Selbstverständlich ändert das Fortschreiten der Geschichte die Sendung der Kirche. Die Kirche hat eigentlich das römische Imperium übernommen und ein Stück der antiken Kultur gerettet. Jahrtausende beherrschte sie die Schulen und die Bildung als ihr Monopol. Ihr waren der ganze humanitäre Dienst, die Spitäler und das Armenwesen eingeräumt. Sie erhielt unter den Nationen und Potentaten nicht nur eine Art von Paneuropa, sondern auch von Einheit der Welt.
In all dem war ein ungeheures organisatorisches, internationales, universales Programm enthalten. Heute sind die Aufgaben in andere Hände, in die des Staates übergegangen. Die Kirche konnte die Schulen nicht weiterbehalten, sie hörte auf, die Wissenschaft zu pflegen und zu kontrollieren. Auch des humanitären Dienstes nahmen sich der Staat und seine soziale Gesetzgebung an. Die internationalen und kulturellen Beziehungen befinden sich in weltlichen Händen. Die wirtschaftliche Wechselseitigkeit verbindet die Welt im Großen, mag es nun gut oder schlecht sein. Wenn ich dies in der Formel ausdrücke, daß die Theokratie vor der Demokratie zurückweicht, so heißt es nicht, daß die Religion ihre Bedeutung und Sendung verliert. Den Kirchen bleibt weiter die Sorge um die Seele, die praktische moralische Fürsorge. Wenn die Geistlichen sie ausüben würden, so wären sie Jesus am nächsten. In fast jeder Familie gibt es irgendein moralisches Problem; es zu erkennen und die dadurch bedrückte Seele zu stärken, das wäre die Pflicht des Geistlichen. Aber solch ein Geistlicher müßte über Menschenkenntnis verfügen, müßte eine eigene, tiefe innere Erfahrung haben – und wo sie hernehmen?
(Masaryk im Gespräch mit Capek, ca. 1930)