Zu Beginn des Jahres meldete sich Josef D., eine ehemaliger Klassenkamerad aus dem Gymnasium, mit dem ich damals befreundet war und Schach gespielt habe, per Mail aus Berlin. Er hatte gesehen, dass ich verschiedene Bücher veröffentlicht habe, und fragte nach dem wichtigsten, um sich damit zu befassen. Ich habe ihm damals zwei Titel zur Wahl genannt und erklärt, was sie mir bedeutet haben. Dann hörte ich nichts mehr von ihm.
Vor gut einer Woche habe ich mich per Mail an ihn gewandt und gefragt, was die Lektüre meines Buches mache. Er hatte in keiner Buchhandlung ein Buch von mir bestellen können, habe mich verschiedentlich angerufen, aber nie erreicht. Warum er mir keine Mail geschrieben hatte, wusste er nicht zu sagen. Darauf habe ich ihn für den Kauf antiquarischer Bücher auf booklooker.de verwiesen, wo es eine Reihe meiner Bücher zu kaufen gibt. Josef fand aber ganz viele Vorwände, warum er dort kein Buch kaufen wolle, und lehnte schließlich sogar die Lektüre eines ganzen Buches ab, weil wir unterschiedliche Erfahrungen und Lebenswege hätten und seine Kommentare somit nicht zu meinen Büchern passen könnten. Zwischendurch gab es noch einen Disput über die Frage, welchen argumentativen Wert Meinungen hätten; Josef, ein promovierter Volkswirtschaftler, meinte, wir könnten immer nur Meinungen äußern, was nun wirklich jede Wissenschaft unmöglich macht, während ich am Wert der begründeten Argumentation festgehalten habe.
Ich habe ihm darauf einige Dateien geschickt: den Essay „Wo bleibt die Zeit?“, das Wörterbuch der Zeit von 1997/2007, einen Vortrag über die Entwicklung der europäischen Fabeln und einen Link zu „Die Geschichte meiner Bücher“ (siehe norberto68), worauf er eher abweisend reagierte. Er berichtete dann seinerseits kurz von seinem Leben nach dem Abitur und seinen täglichen Spaziergängen. Zum Schluss schrieb er: „Um einem altersbedingten Nachlassen des Gedächtnisses so gut wie möglich vorzubeugen, trainiere ich selbst jeden Tag eine Dreiviertelstunde lang noch mein Gehirn mit einer für diesen Zweck entwickelten und wissenschaftlich gut fundierten Internet-App: der „NeuroNation MED“.“
Eher zufällig habe ich dann beschlossen, mir einmal anzuschauen, was das für eine Wunder-App ist „NeuroNation MED unterstützt Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen dabei, ihre Gehirnleistung zu verbessern. Die App ist kostenlos per Rezept erhältlich und vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte geprüft und zugelassen.“ So wird die App auf ihrer Seite vorgestellt – da war mir schlagartig klar, dass die seltsamen Widersprüche in Josefs Äußerungen und Verhalten (Kontakt suchen / Austausch ablehnen) durch einen altersbedingten Verfall bedingt sind und dass ich mich darüber weder zu ärgern brauche noch sie weiter kommentieren sollte.