Gibt es eine richtige Weltkarte?

Eine richtige Weltkarte – das ist eine Frage der Perspektive: Wie kann man etwas Rundes wie die Erde in einer Ebene wie eine Karte „richtig“ abbilden? Das Problem erklären die Artikel

https://de.wikipedia.org/wiki/Weltkarte,

http://www.geo-pool.de/files/DVD_Geo-Pool-Probekapitel-Weltkarten.pdf,

http://bk.dgfk.net/2015/02/04/die-peters-projektion/,

http://www.weltinderschule.uni-bremen.de/mat_1_10/Kopier_01.pdf und

https://de.wikipedia.org/wiki/Kartennetzentwurf.

Vgl. http://www.n-tv.de/wissen/So-gross-ist-Afrika-wirklich-article13705111.html

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/usa-schueler-in-boston-lernen-mit-neuer-weltkarte-a-1139537.html#ref=rss

http://www.bento.de/art/die-weltkarte-von-hajime-narukawa-ist-die-genauste-die-es-gibt-972462/

http://www.bpb.de/gesellschaft/medien/bilder-in-geschichte-und-politik/73116/weltbilder-auf-karten?p=all

Wer wendet Nazi-Methoden an?

Türkei Mehr als 2000 Festnahmen in einer Woche

Stand: 20.03.2017 13:11 Uhr

Die Verhaftungswelle in der Türkei dauert an. In der vergangenen Woche sind 2000 Menschen festgenommen worden, meldet das Innenministerium. Der Vorwurf: Sie sollen zu Extremisten Kontakt gehabt haben.

Knapp 1000 Menschen sind in der vergangenen Woche unter dem Vorwurf festgenommen worden, mit der Terrororganisation PKK in Verbindung zu stehen. Das hat das türkische Innenministerium mitgeteilt. 1000 weitere Verdächtige sollen Kontakt zur verbotenen Gülen-Organisation gehabt haben. Außerdem sind mehrere mutmaßliche Anhänger der Terrororganisation IS oder von linken Terrorgruppen festgenommen worden.

Die türkische Regierung wirft dem in den USA lebenden islamischen Prediger Fetullah Gülen vor, hinter dem Putsch im vergangenen Juli zu stecken. Der Chef des Bundesnachrichtendienstes hatte dem Magazin „Der Spiegel“ gesagt, er glaube nicht an diese Behauptung. Der Türkei sei es bislang nicht gelungen, den BND zu überzeugen.

Die Behörden in der Türkei nahmen seit dem vergangenen Sommer mehr als 40.000 Menschen fest. Mehr als 100.000 Menschen wurden entlassen oder beurlaubt, vor allem Militärangehörige und Angestellte im öffentlichen Dienst.

So die Seite der Tagesschau am 20 März 2017. Frage: Wer wendet hier Nazi-Methoden an – Merkel oder Erdogan?

Lessenich: Aufstiegs-/Abstiegsgesellschaft

Stephan Lessenich schreibt in einem Artikel heute in der SZ („Der Phantomschmerz des Wohlstandsbürgers“, S. 13) über den Erfolg des Martin Schulz, dass vermutlich auf der Angst beruhe, dass der Gesellschaftsvertrag der deutschen Nachkriegsgesellschaft in Gefahr sei. Die Analyse dieses Vertrags hat es dann in sich:

„Das Kleingedruckte dieses Vertrags lautete in etwa so: Ihr, die politischen und ökonomischen Funktionseliten dieser Gesellschaft, dürft uns, die besitzlosen, aber mit dem allgemeinen Wahlrecht ausgestatteten Massen im Betrieb und über das Parlament beherrschen, soweit und solange ihr für permanentes Wachstum und steigende Konsummöglichkeiten, ein wenig Umverteilung und die Aussicht auf sozialen Aufstieg für uns und unsere Kinder sorgt.

Und, so der wichtige Zusatzartikel zu diesem Vertrag auf Gegenseitigkeit, wenn ihr die Kosten dieses Arrangements von uns fern und uns dessen Nebenwirkungen vom Halse haltet: nämlich die für ökonomisches Wachstum notwendige Naturzerstörung, die trotz Umverteilung verbleibende Armut, das Wissen um die Gründung hiesigen Wohlstands auf der harten Arbeit von Menschen anderswo auf der Welt, die Aufstiegswünsche auch dieser Menschen für sich selbst und ihre Kinder. Wer heute von der ‚Abstiegsgesellschaft’ und ihren Sorgen redet, sollte von den Voraussetzungen der Aufstiegsgesellschaft, in Deutschland wie im Rest der westlichen Nachkriegswelt, nicht schweigen.“

http://www.sueddeutsche.de/kultur/soziologie-der-phantomschmerz-des-wohlstandsbuergers-1.3412083?reduced=true

(Lessenich: „Der Phantomschmerz des Wohlstandsbürgers“ – leider nur gegen Bezahlung zu lesen)

Ein Artikel von Sascha Lehnartz berührt einen Aspekt des Artikels von Lessenich, nämlich die fehlende Diskussion zentraler Themen:

In dieser Verweigerung der politischen Auseinandersetzung über Konfliktthemen sieht Scheffer den eigentlichen Grund für den Erfolg populistischer Bewegungen – auch außerhalb der Niederlande. Populismus ist für ihn ein Symptom dieses Defizits. „Wenn man ein Vakuum lässt, dann kommt jemand und füllt es.“ Wenn die liberale Gesellschaft es nicht mehr schaffe, sich über die Grenzen ihrer Liberalität zu verständigen, laufe sie Gefahr, sich selbst abzuschaffen. Deshalb, ist Scheffer überzeugt, „müssen wir sehr viel expliziter werden, welche gemeinsamen Normen hier gelten müssen, damit wir mit unseren Unterschieden leben können.“ Die Frage, die es zu beantworten gelte, laute „Was für eine Gesellschaft sind wir?“

https://www.welt.de/politik/ausland/article162768616/Unser-heutiges-System-ist-im-Niedergang-begriffen-Unwiderruflich.html

 

http://www.sueddeutsche.de/kultur/soziologe-stephan-lessenich-im-gespraech-wer-fuer-unseren-konsum-zahlt-1.3215858 (Interview Lessenich)

https://www.taz.de/Sachbuch-ueber-globale-Ungleichheit/!5387632/ (Buchbesprechung Lessenich)

https://www.br.de/radio/bayern2/kultur/kulturjournal/stephan-lessenich-neben-uns-die-sintflut-100.html (dito)

http://www.zeit.de/2016/43/neben-uns-die-sintflut-stephan-lessenich-kapitalismus (dito)

http://www.deutschlandfunk.de/soziologie-unser-reichtum-und-die-armut-der-anderen.1310.de.html?dram:article_id=371837 (dito)

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/kolumnen-sendungen/generator/gedanken-ueber-moral-und-globalisierung-102.html (Sendung BR)

Fichte: Die Bestimmung des Menschen – Inhalt

In seinem populären Buch „Die Bestimmung des Menschen“ (1800) geht Fichte in einem Dreischritt vor. Im ersten Teil („Zweifel“) geht er von der Frage aus: „was bin ich selbst, und was ist meine Bestimmung?“ Er kommt dabei zu einem doppelten Ergebnis: Einerseits ist er ein Teil der Welt und unterliegt nach dem Satz des Grundes dem Spiel der Weltkräfte, ist also völlig determiniert; anderseits will das Ich „für mich selbst Etwas sein; und will, als solches selbst der letzte Grund meiner Bestimmungen sein“. Aus diesem Widerspruch findet das monologisierende Ich nicht heraus.

Im zweiten Buch („Wissen“) führt „Der Geist“ das Ich in einem Dialog zum Verständnis der Erkenntnistheorie des tranzendentalen Idealismus (Kant): Alle Dinge und Gesetze der Welt sind Vorstellung und Gedanken des Ich, haben keine unabhängige Existenz an sich. „Ich selbst weiß überhaupt nicht, und bin nicht. Bilder sind: sie sind das Einzige, was da ist, und sie wissen von sich, nach Weise der Bilder: – Bilder, die vorüberschweben…“ Damit ist die Sorge um die Determiniertheit weg, aber um den Preis, dass die Realität in einen Traum verwandelt ist, und das kann und will das Ich nicht glauben.

So greift es (im dritten und umfangreichsten Teil, „Glauben“) auf den Trieb, selbständig zu sein, zurück, dessen es unmittelbar gewiss ist, und entdeckt seine Bestimmung: Eine Stimme im Inneren, der es unbedingt gehorchen muss, sagt ihm, was zu tun ist: die anderen als Wesen meinesgleichen zu sehen und anzuerkennen. Hier wird die Kantische Lehre vom Guten Willen entfaltet, und zwar so weit entfaltet, dass das Ich noch auf einen ewigen Willen stößt, in dem und aus dem alle Willen sind und zu dem es sich in einer Art Gebet erhebt: „Erhabener lebendiger Wille, den kein Name nennt, und kein Begriff umfaßt, wohl darf ich mein Gemüt zu dir erheben…“ Hier sind Elemente des christlichen Gottesglaubens in die Kantische Philosophie integriert, die dann noch zu einer politischen Philosophie (vom Wesen der wahren bürgerlichen Verfassung und dem Verhältnis der Staaten) und einer Theodizee ausgebaut wird – Letzteres ist erforderlich, weil der Glaube an den Primat des guten Willens allein, der Zwecke setzt und nicht erstrebt, unabhängig vom Erfolg einer Tat, deprimierend sein könnte. Zum Schluss wird der Tod als Übergang in die neue Welt gepriesen, wo das Ich sich mit allen guten Geistern vereinigt: Es hat seine Bestimmung erkannt.

https://archive.org/stream/bestimmungdesmen00fich#page/n9/mode/2up (textkrit. Ausgabe: Die Bestimmung des Menschen)

https://archive.org/stream/bub_gb_vF8AAAAAMAAJ#page/n5/mode/2up (Text. Ed. 1800)

https://archive.org/stream/diebestimmungdes00fich#page/n1/mode/2up (Text. Ed. 1801)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-bestimmung-des-menschen-413/1 (Text, ed. 1879)

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Fichte,+Johann+Gottlieb/Die+Bestimmung+des+Menschen (Text. Ed. 1845)

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Bestimmung_des_Menschen (mit Schwächen) = http://joachimstiller.de/download/philosophie_fichte_bestimmung.pdf (J. Stiller)

http://www.thur.de/philo/as222.htm (Fichtes Weg und das Werk „Bestimmung…“)

http://www.rp-online.de/kultur/kunst/fichte-das-ich-und-die-freiheit-aid-1.2011487 (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=ylFrSbuMQmo (Einführung: 19 min, von M. Conrad)

https://archive.org/stream/johanngottliebf00lassgoog#page/n5/mode/2up (G. Lasson über die Schrift „Die Bestimmung…“, 1908)

http://www.claus-beisbart.de/teaching/su2011/wl/wl11.pdf (Seminarmitschrift)

http://www.claus-beisbart.de/teaching/su2011/wl/wl12.pdf

http://www.claus-beisbart.de/teaching/su2011/wl/wl13.pdf

(http://www.claus-beisbart.de/teaching/su2011/wl/wl1.pdf (Hier beginnen die Mitschriften zu Fichte.)

https://archive.org/stream/jgfichteundseine00fisc#page/n9/mode/2up (Kuno Fischer: Fichte und seine Vorgänger, 1890, dort Analyse S. 651 ff.)

http://www.schopenhauer.philosophie.uni-mainz.de/Aufsaetze_Jahrbuch/71_1990/1990_Decher.pdf (Fichtes Schrift und Schopenhauer)

http://www.textem.de/index.php?id=1017 (Würdigung)

https://archive.org/stream/vomwerdendreierd00fuch#page/n3/mode/2up (E. Fuchs, Vom Werden dreier Denker, u.a. über Fichte, 1904)

https://archive.org/stream/fichteundseinwer00bume#page/n9/mode/2up (G. Bäumer: Fichte und sein Werk, 1921)

http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/epoche/jannidis_bestimmung.pdf (über die Formel „Bestimmung des Menschen“)

http://www.textem.de/index.php?id=1017 (Fichte)

http://philosophyfaculty.ucsd.edu/faculty/ctolley/texts/fichte.html (Fichtes Werke)

http://onlinebooks.library.upenn.edu/webbin/book/lookupname?key=Fichte%2C%20Johann%20Gottlieb%2C%201762-1814 (Fichtes Werke online)

https://archive.org/search.php?query=johann%20gottlieb%20fichte (u.a. Sämtliche Werke Fichtes)

Karl Löwith: Wer war ein gentleman?

In seinem Buch „Zur Kritik der christlichen Überlieferung“ (1966) hat Löwith einen Beitrag zur Frage: „Kann es einen christlichen Gentleman geben?“ Daraus stammt dieser Auszug:

[…] Das Ideal des Gentleman ist nicht christlichen Ursprungs. Viele hohe Kulturen vor Christus und außerhalb der christlichen Welt haben ein solches Ideal als Muster vollkommenen Verhaltens aufgestellt und entwickelt, vor allem die Chinesen. In der Anthologie des Konfuzius charakterisieren viele Abschnitte den Gentleman als Chün-Tzu. Chün bedeutet Herrscher, Chün-Tzu Sohn eines Herrschers. Als Angehöriger der Oberklasse unterscheidet er sich von der Unterklasse der „kleinen Leute“. Er ist überlegen durch Geburt, Charakter und Benehmen. Er ist einem bestimmten Kodex der Lebensart und Moral verpflichtet. Er ist von ausgeglichenem Temperament und Charakter. ein Mann perfekter Selbstkontrolle. Dank seinem moralischen Training kennt er weder Furcht noch unduldsame Gereiztheit. Er ist gleichgültig gegen Erfolg und Misserfolg.

Ein wahrer Gentleman ist bedächtig und ungezwungen, der kleine Mann ist gereizt und verkrampft. Der Gentleman ist würdevoll, aber nicht hochmütig, der gemeine Mann ist hochmütig, aber nicht würdevoll. Dem wahren Gentleman ist leicht zu dienen, aber er ist schwer zufriedenzustellen; dem gemeinen Mann ist schwer zu dienen, aber er ist leicht zufriedenzustellen.

Der Gentleman vermeidet alle Extreme wie Verschwendung und Sparsamkeit; er geht den Mittelweg zwischen zu viel und zu wenig. Diese Maxime ist nicht nur typisch für Konfuzius, sondern allen rationalen Sittenlehren gemeinsam; sie ist am klarsten in der klassischen Ethik der Griechen entwickelt.

Der griechische Terminus für den Gentleman ist „kaloskagathos“. Die Hellenen empfanden den Unterschied zwischen dem Wohlerzogenen und dem „banausos“, zwischen dem Edlen und dem Vulgären besonders scharf. Der Gentleman ist wohlerzogen, sieht gut aus, besitzt vollkommene Proportionen, während die Manieren des „banausos“ so vulgär sind wie die der Handwerker, Türhüter und Sklaven. In Platos Idealstaat beginnt die Erziehung zum Gentleman, wenn das Kind zu spielen beginnt. Die dem Sitzen oder vielmehr Niederliegen und Aufstehen, dem Haarschnitt, der Fußbekleidung, dem Gewand und der Körperhaltung geltende Etikette gehört zu dieser Erziehung.

Hochherzigkeit kann sich nur in großem Maßstab und in großem Rahmen entfalten. Kleine Leute mögen ordentlich und anständig, können aber niemals schön und hochherzig sein. Der Gentleman zeigt gesunden Stolz sowohl beim Vergeben wie beim Annehmen von Ehrungen. Er wird es jedoch vorziehen, sie zu vergeben, denn er bleibt dabei unabhängig, während er beim Annehmen sich anderen verpflichtet. Er wird nur selten um etwas bitten, jedoch gern Hilfe gewähren. Er ist bescheiden gegenüber der Mittelklasse, aber voller Stolz gegenüber Menschen mit großem Vermögen und hoher Position. Triviale Komplimente von trivialen Leuten beachtet er nicht. Er macht keine billigen Komplimente, noch spricht er schlecht von anderen, nicht einmal von seinen Feinden, es sei denn absichtlich, um sie zu beleidigen. Er ist durch und durch aufrichtig, offen in Liebe und Hass.

Der griechische Gentleman ist, wie der chinesische, gelassen in seinen Bewegungen, und sein Gebaren kennt keine Hast; er wird nie eilen und sagen: „Ich habe keine Zeit.“ Er verliert nie den Maßstab. Er hat die Gabe, die richtigen Dinge zu tun und zu sagen, und die richtige Art, sie zu tun und zu sagen, und die richtige Gesellschaft, in der er sie tut und sagt. Seine Nächsten sind nicht die Nachbarn, sondern seinesgleichen. Er ist ein Mann von Geschmack und sein eigener Gesetzgeber, in sich selber ruhend und sich selbst genug wie die ewige Kreisbewegung der himmlischen Sphären. Das Leben eines Gentleman wird sich nie um eine andere Person drehen, es sei denn um seinesgleichen oder einen Freund.

Für Aristoteles ist dieser wohlausgewogene Stolz „die Krone der Tugenden, deren Preis die Ehre ist“. Gemessen an den Maßstäben des heiligen Paulus und Augustinus sind alle diese Tugenden nichts als „glänzende Laster“, verfeinerter Ausdruck menschlichen Stolzes, wenn auch eines Stolzes, der diszipliniert und ausgewogen ist.

Der Gentleman ist kein Geschöpf des Christentums, sondern der hohen Kultur, selbst wenn diese die Tugenden des Christentums nachahmt. Für den Gentleman ist der Ursprung des Gewissens nicht der Wille Gottes, sondern das Diktat seiner eigenen kultivierten Verfassung. Er ist gewissenhaft aus Selbstachtung, aber Selbstachtung ist keine christliche Tugend. Und wenn er unrecht tut, empfindet er nicht Reue gegenüber Gott, sondern er hat das Gefühl, sich selbst erniedrigt zu haben. Er ist bescheiden, und seine Bescheidenheit mag wie Demut scheinen, aber christliche Demut ist die schwierigste aller Tugenden für einen Menschen, der sich selbst achtet.

Die Bescheidenheit des Gentleman ist ein zeitweiliger Verzicht auf die Privilegien seines Standes; sie ist ein Akt der Herablassung zu den unter ihm Stehenden, doch als Gentleman behält er immer seine Überlegenheit, die sogar wächst durch den Stolz, sich solche Herablassung leisten zu können. Diese Art von Bescheidenheit Demut zu nennen, wäre Heuchelei. Es liegt ein weltweiter Unterschied zwischen der umsichtigen Mäßigung, Bescheidenheit und Herablassung des Gentleman einerseits und den „Zwölf Stufen“ der Demut andererseits[1]. Aber selbst ein Heiliger ist nie dagegen gefeit, dass sich der natürliche Stolz in seine Selbsterniedrigung einschleicht. Wenn ein Gentleman mit sich selber übereinstimmt, wird er zugeben müssen, dass seine Maßstäbe nicht jene eines Nachfolgers Christi sind, sondern die Maßstäbe eines Weltmannes, nämlich Ehre und Anstand, Selbstachtung und Würde.

Vornehmlich die Selbstachtung ist es – „der wahre Hausgott der guten Gesellschaft“, wie Newman sie nennt –, die sein Handeln bestimmt. Dean Inge[2] meinte einmal: „Wenn man zu einem anglikanischen Bischof sagte, du bist kein Christ, wäre er kaum erstaunt. Es wäre ein Diskussionsthema. Sagte man aber zu ihm, du bist kein Gentleman, spräche er wahrscheinlich nie wieder mit einem.“

Viel kann zugunsten kultivierter Selbstachtung, manches aber auch dagegen gesagt werden. Denn ihre Kehrseite ist die Angst davor, sich bloßzustellen. Der sich selber achtende Gentleman ist ein Feind jedweder Exhibition und Extravaganz. Er scheut Szenen und macht keine Bekenntnisse. Er hat sich stets unter Kontrolle und unterdrückt seine Erregungen. Er vermeidet sorgfältig alles, was Leute seines Schlages verletzen könnte. Er vermeidet aufreizende Themen, Meinungsverschiedenheiten, Gefühlskollisionen und alles, was als unpassend gilt. Er verletzt nie die Gefühle eines andern, weil er selbst nicht verletzt werden will. […]

[1] In der „Theologischen Summe“ des Thomas von Aquin ein gradweises Aufsteigen von der niederen zur höchsten Stufe der Demut.

[2] William Ralph Inge (1860 bis 1954) war englischer Theologe; seit 1911 Dean (Dekan) von St. Paul’s Cathedral in London.
Spiegel-Gespräch mit Löwith: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45520624.html (Oktober 1969)

Meine Religionskritik – ein Aufriss

  1. Es gibt nicht den Nullpunkt des Denkens, von dem aus man schrittweise vorgehen könnte, sondern man denkt seiner eigenen Geschichte nach.

1.1 Ich denke also meiner Geschichte nach.

1.2 Gleichwohl sehe, höre, lese ich andere Geschichten und andere mit ihren Geschichten, die sich mit meiner Geschichte berühren.

  1. Das gilt auch für meine Geschichte mit Gott – das heißt in meinem Fall: mit dem Gott, den ich in Ratheim (heute: Hückelhoven) und Umgebung kennengelernt habe.

2.1 Dieser Gott war der Gott meiner Mutter, der Gott unseres Pastors, der Gott des Dorfes (also anderer Personen neben Mutter und Pastor); man sagte von ihm, er sei der liebe Gott und er sei der Vater Jesu Christi.

2.2 Was man mir von diesem Gott sagte, habe ich mir anzueignen versucht, sofern es mir nicht bereits durch „Erziehung“, Belehrung, Übungen ein-gebildet war.

2.3 Dieser Gott war in Wirklichkeit nicht so, wie er angeblich sein sollte.

2.3.1 Angeblich liebte er die Menschen unaussprechlich, so dass er sogar seinen Sohn zu ihrer Erlösung dahingegeben hatte. In Wirklichkeit war er darauf aus, mich bei einer Sünde zu ertappen und notfalls in die Hölle zu stecken: Gott war die Ursache einer abgrundtiefen Angst, die hauptsächlich (aber nicht nur) in der Verteufelung der Sexualität gründete (dazu Fritz Leist: Der sexuelle Notstand und die Kirchen, 1972 – auf kirchlichen Druck vom Verlag Herder zurückgezogen).

2.3.2 In die Hölle zu kommen konnte man zwar vermeiden, indem man im letzten Augenblick seines Lebens vollkommene Reue erweckt – also seine Sünden um Gottes willen und nicht aus Angst vor der Hölle (= unvollkommene Reue) bereute.

2.3.3 Ob jedoch die Reue vollkommen war, konnte man nicht wissen; zudem sollte man sie ja erwecken, um nicht in die Hölle zu kommen – ein Widerspruch in sich, die klassische Situation eines double bind (G. Bateson): „Liebe mich aus freien Stücken, sonst kommst du in die Hölle!“
2.3.4 Durch den gezüchteten Glauben an die eigene Erwählung zu besonderen Aufgaben konnte man die Angst überkompensieren, ohne dass man sich seiner Erwählung sicher sein konnte – ein weiteres Druckmittel in der Hand „Gottes“ bzw. kirchlicher Oberer. (https://also42.wordpress.com/2012/08/03/berufen-und-erwahlt-ein-wahn/ sowie Tilman Moser: Gottesvergiftung, 1976)

2.4 Angeblich erfüllte es einen mit überschwänglichem Glück, wenn er über das Sakrament in das Herz kam. In Wirklichkeit merkte man nichts davon, wenn man die Hostie des Sakraments hinunterschluckte.

2.5 Angeblich hatte er nicht nur die allgemeinen Zehn Gebote sowie einige Sonderregeln des Neuen Testaments erlassen, sondern jeden Menschen für eine besondere Aufgabe auserwählt. In Wirklichkeit war nicht herauszubekommen, für welche Aufgabe man denn auserwählt sei.

2.6 Das hängt damit zusammen, dass man angeblich mit Gott sprechen konnte. In Wirklichkeit hörte man nichts, wenn man zu ihm betete.

2.7 Angeblich hatte Gott uns alle durch den Opfertod Jesu Christi erlöst. In Wirklichkeit wusste niemand, wovon wir erlöst sind – zu diesem Zweck hat man in der alten Kirche die „Erbsünde“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Erbs%C3%BCnde) erfunden, damit etwas da war, von dem wir erlöst wären: Zuerst muss jetzt man an die Erbsünde und dann an die Erlösung von der Erbsünde glauben, obwohl sich der Zustand der Welt durch diese Erlösung um keinen Deut verbessert hat. Es blieb die Frage: Wovon sind wir erlöst?

  1. Die historische Betrachtung des Gottes und seines Sohnes Jesus Christus sowie ihrer (katholischen) Kirche war und ist geeignet, deren ehemalige Absolutheit über den Haufen zu werfen.

3.1 Der „ewige“ Gott selber hat eine Geschichte, er hat sogar viele Geschichten. Ironisch wird die Geschichte Gottes von Heine erzählt: „Unsere Brust ist voll von entsetzlichem Mitleid – es ist der alte Jehova selber, der sich zum Tode bereitet. Wir haben ihn so gut gekannt, von seiner Wiege an, in Ägypten, als er unter göttlichen Kälbern, Krokodilen, heiligen Zwiebeln, Ibissen und Katzen erzogen wurde – Wir haben ihn gesehen, wie er diesen Gespielen seiner Kindheit und den Obelisken und Sphynxen seines heimatlichen Niltals Ade sagte, und in Palästina, bei einem armen Hirtenvölkchen, ein kleiner Gott-König wurde, und in einem eigenen Tempelpalast wohnte – Wir sahen ihn späterhin, wie er mit der assyrisch-babylonischen Zivilisation in Berührung kam, und seine allzumenschliche Leidenschaften ablegte, nicht mehr lauter Zorn und Rache spie, wenigstens nicht mehr wegen jeder Lumperei gleich donnerte – Wir sahen ihn auswandern nach Rom, der Hauptstadt, wo er aller Nationalvorurteile entsagte, und die himmlische Gleichheit aller Völker proklamierte, und mit solchen schönen Phrasen gegen den alten Jupiter Opposition bildete, und so lange intrigierte, bis er zur Herrschaft gelangte, und vom Kapitole herab die Stadt und die Welt, urbem et orbem, regierte. – Wir sahen, wie er sich noch mehr vergeistigte, wie er sanftselig wimmerte, wie er ein liebevoller Vater wurde, ein allgemeiner Menschenfreund, ein Weltbeglücker, ein Philanthrop – es konnte ihm alles nichts helfen – Hört Ihr das Glöckchen klingeln? Kniet nieder – Man bringt die Sakramente einem sterbenden Gotte.“ (Beleg nebst vielen Belegen zur Geschichte Gottes bei http://www.karlo-vegelahn.de/jehova.html; vgl. auch

https://de.wikipedia.org/wiki/Monolatrie

http://www.kreuzer-siegfried.de/texte-zum-at/monotheismus.pdf

http://www.bibelwissenschaft.de/de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/jahwe/ch/116b273e55d13db9cf192fbdab85107d/)

3.2 Jesus erscheint als ein Wanderprediger, der seltsame Dinge getan und gesagt hat: Dämonen ausgetrieben, Kranke geheilt, Jünger gesammelt (https://de.wikipedia.org/wiki/Historische_Jesusforschung;

http://www.dober.de/jesus/ohlig.html wohlwollende Interpretation

https://de.wikipedia.org/wiki/Jesus_von_Nazaret

http://www.neutestamentliches-repetitorium.de/inhalt/Jesus/Jesus.html

https://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/themenkapitel-nt/jesus-von-nazaret/

http://whgonline.de/pages/projekte/religion/historischer-jesus.php (evangelischer RU)).

3.2.1 Die ihm zugeschriebenen Wunder halten historischer Kritik nicht stand. Exemplarisch sei das an der Erzählung von der Jungfrauengeburt Jesu vorgeführt: Es gibt sie nur bei Lukas, sie ist offensichtlich aus einer missverstandenen Stelle des AT herausgesponnen worden.

(http://www.dober.de/jesus/ohlig.html

http://sadlove.de/2014/12/26/jungfrauengeburt-jesu-teil-ii-historisch-kritische-betrachtung/)

3.2.2 Die ganze Verkündigung Jesu stand in einem eschatologischen Horizont, der Nähe des sogenannten Reiches Gottes. Mit der Auferweckung Jesu durch Gott soll die allgemeine Auferstehung der Toten begonnen haben. Noch Paulus erwartete das damit eingeleitete Weltende zu seinen Lebzeiten: 1 The 4,13 ff. In Wahrheit ist das Reich Gottes nicht gekommen, stattdessen kam die Kirche (A. Loisy). Dogmatische Kompensation des ausgebliebenen Reiches ist die metaphysische Interpretation des Gottessohnes Jesus in der Trinitätslehre.

3.3 Die Kirche (und verwandte Gruppierungen anderer Religionen) haben für denkende Menschen ihre göttliche Legitimation verloren.

3.3.1 Die göttliche Legitimation erhalten sie dadurch, dass der göttliche Prophet sie seinerzeit angeblich eingesetzt hat. Nun ist die Göttlichkeit des Propheten aber nur durch die kirchliche Verkündigung gesichert – wenn auch nachträglich durch Wunder- und Offenbarungserzählungen abgesichert. Es liegt also ein Zirkel vor: Nur in der Kirche ist die Legitimität der Kirche gesichert.

3.3.2 In der historischen Forschung wird jedoch klar, dass die heutige Kirche niemals das ist, was der Prophet ursprünglich gewollt oder gestiftet hat. Der Jüngerkreis Jesu hat nichts mit dem heutigen Episkopat zu tun; nur mit Verrenkungen kann man aus Mt 16,18 und Mt 18,18 die Primatsansprüche des Papstes herleiten – selbst von vielen Christen wird diese Begründung nicht anerkannt. Dass es sieben Sakramente geben soll, hat weder mit Jesus noch mit der Urkirche etwas zu tun, usw. Nur durch einseitige Auswahl der Herrenworte (also durch Unterschlagen von Mt 23,8 usw.) lassen sich überhaupt Machtpositionen in der Kirche rechtfertigen.

3.3.3 Die Kirchengeschichte zeigt zudem, dass jegliches Handeln und Ordnen „im Namen Gottes“ fragwürdig ist, dass Menschen ihre eigenen Neigungen und Interessen als gottgewollt ausgeben. Beispielhaft sei Kardinal Ottaviani zitiert, der im Streit um die Legitimität der Geburtenregelung 1968 sagte: Wenn wir dem jetzt zustimmten, hätten ja die Protestanten und die Anglikaner recht gehabt – das kann aber nicht sein. Von der Ketzerverfolgung und den Zwangsbekehrungen mit Feuer und Schwert brauchen wir erst gar nicht zu sprechen.

3.3.4 Auch die Formulierungen des christlichen Glaubens in den großen Glaubensbekenntnissen und Dogmen gehen nicht nur über das im Neuen Testament Greifbare weit hinaus, sondern sind zudem noch unverständlich geworden: „gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“ – wie bitte? Dabei sind bereits die christologischen Bekenntnisse im Neuen Testament christliche Interpretamente, wie die historische Forschung gezeigt hat.

3.3.5 Wenn selbst die sogenannte Auferstehung Jesu ein eschatologisches Interpretament dafür ist, dass die Sache Jesu weitergeht (Willi Marxsen), dann muss man doch fragen: Und was ist die Sache Jesu? Was geht sie mich an? Jesus war ein junger Mann vom Dorf, voll von religiösen Ideen, den man schließlich gekreuzigt hat. Die Welt erlösen wollte er zweifellos nicht; was aber der christliche Christus angesichts seiner Kirche sagen würde, hat Dostojewski in der Parabel vom Großinquisitor erzählt.

https://norberto42.files.wordpress.com/2015/02/der-groc39finquisitor_k.pdf

https://norberto42.wordpress.com/2015/02/02/dostojewski-die-legende-vom-grosinquisitor-mit-kommentar/

http://www.theologie-und-literatur.de/fileadmin/user_upload/Theologie_und_Literatur/Die_Aktualitaet_von_Dostojewskis_Grossinquisitot.pdf

  1. Im Rückblick meine ich, dass mich meine Selbstachtung aus der Kirche und dem Christentum vertrieben hat: Die Zumutungen des Glaubens waren intellektuell nicht mehr zu ertragen, die Zumutungen des Gehorchens waren menschlich nicht mehr zu ertragen, die Zumutungen des Sünderseins waren ethisch nicht mehr zu ertragen. Was ich zu finden gehofft hatte: brüderliche Solidarität, habe ich in der christlichen Kirche nicht gefunden.

 

Aufklärung – Mut – Dummheit

Aufklärung geht gegen Dummheit vor, will sie beseitigen, was aber nicht einfach ist. Von der Dummheit und den Schwierigkeiten, sie zu beseitigen, handelt Andersens großes Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Dort zeigt sich, wie Redlichkeit und Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und an eigener Einsicht festzuhalten, Bedingungen dafür sind, die Wahrheit zu erkennen und anzuerkennen.

Die erste Pointe des Märchens steht hier:

,Das wären ja prächtige Kleider’, dachte der Kaiser; wenn ich solche hätte, könnte ich ja dahinterkommen, welche Männer in meinem Reich zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen, ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden!

Der Kaiser ist also nicht imstande, Dumme von Klugen zu unterscheiden, und sucht ein „einfaches“ bzw. sicheres Mittel dafür – was ein Zeichen von Dummheit ist.

Es folgt als zweite Pointe:

Alle Menschen in der ganzen Stadt wussten, welche besondere Kraft das Zeug habe, und alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei.

Die Leute sind allesamt dumm – sie rechnen nämlich nur mit der Möglichkeit, dass andere dumm sein könnten, nicht aber sie selbst; so viel Egozentrik ist dumm.

Die dritte nebst folgenden Pointen findet man hier:

,Dumm bin ich nicht’, dachte der Mann; ‚es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge! Das wäre seltsam genug, aber das muss man sich nicht anmerken lassen!’ Daher lobte er das Zeug, das er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster.

Aus Angst, gegen das „schlaue“ Geschwätz der vermeintlichen Fachleute allein zu stehen und für dumm zu gelten, verlässt er sich nicht auf den Augenschein und den gesunden Menschenverstand, sondern spielt deren Spiel gegen eigene Einsicht mit.

Erst das Kind, das diese Angst nicht kennt, hat die Courage, einfach laut die Wahrheit zu sagen. Hier gilt wirklich das Wort Jesu: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich [des Erkennens, der Wahrheit] eingehen.

Vgl. die kurze Analyse https://norberto42.wordpress.com/2010/10/30/andersen-des-kaisers-neue-kleider-kurze-analyse/.

Was ist meine Identität?

Im „Lexikon der Psychologie“ finden wir einen Essay von Heiner Keupp, in dem er sich mit dem Begriff der Identität auseinandersetzt. Dieser Essay beginnt so:

 

Begriff

Identität läßt sich als die Antwort auf die Frage verstehen, wer man selbst oder wer jemand anderer sei. Identität im psychologischen Sinne beantwortet die Frage nach den Bedingungen, die eine lebensgeschichtliche und situationsübergreifende Gleichheit in der Wahrnehmung der eigenen Person möglich machen (innere Einheitlichkeit trotz äußerer Wandlungen). Damit hat die Psychologie eine philosophische Frage aufgenommen, die Platon in klassischer Weise formuliert hatte. In seinem Dialog „Symposion“ („Das Gastmahl“) läßt er Sokrates in folgender Weise zu Wort kommen: „… auch jedes einzelne lebende Wesen wird, solange es lebt, als dasselbe angesehen und bezeichnet: z.B. ein Mensch gilt von Kindesbeinen an bis in sein Alter als der gleiche. Aber obgleich er denselben Namen führt, bleibt er doch niemals in sich selbst gleich, sondern einerseits erneuert er sich immer, andererseits verliert er anderes: an Haaren, Fleisch, Knochen, Blut und seinem ganzen körperlichen Organismus. Und das gilt nicht nur vom Leibe, sondern ebenso von der Seele: Charakterzüge, Gewohnheiten, Meinungen, Begierden, Freuden und Leiden, Befürchtungen: alles das bleibt sich in jedem einzelnen niemals gleich, sondern das eine entsteht, das andere vergeht“ (Platon 1958, 127 f.).
Identität ist ein Akt sozialer Konstruktion: Die eigene Person oder eine andere Person wird in einem Bedeutungsnetz erfaßt. Die Frage nach der Identität hat eine universelle und eine kulturell-spezifische Dimensionierung. Es geht immer um die Herstellung einer Passung zwischen dem subjektiven „Innen“ und dem gesellschaftlichen „Außen“, also um die Produktion einer individuellen sozialen Verortung. […] Genau in dieser Funktion wird der Doppelcharakter von Identität sichtbar: Sie soll einerseits das unverwechselbar Individuelle, aber auch das sozial Akzeptable darstellbar machen. Insofern stellt sie immer eine Kompromißbildung zwischen „Eigensinn“ und Anpassung dar. (http://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/identitaet/6968)

Und bei Herrn Stangl lesen wir Folgendes:

Jeder Mensch ist, wie er ist, und hat dabei eine Vorstellung davon, wie und wer er ist, er besitzt eine Identität. Diese Identität findet und entwickelt er im Laufe seines Lebens, wobei ihm die Sprache hilft, denn Menschen erzählen gerne über sich selbst, über das, was sie erlebt und unternommen haben und wie sie in dieser und in jener Situation reagiert haben. Menschen suchen dabei nach jenen Eigenschaften, die sie als Person kennzeichnen und unverwechselbar machen, d.h., sie formen durch die Erzählungen ihre „narrative Identität“. Im Laufe der Zeit entwickeln, bekräftigen oder verändern sie ihre Selbsterzählungen, d.h., sie (re)konstruieren sie ihr Selbst aus den erinnerten Episoden ihrer Vergangenheit fortlaufend und verweben Anekdoten aus ihrer Vergangenheit zu einer Lebensgeschichte, einer umfassenden Erzählung darüber, wie sie zu der Person wurden, die sie sind. […]

Identität bedeutet nach Erikson (1994), dass man weiß, wer man ist und wie man in diese Gesellschaft passt. Aufgabe des Jugendlichen ist es, all sein Wissen über sich und die Welt zusammenzufügen und ein Selbstbild zu formen, das für ihn und die Gemeinschaft gut ist. Seine soziale Rolle gilt es zu finden. Ist eine Rolle zu strikt, die Identität damit zu stark, kann das zu Intoleranz führen. Schafft der Jugendliche es nicht, seine Rolle in der Gesellschaft und seine Identität zu finden, führt das nach Erikson zu Zurückweisung. Menschen mit dieser Neigung ziehen sich von der Gesellschaft zurück und schließen sich u.U. Gruppen an, die ihnen eine gemeinsame Identität anbieten. Wird dieser Konflikt erfolgreich ausbalanciert, so mündet das in die Fähigkeit der Treue. Obwohl die Gesellschaft nicht perfekt ist, kann man in ihr leben und seinen Beitrag leisten, sie zu verbessern.
(http://lexikon.stangl.eu/522/identitaet/ © Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik)

Diese umfangreichen Überlegungen machen es – finde ich – fraglich, ob man im Zusammenhang der Zeugung bereits von Identität sprechen kann. Ich las heute in der SZ einen Beitrag über anonyme Samenspende und künstliche Befruchtung, in dem jemand polemisierte, derart gezeugte Menschen litten später daran, dass sie ihren „leiblichen“ Vater und damit ihre Identität nicht kennten. Hier wird m.E. der Begriff der Identität missbraucht, um eine ethische Frage (Ist anonyme Samenspende etwas Gutes oder etwas Schlechtes?) zu entscheiden; das gibt der Begriff oder der Wunsch nach Identität nicht her: Ei- und Samenzelle machen nicht meine Identität aus; die gründet vielmehr in meiner Lebensgeschichte (statt im organischen Material) und in der Art, wie ich sie verarbeiten kann.

Welche Vielzahl von Aspekten mit dieser Identität zusammenhängen, kann man fluter-Heft Nr. 61 (http://www.fluter.de/heft61) nachlesen („Kann ich nicht mal nicht ich sein?“), obwohl auch dort manches Versponnene unter den Begriff der Identität gepackt wird, zum Beispiel im Artikel „Keine Lesbe, eher Queer. Sexuelle Identitäten sind oft nicht so eindeutig.“ Was „Julia Martin“ da von sich erzählt, ist für sie sicher wichtig, hat aber m.E. nichts mit ihrer Identität zu tun; ich definiere mich ja auch nicht darüber, ob ich lieber trockenen Rotwein oder feinherben Riesling mag und ob das Schwanken zwischen fruchtsüßen und trockenen Weinen im Lauf meines Lebens meine Identität ausmacht. „Nun fühle ich mich ganz so, als sei ich endlich bei mir selbst angekommen, was meine sexuelle Orientierung betrifft.“ (J. Martin). Ich stehe derzeit auf Riesling, halbtrocken: Nun fühle ich mich ganz so, als sei ich endlich bei mir selbst angekommen, was meine vinologische Orientierung betrifft. Der große Fehler der Julia Martin besteht darin, a) zu meinen, es gebe ein Stadium, in dem man seine Identität endgültig erreicht habe, b) nicht zu sehen oder anzuerkennen, dass die Möglichkeiten der Selbstwahl wesentlich begrenzt sind: „dem Menschen ist die Aufgabe gestellt, sein Leben zu führen, aber er kann dies eben nur im Bewußtsein der Bescheidung tun, daß es weithin und letztlich nicht an ihm selbst liegt, wie das Leben sich gestaltet.“ (Walter Schulz: Grundprobleme der Ethik, 1989, S. 302 f.)

http://kulturkritik.net/begriffe/index.php?lex=identitaet (sehr reflektierte philosophische Analyse der Abgründe des Begriffs der Identität)

https://www.erf.de/online/das-thema/identitaet/18058 (etwas Evangelisches)

https://christophwallrafen.de/identitaet/ (Christoph Wallrafen verkauft als „Identitätsexperte“ seine Kenntnisse…)

http://home.edo.tu-dortmund.de/~hoffmann/ABC/Identitaet.html (Kontext: Migration und Mehrsprachigkeit)

http://www.kulturglossar.de/html/i-begriffe.html (ein Vademecum durch den Kulturdschungel…)

https://www.bpb.de/apuz/32223/hybride-identitaeten-muslimische-migrantinnen-und-migranten-in-deutschland-und-europa?p=all (Muslime in Europa)

http://ods3.schule.de/aseminar/entwicklung/identitaet.htm (aus Gedanken zu entwicklungspsychologischen Grundlagen des Unterrichts)

Kurz und knackig zum Schluss die Definition aus der Uni Freiburg:

Identität

Die in sich und in der Zeit als beständig erlebte Einheit der Person. Ich-Identität bewirkt, daß das Individuum zwischen seiner persönlichen Identität (d.h. der Struktur seiner  individuell gemachten Erfahrungen während der Lebensgeschichte: vertikale Dimension) und seiner sozialen Identität (d.h. den ihm durch Rollenerwartungen abverlangten Verhaltensstrukturen: horizontale Dimension) ein Balanceverhältnis herstellen kann. Ich-Identität ist ebenso auf die verhaltensstabilisierende Wirkung der sozialen Rollen angewiesen, wie umgekehrt Ich-Identität mit in das persönlichkeitsbestimmte Rollenverhalten eingeht. (http://www.medpsych.uni-freiburg.de/OL/glossar/body_identitat.html)

Der Fairness halber muss man sagen, dass von Identität in Bedeutungsnuancen gesprochen wird:

https://www.dwds.de/wb/Identität

http://www.duden.de/rechtschreibung/Identitaet

http://de.pons.com/übersetzung?q=Identität&l=dede&in=ac_de&lf=

Glauben statt denken?

Der Deutschlandfunk berichtete am 1. Februar 2017 über eine Veranstaltung mit Christina Aus der Au:

Denkst du noch oder glaubst du schon?

Christina Aus der Au, Präsidentin des Evangelischen Kirchentages, sprach in Erfurt über die Vereinbarkeit von Glauben und Wissenschaft. […]

Der Titel ist einfach unglaublich: Hier wird ein Ende des Denkens propagiert, um den/das Glauben als die höhere Form der Erkenntnis anzupreisen. Angeblich befragen die modernen Atheisten die Voraussetzungen ihres Denkens nicht – wenn Frau Aus der Au da mal kein Eigentor schießt! 

Ich kann die Frage nur in der Form stellen: Glaubst du noch oder denkst du schon? Denken als eigenverantwortliche Tätigkeit des Subjekts darf nicht enden, selbst wenn jemand „gläubig“ wird oder ist; die große Frage ist doch, ob man noch gläubig bleiben kann, wenn man selber zu denken beginnt, statt sich auf die religiöse Tradition zu verlassen – ungezählte deutsche Pfarrerssöhne haben diese Frage mit Nein beantwortet. Was einen zur Religion treibt, sind nicht der Vernunft entstammende Gründe und Abgründe, das kann ich aus meiner Erfahrung behaupten.

https://mothersdirt.wordpress.com/2017/02/16/jehovas-interview/ (Interview mit einem Betroffenen, mit Links)

http://fachverband-ethik.de/fileadmin/daten_bawue/dateien/unterrichtsmaterialien/reader_religionskritik.pdf (Religionskritik)

http://www.religionskritik.net/forum/

https://www.ktf.uni-bonn.de/Einrichtungen/fundamentaltheologie/server-dateiensammlung-fr.-verweise-artikel-dieser-homepage/dateien/downloads-veranstaltungen-skripte-u.ae/skript-religionskritik-2014-15/view (dort kann man ein Skript einer Vorlesung herunterladen)

http://www.spiritueller-blog.com/religionskritik-alle-artikel-ueber-religion

https://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-11097/Religionskritik.pdf

http://www.payer.de/relkritiklink.htm

http://www.deutschlandfunk.de/religionskritik-wie-geht-das-richtig-die-freiheit-sich.886.de.html?dram:article_id=365905

http://www.atheismus-info.de/ (Atheismus)

http://www.zeit.de/thema/atheismus

http://www.atheodoc.com/einleitung/iii-atheistische-aufklarung-ist-heute-notiger-denn-je/

Ambivalenz – und wie man damit umgehen kann

Bei Walter Schulz („Ich und Welt“, 1979) bin ich im IX. Kapitel („Ich und die anderen“) auf den Begriff der Ambivalenz gestoßen – seit ich ihn kenne, ist er für mein Denken und Fühlen brauchbar und fruchtbar gewesen. Gegenüber den Vorstellungen, in denen wir Älteren erzogen worden sind: Die Liebe etwa müsse rein und frei von Egoismus, Zweifel oder Hass usw. sein, drückt das Konzept der Ambivalenz eine wichtige Erfahrung aus, dass dem nämlich nicht so ist – und wenn man weiterdenkt: nicht so sein muss. Ich habe deshalb mit der empfehlenswerten Maschine Quant (https://www.qwant.com/) mich einmal im Netz umgeschaut, was es dort über die Ambivalenz zu lesen gibt:

„Mit Ambivalenz bezeichnet man das gleichzeitige Vorhandensein zweier gegensätzlicher Gefühle, also zum Beispiel Liebe und Hass. Dies kann zum Beispiel einer Person gegenüber der Fall sein, mit der man gefühlsmäßig in einer engen Beziehung steht. Dieses Nebeneinander widersprüchlicher Gefühle ist ein durchaus normales Phänomen und wird von psychisch stabilen Menschen bewältigt.“

(http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/projekte/slex/seitendvd/konzeptg/l50/l5017.htm)

„Je nachdem, wie viele der nachfolgenden Bedingungen zutreffen, beobachtet werden oder zur Sprache kommen, wird das Konzept der Ambivalenz in einer eher allgemeinen Weise oder in einer prägnanten Weise – als Deutungsmuster oder als Forschungskonstrukt – genutzt. Diese Bedingungen sind:

Erstens das Vorhandensein ausgeprägter Gegensätze („Polaritäten“). Dabei kann ein einzelner „Sachverhalt“ oder es können auch mehrere „Sachverhalte“, Aufgaben, Felder oder „Dimensionen“ der Beziehungsgestaltung in Betracht gezogen werden. Denkbar sind auch Verknüpfungen.

Zweitens der Umstand, dass diese Gegensätze gleichzeitig bestehen und die Beteiligten in ihrem Fühlen, Denken und Wollen zwischen diesen hin und her pendeln, schwanken („oszillieren“).

Drittens der Umstand, dass dieses Oszillieren während kürzerer oder längerer Zeit in einer bestimmten Situation, bei der Erfüllung einer Aufgabe, vor einer Entscheidung, in einem biographischen Übergang (z.B. Auszug aus dem Elternhaus) oder im Blick auf eine lange Zeit des Zusammenlebens eingebunden ist (und so lange auch als unlösbar angesehen wird).

Durchgängig besteht implizit oder explizit die Annahme, dass die Spannungsfelder, die Erfahrungen des Oszillierens sowie deren Eingebundensein in einen Handlungszusammenhang von kürzerer oder längerer Dauer für das Selbstbild und die Persönlichkeitsentwicklung (die „Identität“) der beteiligten Person(en) von Belang sind.

Zusammengefasst schlage ich folgende kompakte Definition vor:
Von Ambivalenzen kann man sprechen, wenn Menschen auf der Suche nach der Bedeutung von Personen, sozialen Beziehungen und Tatsachen, die für Facetten ihrer Identität und dementsprechend für ihre Handlungsbefähigung wichtig sind, zwischen polaren Widersprüchen des Fühlens, Denkens, Wollens oder sozialer Strukturen oszillieren, die zeitweilig oder dauernd unlösbar scheinen. Dabei können persönliche Beeinflussung, Macht und Herrschaft von Belang sein.

Wichtig an der hier vertretenen Sichtweise ist ferner, dass Ambivalenzen nicht von vorneherein und durchgängig „negativ“ bewertet werden, sondern Erfahrungen umschreiben, die unterschiedlich bewertet werden können, je nachdem, wie damit umgegangen wird. Es können sich daraus Anstöße für neue Erkenntnisse und kreatives Handeln ergeben, so auch in der Kunst, Literatur und Musik.

[…] Menschen können als „homines ambivalentes“ bezeichnet werden. Damit ist hier keine „Wesenszuschreibung“ des Menschen gemeint, sondern eine Heuristik. Sie beinhaltet, erstens, die Annahme, dass Menschen Ambivalenzen erfahren, erkennen oder verdrängen können und auf unterschiedliche Weise damit umzugehen vermögen. Diese Heuristik beinhaltet zweitens auch die Möglichkeit und die Notwendigkeit der dynamischen, kritischen Reflexion seiner selbst, eingeschlossen seiner Ambivalenz gegenüber Ambivalenzerfahrungen und ihrer Thematisierung.

Man kann darin eine Last sehen. Ist dies der Fall, werden Ambivalenzen im alltäglichen Handeln ebenso wie in der Theorie problematisiert und sogar verdrängt. Man kann darin aber auch die Chancen einer dynamischen Offenheit erkennen. So gesehen geht es – paradox ausgedrückt – um eine rationale Alternative zur alleinigen Vorherrschaft der Idee der Rationalität. Sie nährt sich pragmatisch wiederum von der Akzeptanz kontingenter Elemente im menschlichen Leben, seiner Schicksalhaftigkeit und dem Verwundern über das Auftauchen von unerwartet Neuem.“

Kurt Lüscher (http://www.kurtluescher.de/ambivalenz.html)

„In der Begegnung mit dem Du wird der Mensch mit Vielfalt und Widersprüchen konfrontiert, in der Es-Welt schafft er sich Eindeutigkeit und Strukturiertheit, also Ordnung. So entstehen Sicherheit und Kontinuität, die die Begegnung, ein sich Einlassen auf den Augenblick und die Überraschung durch den anderen ermöglichen. Beziehung meint immer sowohl die Unsicherheit des anderen als auch die Sicherheit des Gewohnten. Die Dialogik als seelisches Prinzip bemüht sich, den anderen nicht festzulegen, nicht seiner habhaft zu wer-[<146]den. Ein Denken in Gegensätzen sperrt sich grundsätzlich gegen Fixierung und Verschlossenheit. Es setzt Offenheit gegenüber allem anderen voraus, läßt Ungewißheit zu und verweigert sich jeglicher Vorbestimmtheit, was erst Begegnung und Wachstum im Sinne einer Entwicklung ermöglicht. Die von der Dialogik geforderte Offenheit für das andere, für den Widerspruch, impliziert als Grundlage seelischer Existenz Spannung und Konflikt, die individuell wie gesellschaftlich Bewegung und Lebendigkeit fördern. Vermeidung oder Unterdrückung des Dialogs und Widerspruchs dagegen führen zu Stagnation und Leere. Der Widerspruch wird demnach nicht als Negation und Ausschluß verstanden, sondern als ‚öffnende‘ und ‚vervollständigende‘ Beziehungsmöglichkeit.

Eine derartige Erweiterung des Ambivalenzbegriffes legt eine ‚psychologische Theorie des Widerspruchs‘ nahe: Ambivalenz nicht mehr als pathologisches Phänomen, sondern als eine normale und generell notwendige seelische Erscheinung. Die Beschäftigung mit der Dialogik hat gezeigt, daß grundsätzlich jedes Denken, Fühlen und Handeln von inneren und äußeren Einflüssen, von gegensätzlichen Gefühlen, Erwartungen und Zielsetzungen geleitet ist. Die Ambivalenz mit ihren widersprüchlichen Inhalten spiegelt die vielgestaltige Umwelt des Menschen. Seelische Gesundheit beinhaltet die Fähigkeit, diese Spannungen und Widersprüche wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und sie auszuhalten; sie nicht nur als belastend, sondern auch als entwicklungsfördernd, als Chance, zu betrachten, d.h. bewußt mit ihnen zu leben. […]

Wurde zuerst versucht, die Ambivalenz als Phänomen zu beschreiben, so soll nun der Begriff in seiner dynamisch strukturellen Bedeutung verwendet werden. Grundgedanke ist dabei, daß Ambivalenz ein entwicklungsförderndes Potential enthält. Psychisches Wachstum spielt sich im Spannungsfeld von Autonomie und Abhängigkeit ab. Dieses Spannungsfeld zeigt sich m der Beziehung zur Umwelt als Grundkonflikt zwischen Bindung und Loslösung. Dieser Grundkonflikt führt zu besonders großen Spannungen, wenn es darum geht, einen Schritt in Richtung Individuation zu machen, d.h. er ist oft die treibende Kraft zur Reifung und Veränderung. Die sich auf diese Weise immer weiter differenzierenden Beziehungsmöglichkeiten und die damit einhergehende wachsende psychische Strukturierung wird als progressives Element des Entwicklungsprozesses gesehen. Die Unterdrückung des jeweils phasenspezifischen Konflikts dagegen verhindert die Entwicklung sowohl zur Beziehungsfähigkeit als auch zur Selbstverwirklichung, d.h. es findet eine Regression im Sinne einer ‚Abwehr der Individuation‘ statt.“

Elisabeth Otschreth, Auszüge aus ihrem Buch „Ambivalenz“, 1988 (http://www.sgipt.org/lit/asang/ambiv.htm#6.%20Ambivalenz%20als)

Vgl. auch

http://www.medizin-im-text.de/blog/2014/2058/ambivalenz/

http://www.neuro24.de/show_glossar.php?id=92

http://symptomat.de/Ambivalenz

http://www.psychology48.com/deu/d/ambivalenz/ambivalenz.htm

http://www.kurtluescher.de/downloads/KL_Ambivalente_erkunden.pdf (Lüscher: Das Ambivalente erkunden, 2013)

http://www.kurtluescher.de/downloads/KL_homines_ambivalentes.pdf (Lüscher: Menschen als „homines ambivalentes“, 2012)

http://www.kurtluescher.de/downloads/KL_Spiel_mit_Ambivalenzen.pdf (Lüscher: Spiel mit Ambivalenzen, 2011)

http://www.kurtluescher.de/downloads/KL_Ambivalenz_weiterschreiben.pdf (Lüscher: Ambivalenz weiterschreiben, 2011)

http://www.kurtluescher.de/downloads/KL_Homo_ambivalens.pdf (Lüscher: „Homo ambivalens“, 2010)

https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/fileadmin/Psychosomatische_Klinik/Ringvorlesung/Ambivalenz___Borderline_handout.pdf

https://www.br.de/radio/bayern2/wissen/radiowissen/psychologie/ambivalenz-konflikt-100.html

http://www.sgipt.org/medppp/gesch/ambiv-g.htm (Bleuler, 1910 – die Erfindung des Begriffs)

Bereits Kierkegaard (und nach ihm Freud) hat die Ambivalenz als Merkmal der Subjektivität entdeckt, welches nach seiner Auffassung ein gelingendes Leben unmöglich macht (Walter Schulz: Grundprobleme der Ethik, 1989, S. 196 f.).