Was ist ein Gutmensch?

In „Tumult“ 4/2017 habe ich einen Artikel von Rudolf Brandner gelesen; daraufhin habe ich mal versucht herauszufinden, wer Rudolf Brandner ist. Dabei bin ich auf diesen älteren Artikel in „Tumult“ gestoßen, in dem er die Gutmenschen schlachtet:

RUDOLF BRANDNER – ANALYTIK DES GUTMENSCHEN

[…] Ein schlichtes, einfältiges Gemüt, das an allem Realen nur das Gute sehen will, steht auch der Negativität menschlicher Verhältnisse eher wehrlos gegenüber und weiß nicht mit ihr umzugehen.

Es ist diese gutmütige und mental etwas einfältige Verfassung, die man auch dem Gutmenschen als seelische Prädisposition unterstellt, aber erst dort als »Gutmenschentum« diffamiert, wo sie ethisch-politische Ansprüche stellt und als maßgebliches Subjekt gesellschaftspolitischer Diskurse auftritt. Eben deshalb fühlt sich einer auch beleidigt: Seine gesellschaftspolitische Meinung wird nicht ernst genommen und für eine naive Kinderei gehalten. Im Begriff »Gutmensch« liegt der Vorwurf; subjektive Befindlichkeiten als moralische Ansprüche zu artikulieren und zum Maß politischer Vernunft zu erheben: Der »Gutmensch« ist mehr im Idealischen und Seinsollenden zentriert als im Realen und Faktischen, ein tendenzieller Jasager, der sich gern vor aller Anstrengung sachlichen Unterscheidens, Verneinens und Entgegensetzens bewahrt. […] Seine Grundüberzeugung: »Wenn ich nicht negiere, unterscheide und entgegensetze, bin ich frei von aller Negation und in dieser Negationsfreiheit [frei, N.T.] auch alles Negativen; und da ich selbst nicht mehr Gegensatz, ein Anderer, ein Negierender bin, kann auch der Andere an mir keinen Gegensatz mehr finden und sich negierend und entgegensetzend zu mir verhalten. Es neutralisiert seine Negativität, bis sie sich gänzlich auflöst — ins allseits Gute, das wir doch letztlich alle sind.«

Dieses Erlösungsmodul des Gutmenschen zur Befreiung des Menschen von aller Negativität liegt aber ganz im Gefühl, in der affektiven Befindlichkeit negationsfreier Güte, die sich nun als idealisches Postulat negationsfreien Seins an beliebigen Realitäten zu schaffen macht. […]

Unvermögend, den Gegensatz zu verarbeiten, wo es ihn nicht in sich umzuzaubern vermag, fanatisiert es sich zur Verfemung alles anderen als zu vertilgenden Un- und Widermenschlichen, das der Vernichtung anheimzugeben sei. Das Negationsverhalten des allseits negationsfreien »Liberalen« und »Toleranten« kann nicht anders als »totalitär« sein: Es negiert affektiv durch ausschließende Herabsetzung, Diffamierung und Verächtlichmachung und konstituiert an diesem dialektischen Umschlag zum Vernichtungs- und Vertilgungswillen den anderen Grundzug des »Gutmenschen«: den Moralfanatismus des »politisch Korrekten«, der nun seinen eigenen negativen Affekt auf alle anderen überträgt und an ihnen nichts als menschenverachtenden Haß und Hetze — das »Böse« — sieht.

Erst beide Grundzüge zusammen machen den »Gutmenschen« aus: Keiner ohne den anderen und nur ihre unauflösliche Einheit macht den »Gutmenschen« zum Ärgernis seiner Mitwelt, das sie ihm in Spott und Hohn zurückgibt: eben als die Beleidigungskategorie »Gutmensch«. Sie bezeichnet die Arroganz des ausschließlich Guten, die affektiv alles Andersdenken als böse und verwerflich ausgrenzt. Es sind also genau genommen zuallererst die »Gutmenschen«, von denen die ethische Diffamierung aller anderen ausgeht. Erst als Reaktion auf diese Vereinnahmung des Guten entsteht die neue Beleidigungskategorie: „Gutmensch«. Es sind die »Bösmenschen«, die sich an dem Entmündigungsversuch ihrer sachlichen Urteilskraft rächen und die exklusive Affektgüte als »Gutmenschentum« bespötteln: Die beleidigte Sachlichkeit des Denkens revoltiert gegen das, was ihr durch moralische Gefühlsdogmatik zugemutet wird: die Verleugnung ihrer Realitätserfahrung durch moralistische Selbstzensur, die neue — im Namen des negationsfreien Guten verhängte Unfreiheit des Denkens.

Es folgt noch eine Erklärung, wo das Gutmenschentum entspringt, aber die wollen wir uns hier schenken – man kann sie nachlesen: http://www.mesop.de/mesop-zur-psychpatholgie-des-politischen-trottels-rudolf-brandner-analytik-des-gutmenschen /  (aus TUMULT – Vierteljahresschrift für Konsensstörung, 2016)

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Geschlechtsneutrale Spielsachen?

Unter der Überschrift „Meine Puppe, dein Auto“ berichtet die SZ heute (6. Dezember 2017) von einer Studie, in der die Vorliebe von Kindern für Spielzeug untersucht wurde. Die Studie ergibt, dass Jungen von Natur aus Bagger und Fahrzeuge bevorzugen, Mädchen dagegen Puppen, auch wenn die Eltern lieber eine geschlechtsneutrale Spielzeugwahl bevorzugen. Wie diese Vorlieben dann verstärkt werden, kann man in der Studie nachlesen: http://www.sueddeutsche.de/wissen/erziehung-meine-puppe-dein-auto-1.3779772

Über das Gerede von den Werten

Meredith Haaf hat in der SZ vom 28. November 2017 das Buch „Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“ (Berlin 2017) von Wolfgang Ullrich besprochen (http://www.sueddeutsche.de/kultur/werte-in-der-diskussion-worthuelsen-werkstolz-1.3757529). Es geht, kurz gesagt, darum, dass die Beschwörung von gemeinsamen Werten sachlich irrelevant ist und eine Gemeinsamkeit herstellt, die nicht besteht. Das ist nicht besonders originell, aber immerhin bedenkenswert. Ich glaube, es lohnt nicht, das ganze Buch zu lesen – die Besprechung liefert genügend Erkenntnisgewinn, der vermutlich durch das Buch nicht wesentlich gesteigert wird.

Katholizismus – Rückblick auf die gescheiterte Reform(ation)

Über die Vorgeschichte der Reformbemühen, die ich seit 1961 erlebt habe, kann man sich unter den Stichwörtern „Modernismus“ und „Linkskatholizismus“ informieren:

https://de.wikipedia.org/wiki/Modernismus_(Katholizismus)

https://de.wikipedia.org/wiki/Neo-Modernismus

http://www.bible-only.org/german/handbuch/Modernismus.html

http://www.kathpedia.com/index.php?title=Modernismus

https://de.wikipedia.org/wiki/Linkskatholizismus

https://www.youtube.com/watch?v=Wl2R7jyVz_g

Das Zweite Vatikanische (1961-1965) entwickelte eine eigene Dynamik, als es dort zu einem Kampf zwischen Konservativen und progressiven Bischöfen und Theologen kam; in der Aufbruchstimmung glaubten viele an eine Reform der katholischen Kirche:

http://www.kathpedia.com/index.php?title=Zweites_Vatikanisches_Konzil

https://de.wikipedia.org/wiki/Zweites_Vatikanisches_Konzil

https://www.dbk.de/themen/zweites-vatikanisches-konzil/

Offiziell wurde die Reform in Deutschland in einer gemeinsamen Synode der deutschen Bistümer angepackt:

https://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%BCrzburger_Synode

https://wuerzburger-synode.jimdo.com/

http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/Synoden/gemeinsame_Synode/band1/synode.pdf

Die wirklich kritischen Impulse kamen von „unten“ – und sie verliefen letztlich im Sand, weil es keine zentrale Organisation neben der kirchlich-offiziellen und keinen Kurfürsten von Sachsen gab, der die Reformer kirchenpolitisch und finanziell über Wasser gehalten hätte; lockere Solidaritätsgruppen überleben eben nicht:

https://de.wikipedia.org/wiki/82._Deutscher_Katholikentag (Essen 1968)

http://www.zeit.de/1968/37/die-linken-frommen-auf-dem-marsch (Bedeutung)

http://www.akr-regensburg.de/: „Der Aktionskreis Regensburg ist eine im Jahr 1969 entstandene Vereinigung von Priestern, „laisierten“ Priestern und „Laien“ in der Diözese Regensburg. Der AKR ist inspiriert vom Geist des II. Vatikanischen Konzils und nimmt sich die Freiheit – aus Liebe zur katholischen Kirche – nötige Reformen anzumahnen.“

http://www.aktionsgemeinschaft-rottenburg.de/agr-agp.htm Die AGP hat sich aufgelöst!

https://de.wikipedia.org/wiki/Kritischer_Katholizismus

So leben die kritischen Impulse (u.a. die SOG-Papiere) fort:

http://www.imprimatur-trier.de/

http://www.imprimatur-trier.de/hefte.html

https://www.publik-forum.de/ ist ein Wässerlein, in dem noch der alte Reformgeist tröpfelt.

Da ich kein Insider mehr bin, kann ich nur von außen beobachtend sagen: Die Reformbestrebungen sind im Wesentlichen verebbt; der gegenwärtige Papst Franziskus bemüht sich um religiöse Erneuerung, die sicher wichtig ist, aber die vor 50 Jahren erstrebten Reformen nicht ersetzen kann. Ernsthafte kritische theologische Debatten über die Fixierung des Christlichen in orientalischen Mythen und griechischer (und später lateinischer) Philosophie gibt es nicht. Und die Volkskirche, die ihr eigenes Leben in der sozialen Integration vor Ort führt, verliert in Europa immer mehr an Bedeutung: die Welt von gestern. Bedeutsam ist die Kirche nur noch in der Kulturgeschichte Europas.

Was ist Populismus?

Ein ausgezeichneter Artikel von Andreas Voßkuhle über Populismus steht in der FAZ-online vom 23. November 2017: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/bundesverfassungsrichter-vosskuhle-und-sein-rezept-gegen-populismus-15304961-p6.html?printPagedArticle=true#pageIndex_5

Der Kern des Aufsatzes lautet:

Erfolgversprechender ist es daher, nach formalen Charakteristika Ausschau zu halten, die das „ideologische Minimum“ des Populismus ausmachen. In diesem Sinne hat Jan-Werner Müller den Populismus unlängst als „Politikvorstellung“ definiert, in der „einem moralisch reinen, homogenen Volk stets unmoralische, korrupte und parasitäre Eliten gegenüberstehen – wobei diese Art von Eliten eigentlich gar nicht zum Volk gehören“. Darauf aufbauend, zeichne sich die populistische Ideologie durch einen – moralisch fundierten – Alleinvertretungsanspruch aus: Populisten nehmen für sich in Anspruch, als Einzige den (einen) wahren Willen des Volkes erkannt zu haben und deshalb auch als Einzige wirklich berechtigt zu sein, für das Volk insgesamt sprechen zu können.

Dieses Begriffsverständnis, das auf Vorarbeiten anderer Politikwissenschaftler aufbaut, erweist sich in der konkreten Anwendung als fruchtbar. Überzeugend ist es vor allem deshalb, weil mit dem Antagonismus zwischen zwei als homogen gedachten Gruppen – dem „reinen Volk“ und der „korrupten Elite“ – die antipluralistische und damit antidemokratische Stoßrichtung ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt wird.

Ausgehend davon, lassen sich fünf Widersprüche zwischen der populistischen Ideologie und dem im Grundgesetz niedergelegten Verständnis von Demokratie aufzeigen. Das Grundgesetz eignet sich deshalb besonders gut als Kontrastfolie, weil in sein Demokratiekonzept viele gemeineuropäisch-westliche Vorstellungen und Erfahrungen eingegangen sind und es damit einen hohen Konsenscharakter aufweist.

1. Der erste Widerspruch ist fundamental, weil alle weiteren Widersprüche auf ihm aufbauen. Zu den zentralen Begründungselementen demokratischer Herrschaft zählt die Einsicht, dass es in Bezug auf normative Fragen – und um solche handelt es sich in der Politik – so etwas wie eine absolute, immer gültige „Wahrheit“ nicht gibt. Der Populist hingegen behauptet, das Volk sei im Besitz der Wahrheit, habe also die Einsicht in das für alle Richtige. Oder, wie es ein Vorstandsmitglied der „Bürgerbewegung Pro Deutschland“ formulierte: „Das gemeine Volk weiß noch zwischen der Wahrheit und der Unwahrheit zu unterscheiden, es hat gemeinhin noch ein gesundes, unverfälschtes Urteilsvermögen (vox populi, vox Dei).“ Die besondere Pointe dieser Aussage liegt darin, dass ein dergestalt vom allwissenden und moralisch reinen Volk abgeleitetes, ja mit dessen Anschauungen eigentlich identisches Parteiprogramm keinem diskursiven Rechtfertigungszwang mehr ausgesetzt sein kann.

Indes, die moderne Erkenntnistheorie und die politische Alltagserfahrung sprechen dafür, dass in Wirklichkeit niemand im Besitz einer absoluten Wahrheit in politischen Angelegenheiten ist – genau auf dieser Erkenntnis beruht die Demokratie: Wenn niemand für sich in Anspruch nehmen kann, am besten zu wissen, was für alle am besten ist, sind alle gleichermaßen dazu berufen, sich zu den Fragen des Gemeinwesens zu verhalten. Deshalb muss in einer Demokratie der jeweils andere Bürger als gleich und frei anerkannt, ihm also gleiche Mitwirkungsrechte in öffentlichen Angelegenheiten zugestanden werden. Das demokratische Mehrheitsprinzip gewährleistet, dass die größtmögliche Zahl der Bürger ihren Urteilen über das Gemeinwohl entsprechend leben kann. Weil aber eine politische Einschätzung auch dann nicht zu einer unwandelbaren Wahrheit wird, wenn sie von einer noch so großen Mehrheit der Bürger geteilt wird, muss in der Demokratie immer auch davon ausgegangen werden, dass sich vielleicht in der Zukunft eine abweichende Einschätzung als überzeugender erweist. Die Demokratie beruht also einerseits auf der Bereitschaft der Minderheit, die ordnungsgemäß getroffene Mehrheitsentscheidung loyal zu befolgen. Andererseits wird die Minderheit nicht nur begrifflich vorausgesetzt, sondern auch politisch anerkannt und durch die Grund- und Freiheitsrechte geschützt, so dass sie „nicht absolut im Unrecht, nicht absolut rechtlos ist“ (Hans Kelsen), sondern die Chance hat und haben muss, selbst zur Mehrheit zu werden.“

Biologisierung des Denkens

Von einem neuen Kapitel in der Geschichte des Gender-Wahns berichtet Thomas Steinfeld in der SZ vom 17.11.2017: „Die Biologisierung des Denkens“. Am politikwissenschaftlichen Institut der Universität Lund gibt es die Regel, dass 40% der Seminarliteratur von Frauen verfasst sein muss. Wenn das Thema eines Seminars diese Quote nicht hergibt, weil es zum Beispiel bei der konservativen Kritik der bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert praktisch keine Frauen gegeben hat, wird kurzerhand das Thema verändert und außerdem Judith Butler auf die Literaturliste gesetzt – egal ob sie passt oder nicht. Der Artikel Steinfelds ist lesenswert.

Demnächst kommt es bestimmt noch so weit, dass auch das dritte Geschlecht in allen seinen Facetten mit 10% in der Literatur vertreten sein muss, dass 50% Asiaten und davon wieder 40% Frauen und 10% drittes Geschlecht dabei sein müssen, vielleicht auch 20% mit Migrationshintergrund und 40% Kinder von Alleinerziehenden, 7% Hörgeschädigte und 15% mit einem IQ unter 85 – wobei die letzte Gruppe bereits jetzt in Schweden das Sagen hat, glaube ich.

Th. Steinfeld: Herr der Gespenster. Die Gedanken des Karl Marx (2017) – vorgestellt

Steinfeld führt weniger in die Gedanken des Karl Marx ein, als dass er sich Gedanken zu den Fragen des Karl Marx machte, und das im Stil von Essays im Feuilleton der SZ. Dabei spürt man nicht nur die berufliche Nähe von Marx und Steinfeld (beide sind Journalisten, beide arbeiten mit großen Mengen exzerpierter Bücher), sondern auch eine geistige Nähe: im Blick auf die Mechanik und Krisen des Kapitalismus, auf den Warenfetischismus und die durch ihn erzeugte Lebensform. Kulturkritik wird übrigens umfassender und schärfer auf http://www.kulturkritik.net/ geboten. – Die Begeisterung von Journalisten über das Buch erkläre ich mir mit dem Krähen-Prinzip: dass eine der anderen kein Auge aushackt.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/von-sz-autoren-herr-der-gespenster-1.3699260 (so wurde es in der SZ vorgestellt)

http://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-resonanzen/audio-herr-der-gespenster-die-gedanken-des-karl-marx-100.html („neue Biografie“ ist Unsinn!)

http://www1.wdr.de/kultur/buecher/herr-der-gespenster-104.html

https://cms.falter.at/falter/rezensionen/buecher/?issue_id=702&item_id=9783446256736 (hier der dritte Titel)

https://www.freitag.de/autoren/tom-wohlfarth/noch-ist-zeit-werde-marxist

http://buchpalastmuenchen.de/steinfeld-gespenster/ (eher Anzeige als Besprechung)

Meine Rezension: http://re-visionen.net/rezension-thomas-steinfeld-herr-der-gespenster/

https://books.google.de/books?id=X24kDwAAQBAJ&pg=PT4&hl=de&source=gbs_toc_r&cad=3#v=onepage&q&f=false (der Text als google-book)

Kafka – Kant – Katholizismus

Es ist erfrischend, Kant zu lesen und den ehrlichen Streit der Forscher um die Deutung Kants und die Wahrheit seiner Theorien zu verfolgen.

Wenn man dagegen an die katholische Methode denkt, wie die „Gegner“ (von Kafka bis Kant) noch im 20. Jahrhundert abserviert wurden:

dann versteht man die Geisteswelt der alten Männer, die damals studiert und heute die entscheidenden Posten in der katholischen Kirche innehaben. Eine ehrliche und offene Auseinandersetzung mit dem, was die klügsten Köpfe der Welt denken, hat es in der katholischen Kirche zu meiner Zeit nicht gegeben – man stand mit seinen Fragen und seinen Einsichten „allein auf weiter Flur – Stille nah und fern“, die Morgenglocke war nicht zu hören. Hierin sehe ich einen entscheidenden Grund, warum viele helle Köpfe sich von dieser Kirche abgewandt haben: Sie hatte sich in ihre eigene Vergangenheit verkrochen – eine Höhle, in der sie sich vor den realen Menschen versteckte, um sich und ihre alten Formeln „rein“ zu bewahren.

Einführung in die Philosophie Kants

Wie ihr wisst oder nicht wisst, halte ich http://archive.org/search.php? für eine großartige Quelle; dort kann man viele alte, also nicht mehr urheberrechtlich geschützte Bücher einsehen. Dort habe ich auch folgendes großartige Buch gefunden: https://archive.org/stream/kantslebenundleh00cassuoft#page/326/mode/2up (Ernst Cassirer: Kants Leben und Lehre, 1921). Leider war Cassirer so klug, dass er ziemlich abstrakt schreibt – ich habe irgendwann das Handtuch geschmissen, um es demnächst für eine neue Runde im Kampf mit seinen Gedanken wieder aufzunehmen.

Ich habe auf archive.org aber auch ein Buch gefunden, in dem die Gedanken Kants verständlich dargestellt sind, sogar die der „Kritik der reinen Vernunft“ (auf 85 Seiten)! Es ist https://archive.org/stream/daslebenswerkimm00dr#page/n7/mode/2up (Woldemar Oskar Döring: Das Lebenswerk Immanuel Kants, 1916, 6. Aufl. 1921) und gibt Vorlesungen im Kriegswinter 1915/16 wieder. Leider ist es in Fraktur gedruckt, an wenigen Stellen scheint auch noch die Entstehung während des 1. Weltkriegs leicht durch. Döring verzichtet auf jede Kritik oder Diskussion Kants und beschränkt sich rein auf die Darstellung: lesenswert!

Das Werk Friedrich Paulsens (Kant. Sein Leben und seine Lehre, 1904), auch auf archive.org, ist ausgezeichnet. Paulsen steht Kant durchaus kritisch gegenüber und glaubt, Kant habe eine positive Metaphysik begründen wollen; da Paulsen (mit) Kant diskutiert, ist er eher für Leser geeignet, die selber Kant oder Dörings bzw. Kronenbergs oder Krauses (mit den genannten Einschränkungen) Einführung gelesen haben. Man findet bei Paulsen viele Literaturhinweise, denen man auf archive.org nachgehen kann. Insbesondere habe ich zwei Hinweise auf populärere Darstellungen der kantischen Philosophie gefunden: K. Laßwitz: Die Lehre Kants von der Idealität des Raumes und der Zeit im Zusammenhange mit seiner Kritik des Erkennens allgemein verständlich dargestellt (in Anlehnung an Kant gedacht, aber keine systematische Einführung in Kants Denken, sehr einfach): https://archive.org/stream/dielehrekantsvon00lass#page/n3/mode/2up) 

M. Kronenberg: Kant. Sein Leben und seine Lehre (weitschweifig erzählend und erbaulich kommentierend, an entscheidender Stelle [Kategorientafel] sehr knapp, daher leicht zu lesen):(https://archive.org/stream/kantseinlebenun00kron#page/n5/mode/2up

Albrecht Krause: Populäre Darstellung von Immanuel Kant‘s Kritik der reinen Vernunft, Lahr 1881 (eine systematische, gut lesbare Einführung in die KrV, in der zwar auch Einwände gegen Kant diskutiert werden, die aber meine Bedenken gegen die transzendentale Ästhetik nicht völlig zerstreuen kann): https://archive.org/stream/populredarstell00krau#page/n5/mode/2up

Albrecht Krause gibt sich in diesem Buch als gläubiger Kantianer, der deklariert, was mathematisch oder naturwissenschaftlich Unsinn sein muss, weil es nicht in die Kant‘sche Erkenntnistheorie passt. In seinem Buch „Die Gesetze des menschlichen Herzens“, Lahr 1876 (https://archive.org/stream/diegesetzedesmen00krau#page/n7/mode/2up), übt er jedoch Kritik an der Kant‘schen Kategorientafel und erweitert sie auf 16 Kategorien.

Eine interessante Lektüre verspricht Eduard von Hartmanns Buch „Kants Erkenntnistheorie und Metaphysik in den vier Perioden ihrer Entwickelung. Neue Ausgabe“ (Leipzig o.J.: https://archive.org/stream/kantserkenntnist00hart#page/n3/mode/2up). Der Autor scheut sich nicht, Kant‘sche Gedanken zu kritisieren bzw. zu widerlegen.

Ich schließe mit einem Hinweis auf den Text der KrV mit einem Kommentar Adickes‘https://archive.org/stream/ImmanuelKantsKritikDerReinenVernunftMitEinerEinleitungUnd/immanuel_kant_kritik_Kant#page/n0/mode/2up

 

Ferner:

B. Erdmann: Kants Kriticismus (1878) https://archive.org/stream/kantskriticismu01erdmgoog#page/n8/mode/2up

K. Fischer: Entstehung und Grundlegung der kritischen Philosophie: (3. A. 1882) https://archive.org/stream/geschichtederne22fiscgoog#page/n10/mode/2up

K. Fischer: Das Vernunftsystem auf der Grundlage der Vernunftkritik (1882) https://archive.org/stream/geschichtederne00unkngoog#page/n10/mode/2up

H. Cohen: Kants Theorie der Erfahrung (1885) – Cohen war der Lehrer Cassirers: https://archive.org/stream/kantstheorieder00cohegoog#page/n19/mode/2up

H. Cohen: Kants Begründung der Ethik (1910) https://archive.org/stream/kantsbegrndung00coheuoft#page/n7/mode/2up

B. Erdmann: Philosophie der Neuzeit (1896), S. 319 ff. https://archive.org/stream/grundrissderges08erdmgoog#page/n9/mode/2up

R. Falckenberg: Geschichte der neueren Philosophie (1905, sehr gut lesbar), S. 276 ff. https://archive.org/stream/geschichtederne00falcgoog#page/n4/mode/2up

R. Eraßme: Über das Erkenntnisproblem in Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft (Vortrag, 51‘) https://archive.org/details/Kant.Kritik_an_der_Kritik_der_reinen_Vernunft

sowie

https://archive.org/stream/derphilosophisch01rieh#page/n3/mode/2up Riehl: Der philosophische Kritizismus, 1908

https://archive.org/stream/diegeschichted01wind#page/n3/mode/2up Windelband: Die Geschichte der neueren Philosophie, Bd. 1 (1919)

https://archive.org/stream/diegeschichtede02wind#page/n9/mode/2up Windelband: Die Geschichte der neueren Phil., Bd. 2 (hier S. 4 ff.!)