Probleme mit der göttlichen Vorsehung und den Erleuchtungen

Jung-Stillung erzählt im Buch „Henrich Stillings Wanderschaft“, wie es zur Blitz-Verlobung mit Christine kam (zeno.org, S. 247 ff.):

Zur bestimmten Zeit gieng also Stilling hin, um der Taufe beyzuwohnen. Nun hatte aber Herr Friedenberg eine Tochter, welche die ältste unter seinen Kindern, und damahls im ein und zwanzigsten Jahr war. Dieses Mädchen hatte von ihrer Jugend an die Stille und Eingezogenheit geliebt, und deswegen war sie blöde gegen alle fremde Leute, besonders wenn sie etwas vornehmer gekleidet waren als sie gewohnt war. Ob dieser Umstand zwar in Ansehung Stillings nicht im Wege stund, so vermied sie ihn doch so viel sie konnte, so daß er sie wenig zu sehen bekam. Ihre ganze Beschäftigung hatte von Jugend auf in anständigen Hausgeschäften, und dem nöthigen Unterricht in der christlichen Religion nach dem evangelisch-lutherischen Bekenntniß, nebst Schreiben und Lesen bestanden; mit Einem Worte, sie war ein niedliches artiges junges Mädgen, die eben nirgends in der Welt gewesen war, um nach der Mode leben zu können, deren gutes Herz aber, alle diese einem rechtschaffenen Mann unbedeutende Kleinigkeiten reichlich ersetzten.

Stilling hatte diese Jungfer vor den andern Kindern seines Freundes nicht vorzüglich bemerkt, er fand in sich keinen Trieb dazu, und er durfte auch an so etwas nicht denken, weil er noch ehe weit aussehende Dinge aus dem Wege zu räumen hatte.

Dieses liebenswürdige Mädgen hieß Christine. Sie war seit einiger Zeit schwerlich krank gewesen, und die Aerzte verzweifelten alle an ihrem Aufkommen. Wenn nun Stilling nach Rasenheim kam, so fragte er nach ihr, als nach der Tochter seines Freundes; da ihm aber niemand Anlaß gab, sie auf ihrem Zimmer zu besuchen, so dachte er auch nicht daran.

Diesen Abend aber, nachdem die Kindtaufe geendigt war, stopfte Herr Friedenberg seine lange Pfeife, und fragte seinen neuen Gevattern: Gefällt es Ihnen einmahl mit mir meine kranke Tochter zu besuchen? mich verlangt, was Sie von ihr sagen werden, Sie haben doch schon mehr Erkenntniß von Krankheiten, als ein anderer. Stilling war dazu willig; sie giengen zusammen hinauf ins Zimmer der Kranken. Sie lag matt und elend im Bett, doch hatte sie noch viele Munterkeit des Geistes. Sie richtete sich auf, gab Stilling die Hand und hieß ihn sitzen. Beyde setzten sich also ans Bett ans Nachttischgen. Christine schämte sich jetzt vor Stillingen nicht, sondern sie redete mit ihm von allerhand das Christenthum betreffenden Sachen. Sie wurde ganz aufgeräumt, und vertraulich. Nun hatte sie oft bedenkliche Zufälle, deswegen mußte jemand des Nachts bey ihr wachen; dieses geschah aber auch zum Theil deswegen, weil sie nicht viel schlafen konnte. Als nun beyde eine Weile bey ihr gesessen hatten, und eben weggehen wollten, so ersuchte die kranke Jungfer ihren Vater: ob er wohl erlauben wollte, das Stilling mit ihrem ältern Bruder diese Nacht bey ihr wachen mögte? Herr Friedenberg gab das sehr gerne zu, mit dem Beding aber, wenn es Stillingen nicht zuwider sey. Dieser leistete sowohl der Kranken als auch den Ihrigen diesen Freundschaftsdienst gerne. Er begab sich also mit dem ältesten Sohn des Abends um neun Uhr auf ihr Zimmer; beyde setzten sich vor das Bett, ans Nachttischgen, und sprachen mit ihr von allerhand Sachen, um sich die Zeit zu vertreiben, zuweilen lasen sie auch etwas darzwischen.

Des Nachts um ein Uhr sagte die Kranke zu ihren beyden Wächtern: sie mögten ein wenig still seyn, sie glaubte etwas schlafen zu können. Dieses geschah. Der junge Herr Friedenberg schlich indessen herab um etwas Caffee zu besorgen; er blieb aber ziemlich lang aus, und Stilling begunnte auf seinem Stuhl zu nicken. Nach etwa einer Stunde regte sich die Kranke wieder. Stilling schob die Gardine ein wenig von einander, und fragte sie: ob sie geschlafen habe? Sie antwortete: Ich hab so wie im Taumel gelegen. »Hören Sie, Herr Stilling! ich hab einen sehr lebhaften Eindruck in mein Gemüth bekommen, von einer Sache, die ich aber nicht sagen darf, bis zu einer andern Zeit.« Bey diesen Worten wurde Stilling ganz starr, er fühlte von Scheitel bis unter die Fußsohle eine noch nie empfundene Erschütterung, und auf einmahl fuhr ihm ein Strahl durch die Seele wie ein Blitz. Es wurde ihm klar in seinem Gemüth, was jetzt der Wille Gottes sey, und was die Worte der kranken Jungfer bedeuteten. Mit Thränen in den Augen stund er auf, bückte sich ins Bett, und sagte: »Ich weiß es, liebe Jungfer! was sie für einen Eindruck bekommen hat, und was der Wille Gottes ist.« Sie fuhr auf, reckte ihre rechte Hand heraus, und versetzte: »wissen Sie’s?« – Damit schlug Stilling seine rechte Hand in die ihrige, und sprach: »Gott im Himmel segne uns! Wir sind auf ewig verbunden!« – Sie antwortete: »Ja! wir sinds auf ewig!« –

Alsbald kam der Bruder, und brachte den Caffee, setzte ihn hin, und alle drey trunken zusammen. Die Kranke war ganz ruhig wie vorher; sie war weder freudiger noch trauriger, so als wenn nichts sonderliches vorgefallen wäre. Stilling aber war wie ein Trunkener, er wuste nicht ob er gewacht oder geträumt hatte, er konnte sich über diesen unerhörten Vorfall weder besinnen noch nachdenken. Indessen fühlte er doch eine unbeschreiblich zärtliche Neigung in seiner Seelen gegen die theure Kranke, so daß er mit Freuden sein Leben für sie würde aufopfern können, wenns nöthig wäre, und diese reine Flamme war so, ohne angezündet zu werden, wie ein Feuer vom Himmel auf sein Herz gefallen; denn gewiß, seine Verlobte hatte jetzt weder Reize, noch Willen zu reizen, und er war in einer solchen Lage, wo ihm vor dem Gedanken zu heurathen schauderte. Doch wie gesagt: er war betäubt, und konnte über seinen Zustand nicht eher nachdenken, bis des andern Morgens, da er wieder zurück nach Hause reiste. Er nahm vorher zärtlich Abschied von seiner Geliebten, bey welcher Gelegenheit er seine Furcht äußerte, allein sie war ganz getrost bey der Sache, und versetzte: »Gott hat gewiß diese Sache angefangen, Er wird sie auch gewiß vollenden!«

Unterweges fieng nun Stilling an vernünftig über seinen Zustand nachzudenken, die ganze Sache kam ihm entsetzlich vor. Er war überzeugt, daß Herr Spanier, so bald er diesen Schritt erfahren würde, alsofort seinen Beystand von ihm abziehen, und ihn abdanken würde, folglich wär er dann ohne Brod, und wieder in seine vorige Umstände versetzt. Ueberdas konnte er sich unmöglich vorstellen, daß Herr Friedenberg mit ihm zufrieden seyn würde; denn in solchen Umständen sich mit seiner Tochter zu verloben, wo er für sich selber kein Brod verdienen, geschweige Frau und Kinder ernähren konnte, ja sogar ein großes Capital nöthig hatte, das war eigentlich ein schlechtes Freundschaftsstück, es konnte vielmehr als ein erschrecklicher Mißbrauch derselben angesehen werden. Diese Vorstellungen machten Stillingen herzlich angst, und er fürchtete in noch beschwerlichere Umstände zu gerathen, als er jemahlen erlebt hatte. Es war ihm als einem der auf einen hohen Felsen am Meer geklettert ist, und, ohne Gefahr zerschmettert zu werden, nicht herab kommen kann, er wagts und springt ins Meer, ob er sich mit schwimmen noch retten mögte.

Stilling wußte auch keinen andern Rath mehr; er warf sich mit seinem Mädgen in die Arme der väterlichen Fürsorge Gottes, und nun war er ruhig, er beschloß aber dennoch weder Herrn Spanier noch sonst jemand in der Welt etwas von diesem Vorfall zu sagen. (…)

Die beiden heiraten also, bekommen zwei Kinder und nach zehnjähriger Ehe stirbt Christine. Bald darauf bekommt Henrich eine neue Erleuchtung:

Um diese Zeit gieng eine Aufklärung in seiner Seele über eine Sache vor, die er bisher nicht von ferne geahndet hatte: …

Das muss man leider selber lesen, da ich den Text nicht kopieren kann: https://archive.org/details/lebensbeschreib00stigoog/page/n249 (zwei Absätze) – die ganze Theorie der göttlichen Erleuchtungen wird relativiert; denn es sei des Christen höchste Pflicht, „unter der Leitung der Vorsehung, jeden Schritt und besonders die Wahl einer Person zu Heirath, nach den Regeln der gesunden Vernunft und der Schicklichkeit zu prüfen, und wenn dies gehörig geschehen sey, den Seegen von Gott zu erwarten.“

Alles, was Jung-Stilling zu wundersamen Eingebungen und der göttlichen Vorsehung gesagt hat, wird hier indirekt widerrufen, wenn die Regeln der gesunden Vernunft (welche sind das?) und der Schicklichkeit (wer legt diese fest?) zum obersten Kriterium des Handelns gemacht werden.

Bald darauf (und nur 3 Seiten weiter) ist Jung-Stillings Einsicht wieder verschwunden, und das kam so: Er hatte dreimal vergeblich bei reichen Frauen um deren Hand geworben und immer eine Abfuhr erhalten. Als nun Sophie von la Roche ihm eine ihrer Freundinnen als mögliche Frau vorschlägt (welche aber kein Vermögen mit in die Ehe brächte, um Stillings Schulden tilgen zu können), erkennt er darin gleich wieder einen Wink der Vorsehung: „Indessen durfte er jetzt nach seinen Grundsätzen nicht räsonniren [warum eigentlich nicht?], sie war der Gegenstand, auf welchen der Finger seines Führers [d.i. Gott] hinwieß, er folgte also und zwar sehr gern. (…) Alle [seine Freunde] erkannten den Wink der Vorsehung sehr lebhaft, und ermahnten ihn zu folgen.“

Man erkennt hier deutlich die Egozentrik des religiösen Menschen bzw. des religiösen Denkens: Alles, was irgendwie geschieht, ist [von Gott o.ä.] genau auf diesen einen Menschen ausgerichtet. Naiver oder größenwahnsinniger geht es nicht.

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Kindesmissbrauch – Treffen im Vatikan 2019

Wir sind nicht Herren eures Glaubens, sondern Diener eurer Freude.“ (2 Kor 1,24) Wenn man dieses Paulus-Wort bedenkt, versteht man, warum die Worte des Papstes zum Kindesmissbrauch durch katholische Priester nicht ausreichen: Die Kirche sieht er auf dem Weg der Wahrheit, aber der Teufel stifte das Unheil. Nein, Franziskus, das ist nicht der Teufel, das ist die katholische Kirche selber, wie sie seit 2000 Jahren geworden ist: Die Bischöfe und die Priester fühlen sich und sind tatsächlich „Herren“ und nicht „Diener“ der Menschen; sie haben Macht, haben sie gern ausgeübt und üben sie immer noch gern aus, auch wenn sie heute keinen mehr verbrennen dürfen – sich an Kindern befriedigen geht aber immer noch. Diese Macht ist untrennbar mit der katholischen Sexualmoral verbunden: eine (Doppel)Moral der Verbote, der Sündenangst und Gewissensqual, und mit dem Zölibat, mittels dessen ebenso Macht über die Priester ausgeübt wird. [Die Macht wird natürlich auch durch die Glaubenskonkontrolle seitens des Hl. Offiziums und durch andere Praktiken ausgeübt, das sei nur am Rande erwähnt.]

Damit handeln die Bischöfe resp. der Papst dem Programm nicht nur des Paulus, sondern auch Jesu selbst entgegen: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und ihre Großen ihre Macht gegen sie gebrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.“(Mk 10,42-44)

Deshalb nennt der Papst sich denn zwar servus servorum Dei („Diener der Diener Gottes“), aber in Wirklichkeit wird in Gottes Namen vom Papst und den Bischöfen und den Priestern Macht ausgeübt – ich kann davon ein Lied mit vielen Strophen singen. Und weil dieses Problem in einer Weltkirche vermutlich nicht gelöst werden kann (ja nicht einmal gesehen wird), deshalb redet der Papst vom Wirken des Teufels – und redet damit am Problem vorbei: Er müsste von der realen Kirche reden (aber vielleicht ist sie ja auch ein großer Drache? Die heilige katholische Kirche gibt es nur im Glaubensbekenntnis!). Insofern ist das Treffen in Rom gescheitert, auch wenn Kardinal Marx meint, es sei dort ein großer Schritt in die richtige Richtung getan worden.

 

Weiß die innere Stimme Bescheid?

In seinen „Lebenserinnerungen“ (Bd. 2, 1907, S. 357-359) berichtet Carl Schurz von einer ihm bis dato unbekannten inneren Stimme, die ihm vor einer Schlacht gesagt habe: „Heute werde ich den Tod finden.“ In der Schlacht sei dann eine Granate unter seinem Pferd eingeschlagen, habe einem anderen Pferd die Vorderbeine gebrochen und sei zwanzig Meter weiter in einem Erdhügel geplatzt, ohne weiteren Schaden anzurichten. Die Stimme habe dann gesagt: „Dies war die Kugel, aber den Tod hat sie dir doch nicht gebracht.“ Er habe Ähnliches nie mehr erlebt und habe auch keine Erklärung dafür. (https://archive.org/details/lebenserinnerun03schugoog/page/n373)

Fazit: Auch innere Stimmen können sich irren.

Über Treue und Verrat

Treue und Verrat sind mit großen Emotionen beladen; zumindest „Verrat“ ist ein primär wertender Begriff, aber auch mit „Treue“ wird ein Verhalten eher bewertet als beschrieben. „Treue ist eine Tugend, welche die Verlässlichkeit eines Akteurs gegenüber einem anderen, einem Kollektiv oder einer Sache ausdrückt.“ (Wikipedia) Schwierig wird es mit der Treue, wenn neben „einem anderen, einem Kollektiv oder einer Sache“ weitere Größen auftauchen oder bestehen, die den treuen Akteur in Anspruch nehmen.

Um das am Beispiel zu diskutieren: Annnette Ramelsberger berichtet heute in der SZ, dass im Prozess gegen den Massenmörder Högel mit einer Ausnahme kein einziger seiner früheren Chefs und Kollegen von Högels tödlichem Treiben früher etwas gehört, gesehen oder gemerkt haben will (SZ 24.01.19, S. 8). Offensichtlich steht den Schweigern die Treue zum früheren Kollegen Högel oder zum Haus, in dem sie arbeiten und um dessen Ansehen sie fürchten, als Tugend und Verpflichtung vor Augen; vielleicht wollen sie sich auch selbst schützen, weil sie über Högel Bescheid wussten, aber nichts gegen ihn unternommen haben. Aber sie sind auch den von Högel Ermordeten verpflichtet, weil diese Mit-Menschen waren, und sie sind als (potenzielle) Vernunftwesen der Wahrheit verpflichtet, die vor einem deutschen Gericht ermittelt werden soll. Freilich haben sie Högel persönlich gekannt, während die Ermordeten nur Patienten und damit Behandlungsobjekte waren und die Wahrheit ohnehin kein Gesicht besitzt. Sie müssten also sich zu der vernünftigen Einsicht erheben können, dass es über die persönliche Beziehung zu Högel hinaus Verpflichtungen zur Kooperation gibt, weil Högel Verbrechen begangen hat – was stärker wiegt als Solidarität mit einem ehemaligen Kollegen.

Das gleiche Verhaltensmuster wie bei Högels Kollegen finden wir immer wieder: „Ich habe nichts gewusst“ oder „Ich sage nichts, ich bin kein Verräter“, so hieß es auch nach 1945 angesichts der Verbrechen des Dritten Reiches, und so hat sich der RAF-Attentäter Peter-Jürgen Boock in einem Prozess geweigert, „mich zum willfährigen judas der büttel machen zu lassen“ (Brief an Peter Schneider). Bei Boock sieht man deutlich, wie er die Zusammenarbeit mit der Justiz als „Judas“ ablehnt, wie der die Richter als „Büttel“ diffamiert – lauter Bewertungen, die ihn erst gar nicht zur Vernunft kommen lassen, die dann auch eine Reue angesichts seiner eigenen Taten nicht zulassen.

Die Schwierigkeit besteht offenbar darin, eine Einsicht in die Beziehungen zu bekommen, in denen man auch neben den alten persönlichen Beziehungen steht, und eine Einsicht in das Verbrecherische zu bekommen, in das man (mindestens) indirekt verstrickt war. Man geriete damit in einen Konflikt zwischen zwei Bindungen, an denen man nicht in gleicher Weise festhalten kann; erst die Unterscheidung von Recht und Unrecht könnte helfen, der wahrhaft verpflichtenden Bindung gerecht zu werden.

Ein großer Text Nietzsches zum Thema ist „Von der Überzeugung und der Gerechtigkeit“ überschrieben (Menschliches, Allzumenschliches I 629: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Menschliches,+Allzumenschliches/Erster+Band/Neuntes+Hauptst%C3%Bcck.+Der+Mensch+mit+sich+allein/629.+Von+der+%C3%9Cberzeugung+und+der+Gerechtigkeit); man kann ihn und die folgenden Aphorismen nicht oft genug lesen und bedenken.

„Seele“ im Deutschen

Im Grimm’schen Wörterbuch kann man nachlesen, welche Vorstellungen im Deutschen mit „Seele“ verbunden sind. Ich gebe einen ganz kleinen Überblick, damit man sich bei Bedarf in den tausend Differenzierungen umschauen kann; der Überblick zeigt, dass es unmöglich ist „Seele“ begrifflich eindeutig zu erfassen.

SEELE

I. formales. 
ein gemeingermanisches wort (grundform saiwalô, auch saiwlô?) von noch nicht aufgeklärter herkunft und verwandtschaft.

II. bedeutung. 
1) seele als der innere, geistige theil des menschlichen wesens, im allgemeinen. 

2) noch mannigfaltiger sind die beziehungen zwischen seele und leib.

3) man unterscheidet bei der seele verschiedene hauptwirkungsarten, so z. b.: die seele hat ein doppeltes amt, animare, und amare, das ist, lebend machen und lieben. das erste verrichtet sie am leib, das andere aber an- und gegen sich selbst. Hohberg 3, 119a. gewöhnlich werden drei unterschieden, die meist als verschiedene seelen bezeichnet werden, eine vegetative, die allen lebenden wesen, auch den pflanzen, innewohnt, eine animalische, die der mensch mit den thieren gemein hat, und eine vernünftige, die ihm eigenthümlich ist.

4) [verschiedene Redewendungen mit „Seele“]

5,
a) die spezifisch menschliche seele wird gewöhnlich als vernünftige gekennzeichnet,

b) auch in ihr werden wiederum verschiedene theile oder wirkungsweisen unterschieden: was lieszen sich überhaupt aus dieser proportion oder disproportion des erkennenden und empfindenden theils unsrer seele für psychologische und praktische anmerkungen machen! Herder 5, 185 Suphan. zweckmäsziger ist die dreitheilung nach denken (erkennen), empfinden und begehren (wollen). alle diese thätigkeiten werden von der seele ausgesagt. (…)

h) obschon somit seele das ganze unkörperliche wesen des menschen, alle äuszerungen seines innern, spezifisch menschlichen wesens umfaszt, wird es doch meistens in einem engern sinne genommen, wobei der begriff der empfindung überwiegt, sodasz es zu dem in erster linie denkenden geiste einen gegensatz und eine ergänzung bildet,

6) inventar der seele im allgemeinen

7) obwol die seele streng genommen immateriell gedacht wird und sonach räumliche bestimmungen auf sie eigentlich nicht angewendet werden sollten, wird sie doch nicht selten in solchen beziehungen gedacht.

8) noch häufiger wird die seele als ein körperliches wesen behandelt, indem ihr handlungen und zustände zugeschrieben werden, die im eigentlichen verstande nur von körpern und zwar zumeist vom menschlichen leibe, doch auch von pflanzen, leblosen dingen, elementen u. s. w. gelten. meist wird dabei dieser ausdruck einfach als bildliche bezeichnung von etwas seelischem genommen; doch findet sich auch der fall, dasz der äuszere, leibliche vorgang oder zustand im eigentlichen sinne verstanden, und nur irgendwie die seele als subject desselben gedacht wird, vgl. z. b.: es ist nicht der körper, welcher in dem schauspiele lacht oder weinet; es ist die seele, die von den eindrücken, die man auf sie macht, gerühret wird. Lessing 4, 119 anm. so werden der seele beigelegt 

9) die an sich selbst unsichtbare seele äuszert sich und wird erkennbar in ihren wirkungen auf den körper. besonders nachdrücklich und unmittelbar tritt sie zu tage in gewissen erscheinungen, nämlich dem blick, dem geschriebenen oder gesprochenen worte u. a. Seele geht hier fast immer auf das gefühl oder gemüt,

10) reich ausgebildet ist der gebrauch von seele in geistlicher, theologischer sprache; diese gebrauchsweisen hängen eng zusammen mit denen unter 20. 

11) mit den zuletzt besprochenen redeweisen hängt der gebrauch von seele in beteuerungen enge zusammen. 

12) beziehungen zwischen verschiedenen seelen

13)16) [weitere Wendungen mit „Seele“]

17) in allen bisher behandelten verwendungen war die seele als ein theil des menschlichen wesens gefaszt. dieses zeigt sich besonders deutlich in den stellen, wo die seele angeredet, also dem redenden ich gewissermaszen als fremd und selbstständig gegenübergestellt wird. diese sprechweise stammt aus der sprache der psalmen:

18) aber in andern, sehr verbreiteten gebrauchsweisen tritt seele auch für das ganze wesen des menschen, für den menschen selbst ein:

19) von der ursprünglichen auffassung, wonach seele neben dem leibe die eine hälfte des menschlichen wesens bedeutet, hat sie sich auch nach einer andern seite weiter entwickelt, indem sie als ein selbstständiges, vom körper getrennt existierendes wesen gedacht wird, s. 20.

20) die seele nach dem tode.

21,
a) die der fortdauer nach dem tode entsprechende vorstellung einer präexistenz der seele vor der geburt findet sich nur ganz vereinzelt angedeutet,

b) in gewissem sinne ist sie indessen enthalten in der — besonders bei den Indern ausgebildeten — lehre von der seelenwanderung; diese hat zwar in den deutschen volksglauben keinen eingang gefunden, wird aber in der litteratur begreiflicherweise oft erwähnt (früher meist als pythagoreisch)

22,
a) das führt mit notwendigkeit dazu, auch thieren und pflanzen seele zuzuschreiben,

b) aber eine seele der pflanzen und thiere kennt auch die abendländische anschauung, der diese theorie fremd; doch wird dabei seele in einem andern, geringeren sinne genommen als bei menschen,

c) seele im vollen sinne legt dagegen die dichtung den thieren bei, indem sie sie vermenschlicht

e) ebenso bei pflanzen,

23) aber noch weiter wird das reich der seelen ausgedehnt, indem auch leblose dinge hineingezogen werden, meist nur in dichterischer übertragung,

24) während in den behandelten fällen meist freie übertragungen vorliegen, wobei man sich der eigentlichen bedeutung bewuszt bleibt, wird seele in volksthümlicher sprechweise auch von dem innern concreten gegenstande gesagt

Es folgen 25)28).

http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GS23665#XGS23665

Der Weihnachtsmann in theologischer Logik

Von U. bekam ich eine wunderbare Weihnachtskarte: blauer Hintergrund (Himmelsfarbe) mit Sternen, beinahe mittig eine geflügelte Figur mit einem Geschenk in der linken Hand, unten links im Eck ein Haus, dazu rechts unten in Kinderschrift ein Spruch: entweder kommt das Christkind oder weinachtsmann auf die erde das hengt davon ap wie schwer die geschenke sind“.

Wunderbar, wie hier ein unlösbares Problem (Kommt nun der Weihnachtsmann oder kommt das Christkind zu uns?) mit leichter Hand und unschlagbarer Logik gelöst wird: echt theologische Logik, mit der Widersprüche in einem System aufgehoben werden.

Die Wahrheit ist scheu und verkleidet sich…

Heute habe ich mindestens zum vierten Mal „Kains Memoiren“ (von Lars Gyllensten, Frankfurt 1968) gelesen, wovon zwei kleine Beiträge in der WordPress zeugen:

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/30/gyllensten-kains-memoiren/

https://norberto42.wordpress.com/2016/03/09/lars-gyllensten-kains-memoiren-vorgestellt/

Ich möchte an den zweiten Aufsatz erinnern und zusätzlich darauf hinweisen, dass Gyllenstens Buch teilweise aus Fragmenten besteht, die von den Schriften der Kainiter übriggeblieben sind. Diese Tatsache ist ein Kunstgriff des Autors, der dem Wesen der Wahrheit entspricht; um die Wahrheit geht es auch in den Reflexionen der Deutung der Fragmente und in den Ausführungen über den Verstand der Menschen.

Die Kainiter hatten erkannt, daß die Wahrheit scheu ist und sich nur in Vogelscheuchengesichtern und Verkleidungen zu offenbaren pflegt. Und die Offenbarungen sind etwa ebenso unvollständig und mißgestaltet, wenn man sie mit der Wahrheit selbst vergleicht. Gleichzeitig sind sie alle etwa gleich brauchbare und achtbare Helfer im Kampf gegen Lüge, Verwirrung und Trauer, die nur darauf warten, daß man der Wahrheit, nur weil sie aus Scheu inkognito auftritt, ganz den Rücken zukehrt.“ (S. 34)

Die Fragmente der Kainiter, die weithin nur in Koptisch erhalten sind, lassen ganz verschiedene Lesarten zu. „Ganz sicher kann der, der mit genügender Erfindungsgabe und Geduld ausgerüstet ist, eine Lesart hervorbringen, die beide Teile zufriedenstellt: die Leute, die etwas Nützliches lernen möchten, und solche, die kindliche Sagen und Berichte in den Überbleibseln der Vorzeit suchen. (…) All diese Zweideutigkeiten sind keineswegs merkwürdig oder rätselhaft (). Denn all das, worauf die Menschen stoßen, sind nur Fragmente, denen jeder Sinn und jede Bestimmtheit mangelt, bis man imstande ist, sie deuten und lesen zu können. Wenn dies aber geschehen ist, merkt der Aufmerksame, daß alles, was er gelesen und gedeutet hat, nur auf dem beruht, was er selbst aufgefüllt und hinzugefügt hat.“ (S. 98 f.)

Die Ausführungen über den Verstand (S. 131 f.) sind schon im zweiten Aufsatz über das Buch (s.o.) zitiert. Das gnostische Leuchten im Buch erstrahlt hell in einem Zitat, das ebenfalls bereits in der zweiten Besprechung notiert worden ist: „Die Ordnung der Welt ist eine Täuschung…“ (S. 91)

Es ist weiser, die getöteten Götter zu verehren als die lebenden; denn jeder, der die getöteten Götter verehrt, wendet sich von dem ab, was die Menschen als bestehend betrachten. (…) ‚Die Unsterblichen‘ sind falsche Götter; ihr richtiger Name ist ‚Die noch nicht Gestorbenen‘. Alles ist wie eine Larve, die das Gesicht des Unmenschlichen verbirgt.“ (S. 65)

Ein eindrucksvolles Paradigma sind die blinden Kinder, die an einer Leine ihrem halbblinden Führer zum Betteln folgen (S. 76 f.), obwohl er sie betrügt, und mit ihm abends zum Bettlerkönig gehen, der sie prügelt und ausbeutet. „Die Menschen klammern sich aneinander, als wären sie ihresgleichen und Freunde. Der Not gehorchend leben die Menschen in der Welt, als wäre sie ihr richtiges Heim. (…) Die Augen der blinden Kinder weinen ohne Trauer. Aber auch hinter der Trauer dessen, der aus Trauer weint, gibt es ein leeres Loch, in das keine Trauer hineindringt.“ (S. 77)

Das Buch fasziniert mich seit 50 Jahren. Seine einzige Auflage betrug 4000, von denen allein ich zehn Exemplare verschenkt habe.

Leiden ohne Mitleid

In Gomperts Erzählung „Alt Babele“ hat der Erzähler Mitleid mit einer alten verwirrten Jüdin, die von wilden Knaben unter Anführung eines energischen Buben verfolgt wird. „Das war das schwarze Maierl, so genannt von seiner Hautfarbe, die um nicht viel Unterschied machte von einem gewöhnlichen Negerfell, wie es sich zuweilen im Bedientenlivree bei uns herumtreibt.“ (Aus dem Ghetto. Sechs Erzählungen von Leopold Gompert, Leipzig o.J., S. 27: https://archive.org/details/ausdemghetto00kompuoft/page/26)

Es ist erstaunlich, wie in dieser Erzählung – Gomperts Erzählungen widmen dem Leiden der Juden in den osteuropäischen Ghettos große Aufmerksamkeit und Teilnahme – voller Verachtung von Negern gesprochen wird: Das Negerfell (!) treibt sich bei uns gelegentlich herum. Als ob es ein Trost wäre, wenn die verachteten Juden nicht auf der letzten Stufe der Leiter ständen, auf dass es noch jemanden gebe, auf den man voller Verachtung herabblicken kann.

Volkskirche – Kirchenreform – Bischof Hanke

Ein Bericht und eine große Reportage in der SZ vom 23. Oktober 2018 stellen den Bischof Hanke aus dem Bistum Eichstätt vor, von dessen Verwaltung rund 50 Millionen Euro in amerikanischen Immobiliengeschäften versenkt wurden. Mich interessiert nun weniger die Tatsache, dass da 50 Millionen verpulvert wurden, sondern die Erklärungen, die Bischof Hanke zu seiner Verantwortung abgibt. Er sagt, er sei mit der Aufsicht über das Finanzgebaren seiner Verwaltung überfordert gewesen; sein Finanzchef, der ehemalige Caritasdirektor, ein Priester, war offensichtlich den Umgang mit dem großen Geld gewohnt – den Bischof hat man am liebsten außen vor gelassen, wenn es um Entscheidungen ging. Er bemüht sich jetzt, sachliche Aufklärung durch externe Fachleute zu betreiben. „Bischof beklagt mangelnden Reformwillen in der Kirche“ ist die Überschrift des Berichts – der Reformwillen fehle seiner Priestern, seiner Verwaltung.

Ich möchte aus diesem Anlass einige Überlegungen zur Möglichkeit der Reform der katholischen Kirche vortragen: Diese Reform kann es praktisch nicht geben, weil sie sich gegen Jahrhunderte kirchlicher Geschichte durchsetzen müsste:

  • Vom Bischof erwartet man quasi, dass er aufgrund seiner Weihe auch alle seine Aufgaben erfüllen kann – sachlich darauf vorbereitet wurde der Mönch Hanke nicht. Das gilt auch für die Priester, die in die Seelsorge geschickt wurden (ich spreche von der Zeit, die ich aus eigener Erfahrung kenne: die in den 60er und 70er Jahren geweihten Priester): Wie sie mit Sterbenden umzugehen haben, wie sie Kinder unterrichten sollten, was man den Bettlern sagen und geben kann, die regelmäßig an der Tür der Kaplanei schellen, was man für Arbeitslose tun kann – alles Fehlanzeige. Es gab ein bisschen Predigttraining und viel Sexualmoral, ansonsten würde es „die Weihe“ der von der „Welt“ abgeschottteten Seminaristen schon richten.
  • Dieses mit dem Zölibat unnötig und verhängnisvoll verknüpfte überhöhte Weihepriester-Bild bestimmt die Theorie und Praxis der „Seelsorge“: Die Laien sind die Schafe, die der gute Hirt (Pastor) zu leiten und betreuen hat. Dessen Fehltritte werden vertuscht.
  • Auf die innere Umkehr der Christen wird verzichtet, wenn sie nur dem Aufseher-Pastor folgen, vor allem in der Sexualmoral; der hat stellvertretend Christlichkeit vorzuleben.
  • Dem entspricht die Verdinglichung der Eucharistie in der Lehre der Transsubstantiation, in der Betonung des opus operatum des geweihten Priesters, der sozusagen Gewalt über Gottes Gegenwart besitzt, überhaupt die ganze Sakramentenlehre und -praxis.
  • In der Priesterausbildung wurde die Soziallehre und die Pastoraltheologie als lästige Nebensächlichkeit betrachtet; wichtig waren Dogmatik, Kirchengeschichte, Kirchenrecht, Moraltheologie und Bibelexegese – kurz: die Theorie.
  • Das alles muss man als Einheit begreifen, die unter dem Stichwort „Volkskirche“ beschrieben werden kann: Das ganze Volk ist einfach „christlich“ und bleibt damit zwangsläufig in einer Vorhofreligion, wie G. Mensching sagte.

Wie soll da eine Reform möglich sein, ohne dass die Amtsinhaber erheblich von ihren Sockeln heruntersteigen müssten und die Laien erheblich ihre eigene Christlichkeit zu ergreifen hätten, dass also alle sich erheblich zu bewegen hätten? Wer die Trägheit und die Gesetze der Schwerkraft kennt, wird das kaum für möglich halten.

Stichwort „Volkskirche“:

https://www.evangelisch.de/inhalte/86871/22-07-2013/zulehner-die-zeit-der-volkskirche-ist-vorbei

https://www.ndr.de/kirche/Das-Kirchenlexikon-Volkskirche,gesellschaft214.html

https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/abschied-von-der-volkskirche

https://www.zeit.de/2018/06/erzbistum-hamburg-schulden-schliessung-katholische-schulen

http://www.lutherische-bekenntnisgemeinde.de/Volkskirche%20oder%20Bekenntniskirche.htm

Zu Hanke/Eichstätt:

https://www.sueddeutsche.de/bayern/eichstaett-kirche-finanzaffaere-1.4180050

https://www.tagesschau.de/inland/katholische-kirche-immobilien-103.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/katholische-kirche-finanzskandale-haeufen-sich-15449049.html

https://www.ksta.de/politik/finanzskandal-bistum-eichstaett-hat-es-den-betruegern–brutal-leicht-gemacht–29632970

https://www.dw.com/de/bistum-eichst%C3%A4tt-kampf-gegen-kontrollverlust-bei-finanzen/a-42468366

Der Mensch: kein animal rationale

Einen bemerkenswerten Artikel hat Sebastian Herrmann am 11. September 2018 in der SZ veröffentlicht: Was du auch sagst, du wirst es bereuen.

Es geht in diesem Artikel darum, wie man die Aussagen anderer Menschen aufnimmt. Das Ergebnis einer Untersuchung des englischen Psychologen Paul Hanel lautet:

  • Selbst harmlosen Aussagen stimmt man eher zu, wenn sie von Mitgliedern der eigenen Gruppe stammen.
  • Keine Rolle spielt dabei, wie lange man über die vorgelegten Aussagen nachdenkt.
  • Auch der Bildungsgrad spielt bei der Zustimmung oder Ablehnung keine Rolle.
  • Selbst bei Themen, wo man sich nur geringfügig von der Auffassung einer fremden Gruppe unterscheidet, wird die Einstellung der anderen für grundverschiedenen von der eigenen gehalten.
  • Wir gegen die anderen: Es ist das Gefühl der Zugehörigkeit, welches das Denken trübt.“

Die Frage ist, wie man sich dann mit Menschen anderer Überzeugungen überhaupt noch verständigen kann. Offensichtlich ist Habermas‘ Theorem vom Herrschaftsfeien Diskurs eine schöne Idee, aber eine utopische, genau wie die alte Auffassungen vom Menschen als animal rationale.