Wer ist Lilith? Aus Goethes „Faust“ wissen wir: Sie war Adams erste Frau. Im jüdisch-christlichen Mythenfeld wird damit auf die zweifache Schöpfungserzählung am Anfang des Buches Genesis zurückgegriffen: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ (Gen 1,27) In der zweiten älteren Erzählung (Gen 2,4 b ff.) erschafft Gott zunächst den Adam „aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ (Gen 2,7) Dann sucht Gott für den Menschen eine zu ihm passende Hilfe, findet sie nicht bei den Tieren des Feldes und den Vögeln und baut deshalb aus einer Rippe Adams „eine Frau und führte sie dem Menschen zu“ (Gen 2,22), worauf der Mensch begeistert ruft: „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau [ischa = Eva] soll sie heißen; denn vom Mann [isch] ist sie genommen.“ (Gen 2,23)
Wenn man die beiden Erzählungen, die außer dem Thema nichts miteinander zu tun haben, als Teile einer einzigen Erzählung liest, kommt man zur Auffassung, Gott habe den Menschen zweimal geschaffen, und man fragte sich: Wenn die zweite Frau Ischa hieß, wie hieß dann die erste Frau und was ist aus ihr geworden? (Seltsamerweise fragte man nicht: Wie hieß der erste Mann und was ist aus ihm geworden?) Und dabei konnte man auf eine alte mythische Figur zurückgreifen, Lilith, die schon bei den Sumerern bekannt war. Und man konnte frei phantasieren, welche Eigenschaften sie hatte und wo sie jetzt wohl ist.
Ich bin gestern auf eine dieser Phantasien in dem norwegischen Märchen „Der Ursprung der Unterirdischen“ gestoßen, der Tussen, wie sie dort heißen. Einer der Tussen erklärt einem Pfarrer, dass besagte Lilli oder Lillo (= Lilith) Adam vollkommen ebenbürtig war und ihm nicht untertan sein wollte; das missfiel Gott und er verstieß sie und ihre Nachkommen; sie seien unsichtbar und ohne Sünde. Deshalb habe Gott dann eine zweite Frau erschaffen müssen… Der Tusse erklärt das mittels einer problematischen Übersetzung des Anfangs von Gen 2,23: „Dieses Mal ist es Bein von meinem Bein…“; in der Einheitsübersetzung und allgemein heißt es aber: „Das endlich ist Bein von meinem Bein…“ Aber wie gesagt, wenn man die beiden Schöpfungsmythen als Erzählungen zweier aufeinander folgender Ereignisse liest, tauchen schon seltsame Fragen auf, und da bei den Juden und dann lange auch in der christlichen Kirche nur Männer über die biblischen Texte gegrübelt haben, haben sie sich vor allem für die erste Frau interessiert, denke ich. Heute reden die Frauen da ein Wörtchen mit, siehe den dritten Link!
https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/lilit
https://de.wikipedia.org/wiki/Lilith
https://www.hagalil.com/archiv/2000/09/lilith.htm
https://katholisch.de/artikel/40590-lilith-der-horror-mythos-um-die-erste-frau-adams