Was die Menschen Freundschaft nennen, ist weiter nichts, als eine gesellschaftliche Verbindung, eine wechselweise Rücksicht auf das gegenseitige Interesse und ein Tausch von Dienstgefälligkeiten. Kurz es ist nichts als ein Handel, wobei die Eigenliebe immer etwas zu gewinnen sucht. n) (S. 31 f.)
Wir wähnen oft, Mächtigere, als wir sind, zu lieben, da doch unsre Freundschaft das Interesse allein zum Grund hat. Wir sind Ihnen ergeben um des Guten willen — nicht dessen, das wir ihnen thun, sondern dessen, das wir von ihnen empfangen wollen. (S. 36-38)
Es ist nichts natürlicher aber auch nichts betrüglicher, als der Glaube, daß man geliebt wird. (S. 47)
In der Freundschaft macht uns, wie in der Liebe, das glücklicher, was wir nicht wissen, als was wir wissen. (S. 48)
In der großen Anmerkung n) (S. 32-45) wird u.a. ausgeführt: „Nein! die Freundschaft, wie ich sie mir vorstelle, rein, edel, uneigennützig, ihrer selbst uneingedenk, die großmüthige Leidenschaft, die uns auf unser eigenes Daseyn Verzicht thun hieße, um es ganz auf den andern zu übertragen, ist nicht das Antheil eines beschränkten Wesens, das seiner Bedürfnisse wegen alle Augenblicke zu sich selbst zurückkehren muß, und dem die Natur die unnachlaßbare Verbindlichkeit aufgedrungen hat, sein Ich mehr als alles andere zu lieben. Sie ist nur eine schimärische Gottheit, vertretten von schwachen oder heuchlerischen Herzen. Wahrheiten dieser Art zu sagen ist eine gewisse Stärke des Geistes, und eine Fertigkeit in der Selbstbeobachtung nöthig. Auch muß man sich seiner Ehrlichkeit bewußt seyn, um von der Aufdeckung seines Inneren nichts befürchten zu müßen, und Entschlossenheit genug haben, seinen Mitmenschen nie etwas weißmachen zu wollen.“ (S. 33) Und gegen Ende:
„Die stärksten Freundschaften findet man blos bei jungen Leuten, die noch mehr empfinden als denken, deren noch ungeübte Seele sich mitzutheilen sucht und sich gern außer sich verbreitet; und welche Untreue und Verräthereyen falscher Freunde noch nicht gelehrt haben, mit ihrem Zutrauen weniger verschwenderisch umzugehn. (…) Ich habe nie behaupten wollen, daß es keine wahren und aufrichtigen Zuneigungen gebe: ich wollte nur zeigen, daß es keine reinen und uneigennützigen giebt, wie man uns weißmachen will. Meine Absicht war nicht die Menschen zu bereden einander zu fliehen. Ich wollte sie nur über das, was in ihrem Herzen vorgeht, so viel es bei mir stand, aufklären, das Phantom der himmlischen Freundschaft, das ihnen ihre Eitelkeit in den Kopf gesetzt hat, zerstäuben, und die Bedeutung eines Wortes erklären, das in dem gemeinen Leben so oft vorkömmt, so oft mißverstanden und mißbrauchet wird. Mit einem Wort ich wollte die Freundschaft auf ihren wahren Werth zurückführen und die Gränzen angeben, biswohin man von derselben Gebrauch machen darf.“ (S. 42 f.)
Des Herzogs de la Rochefoucault moralische Maximen mit Anmerkungen. Aus dem Französischen, bey Georg Mößle. Wien und Leipzig 1784 (Die Anmerkungen sind aus dem grossen Kommentar des Mansson zu Rochefoucaults Maximen genommen.)