Fritz Mauthner: „Gott“

Ich habe heute Mauthners Wörterbuch der Philosophie verlinkt. Als sprachkritischer Philosoph verdient Mauthner auch heute, nach hundert Jahren, noch Beachtung. Ich zitiere einen Auszug aus dem Artikel über Gott:

Gott, der Gott unsres Wörtervorrats, der einige oder einzige Gott des christlichen Abendlandes, ist nicht als ein Allgemeinbegriff der vorgestellten Wesen zu fassen, die bei den Heiden Götter hießen. Die Götter waren nach dem Bilde des Menschen gedacht. (Nicht erst Feuerbach hat diesen parodistischen Gedanken ausgesprochen; ich finde ihn schon in der »Götterlehre« von K. Ph. Moritz [3. Ausg. S. 22]: »Den Göttern selber konnte die Phantasie keine höhere Bildung als die Menschenbildung beilegen.«) So waren sie wenigstens Bilder, Bilder einer reichen, jungen, schönen Phantasie. Der einige Gott ist ein Wort bloß, ein mühsam konstruiertes Wort, ohne Bild, seinen Inhalt darzustellen. Alle Versuche, diesen Gottvater bildhaft zu sehen, sind heidnisch. Der Protestantismus mit seiner Bilderstürmerei ist nur konsequent gewesen.

Will man diesen abstrusen Gottesbegriff zur Vergleichung mit andern Begriffen zusammenstellen, so ergibt sich die Schwierigkeit: Worte von ähnlicher Nonsensität und doch ähnlicher historischer Macht aufzufinden. Der Stein der Weisen war nie, und dennoch wurden ihm Wunderkräfte beigelegt. Aber der Stein der Weisen war nicht nur Menschenglaube, sondern auch sonst, real, so wie er von einem Betrüger hergestellt und verkauft wurde, Menschenwerk.

Ich vergleiche den Gott lieber mit dem Phlogiston der Chemie. Gegen hundert Jahre, vom Ende des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, haben die Theologen der Chemie und mit ihnen die Welt an dieses Wort geglaubt, das die Verbrennung der Körper, also die Wärme, also die Herkunft der wichtigsten irdischen Kraft erklären sollte. Heute wissen wir: Bleioxyd ist Blei und noch etwas, Pb + O. Damals lehrte man, gegen den Augenschein – da man das höhere Gewicht des Bleioxyds schon beobachtet hatte –: Blei ist Bleikalk und noch etwas, Blei ist Bleikalk (Bleioxyd) + Phlogiston. Etwas, was gar nicht auf der Welt war, sollte die Ursache dessen sein, was da war. Wie Phlogiston in alle Metalle hineingedacht wurde, so der Gott in alle Geschehnisse: der Zufall wird zur Geschichte durch Gottes Vorsehung, Rache am Verbrecher wird zur Strafe durch Gottes Gerechtigkeit, die Aussage wird zum Eide durch Gottes Anrufung.

Der berüchtigte ontologische Beweis für das Dasein Gottes ist nur ein Fall unter vielen; die Gewohnheit der Menschen, Scheinbegriffe zu gebrauchen, läßt deren Existenz mitvorstellen. Das hat schon Oldenburg in einem Briefe an Spinoza (III, vom 27. Sept. 1661) hübsch ausgesprochen: »Glauben Sie, klar und zweifellos aus ihrer eigenen Definition von Gott beweisen zu können, daß ein solches Ens existiere? Ich freilich denke, daß Definitionen einzig und allein Begriffe unsres Kopfes enthalten; daß aber unser Kopf vieles begreift, was nicht existiert, und äußerst fruchtbar ist in der Vermehrung und Steigerung der einmal begriffenen Dinge: also kann ich nicht einsehen, wie ich von meinem Gottesbegriff zur Existenz Gottes kommen soll.«

Die ehrenwerte Bemühung des Deismus, auf seine Weise dem Ruhebedürfnisse der Menschheit zu dienen und den regressus in infinitum zu vermeiden, hat zur Anerkennung eines Gottes geführt, mit dem das freie Denken auskommen zu können glaubte. Gott ist die Antwort auf die schönste und kindlichste Frage, auf das ewige Warum und das Warum des Warum. Gott ist also die letzte Ursache. Nur daß Subjekt und Prädikat dieses Urteils gleicherweise Anthropomorphismen sind. Der Gottesbegriff ist freilich auch in der fetischbildenden Volksvorstellung eine Antwort auf die alte kindliche Frage; aber dieser alte Gott ist nach dem Bilde des Menschen geschaffen. Und Hume hat die kühnste Lehre zu erweisen versucht, daß nämlich auch der Ursachbegriff eine Art Personifikation der Zeitfolge ist. Ich weiß nicht, was bei solchen Vorstellungen noch von dem deistischen Urteile übrig bleibt: Gott sei die letzte Ursache.

(Mauthner: Wörterbuch der Philosophie – Auszug aus dem Artikel „Gott“)

Die im Netz greifbaren Werke Mauthners sind in einem Wiki aufgelistet: https://de.wikisource.org/wiki/Fritz_Mauthner Ich nenne eigens seine Arbeit zur Sprache:

http://www.textlog.de/mauthner.html (Fritz Mauthner: Wesen der Sprache. Beiträge zu einer Kritik der Sprache, 4 Bde.) =

https://archive.org/stream/beitrgezueiner01mautuoft#page/n19/mode/2up (Bd. 1)

https://archive.org/stream/beitrgezueiner02mautuoft#page/n5/mode/2up (Bd. 2)

https://archive.org/stream/beitrgezueiner03mautuoft#page/n5/mode/2up (Bd. 3)

Zigarettenfabrik – Arbeitsplätze – ewige Seligkeit

„Mitarbeiter von Bayreuther Zigarettenfabrik bangen um ihren Job“ (SZ 13. Juli, online):

„Die Produktion soll nach Osteuropa verlagert werden, wo man Zigaretten billiger herstellen kann. […] Betriebsrat und Gewerkschaft wären offenbar zu großen Zugeständnissen bereit, um den Standort zu retten. Oberfränkische Landes- und Bundespolitiker schrieben sich die Finger wund und appellierten an Konzern und Regierungen gleichermaßen. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk machte sich gar zum Lobbyisten der Tabakbranche, als er forderte, es im Kampf für Gesundheitsschutz nicht zu übertreiben und die Arbeitsplätze in Bayreuth und der deutschen Tabakindustrie nicht zu gefährden.“

Ich nehme an, dass die Arbeit der 1400 Arbeiter in Bayreuth jährlich locker 14.000 Todesfälle (Lungenkrebs) hervorbringt, vielleicht sogar 140.000. Ich würde deshalb vorschlagen: Falls die Fabrik nach Osteuropa verlegt wird, könnte die Belegschaft umgeschult werden: Krankenpfleger für Krebskranke wäre für sie ein angemessener Job.

Der Zynismus des Arguments „Aber die Arbeitsplätze!“ (Herr Koschyk, CSU, sei lobend erwähnt) kennt offenbar keine Grenze. Arbeitsplätze heißt der moderne Gott, dem bedenkenlos Menschenopfer gebracht werden, wogegen sich die Azteken (oder waren es die Mayas? die Inkas?) wie Waisenkinder ausnehmen. Vermutlich sorgt Herr Koschyk mit seinen C-Verbindungen dafür, dass die Raucher/Krebstoten in den Himmel kommen – was wollen sie mehr, wozu ist der Mensch schließlich auf Erden (Frage 1 des alten katholischen Katechismus)? Um am Ende die ewige Seligkeit zu erlangen! Na, bitte.

Macht der Bilder – ich selber sein

Im SZ-Magazin vom 24. Juni 2016 steht eine Reportage Lorenz Wagners: „Die ewigen Kinder vom Bahnhof Zoo“ (S. 12 ff.: http://www.sueddeutsche.de/kultur/kinderstars-heute-die-ewigen-kinder-vom-bahnhof-zoo-1.3043864?reduced=true leider nur gegen Bezahlung zu lesen). Lorenz berichtet davon, wie sich die beiden Hauptdarsteller des Films „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, Natja Brunckhorst und Thomas Haustein, nach 36 Jahren zum ersten Mal wieder treffen.

Was mich an dieser Reportage beindruckt hat, waren die Schwierigkeiten, die die beiden Jugendlichen hatten, als sie nach dem Film für die anderen nicht mehr Natja und Thomas, sondern „Christiane“ und „Detlef“ waren, weshalb es ihnen nicht mehr gelang, Natja oder Thomas zu sein – und wie das ihren Lebensweg bestimmt hat, erschwert hat.

Die Reportage zeigt die Macht der Bilder, die andere sich von uns machen (und natürlich auch, wenn man kurz nachdenkt: die wir uns von anderen machen). Bilder bestimmen die Beziehungen zwischen den Menschen und geben vor, wie diese überhaupt wahrgenommen werden können.

Eine andere Reportage Lorenz Wagners zeigt das gleiche Problem für Susanne Klatten, die verzweifelt darum gekämpft hat, nicht nur als Quandt-Tochter, BMW-Erbin oder Susanne Klatten, sondern als Mensch (Susanne selber) wahrgenommen zu werden: „Die Unbekannte“ (http://www.reporter-forum.de/fileadmin/pdf/Vornominierte_Kisch_2009/Die_Unbekannte.pdf).

Wir können nicht vorsichtig genug sein, wenn wir von jemandem sagen: „Das ist ein …“; wir kommen vermutlich nicht ohne Katalogisierung von Menschen aus, aber wir müssen jedem Katalogisierten auch möglich machen, mehr zu sein als einer aus einer bestimmten Schublade. Und wir müssen natürlich im Beruf und in sozialen Beziehungen unsere Rollen spielen, aber wir müssen selber mehr sein, als uns unsere „Rollen“ vorschreiben – Rollendistanz nennt man das. Auch damit bekommt man allerdings Schwierigkeiten, wie ich in Erinnerung an meine Zeit als Lehrer in Giesenkirchen (FMG) aus eigener Erfahrung sagen kann; aber die Schwierigkeiten waren nur die eine Seite, die andere war Respekt, Offenheit, auch Dankbarkeit. Und Eigenständigkeit bei denen, denen man sie zutraute.

Nachtrag: Rollendistanz
Unter „Rollendistanz“ versteht man die Fähigkeit, sich gleichsam selbst „auf den Kopf gucken“, sich also in seinem eigenen Handeln beobachten zu können. Damit vergegenständlicht man in gewisser Weise natürlich auch den gesamten (interkulturellen) Handlungskontext, was es erleichtert, die Differenz zwischen Eigenem und Fremdem zu reflektieren. Selbstbeobachtung in diesem Sinne ist letztlich auch eine Grundlage für selbstkontrolliertes Handeln, was keineswegs auf Emotionslosigkeit hinauslaufen soll oder muss. (www.ikkompetenz.thueringen.de)

http://www.ploecher.de/2006/12-PA-G1-06/Krappmann-Identit%E4t.pdf (Skizze der Theorie Lothar Krappmanns)

http://www.soziologie.phil.uni-erlangen.de/system/files/09.12.13_persoenliche_und_soziale_identitaet_krappmann.pdf (dito, Kurzfassung)

https://de.wikipedia.org/wiki/Rollendistanz

http://www.psychology48.com/deu/d/rollendistanz/rollendistanz.htm

https://www.kuwi.europa-uni.de/de/lehrstuhl/vs/polsoz/Lehre-Archiv/lehre-ss09/Soziologische_Grundbegriffe/Vorl5_SW.pdf (Soziale Rolle / Soziale Kontrolle)

homo homini lupus ?

Die lateinische Sentenz homo homini lupus stammt aus der Komödie Asinaria (Eseleien) des römischen Komödiendichters Titus Maccius Plautus (ca. 254–184 v. Chr.). Im Originaltext von Plautus steht lupus jedoch vorn. Wörtlich sagt dort der Kaufmann zu Leonida: lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit. – Übersetzung: Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, wenn man sich nicht kennt. (https://de.wikipedia.org/wiki/Homo_homini_lupus)

In Anspielung auf dieses Zitat schreibt Robert Burton: „Aber was noch viel schlimmer ist, es gilt der Satz: homo homini daemon, der Mensch ist dem Menschen ein Teufel.“ (Anatomie der Melancholie. Übersetzt von Ulrich Horstmann, 1988, S. 223)

Seele – Zeit – Sehnsucht

„In der Seele gibt es keine Zeit.“ (Norbert Elias) Was sich tiefsinnig anhört, ist in Wahrheit ganz einfach: Auch das Vergangene ist in der Seele als wünschenswert oder bedrohlich gegenwärtig, auch das als künftig Imaginierte ist in ihr gegenwärtig und erschleicht sich so den Schein der Realisierbarkeit.

Das alles wäre weiter nicht schlimm, wenn die Seele uns mit dieser Eigenart nicht böse Streiche spielen könnte (resp. wir uns selber Streiche spielten). Ich denke zum Beispiel an eine vergangene große Liebe, von der man sich auch noch zwanzig oder dreißig Jahren nicht ganz gelöst hat: Manchmal denkt man voller Sehnsucht an die ehemals Geliebte, man möchte wieder innig mit ihr vertraut sein wie einst. „Das Herz sagt ja“, aber der Verstand sollte nein sagen: Die Geliebte ist nicht mehr die, die sie war; ich selber bin nicht mehr der, der ich vor 20 oder 30 Jahren war; die vergangene Innigkeit kann sich zwischen den Menschen von heute nicht mehr einstellen, auch wenn in der Seele diese alte Innigkeit noch zauberhaft gegenwärtig ist. Es ist ein Irrtum, wenn man annimmt, sie könnte wieder wie einst erlebt werden. Das zeigt auch folgendes Gedicht Erich Kästners:

Kästner: Repetition des Gefühls

Eines Tages war sie wieder da …
Und sie fände ihn bedeutend blässer.
Als er dann zu ihr hinübersah,
meinte sie, ihr gehe es nicht besser.

Morgen abend wolle sie schon weiter.
Nach dem Allgäu oder nach Tirol.
Anfangs war sie unaufhörlich heiter.
Später sagte sie, ihr sei nicht wohl.

Und er strich ihr müde durch die Haare.
Endlich fragte er dezent: „Du weinst?“
und sie dachten an vergangene Jahre.
Und so wurde es zum Schluß wie einst.

Als sie an dem nächsten Tag erwachten,
waren sie einander fremd wie nie.
Und so oft sie sprachen oder lachten,
logen sie.

Gegen Abend mußte sie dann reisen.
Und sie winkten. Doch sie winkten nur.
Denn die Herzen lagen auf den Gleisen,
über die der Zug ins Allgäu fuhr.

Kann man dennoch einander treu sein, auch wenn die alte Verbindung abgerissen, die alte Innigkeit nur noch in der Seele gegenwärtig ist (wie Hannah Arendt nach zwei Jahrzehnten sagte, sie habe Martin Heidegger die Treue bewahrt)? Sollte man nicht wenigstens noch dankbar sein für all das, was man einst bekommen hat?

Urteilsvermögen, Urteilskraft

Ich habe das Buch von Wilfried von Bredow / Thomas Noetzel: Politische Urteilskraft (2009), besprochen: https://norberto42.wordpress.com/2016/05/18/w-von-bredow-th-noetzel-politische-urteilskraft-2009-besprechung/

Im Zusammenhang mit der Frage, wie man politische Urteilskraft fördert oder beeinträchtigt, steht natürlich auch die Frage, was Urteilvermögen überhaupt ist und wie es wirkt. Ich schlage vor, die Besprechung zu lesen und in die angegebenen Links zu schauen. Vgl. auch noch https://also42.wordpress.com/2015/07/27/urteilskraft-die-faehigkeit-zu-urteilen/!

W. von Bredow: Grenzen und Grenzpolitik

„Ich glaube, wenn wir über die aktuelle und zukünftige Rolle von Grenzen sprechen, ist es wichtig, sich eines klar zu machen: Es gibt keine historische Entwicklung hin zu einer zunehmend grenzenlosen Welt. Es gibt überhaupt wenig historische Kontinuität. Man hat Grenzen schon immer so angepasst, wie es die äußeren Umstände gerade erforderten. […]

Es stimmt natürlich, dass Grenzzäune keine langfristigen Lösungen bringen. Sie ändern nichts an den Ursachen für Terrorismus oder den großen Migrationsbewegungen, die wir gerade erleben. Auf der anderen Seite können auch offene Grenzen problematische Folgen haben. Ungesteuerte Migrationsströme werden etwa viele Systeme unserer Gesellschaft, zum Beispiel das Sozialsystem oder das Gesundheitssystem, überfordern. Dadurch gerät letztlich auch die Liberalität einer Gesellschaft in Gefahr. Wir erleben das gerade in Form eines politischen Rechtsrucks fast überall in Europa, auch in Deutschland. […]

Der Schengen-Raum hat deshalb so lange so gut funktioniert, weil er unter Ländern vereinbart wurde, die sich relativ ähnlich sind und weil man sich auf eine Sicherung der Außengrenzen verständigt hat. Jetzt versucht man, die Idee offener innereuropäischer Grenzen durch das Errichten neuer Zäune zu retten. Und man muss leider davon ausgehen, dass diese so schnell nicht wieder abgebaut werden.“ Wilfried von Bredow, 2015 https://www.goethe.de/de/kul/ges/20669122.html

Wilfried von Bredow war von 1972 bis 2009 Professor für Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. Er ist Autor zahlreicher Publikationen, darunter auch Grenzen. Eine Geschichte des Zusammenlebens vom Limes bis Schengen (2014). Vgl.

https://www.uni-marburg.de/fb03/politikwissenschaft/pi-nip/publikationen/essays/grenzen_indes_vbredow.pdf (von Bredow: Kluge Grenzpolitik, 2012)

http://kurier.at/leben/grenzen-die-geschichte-des-zauns/163.675.680 (S. Lumetsberger: Seit wann gibt es Zäune?, 2015)

http://www.deutschlandfunk.de/grenzen-die-geschichte-des-zusammenlebens.1310.de.html?dram:article_id=284535 (Rezension des Buchs von 2014)

http://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article128361181/Gute-Grenzen-boese-Grenzen.html (dito)

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article128471552/Haelt-Haerte-nach-aussen-Europa-besser-zusammen.html

http://www.br.de/radio/bayern2/wissen/radiowissen/grenzen-interview-prof-wilfried-von-bredow-100.html

http://www.srf.ch/sendungen/kontext/wilfried-von-bredow-ueber-grenzen-vom-limes-bis-schengen

Auswanderung in die Stadt: Arrival City

Ob Migration funktioniere oder nicht, habe wenig mit kulturellen Klüften oder religiösen Gegensätzen zu tun, sagt Saunders. Die Ziele der Neuankömmlinge seien immer die gleichen – egal, aus welchem Land sie stammten oder in welche Stadt sie gingen. „Doch ob sie Arbeit finden, soziale Netzwerke aufbauen, ihren Kindern Schulbildung und eine Zukunft ermöglichen können, hängt stark davon ab, ob die Stadt auf sie vorbereitet ist.“

Saunders‘ Begriff von der „Ankunftsstadt“ [arrival city] hat Furore gemacht. Lange sah das Denken von Regierungen, Stadtplanern und Architekten gänzlich anders aus. Vor allem in Entwicklungsländern wurde versucht, die Abwanderung vom Land in die Stadt zu stoppen – vergeblich! „Menschen lassen sich schlecht aufhalten“, weiß Saunders, „sie ziehen dahin, wo das Wohnen billig ist.“ In den Ankunftsstädten träfen sie auf Gleichgesinnte und bildeten Netzwerke. Vor allem aber: „Zuwanderer arbeiten, eröffnen Läden oder betreiben Werkstätten. Das alles ohne große Bürokratie.“

Ankunftsstädte bilden so die Brücke zwischen Herkunftsort und neuem Stadtzentrum. Netzwerke ersetzen die verlorene Sicherheit der Großfamilie. Nachzügler finden Anschlussmöglichkeiten. „Für viele Bewohner“, analysiert der Journalist, „sind die Ankunftsstädte ein Sprungbrett, die erste Stufe zum sozialen Aufstieg.“ In den Slums vieler Länder floriere eine gigantische Schattenwirtschaft aus informellen Arbeitsverhältnissen und selbstständigen Randexistenzen, bevor sie zum Kern der gewerblichen Wirtschaft aufsteigen. Sie machen, so rechnet Saunders vor, die Hälfte aller Arbeitsplätze in Lateinamerika aus, zwei Drittel aller Jobs in Indien und 90 Prozent in den ärmsten Ländern Afrikas.

In „Arrival City“ verweist Saunders nicht nur auf die wirtschaftliche Dynamik von Ankunftsstädten. Nicht weniger bedeutsam sei die politische: In den Randgebieten, Außensiedlungen oder Banlieues hätten in der Vergangenheit bedeutende Entwicklungen begonnen: die Französische Revolution, der Sturz des letzten Schahs, der Aufstieg von Recep Tayyip Erdogans Partei, der Erfolg eines Hugo Chavez. „Diese Orte“, prognostiziert Saunders, „werden über unseren Wohlstand entscheiden, vor allem in Europa.“

(Auszug aus einem Bericht der DW über das Buch Arrival City des Journalisten D. Saunders)

Die nächsten und die fernsten Dinge

5

Sprachgebrauch und Wirklichkeit. — Es gibt eine erheuchelte Missachtung aller der Dinge, welche tatsächlich die Menschen am wichtigsten nehmen, aller nächsten Dinge. Man sagt zum Beispiel „man isst nur, um zu leben“, — eine verfluchte Lüge, wie jene, welche von der Kindererzeugung als der eigentlichen Absicht aller Wollust redet. Umgekehrt ist die Hochschätzung der „wichtigsten Dinge“ fast niemals ganz echt: die Priester und Metaphysiker haben uns zwar auf diesen Gebieten durchaus an einen heuchlerisch übertreibenden Sprachgebrauch gewöhnt, aber das Gefühl doch nicht umgestimmt, welches diese wichtigsten Dinge nicht so wichtig nimmt wie jene verachteten nächsten Dinge. — Eine leidige Folge dieser doppelten Heuchelei aber ist immerhin, dass man die nächsten Dinge, zum Beispiel Essen, Wohnen, Sich-Kleiden, Verkehren, nicht zum Objekt des stetigen unbefangenen und allgemeinen Nachdenkens und Umbildens macht, sondern, weil dies für herabwürdigend gilt, seinen intellektuellen und künstlerischen Ernst davon abwendet; so dass hier die Gewohnheit und die Frivolität über die Unbedachtsamen, namentlich über die unerfahrene Jugend, leichten Sieg haben: während andererseits unsere fortwährenden Verstösse gegen die einfachsten Gesetze des Körpers und Geistes uns alle, Jüngere und Ältere, in eine beschämende Abhängigkeit und Unfreiheit bringen, — ich meine in jene im Grunde überflüssige Abhängigkeit von Ärzten, Lehrern und Seelsorgern, deren Druck jetzt immer noch auf der ganzen Gesellschaft liegt.

16

Worin Gleichgültigkeit not tut. – Nichts wäre verkehrter, als abwarten wollen, was die Wissenschaft über die ersten und letzten Dinge einmal endgültig feststellen wird, und bis dahin auf die herkömmliche Weise denken (und namentlich glauben!) – wie dies so oft angeraten wird. […] Wir müssen wieder gute Nachbarn der nächsten Dinge werden und nicht so verächtlich wie bisher über sie hinweg nach Wolken und Nachtunholden hinblicken. In Wäldern und Höhlen, in sumpfigen Strichen und unter bedeckten Himmeln – da hat der Mensch, als auf den Kulturstufen ganzer Jahrtausende, allzulange gelebt, und dürftig gelebt. Dort hat er die Gegenwart und die Nachbarschaft und das Leben und sich selbst verachten gelernt – und wir, wir Bewohner der lichteren Gefilde der Natur und des Geistes, bekommen jetzt noch, durch Erbschaft, etwas von diesem Gift der Verachtung gegen das Nächste in unser Blut mit.

(Nietzsche: Der Wanderer und sein Schatten)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-wanderer-und-sein-schatten-3251/2 bzw. http://www.textlog.de/20737.html und http://www.textlog.de/20744.html

Nietzsche: Sterbliche Seelen

501

Sterbliche Seelen! – In betreff der Erkenntnis ist vielleicht die nützlichste Errungenschaft: daß der Glaube an die unsterbliche Seele aufgegeben ist. Jetzt darf die Menschheit warten, jetzt hat sie nicht mehr nötig, sich zu überstürzen und halbgeprüfte Gedanken hinunterzuwürgen, wie sie ehedem mußte. Denn damals hing das Heil der armen »ewigen Seele« von ihren Erkenntnissen während des kurzen Lebens ab, sie mußte sich von heut zu morgen entscheiden – die »Erkenntnis« hatte eine entsetzliche Wichtigkeit! Wir haben den guten Mut zum Irren, Versuchen, Vorläufig-nehmen wieder erobert – es ist alles nicht so wichtig! – und gerade deshalb können Individuen und Geschlechter jetzt Aufgaben von einer Großartigkeit ins Auge fassen, welche früheren Zeiten als Wahnsinn und Spiel mit Himmel und Hölle erschienen sein würden. Wir dürfen mit uns selber experimentieren! Ja die Menschheit darf es mit sich! Die größten Opfer sind der Erkenntnis noch nicht gebracht worden – ja, es wäre früher Gotteslästerung und Preisgeben des ewigen Heils gewesen, solche Gedanken auch nur zu ahnen, wie sie unserm Tun jetzt voranlaufen. Nietzsche: Morgenröte, 1881)

In diesen Text ist der Aphorismus 501 verarbeitet:

http://www.use-strict.de/nietzsche-ist-die-moral-dem-individuum-entgegengesetzt.html

http://www.use-strict.de/nietzsche-christlicher-glaube-und-bejahtes-leben.html

http://www.f-nietzsche.de/Nietzsche_Glueck.pdf

http://www.guenter-schulte.de/materialien/morgenroete/mr_index.html (Seminar zu Nietzsches „Morgenröte“, Köln 2000/01)