften zugesprochen werden. Diese zu erkennen und zu beschreiben nimmt einen besonders großen Stellenwert in der paracelsischen Tradition ein.
  • Imagination und Mediation: Es gibt eine Reihe von Vermittlern, die die Entsprechungen offenbaren können (als Rituale, Geister, Engel, symbolische Bilder). Das wichtigste Hilfsmittel dafür stellt die Imagination dar; sie ist eine Art „Seelenorgan“, mit dessen Hilfe der Mensch eine Verbindung zu einer unsichtbaren Welt herzustellen vermag. Das Fehlen dieses Merkmals ist für Faivre der wesentliche Unterschied der Esoterik zur Mystik.
  • Erfahrung der Transmutation: Transmutation ist ein ursprünglich aus der Alchemie stammender Begriff und bedeutet die Verwandlung eines Teils der Natur in etwas anderes auf qualitativ neuer Ebene. In der Alchemie wäre dies beispielsweise die Verwandlung von Blei in Gold. Dieses Prinzip wird in der Esoterik auch allgemein auf den Menschen angewendet und steht dann für die sogenannte „zweite Geburt“ oder die Wandlung zum „wahren Menschen“ im Verlauf eines individuellen spirituellen Heilswegs.

https://de.wikipedia.org/wiki/Esoterik (großer Artikel)

 

Die Esoterik bezieht einen Teil ihrer Verführungskraft aus narzisstischen Bedürfnissen: Wer will schon nur ein Lidschlag der Evolution oder ein „Nanopartikel“ in einem unbegreiflichen und unendlichen Universum sein, wenn er beispielsweise seine Geburt und sein Schicksal als mit kosmischer Bedeutung aufgeladenes Einzelereignis interpretieren kann? Sorgen um eine prinzipiell nicht vorhersagbare Zukunft rufen nach einer höheren Instanz, die sagt, wo es langgehen soll. Ein weiterer Teil der Anziehungskraft mag daher kommen, dass die Welt schwer zu verstehen ist und etablierte Wissenschaften kompliziert und anstrengend sind. Eine Beschäftigung mit Esoterik kann einem dagegen den schmeichelhaften Eindruck vermitteln, alles zu verstehen, zu durchschauen und mit Sinn versehen zu können. https://www.psiram.com/ge/index.php/Esoterik (große krit. Darstellung, mit Links – kritisch zu diesem Lexikon: http://de.wikimannia.org/Psiram)

 

http://www.philolex.de/esoterik.htm (knappe kritische Darstellung)

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/387/21.pdf (kritisch)

http://rmserv.wt.uni-heidelberg.de/web/online-artikel/2008-bergunder-was-ist-esoterik.pdf (Aufklärung und Esoterik)

http://www.bdp-verband.org/bdp/archiv/psychokulte.pdf (Psychol. Kriterien zur Beurteilung destruktiver Gruppen)

http://www.hinterland-magazin.de/pdf/20-45.pdf (über Esoterik und Paternalismus)

http://www.gwup.org/infos/themen/107-sonstige-themen/1022-esoterik-kritik-als-massentaugliches-edutainment („science busters“)

https://www.gwup.org/images/stories/pdf/themen/tachyonenfreieenergie.pdf (wie die Esoterik Begriffe der Physik missbraucht)

http://scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2014/04/24/esoterik-und-pseudowissenschaft-an-der-universitaet-fuer-bodenkultur/ (E und Pseudowissenschaft…)

https://www.psiram.com/ge/index.php/Braune_Esoterik („Braune Esoterik“)

https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Utopie_kreativ/88/88_Schoelzel.pdf (Rudolf Bahros Weg zur Esoterik)

http://www.zb.unibe.ch/download/eldiss/10rademacher_s.pdf (Diss: Das Wissenschaftsbild in der Esoterik-Kultur)

http://www.spiegel.tv/filme/sinnsuche-esoterik/ (SPIEGEL-Film)

http://logopaed.beepworld.de/esoterikkritik.htm (Logopädie und Esoterik, krit.)

http://www.theologie-heute.de/Esoterik-formatiert2.pdf (J. Schumacher: Esoterik – die Religion des Übersinnlichen – große systematische Arbeit)

http://www.netzwerk-esoterik-ausstieg.de/infos/gebiete-der-esoterik/geistheilung/ (Netzwerk Esoterik-Ausstieg)

http://www.achtung-lichtarbeit.de/ (Aussteiger berichten – christl. Seite)

http://www.relinfo.ch/index/esoterik.html (evangelisch)

https://www.akweb.de/ak_s/ak418/07.htm (Esoterik und die Linke)

http://www.gwup.org/ (GWUP)

http://sekten-info-nrw.de/index.php?option=com_frontpage&Itemid=1 (Sekten-Info NRW)

http://www.kathpedia.com/index.php?title=Esoterik (kathol. kritische Darstellung)

https://gegen-kapital-und-nation.org/eine-kritik-von-glauben-aberglauben-new-age-esoterik-okkultismus-feng-shui/ (marxist. kritische Darstellung)

http://www.zeit.de/2013/21/esoterik-boom (Artikel)

http://www.zeit.de/thema/esoterik (das Thema in der ZEIT)

http://www.sueddeutsche.de/thema/Esoterik (Thema in der SZ)

https://www.youtube.com/watch?v=Y7U8gLQ98VM (Film, 15 min, mit 5 Fortsetzungen)

https://www.youtube.com/watch?v=YFf20GEJzTs (Film: Der Esoterik-Test, 29 min) – viele weitere Filme zum Thema!

http://www.theosophie.de/images/stories/buecher/pdfs/Goldene%20Regeln%20der%20Esoterik.pdf (G. de Purucker: Goldene Regeln der Esoterik)

http://www.borutta.de/elias/elias.erdmann.-.blicke.in.eine.andere.wirklichkeit.pdf (E. Erdmann: Blicke in eine andere Wirklichkeit)

http://nsl-archive.tv/Buecher/Nach-1945/Serrano,%20Miguel%20-%20Das%20Goldene%20Band%20-%20Esoterischer%20Hitlerismus%20(1987,%20418%20S.,%20Text).pdf (M. Serrano: Das Goldene Band. Esoterischer Hitlerismus)

https://www2.hu-berlin.de/gkgeschlecht/downloads/veranstalt/2006/Zinser%20Vortrag%20HU%20210706.pdf (über R. Steiner als Esoteriker)

http://fvn-archiv.net/PDF/GA/GA093a.pdf (R. Steiner: Vorträge zur Esoterik)

http://www.esoterik-info.com/ (E-Seite mit Links)

http://www.esoterik-infoline.de/ (dito)

http://www.seele-verstehen.de/grundlagen/esoterik/ („Seele verstehen“)

http://www.viversum.de/beratung/esoterik (E-Seite mit „Beratern“)

http://www.esoterikforum.at/ (E-Forum)

http://www.esoterikforum.de/forum.php (dito)

https://www.esoterik-shopper.de/ (E-Shop)

Die E-Seiten kann man natürlich beliebig vermehren…

 

Ryke Geerd Hamer – ein Wunderheiler?

18-jährige Krebspatientin stirbt nach „Wunderheiler“-Behandlung
Eine an Krebs erkrankte junge Italienerin, die nach Theorien des deutschen „Wunderheilers“ Hamer behandelt wurde, ist gestorben. Eigentlich hatten die Ärzte der 18-Jährigen zu einer Chemotherapie geraten, doch die Eltern setzten auf die Methoden des selbsternannten „Krebsheilers“, der seine Arztzulassung schon vor 30 Jahren verloren hat.

Viele Krebserkrankungen sind gut therapierbar
Die Diagnose Krebs ist für die Betroffenen immer ein schwerer Schicksalsschlag, zumal die Behandlungsmöglichkeiten lange Zeit nur sehr begrenzt waren. In den vergangenen Jahren hat die Tumortherapie allerdings enorme Fortschritte erzielt und viele Krebserkrankungen sind heute relativ gut therapierbar.

Auch die Behandlung von Leukämie sorgt heutzutage in vielen Fällen für eine höhere Lebenserwartung und bessere Lebensqualität. Umso dramatischer ist daher der Fall einer jungen Italienerin, der eine Therapie verweigert wurde.

Chemotherapie als beste Option
Medienberichten zufolge erhielt die Italienerin Eleonora Bottaro im vergangenen Jahr die Diagnose „Akute lymphatische Leukämie“ (Blutkrebs). Die Ärzte in Padua wollten die Eltern daraufhin zwar von der Chemotherapie als übliche und beste Option für ihre Tochter überzeugen, doch diese setzten auf den deutschen „Wunderheiler“ Ryke Geerd Hamer. Nun ist die junge Frau im Alter von 18 Jahren gestorben.

Eltern wurde Fürsorgerecht entzogen
Laut einem Bericht der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“ brachten die Eltern die leukämiekranke Eleonora in eine Klinik im Schweizer Bellinzona, wo sie mit Kortison und Vitaminen behandelt wurde. Den Angaben zufolge schalteten die Mediziner in Padua ein Jugendgericht ein, das den Eltern das Fürsorgerecht für das Mädchen entzog.

Patientin hätte gerettet werden können
Allerdings war das Mädchen in der Zwischenzeit volljährig geworden und hatte beschlossen, die Behandlung in der Schweiz fortzusetzen. Am 29. August starb Eleonora mit nur 18 Jahren. Die Ärzte sind sich sicher: „Sie hätte sich retten können.“ Laut Giuseppe Basso, Chef der pädiatrischen Onkologie im Krankenhaus von Padua, sei die Krankheit in vier von fünf Fällen erfolgreich behandelbar.

Die damals minderjährige Patientin hätte allerdings eine Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten gebraucht. „Die Eltern haben abgelehnt – eine schlimme Entscheidung“, so Basso.

Schuld an Dutzenden Todesfällen
Sie folgte lieber der Methode des selbsternannten „Krebsheilers“ Ryke Geerd Hamer. Hamer war früher Arzt, 1986 wurde ihm jedoch seine Zulassung entzogen. Das Verwaltungsgericht Koblenz hatte Hamer 1989 wegen „einer Schwäche seiner geistigen Kräfte, Unzuverlässigkeit und einer psychopathologischen Persönlichkeitsstruktur“ sogar für unfähig erklärt, den Beruf eines Arztes auszuüben. Doch Hamer arbeitete weiter – illegal.

Wegen fortgesetzten illegalen Praktizierens und Betrugs saß er mehrfach in Haft. Er stand in Verdacht, (mit-)schuld an über 80 Todesfällen durch seine „Behandlung“ zu sein. Für internationales Aufsehen sorgte der Fall der kleinen Olivia. Den Eltern der damals Sechsjährigen wurde 1995 die Erziehungsberechtigung entzogen. Diese hatten die kleine Krebspatientin nach Hamers Theorie „behandelt“.

Skurrile Theorie eines verurteilten Deutschen
Laut seiner Theorie „Neue Germanische Medizin“ gibt es fünf „Biologische Naturgesetze“, die für alle Krankheiten gälten. Auslöser jeder Krankheit sei ein „biologischer Schock“. Krebs sei ein „biologisches Sonderprogramm“ und eine Reaktion auf diesen Schock. Der Krebs sei also Teil der Heilung und dürfe niemals durch Medikamente und Operationen „gestört“ werden.

In Eleonoras Fall soll soll dieses Schockerlebnis der frühzeitige Tod ihres Bruders 2013 gewesen sein. (ad)

(Bericht in http://www.heilpraxisnet.de/naturheilpraxis/eltern-verweigerten-wichtige-tochter-therapie-18-jaehrige-krebspatientin-verstirbt-20160903200777)

Es ist erstaunlich, wie esoterische Spinner ihr Unwesen treiben und Leichtgläubige auf ihre Seite ziehen können. Was bringt ihnen so großen Zulauf? Sind es menschliche Schwächen der Vertreter rationalen Handelns, hier der Ärzte? Ist es eine (abgekürzt gesprochen) „romantische“ Sehnsucht nach unmittelbarer Berührung mit Dunkel, Tiefe, Sinn? Ist es der Glaube an die „einfache“ Wahrheit in einer unübersichtlichen und unverstandenen Welt?

https://de.wikipedia.org/wiki/Ryke_Geerd_Hamer

http://www.drrykegeerdhamer.com/de/index.php (Selbstdarstellung)

http://nsl-archive.tv/Buecher/Nach-1945/Hamer,%20Ryke%20-%20An%20das%20Europaeische%20Gericht%20fuer%20Menschenrechte%20in%20Strassburg%20(2014,%2066%20S.,%20Text).pdf (Dokumente, die Hamers Sicht belegen sollen)

http://www.agpf.de/Hamer.htm (kritische Darstellung)

https://www.psiram.com/ge/index.php/Ryke_Geerd_Hamer (große kritische Darstellung)

Säkularisierung

Ein so seichtes Dahinplappern, wie Alain de Botton es in seinem Buch „Religion für Atheisten“ (Fischer, 2013) praktiziert, habe ich schon lange nicht mehr erlebt.

Keine Religion sei „wahr“ im wörtlichen Sinn, aber es sei auch Atheisten möglich, Religionen „gelegentlich ganz nützlich, interessant und tröstlich zu finden“ (S. 12). Er wolle religiöse Ideen und Praktiken auf die säkulare Welt übertragen. Denn Religionen seien dazu erfunden worden, ein harmonisches Leben in Gemeinschaft zu ermöglichen und mit dem Lebensschmerz fertig zu werden. Kurz, er wolle „einiges von dem retten, was [in den Religionen] schön, anrührend und weise ist“ (S. 19). Schließlich habe auch das Christentum sich nicht gescheut, Heidnisches zu adaptieren und in sein Eigenes zu verwandeln.

Was er dann zur Erklärung sozialer Entfremdung sagt, ist einfach naiv (S. 25 f.); im Kirchenraum gebe es jedoch Gemeinschaft unter Fremden, und so will er ein Agape-Restaurant eröffnen – ungeachtet der Tatsache, dass die Agape-Feiern im Christentum gescheitert sind und auf die ritualisierte liturgische Messfeier reduziert wurden. Dann könne man mit wildfremden Menschen ganz ehrlich über ihre Gefühle sprechen: „Was bereust du in deinem Leben“ oder „Wovor fürchtest du dich?“ (S. 46) Dabei würde die Angst vor Fremden abgebaut, man komme sich nahe. Aber weder de Botton noch einer seiner Leser wird je ein Agape-Restaurant eröffnen, obwohl das doch so hilfreich sein soll: Da entlarvt sich der Sermon als leeres Gerede.

An der Stelle habe ich beschlossen, das Buch des Schwachmathicus de Botton nicht weiter zu lesen. Stattdessen empfehle ich, sich ernsthaft mit Säkularisierung zu befassen – ein großes Zeugnis der Säkularisierung ist Schillers „Don Carlos“.

Säkularisierung:

http://portal.uni-freiburg.de/studiumgenerale/downloads/sa-uni-ws1213-06-bochinger-vortrag.pdf (Neue Religiositäten zwischen Säkularisierung und spiritueller Vielfalt)

www.akademie-rs.de/fileadmin/user_upload/…/061117_gabriel_religionen.pdf (Rückkehr der Religionen oder fortschreitende Säkularisierung)

https://kops.uni-konstanz.de/bitstream/handle/123456789/26858/Koschorke_268584.pdf?sequence=2 („Säkularisierung“ und „Wiederkehr der Religion“)

https://se-ktf.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/i_sozialethik/Download_Mitarbeiterinnen/Gabriel_Fundamentalistischer-Imperativ_Artikel.pdf (Die Moderne zwischen Säkularisierung und Fundamentalismus)

http://www.v-r.de/_uploads_media/files/05_seiten_aus_jrat_1-2015_oa_kaufmann_032845.pdf (Säkularisierung – und was dann?)

http://www.cap.lmu.de/download/foresight/foresight-kaessmann.pdf (Käßmann: Säkularisierung und Religion)

https://www.boell.de/sites/default/files/assets/boell.de/images/download_de/ga06_religion.pdf (Religion und Säkularisierung)

https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/fileadmin/bbb/unterricht/faecher/gesellschaftswissenschaften/philosophie/LISUM_8_Saekularisierung.pdf (Säkularisierung – Unterrichtsmaterialien)

https://www.princeton.edu/~jmueller/NZZ-Taylor-Review-JWMueller.pdf (Referat: Ch. Taylors Buch)

http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138614/saekularisierung-und-die-rueckkehr-der-religion

https://www.herder-korrespondenz.de/schlagwoerter/themen/s/saekularisierung (HK ist eine katholische Zeitschrift.)

http://universal_lexikon.deacademic.com/35152/S%C3%A4kularisierung

http://www.ezw-berlin.de/html/3_4128.php

https://docupedia.de/zg/Saekularisierungstheorie

http://www.zeit.de/thema/saekularisierung

http://www.schulz-hageleit.de/material/saekularisierung.html

Kritiken zum Buch:

http://www.zeit.de/2013/25/abraten-de-botton-religion-fuer-atheisten

http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/169147/index.html

http://www.zeit.de/zeit-wissen/2013/01/Religion-Atheisten

http://scilogs.spektrum.de/hinter-gruende/religionen-intelligent-bestehlen-alain-de-bottons-religion-f-r-atheisten/

http://religionsphilosophischer-salon.de/keys/religion-fuer-atheisten

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Orgien-fuer-Unglaeubige/story/27109495

https://www.herder-korrespondenz.de/heftarchiv/68-jahrgang-2014/gottlos-von-zweiflern-und-religionskritikern/der-neue-atheismus-hat-verschiedene-facetten-vision-einer-religionsfreien-welt (Sammelbesprechung)

http://www.planet-interview.de/interviews/alain-de-botton/35782/ (Gespräch mit de Botton)

http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wz_reflexionen/zeitgenossen/580032_Man-braucht-etwas-Groesseres.html (dito)

http://hpd.de/artikel/atheisten-sind-12906

Alain de Botton: Trost der Philosophie – Besprechung

In seinem Buch „Trost der Philosophie. Eine Gebrauchsanweisung“ (Fischer 2001), womit er bewusst an des Boethius De consolatione philosophiae anknüpft, stellt Alain de Botton sechs Philosophen vor und verspricht sechsfachen Trost: bei Unbeliebtheit (Sokrates), bei Geldmangel (Epikur), bei Frustration (Seneca), bei Unvollkommenheit (Montaigne), bei gebrochenem Herzen (Schopenhauer), bei Schwierigkeiten (Nietzsche). Er geht dabei so vor, dass er sowohl aus dem Leben wie aus den Gedanken der Philosophen Trostmotive gegen das jeweilige Elend sucht; das gelingt einigermaßen bei den ersten vier Männern, während Schopenhauer ziemlich flach gezeichnet ist (er ist nicht der rechte Ratgeber bei diesem Thema, finde ich) und Nietzsches „Schwierigkeiten“ so allgemein gehalten sind, dass nicht viel Erleuchtendes dabei herauskommen kann.

Man soll sich nicht einfach ans gesellschaftlich Gängige halten, lehrt Sokrates uns. Okay. Aber „immer dem zu glauben, was die Vernunft gebietet“ (S. 55), ist als Fazit zu schwammig: Was gebietet denn die Vernunft? Wie ermittelt man das zweifelsfrei?

Epikur lehrt uns, dass man zum Glück Freundschaft, Freiheit (von knechtender Arbeit) und Besinnung braucht; er will uns vor der Herrschaft der leeren Einbildung bewahren – das ist auch heute lesenswert.

Seneca leitet uns an, wie man sich vor Enttäuschungen schützen kann: das Veränderbare anpacken, das Unveränderliche hinnehmen, und zwischen beidem in Weisheit zu unterscheiden. Das ist leichter gesagt als getan. Aber eine meiner Erkenntnisse in den letzten Jahren des Schuldienstes war: „Ich kann es nicht ändern.“ Das hat mich in der Tat öfter davor bewahrt, zornig zu werden.

Montaigne hat sich intensiv mit der Unvollkommenheit des Menschen angefreundet, auch mit dem Körper, dem Körperlichen, und erkannt, dass es nichts „Normales“ gibt: In Frankreich ist es so geregelt, in Deutschland anders und in Italien wiederum anders. Jedenfalls sei Lebensklugheit und förderliches Wissen wichtiger als Buchwissen – wird in einem Buch gesagt. „Ein tugendhaftes, gewöhnliches Leben, nach Weisheit strebend und von Torheit nie weit entfernt, ist Leistung genug.“ (S. 207)

Schopenhauer wird im Wesentlichen als Miesepeter dargestellt: Allein die Kunst verwandle Schmerz in Wissen.

Nietzsche hat Menschen, die ein erfülltes Leben hatten, bewundert; er habe erkannt, dass Vollendung nicht ohne Leiden zu haben ist. Deshalb spreche er oft von den Bergen oder vom Übermenschen. Alkohol und das Christentum engten die Erfüllung ein: Man müsse sich die sogenannten Tröstungen versagen. Er bleibe ein Mensch, der nicht mehr verneint. – Was allerdings seine Enttäuschungen in der Liebe hier besagen sollen, verstehe ich nicht: Nach de Botton hätte er sich nicht von Schopenhauer abkehren sollen, dann wäre er damit fertig geworden.

Das Buch ist mit vielen Bildern und Zeichnungen illustriert; die Bilder sind jedoch oft viel zu klein und zu unsauber gedruckt, als dass sie viel ausdrücken könnten. Weniger Bilder, dafür größer und auf besserem Papier, das wäre eine Lösung.

Das Buch bietet nicht der Weisheit letzten Schluss, aber regt an vielen Stellen doch zum Nachdenken an; und das ist ein guter Anfang des Philosophierens, vielleicht bewahrt es einen sogar gelegentlich vor unnützem Leiden.

http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=3487 (sehr kritisch) = http://derintellektuelle.blogspot.de/2013/01/wie-die-philosophie-ihr-leben-verwirren.html

http://www.berliner-zeitung.de/gespraech-mit-alain-de-botton-ueber-philosophie-als-trostspender-und-lebenshilfe-schopenhauer-fuer-gebrochene-herzen-16128560

Fritz Mauthner: „Gott“

Ich habe heute Mauthners Wörterbuch der Philosophie verlinkt. Als sprachkritischer Philosoph verdient Mauthner auch heute, nach hundert Jahren, noch Beachtung. Ich zitiere einen Auszug aus dem Artikel über Gott:

Gott, der Gott unsres Wörtervorrats, der einige oder einzige Gott des christlichen Abendlandes, ist nicht als ein Allgemeinbegriff der vorgestellten Wesen zu fassen, die bei den Heiden Götter hießen. Die Götter waren nach dem Bilde des Menschen gedacht. (Nicht erst Feuerbach hat diesen parodistischen Gedanken ausgesprochen; ich finde ihn schon in der »Götterlehre« von K. Ph. Moritz [3. Ausg. S. 22]: »Den Göttern selber konnte die Phantasie keine höhere Bildung als die Menschenbildung beilegen.«) So waren sie wenigstens Bilder, Bilder einer reichen, jungen, schönen Phantasie. Der einige Gott ist ein Wort bloß, ein mühsam konstruiertes Wort, ohne Bild, seinen Inhalt darzustellen. Alle Versuche, diesen Gottvater bildhaft zu sehen, sind heidnisch. Der Protestantismus mit seiner Bilderstürmerei ist nur konsequent gewesen.

Will man diesen abstrusen Gottesbegriff zur Vergleichung mit andern Begriffen zusammenstellen, so ergibt sich die Schwierigkeit: Worte von ähnlicher Nonsensität und doch ähnlicher historischer Macht aufzufinden. Der Stein der Weisen war nie, und dennoch wurden ihm Wunderkräfte beigelegt. Aber der Stein der Weisen war nicht nur Menschenglaube, sondern auch sonst, real, so wie er von einem Betrüger hergestellt und verkauft wurde, Menschenwerk.

Ich vergleiche den Gott lieber mit dem Phlogiston der Chemie. Gegen hundert Jahre, vom Ende des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, haben die Theologen der Chemie und mit ihnen die Welt an dieses Wort geglaubt, das die Verbrennung der Körper, also die Wärme, also die Herkunft der wichtigsten irdischen Kraft erklären sollte. Heute wissen wir: Bleioxyd ist Blei und noch etwas, Pb + O. Damals lehrte man, gegen den Augenschein – da man das höhere Gewicht des Bleioxyds schon beobachtet hatte –: Blei ist Bleikalk und noch etwas, Blei ist Bleikalk (Bleioxyd) + Phlogiston. Etwas, was gar nicht auf der Welt war, sollte die Ursache dessen sein, was da war. Wie Phlogiston in alle Metalle hineingedacht wurde, so der Gott in alle Geschehnisse: der Zufall wird zur Geschichte durch Gottes Vorsehung, Rache am Verbrecher wird zur Strafe durch Gottes Gerechtigkeit, die Aussage wird zum Eide durch Gottes Anrufung.

Der berüchtigte ontologische Beweis für das Dasein Gottes ist nur ein Fall unter vielen; die Gewohnheit der Menschen, Scheinbegriffe zu gebrauchen, läßt deren Existenz mitvorstellen. Das hat schon Oldenburg in einem Briefe an Spinoza (III, vom 27. Sept. 1661) hübsch ausgesprochen: »Glauben Sie, klar und zweifellos aus ihrer eigenen Definition von Gott beweisen zu können, daß ein solches Ens existiere? Ich freilich denke, daß Definitionen einzig und allein Begriffe unsres Kopfes enthalten; daß aber unser Kopf vieles begreift, was nicht existiert, und äußerst fruchtbar ist in der Vermehrung und Steigerung der einmal begriffenen Dinge: also kann ich nicht einsehen, wie ich von meinem Gottesbegriff zur Existenz Gottes kommen soll.«

Die ehrenwerte Bemühung des Deismus, auf seine Weise dem Ruhebedürfnisse der Menschheit zu dienen und den regressus in infinitum zu vermeiden, hat zur Anerkennung eines Gottes geführt, mit dem das freie Denken auskommen zu können glaubte. Gott ist die Antwort auf die schönste und kindlichste Frage, auf das ewige Warum und das Warum des Warum. Gott ist also die letzte Ursache. Nur daß Subjekt und Prädikat dieses Urteils gleicherweise Anthropomorphismen sind. Der Gottesbegriff ist freilich auch in der fetischbildenden Volksvorstellung eine Antwort auf die alte kindliche Frage; aber dieser alte Gott ist nach dem Bilde des Menschen geschaffen. Und Hume hat die kühnste Lehre zu erweisen versucht, daß nämlich auch der Ursachbegriff eine Art Personifikation der Zeitfolge ist. Ich weiß nicht, was bei solchen Vorstellungen noch von dem deistischen Urteile übrig bleibt: Gott sei die letzte Ursache.

(Mauthner: Wörterbuch der Philosophie – Auszug aus dem Artikel „Gott“)

Die im Netz greifbaren Werke Mauthners sind in einem Wiki aufgelistet: https://de.wikisource.org/wiki/Fritz_Mauthner Ich nenne eigens seine Arbeit zur Sprache:

http://www.textlog.de/mauthner.html (Fritz Mauthner: Wesen der Sprache. Beiträge zu einer Kritik der Sprache, 4 Bde.) =

https://archive.org/stream/beitrgezueiner01mautuoft#page/n19/mode/2up (Bd. 1)

https://archive.org/stream/beitrgezueiner02mautuoft#page/n5/mode/2up (Bd. 2)

https://archive.org/stream/beitrgezueiner03mautuoft#page/n5/mode/2up (Bd. 3)

Zigarettenfabrik – Arbeitsplätze – ewige Seligkeit

„Mitarbeiter von Bayreuther Zigarettenfabrik bangen um ihren Job“ (SZ 13. Juli, online):

„Die Produktion soll nach Osteuropa verlagert werden, wo man Zigaretten billiger herstellen kann. […] Betriebsrat und Gewerkschaft wären offenbar zu großen Zugeständnissen bereit, um den Standort zu retten. Oberfränkische Landes- und Bundespolitiker schrieben sich die Finger wund und appellierten an Konzern und Regierungen gleichermaßen. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk machte sich gar zum Lobbyisten der Tabakbranche, als er forderte, es im Kampf für Gesundheitsschutz nicht zu übertreiben und die Arbeitsplätze in Bayreuth und der deutschen Tabakindustrie nicht zu gefährden.“

Ich nehme an, dass die Arbeit der 1400 Arbeiter in Bayreuth jährlich locker 14.000 Todesfälle (Lungenkrebs) hervorbringt, vielleicht sogar 140.000. Ich würde deshalb vorschlagen: Falls die Fabrik nach Osteuropa verlegt wird, könnte die Belegschaft umgeschult werden: Krankenpfleger für Krebskranke wäre für sie ein angemessener Job.

Der Zynismus des Arguments „Aber die Arbeitsplätze!“ (Herr Koschyk, CSU, sei lobend erwähnt) kennt offenbar keine Grenze. Arbeitsplätze heißt der moderne Gott, dem bedenkenlos Menschenopfer gebracht werden, wogegen sich die Azteken (oder waren es die Mayas? die Inkas?) wie Waisenkinder ausnehmen. Vermutlich sorgt Herr Koschyk mit seinen C-Verbindungen dafür, dass die Raucher/Krebstoten in den Himmel kommen – was wollen sie mehr, wozu ist der Mensch schließlich auf Erden (Frage 1 des alten katholischen Katechismus)? Um am Ende die ewige Seligkeit zu erlangen! Na, bitte.

Macht der Bilder – ich selber sein

Im SZ-Magazin vom 24. Juni 2016 steht eine Reportage Lorenz Wagners: „Die ewigen Kinder vom Bahnhof Zoo“ (S. 12 ff.: http://www.sueddeutsche.de/kultur/kinderstars-heute-die-ewigen-kinder-vom-bahnhof-zoo-1.3043864?reduced=true leider nur gegen Bezahlung zu lesen). Lorenz berichtet davon, wie sich die beiden Hauptdarsteller des Films „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, Natja Brunckhorst und Thomas Haustein, nach 36 Jahren zum ersten Mal wieder treffen.

Was mich an dieser Reportage beindruckt hat, waren die Schwierigkeiten, die die beiden Jugendlichen hatten, als sie nach dem Film für die anderen nicht mehr Natja und Thomas, sondern „Christiane“ und „Detlef“ waren, weshalb es ihnen nicht mehr gelang, Natja oder Thomas zu sein – und wie das ihren Lebensweg bestimmt hat, erschwert hat.

Die Reportage zeigt die Macht der Bilder, die andere sich von uns machen (und natürlich auch, wenn man kurz nachdenkt: die wir uns von anderen machen). Bilder bestimmen die Beziehungen zwischen den Menschen und geben vor, wie diese überhaupt wahrgenommen werden können.

Eine andere Reportage Lorenz Wagners zeigt das gleiche Problem für Susanne Klatten, die verzweifelt darum gekämpft hat, nicht nur als Quandt-Tochter, BMW-Erbin oder Susanne Klatten, sondern als Mensch (Susanne selber) wahrgenommen zu werden: „Die Unbekannte“ (http://www.reporter-forum.de/fileadmin/pdf/Vornominierte_Kisch_2009/Die_Unbekannte.pdf).

Wir können nicht vorsichtig genug sein, wenn wir von jemandem sagen: „Das ist ein …“; wir kommen vermutlich nicht ohne Katalogisierung von Menschen aus, aber wir müssen jedem Katalogisierten auch möglich machen, mehr zu sein als einer aus einer bestimmten Schublade. Und wir müssen natürlich im Beruf und in sozialen Beziehungen unsere Rollen spielen, aber wir müssen selber mehr sein, als uns unsere „Rollen“ vorschreiben – Rollendistanz nennt man das. Auch damit bekommt man allerdings Schwierigkeiten, wie ich in Erinnerung an meine Zeit als Lehrer in Giesenkirchen (FMG) aus eigener Erfahrung sagen kann; aber die Schwierigkeiten waren nur die eine Seite, die andere war Respekt, Offenheit, auch Dankbarkeit. Und Eigenständigkeit bei denen, denen man sie zutraute.

Nachtrag: Rollendistanz
Unter „Rollendistanz“ versteht man die Fähigkeit, sich gleichsam selbst „auf den Kopf gucken“, sich also in seinem eigenen Handeln beobachten zu können. Damit vergegenständlicht man in gewisser Weise natürlich auch den gesamten (interkulturellen) Handlungskontext, was es erleichtert, die Differenz zwischen Eigenem und Fremdem zu reflektieren. Selbstbeobachtung in diesem Sinne ist letztlich auch eine Grundlage für selbstkontrolliertes Handeln, was keineswegs auf Emotionslosigkeit hinauslaufen soll oder muss. (www.ikkompetenz.thueringen.de)

http://www.ploecher.de/2006/12-PA-G1-06/Krappmann-Identit%E4t.pdf (Skizze der Theorie Lothar Krappmanns)

http://www.soziologie.phil.uni-erlangen.de/system/files/09.12.13_persoenliche_und_soziale_identitaet_krappmann.pdf (dito, Kurzfassung)

https://de.wikipedia.org/wiki/Rollendistanz

http://www.psychology48.com/deu/d/rollendistanz/rollendistanz.htm

https://www.kuwi.europa-uni.de/de/lehrstuhl/vs/polsoz/Lehre-Archiv/lehre-ss09/Soziologische_Grundbegriffe/Vorl5_SW.pdf (Soziale Rolle / Soziale Kontrolle)

homo homini lupus ?

Die lateinische Sentenz homo homini lupus stammt aus der Komödie Asinaria (Eseleien) des römischen Komödiendichters Titus Maccius Plautus (ca. 254–184 v. Chr.). Im Originaltext von Plautus steht lupus jedoch vorn. Wörtlich sagt dort der Kaufmann zu Leonida: lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit. – Übersetzung: Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, wenn man sich nicht kennt. (https://de.wikipedia.org/wiki/Homo_homini_lupus)

In Anspielung auf dieses Zitat schreibt Robert Burton: „Aber was noch viel schlimmer ist, es gilt der Satz: homo homini daemon, der Mensch ist dem Menschen ein Teufel.“ (Anatomie der Melancholie. Übersetzt von Ulrich Horstmann, 1988, S. 223)